Mr. Rogers


Kennt ihr das, wenn man etwas sehr mag, aber es nicht wirklich genießen kann? Einfach, weil es doch einfach nicht wirklich etwas geben kann, was so toll ist?

Und dann sucht man überall nach den verborgenen Nachteilen, bloß um nicht plötzlich enttäuscht zu werden. Das kann einem ein Essen, schönes Wetter, einen Urlaub und sogar eine Beziehung gründlich vermiesen.

Das nennt man Zynismus. Und genau das beschreibt das Verhältnis von Herrn Wunderlich und Mr. Rogers. Denn so verdammt nett und gutmütig wie der war, kann doch nun wirklich keiner sein! Schauen wir uns das mal an!


Download der Sendung hier.
Musik: „Fred Rogers Acceptance Speech – 1997“ von The Emmy Awards


Skript zur Sendung

Ich bin Ende der Neunziger auf Mr. Rogers gestoßen. Es war eine seltsame Referenz in einer Fernsehserie. Irgendetwas mit „Willst Du nicht mein Nachbar sein“ – das aber komisch gesungen.
Das wirkte in der Synchronisation so sperrig und seltsam. Das musste doch eine andere Bedeutung im Original haben?

Also das Internet angeschmissen und nach „Won’t you be my neighbor“ gegoogelt. Obwohl es vielleicht noch yahoot war damals.

Und so habe ich herausgefunden, dass das eine Textzeile ist zu dem Song, den wir ein bisschen gehört haben. Ein Song aus einer Kindersendung. Aus „Mr. Rogers Neighborhood“ eben.

Eine Kindersendung, die damals schon seit Ewigkeiten lief und die vielen Menschen irgendwie wichtig war. Videos ankucken war damals noch nicht möglich.

Ich speicherte das dann ab als eine amerikanische Kindersendung. So ein Vorläufer der Sesamstraße halt. Und darum haben das so viele lieb. Eine gewisse Nostalgie.

Kann ich nachvollziehen. Ich denke heute auch noch mit einem warmen Gefühl an gewissen Kindersendungen. Besonders an Ratz und Rübe. Kennst Du die? Das sind die Puppen von der Rappelkiste. Aus den Siebzigern. Die Folge über „Mädchen und Jungs“ aus den Siebzigern ist so direkt und so modern, die würde heute niemals mehr gesendet werden!

Aber zurück zu Mr. Rogers. Denn das Internet entwickelte sich weiter. Und als ich das nächste Mal über den Namen stolperte, konnte ich mir schon einzelne Folgen der Sendung anschauen.

Eine war bunt, aber wirkte wie angemalt. Alles war sehr simpel. Das Introlied spielt. Die Kamera schwenkt über eine Modellbaulandschaft. Die Nachbarschaft eben.

Und dann sieht man ein Wohnzimmer. Ein langer, dünner Mann kommt nach Hause. Er singt. Und er zieht sein Jackett aus, zieht sich eine hässliche Strickjacke an. Dann schlüpft er aus den Straßenschuhen und zieht Stoff-Sneakers an.

Das musste ja aus den Fünfzigern sein, so bieder war das! Und dieser freundliche Mann mit seinem Lächeln, das war wahrscheinlich in Wirklichkeit ein Päderast. Oder ein Drogenjunkie.

Kennt man ja, diese amerikanische Doppelmoral. So Reverends, die in Mega-Churches von der Nächstenliebe faseln und dann in ihrem Learjet davonfliegen, um in der nächsten Großstadt Geld einzusammeln.

Die nächste Sendung, die ich gefunden habe, die war dann schon in Farbe. Und alles war aber trotzdem so wie in der ersten Sendung. Nur die Strickjacke war nicht mehr so schlimm, denn das hässliche Senfgelb war ja weg.

Aber die Sendung selber war dann unglaublich. Es ging in der Folge um Tod. Noch mehr als das. Es ging um Mord. Um Anschläge. Da fragt eine Handpuppe, der schüchterne Tiger:

„Was bedeutet Attentat?“ – Es bedeutet, jemand wurde ermordet. Auf eine unerwartete Weise.“

In einer Kindersendung. In einer Kindersendung vom siebten Juni 1968. Kurz nach dem Attentat auf Kennedy.

Da nahm jemand aber die Ängste seiner Zielgruppe wirklich ernst. Das war gar nicht plattes amerikanisches „Alle sind happy“. Das hatte eine unglaubliche Tiefe. Eine Tiefe und eine Anständigkeit, wie ich sie im deutschsprachigen Kinderfernsehen nie gesehen habe.

Und ich habe zu der Zeit Kinderfernsehen gekuckt. Weil ich Kinder hatte. Ich kann heute noch ziemlich gut „Bernd, das Brot“ nachahmen. Was ziemlich gutes Kinderfernsehen ist.

Aber Mr. Rogers war anscheinend anders. Und dann habe ich mich ein bisschen festgebissen, zugegeben. Und ich bin zu einem Mr.-Roger-Fanboy geworden.

Dieser leise, ein bisschen langsame Mann nahm die Kinder wirklich ernst. Man spürte das, wenn er in der Sendung mit ihnen redete. Zum Beispiel mit einem Kind, das schwer behindert im Rollstuhl saß. Das fragte er: „Warum sitzt Du im Rollstuhl?“„Aber es gibt schon auch Tage, an denen Du traurig bist, oder?“

Für mich ein Moment, an dem ich wirklich die Luft anhielt. Aber das ganze Gespräch läuft ohne jede Peinlichkeit. Und wenn der Junge und Mr. Rogers am Schluß den Song „It’s you I like“ singen, dann ist das verdammt rührend. Weil es echt ist.

Das war nicht das einzige Mal, dass ich von Mr. Rogers berührt wurde. Von dieser super-simplen, super-einfachen blöden Kindersendung. Keine harten Schnitte, sondern Kameraschwenks. Keine Soundeffekte.

Wenn die Handpuppe „König Freitag der 13te“ auftritt, dann sieht man, wie Mr. Rogers sie anzieht. Um das Thema der Sendung auch im Märchenschloß zu behandeln, aber anders.

Es gibt eine ganze Reihe von Sendungen, die Weglaufen zum Thema hat. Da läuft der Prinz vom Märchenschloß weg, weil sich seine Eltern streiten. Und wird erst am Ende der Woche gefunden. Klingt idiotisch – aber das war richtig spannend. Auf jeden Fall mehr als so ein Marvel-Movie für 250 Mio. Dollar.

Oder Scheidung! Eine Kindersendung aus den Sechzigern über Scheidung! Das war früher ein Tabu-Thema, das glaubt ja heute keiner mehr. „Cramer vs. Cramer“ war bei seinem Erscheinen ein Skandal, weil er das offen zum Thema hatte. Für Erwachsene wurde Scheidung also erst 1979 zum Thema.

Dabei hätten die Jahre vorher einfach Mr. Rogers kucken können. Eine Kindersendung.

„Es ist traurig, aber manchmal heiraten Menschen und leiden dann so sehr, dass sie sich scheiden lassen. Ich kenne zwei Kinder, deren Eltern haben sich scheiden lassen. Die waren sehr traurig und mussten deswegen weinen. Aber wir können über Scheidung reden. Oder darüber, warum die Beiden weinen mussten. Einer der Gründe war, weil sie dachten, sie wären an der Scheidung schuld…“

Da redet jemand mit viel Liebe und Zuneigung nicht um den heißen Brei herum. Da weiß jemand ganz genau, was er sagt. Wort für Wort. Und, ich sage es noch einmal, da nimmt jemand Kinder ernst.

Mr. Roger’s Neighbouhood ist eine amerikanische Sendung. An einigen Stellen ist sie sehr amerikanisch. Aber sie ist ganze Dimensionen weniger oberflächlich als es deutsche Kindersendungen sind. Nichts gegen die Maus, die hat auch ihre Momente.

Aber Mr. Rogers macht Scheidung eine Woche lang zu seinem Thema. Weil so viele Kinder davon betroffen sind. Weil er sich um diese Kinder sorgt.

Und das spürt man ihm an. Das finde ich immer noch sehr bewegend, ich gebe es zu.
Mr. Rogers wurde für mich zu einem Helden. Zu einem strahlenden Ritter. Direkt neben Astrid Lindgren.

Jetzt kommt das dunkle Kapitel. Musste ja kommen. Das große Aber.

Denn ich bin innerlich mittlerweile so zynisch, dass ich diese ganze Mr-Rogers-Story einfach nicht glauben wollte. Irgendwo musste sich der Schatten verbergen. Jeder hat so seine dunkle Seiten und ich wollte die von Mr. Rogers unbedingt finden.

Ich wollte ihn, so schnell es geht, von dem Podest werfen, das ich ihm in meinem Unbewussten selber gebaut hatte. Nicht dass ich da etwa umsonst meine Emotionen investiere. Bloß um nachher enttäuscht zu werden.

Also stürzte ich mich in die Recherche, um mein Idol wenigsten selber zu zerstören. Möglichst schnell, damit es später nicht so weh tut.

Dieser Mr. Rogers war sichtlich außerhalb des Studios genau der gleiche Typ wie bei der Arbeit. Diese Figur, die er da in der Kindersendung darstellte, das war gar keine Figur. Der hieß in Wirklichkeit Mr. Rogers.

„Kinder merken sofort, wenn man ihnen etwas vorspielt. Ich hätte nie eine Kunstfigur sein können, sonst hätten mir die Kinder niemals geglaubt, was ich sage.“

Und schon wieder hatte er Punkte bei mir gesammelt. Mist!

Als die Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern großes Thema war und die Rassentrennung noch einmal neue Höhen erreichte. Was machte Mr. Rogers? Er holte einen Schwarzen in die Sendung. Als ersten Afro-Amerikaner, der in einer amerikanischen Sendung eine wiederkehrende Rolle hatte.

Und was spielte diese Figur. Einen Polizisten. Der Polizist in Mr. Rogers Neighbourhood war ein Afro-Amerikaner. Mit dem er in der Sendung ein gemeinsames Fußbad genießt, weil es so ein heißer Sommertag ist. Während in den Schwimmbädern der USA die Rassen noch getrennt badeten.

Noch mehr Punkte. Doppelmist!

Aber dann glaubte ich, den großen Fisch an Land gezogen zu haben! Da war die Lücke in der Mauer! Da wurde doch behauptet, Mr. Rogers hätte jeden Brief, den ihm ein Kind schrieb, selber beantwortet.

Das konnte ja nicht stimmen! Das mussten ja hunderte von Briefen am Tag gewesen sein! Die konnte er nicht selber beantwortet haben. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Aber, was soll ich sagen. Es scheint zu stimmen. Als die Briefe mehr und mehr wurden, fing Mr. Rogers einfach früher an zu arbeiten. Er sagte, dass sei ein Teil seiner Arbeit, die genauso wichtig wäre wie die Sendung selber.

Sicher, die Antworten sind nicht lang, die meisten sind nur ein paar freundliche Zeilen, aber anscheinend hat er wirklich jeden Tag vier Stunden lang die Briefe seiner jungen Fans beantwortet.

„The Atlantic“ wollte das 2015 auch nicht glauben und hat im ganzen Land nach einem Kind gesucht, dem Fred Rogers nicht handschriftlich geantwortet hätte. Stattdessen erreichten die Zeitschrift abertausende Kopien und Emails mit den persönlichen Antworten von Mr. Rogers.
Keine zwei Briefe hatten den gleichen Wortlaut. Kein Kind, dass keine Antwort bekommen hätte, wurde gefunden.

Mein Gott! Das ist ja schon fast übermenschlich heilig! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie verzweifelt der Zyniker in mir war.

Ich wurde zu einem Mr-Rogers-Fachmann. Ich las alles, was ich in die Finger bekommen konnte.

Mr. Rogers nusste ein normaler Mensch sein! Und er hatte wahrscheinlich eine milde Form von Zwangsneurose. Da muss doch etwas zu finden sein!

Er stand jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, schwamm erst einmal eine Stunde seine Bahnen, stieg auf die Waage und hielt das Gewicht von 143 Pfund sein ganzes Leben lang und beantwortete dann, wie schon erwähnt, Leserpost.

Jedes Wort in der Sendung war ihm wichtig und er konnte mit seiner Detailverliebtheit allen ganz schön auf die Nerven gehen. Als in einem Puppenstück ein Mitarbeiter zur Prinzessin sagte: „Aber Du weinst ja!“ hielt er die Dreharbeiten sofort an.

„Ich war ein kleiner, dicker Junge in meiner Kindheit und wurde von allen gehänselt. Ich weiß heut noch genau, wie ich Abende lang weinend im Bett lag. In meiner Show wird niemand verächtlich gemacht, der weint.“

Er war Vegetarier, weil er nichts essen wollte, dass Eltern hatte und natürlich rauchte er nicht oder trank keinen Alkohol.

Wahrscheinlich litt er ein Leben lang immer wieder unter depressiven Schüben, teilte diese Sorgen aber nur mit seiner Frau, niemals mit Mitarbeitern.

Er war Theologe und sogar ausgebildeter Priester und ich würde einmal annehmen, dass er wohl eher konservative Ansichten hatte. Aber er richtete über niemanden. Und er missionierte in keiner seiner Sendungen.

Das Dunkelste, was ich ausgraben konnte, war, dass er einen schwulen Mitarbeiter bat, nicht in Gay Bars zu gehen. Damit er nicht fotografiert würde und damit die konservativen Eltern abschreckte.

Das war eben der afro-amerikanische Polizist von oben. Er heiratete auf Druck seiner Gemeinde und auf Zuraten von Mr. Rogers auch eine Frau. Ging natürlich in die Hosen.

Aber das war 1968. In einem Arbeitsumfeld, in dem keiner seine Homosexualität verbergen musste.

Dieser Mann heißt Francois Clemmons. In den Achtzigern, Clemmons lebte seine Homosexualität mittlerweile offen, entschuldigte sich Rogers bei ihm für die schlechte Idee mit dieser Ehe.

Kann man alles in Clemmons Dokumentation „Becoming Mr. Rogers Neighbour“ sehen, die nichts anderes als eine offene Liebeserklärung an Mr. Rogers ist, der ihm zum Ersatzvater wurde.

Akte geschlossen. Mein zynisches Ich hat irgendwann aufgegeben.

Hatte ich schon erwähnt, dass Mr. Rogers auch richtig albern sein konnte? Wenn man ihm zuschaut, wie er es – in der Sendung – zehn Minuten lang nicht schafft, ein Wurfzelt wieder zusammen zufalten zum Beispiel?

Ich erlaube mir mittlerweile, Mr. Rogers zu verehren.
Er ist wirklich ein Idol für mich, ich gebe es offen zu.

Ein letztes Zitat: „Wenn wir den Kindern zeigen können, dass man Gefühle haben kann und dass man mit Gefühlen auch umgehen kann, dann könnten wir viel für die Gesundheit unserer Gesellschaft tun.“