Mythos „Handy-Sucht“


Immer wieder liest man in den Medien von der Verblödung der Jugendlichen durch das Handy und speziell durch die sozialen Medien.

Gerade kursiert eine Studie der DAK, die gerne zitiert wird mit: „Hundertausende Jugendliche handysüchtig!“

Schaut man aber einmal genauer hin, entpuppt sich das als blanker Unsinn. Wie Frau Anders heute darlegt. Und sich Gedanken macht, was man denn als Eltern da so tun könnte…


Download der Episode hier.
Musik: „better things“ von Ralph Castelli / CC BY-ND 3.0
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Skript zur Sendung


Wenn man Kinder hat, hat man… (Pause) Na, dann hat man Kinder!

Das hat viele gute Seiten und auch schlechte. Ich persönlich bin sehr froh, meine Töchter in meinem Leben zu haben. Damit das mal gesagt ist…

Aber hat man Kinder, dann hat man auch Sorgen um die Kinder. Darum kann ich Eltern gut verstehen, die Angst haben, dass ihr Kind „handy-süchtig“ ist. Und die keinen Ratschlag wissen, wie sie mit dem Konsum ihrer Kinder umgehen sollen.

Das Problem gibt es ja erst seit 2007. Aber schon immer gab es ähnliche Probleme. Vor ein bisschen mehr als zweihundert Jahre sorgten sich bürgerliche Eltern darum, dass ihre Kinder von Romanen abhängig werden. Und einfach so viel lesen, dass sie die echte Welt gar nicht mehr wahrnehmen.

Das ihr euch also Sorgen macht ist völlig in Ordnung und wahrscheinlich völlig normal. Darum wäre es das Beste, sich die Problematik in Ruhe anzuschauen. Aber leider findet genau das Gegenteil statt.

Kapitel eins: Die Studie

Die Krankenkasse DAK hat eine Studie unter 12 bis 17jährigen Menschen veröffentlicht. Die hat sie zu ihrem Handy-Konsum ausgefragt. Und die Ergebnisse unlängst veröffentlicht. Man könnte sich also diese Studie in Ruhe anschauen. Wenn man ein ernsthafter Journalist wäre.

Aber das findet natürlich nicht statt. Die „Mittelbayerische Zeitung“ berichtet: „Tausende Teenager Social-Media-süchtig!“ Bei RP-Online erhöht man diese Zahl gleich auf zehntausende Teenager. Doch die „Welt“ pokert mit und erhöht gleich auf „Hunderttausend Teenager“. Da muss dann natürlich das ZDF gleich das Angebot erhöhen und berichtet gleich von mehreren „Hunderttausenden“.

So macht man das. So macht man Eltern panisch und ratlos und informiert gleichzeitig auch noch schlecht. Wirklich schlecht sogar, denn die Studie bietet nicht einmal im Ansatz Berechtigung zu diesen Horror-Schlagzeilen.

Die DAK sagt, ihre Studie sei repräsentativ und kommt zu dem Ergebnis, das 2,7% der eintausend befragten Jugendlichen ihr Smartphone problematisch oft gebrauchen.

Das käme dann wohl auf ca. hunderttausend Jugendliche in Deutschland raus. Doch der Haken ist, dass die Krankenkasse in ihrer Studie an keiner Stelle von Sucht spricht. Nicht ein einziges Mal.

Im Gegenteil: Im Fazit kommt die Studie eher zu dem Schluss, dass es so etwas wie eine Handy-Sucht wahrscheinlich gar nicht gibt.

Wörtlich steht da auch: „Viele Jugendliche profitieren in ihrer Identitätsentwicklung von der Nutzung sozialer Netzwerke.“

Laut der Studie geht die große Mehrheit der Jugendlichen verantwortungsvoll mit diesen neuen Plattformen vor. Die Nachricht, dass es bei 97,3% der Jugendlichen zu keinerlei schädigendem Gebrauch kommt, dass wäre eigentlich die Meldung, die berichtenswert wäre! Oder?

Doch so funktioniert das leider nicht. Dafür bekommt man im Netz nämlich keine Klicks.

Kurz gesagt: Die Handy-Nutzung der Jugendlichen stellt in den Augen der DAK kein Problem dar. Die Bilanz ist eindeutig eine positive.

Kapitel zwei: Entwarnung?

Können sich die Eltern jetzt entspannt zurücklehnen und sollten sie sich einfach keine Sorgen machen? Tja, das glaube ich eigentlich auch nicht…

Was nämlich fast immer zu kurz kommt, dass ist die Betrachtung der Inhalte. Da ist also nun eine Generation von Eltern, die Studien über die Jugendlichen macht, als wären sie Forschungstiere. Eltern, die Plattformen wie Snapchat wahrscheinlich nur in seltenen Fällen begreifen. Mir z.B. ist das Interface von Snapchat ein rätselhaftes Grauen.

Die sogenannten sozialen Medien haben aber natürlich ihre Probleme. Facebook zum Beispiel konsultiert bewusst Psychologen, die ihre Seiten möglichst so gestalten sollen, dass man durch viele kleine Dopamin-Schübe tatsächlich eine Art von Abhängigkeit entwickelt. Haben wir schon von gehört in unserer Facebook Sendung. Und diese Abhängigkeit ist keine gute Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass die Jugendlich dagegen komplett immun sind. In der untersuchten Altersgruppe spielt Facebook praktisch gar keine Rolle.

Allgemein ist es wohl eher so:
Die Art, wie Jugendliche sich mit sozialen Medien verbinden und austauschen, ist eine gute Sache. Kein Grund zur Angst, dass sie zuhause vereinsamen. Im Gegenteil, das dient oft dazu, sich zu verabreden, sich Rat und Unterstützung zu holen. Ja, zu kommunizieren.

Die sozialen Netzwerke unserer Kinder sind viel größer als es unsere damals waren. Das gibt den Jugendlichen die Möglichkeit ihre Peer-Group selber aktiver zu gestalten. Die Peer-Group, das sind die Leute, die ab einem gewissen Alter mehr mit dem Aufwachsen zu tun haben, als die Eltern. Die Vorbilder eben.

Das diese Prozesse und Gruppen heute weicher und wandelbarer sind, ist eine gute Nachricht. Das ist deutlich flexibler als in der Zeit vor dem Smartphone, als diese Peer-Group eine Handvoll Menschen waren, die man meistens eh‘ schon aus dem zufällig zusammengewürfelten Klassenverband kannte.

„Das muss ich sofort auf Instagram posten“ oder „Das schicke ich gleich an meine Whats-App-Gruppe“ oder „Das ist witzig, das muss ich twittern“ sind also keine Bemerkungen, die Anlass zur Sorge geben sollten.

Das mag nervig sein für Eltern und Großeltern, aber es ist eigentlich eine tolle Sache. Tief durchatmen und aushalten! Das ist kein Symptom für eine Handy-Sucht. Schon alleine, weil es die einfach nicht gibt.

Doch ich habe ein großes „Aber“. Die Schattenseite der neuen Plattformen ist allerdings eindeutig der ständige Vergleich mit den anderen. Ein unausgesprochener Wettbewerb: Wer ist am witzigsten, macht die coolsten Erfahrungen, schaut am besten aus, kauft die coolsten und teuersten Sachen oder hat die besten Freunde?

Wer wird am meisten geliebt und geschätzt? Das lag für unsere Generation noch im vollkommen Ungewissen, nun aber, ist es messbar in Likes, Clicks und Herzchen. Scheinbar messbar.

HW: Illustrationserfahrung?
FA: Malerei-Erfahrung

Das kann für manche Benutzer durchaus zu einem echten Problem werden. Das, finde ich, sollte man auch nicht verharmlosen. Da heißt es für die Eltern genau zu schauen, WIE ihre Kinder diese Medien benutzen. Und was es mit ihnen auch macht…

Und das größte Problem in meinen Augen ist, speziell für junge Frauen, dass auch durch dieses permanente vergleichen und optimieren, ein ganz neuer Sexismus entstanden ist. Das ist allerdings ein Thema was man sich nochmals gesondert anschauen sollte. Aktuell haben wir dazu noch lange nicht fertig-recherchiert. Aber vielleicht kriegen wir das irgendwann hin, dann berichten wir natürlich mehr.

Kapitel drei: Was können Eltern tun?

Das ist die nächste wichtige Frage. Was können wir Eltern tun? Also, wir zwei jetzt nicht mehr so, unsere Kinder sind ja schon viel größer. Hast Du irgendwelche Erfahrungen zu berichten?

HW: Zeitmurmeln

Interessant. Aber, wie schon gesagt, waren andere Zeiten.
Mein Verdacht ist ja, dass das Problem auch ein bisschen bei den Eltern liegt. Wenn ich hier die Mütter mit dem Kinderwagen und dem Kindergartenkind sehe, die dabei gleichzeitig in ihr Handy schauen, dann kommen mir da leichte Bedenken…

HW: Spielplatz Englische Garten…

Erziehung an sich ist, so glaube ich, grundsätzlich total überschätzt. Man nimmt sich nicht ein paar Ratschläge und ein paar pädagogische Einsichten und zieht die dann systematisch durch! Ich glaube wirklich, je konsequenter man das macht, desto unmenschlicher wird das ganze…

Kinder lernen in den frühen Jahren am Vorbild. Haben die Eltern Angst vor Hunden, dann kriegen die Kinder das auch. Beschimpfen sich die Eltern mit Schimpfwörtern, dann wird das Kind die auch anwenden. Und, verbieten sie den Kindern Handys, glotzen aber selber ständig aufs Display, dann fixieren sie ihre kleinen Nachahmer nur noch nachdrücklicher.

Wenn die Kinder klein sind, noch Hosenscheißer oder Krabbler oder Kindergartenkinder und noch kein Handy haben, dann sollten die Eltern trotzdem immer erklären, warum sie das Handy jetzt benutzen und was sie machen. Das wäre, glaube ich, wichtig.

Selbst kleinste Säuglinge haben Antennen dafür, wenn man ihnen die Aufmerksamkeit entzieht.

Warum nicht einfach: „Moment, Mama muss schauen, ob ihr jemand aus der Arbeit eine Email geschickt hat.“ oder „Bin gleich wieder bei Dir, aber Jürgen hat mich etwas gefragt, das muss ich beantworten“ oder „Ich habe gerade etwas sehr Witziges gelesen, dass möchte ich meinen Freunden mitteilen.“

Ich bin mir ziemlich sicher, wenn man das macht, dann kapieren Kinder, dass da etwas ist, was den Eltern wichtig ist, fühlen sich aber nicht zur Seite geschubst. Und man geht als Mama oder Papa wahrscheinlich selber verantwortungsvoller mit seinem Phone um.

Im Übrigen finde ich, dass es gewisse Zeiten geben muss, wo niemand, wirklich niemand ein Handy benutzt. Beim Essen meinetwegen, oder wenn man gemeinsam einen Film schaut.

Und das gilt besonders für Kinder, wenn sie dann größer werden. Die meisten Eltern stellen dann Regeln für die Kinder auf: „Du kannst Dein Handy benutzen, wenn Du Deine Hausaufgaben gemacht hast. Oder nach der Uhrzeit X oder nur in Deinem Zimmer“ oder ähnlichen Unsinn, der meist nur kurzfristig funktioniert.

Wenn sich dann der vielbeschäftigte Papa oder die vielbeschäftigte Mama SELBER nicht vom Handy trennen können, dann ist die Rebellion schon vorprogrammiert. Auf nichts reagieren Pubertierende leidenschaftlicher als auf Heuchelei und Scheinheiligkeit.

Mein Vorschlag wäre etwas weitreichender als Herrn Wunderlichs Zeitmurmeln, nämlich:

Macht mit euren Kindern einen Vertrag! Sprecht ganz offen über eure Bedenken, was die Medien und den Gebrauch des Handys betrifft. Lasst euch die Apps und Plattformen zeigen und erklären.

Und wenn ihr dann immer noch Sorgen habt, dann bastelt ihr an einem Vertrag. Und der stellt Regeln für den Gebrauch auf und definiert auch die Konsequenzen für Fehlverhalten. D.h. ihr definiert auch die Vertragsstrafen.

Aber das Besondere an diesem Vertragswerk: Da sind eben auch Regeln für die Eltern! Auch die Eltern müssen ihre Benutzung beschränken lassen! Auch die Eltern müssen sich an die Regeln halten. Das kann man ja ausführlich ausdiskutieren und dann aufschreiben.

Ach übrigens: Ich finde, die Kinder sollten das aufschreiben. Und alle Beteiligten unterzeichnen den gefundenen Kompromiss. Übrigens müsst ihr die Konditionen mindestens einmal im Jahr neu aushandeln!

HW: Konfis und Verträge! Harte Strafen

Tja, das wären unsere Vorschläge soweit. Die wir hier aus unserer kuscheligen Sprechkabine absondern. Mit unseren vier Kindern weit, weit über die Republik verteilt. Vorschläge, die wir selber so nicht umsetzen mussten. Das ist eine sehr bequeme Situation.

Für gemeinsame Kinder waren wir schon zu alt, als wir uns kennengelernt haben… leider! Aber, so würden wir das machen, wenn wir müssten.

Für den Sexismus in den sozialen Medien machen wir noch einmal eine eigene Sendung, dass ist noch nicht sendebereit. Da wird es aber sicher darum gehen: Wie kann man denn den jungen Menschen ein Selbstbewusstsein geben, dass sie vor diesen Einflüssen schützt?

Und ich finde, der Familien-Handy-Vertrag geht in die richtige Richtung. Selbstbewusstsein entsteht nicht dadurch, dass man seine Kinder für jeden Scheiß lobt. Oder alles toll findet, was die machen.

Das entsteht zum Beispiel, wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Mit Verständnis für ihre Situation. Empathie. Auch wenn Eltern-und-Kind keine wirklich gleichberechtigte Situation ist. Kein echte Basis-Demokratie.

Trotzdem, Familie muss man aushandeln. Immer wieder. Und wenn die Eltern nicht dauernd selber ihre eigenen Timelines checken, dann ist auch mehr Zeit dafür übrig…