Mein Auditing


Anfang der Neunziger war die Scientology-Kirche ein Schreckgespenst in allen Medien. Heimlich würde diese Organisation die westlichen Staaten unterwandern und ein faschistisches Regime aufbauen wollen!

Dann wurde es wieder ruhig. Und für den Aufbau des Faschismus sorgen sich mittlerweile wieder die Faschisten selber.

Frau Anders berichtet heute von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit der Sekte, die L. Ron Hubbard erfunden hat. Und von ihrem „Auditing“ bei 32 Grad. Und vom Abi auch, aber das eher nebenbei…


Video: The real truth about Xenu and „touch assists“ as told by L Ron Hubbard
Bildrechte: „Church of Scientology „Big Blue“ building“ von Pictorial Evidence / CC BY-SA 3.0
Download der Episode hier.
Musik: „Summer“ von Michael Ellis / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung


Es ist nicht lange her, ich denke mal, es war Anfang der Neunziger. Da begannen sich auf einmal alle Medien für die Scientology zu interessieren. Es gab gleich mehrere Bestseller, die über geheime Intrigen und Machtspiele berichteten.

Im Kern war die Aussage, dass diese Gemeinschaft nichts anderes anstrebt als die Weltherrschaft. Ganz schlicht. Schleichend unterwandern Scientology-Agenten die deutschen Firmen. Heimlich, ohne zuzugeben, dass sie einen geheimen Masterplan haben.

Und dann verbreiten sie ihren gefährlichen Glauben vorsichtig weiter, bis sie wie Spinnen in einem Netz aller wichtigen Firmen und Banken sitzen. Und wenn die dann überall die Mehrheit stellen, dann ergreifen sie die Macht in Deutschland! Was wir arme kleine Schäfchen dann weder mitbekommen werden, noch verhindern können.

Was genau dann die Agenda der Scientologen ist, wenn sie Deutschland auf diese Art erobert haben, dass wussten diese Bücher auch nicht genau zu sagen. Wahrscheinlich die Psychiatrie verbieten und durch die hauseigene Dianetik ersetzen.

Und fremdenfeindlich wären sie auch, diese Scientologen. Schrieben die Bücher damals. Aber das haben wir ja jetzt schon selber erledigt, da brauchen wir die ja gar nicht dafür.

So war das Anfang der Neunziger. Ich hatte einen Mitarbeiter in meiner Agentur, der durch die ganzen Bücher, Artikel und Reportagen im Fernsehen völlig verunsichert war. Jedes Mal, wenn wir einen neuen Kunden gewinnen konnten, dann recherchierte er erst einmal umständlich, ob das nicht heimliche Scientologen sind.

Und das war sehr schwer in den Anfangstagen des Internets und verbrauchte eine Menge an Arbeitszeit, die eigentlich auch gut mit Layout-Arbeiten ausgefüllt werden hätte können.

Ich bin da ja immer etwas blauäugig und naiv.
Und ich dachte mir: Schaust Du Dir den Laden einmal an!

Als ich einen Freund in München besuchte, nahm ich die Gelegenheit wahr und besuchte das Dianetik-Zentrum in Schwabing. Keine 400 Meter weg vom Englischen Garten.

Und dann bin ich da hineingelatscht. Und habe mich nett unterhalten. Denn die freundliche junge Frau wollte wirklich gerne über eines meiner Lieblingsthemen mit mir reden.
Nämlich über mich.

Bereitwillig beantwortete ich alle Fragen. Mit meiner Absicht, den Laden gründlich auszuspionieren, kam ich aber nicht wirklich weiter. Frau Scientology wollte nicht so richtig darüber reden, wie sich das so anfühlt, eine Frau Scientology zu sein.

Oder was das denn genau ist, diese Dianetik. Und was es denn bedeutet, dass die Kirche heißen oder eine Kirche sein wollen. Weil ich ja vom Christentum immer so leicht Ausschlag bekomme. Im Großhirn, um genau zu sein.

Nein, nein, meinte Frau Scientology-Kirche, das habe nichts mit Christentum zu tun, auch wenn Jesus wohl ziemlich clear war. Es geht dabei um rechtliche und steuerliche Probleme, mehr nicht.

Ich spitzte die Ohren! Da war ein Ausdruck gefallen, der mir nichts sagte aber wichtig klang! „Steuerliche Probleme“ nämlich! (Pause) Nein, war nur ein Scherz. „Clear“ meine ich.

Und flugs hatte ich einen Termin für ein sogenanntes Auditing. Da könnte mir wieder eine andere Frau Scientology zeigen, wie man mit Engrammen arbeitet. Das waren so eine Art von traumatischen Erinnerungen, die uns an der freien Entfaltung unserer Persönlichkeit hinderten. Erklärte die junge Frau, nachdem sie meine Frage, wieviel Kalorien so ein Engramm hat, nicht richtig verstanden hatte.

Vier Wochen später saß ich bei brütender Hitze in einem kleinen Zimmer im ersten Stock des Dianetik-Centers auf einem Stuhl und eine etwas ältere Version der jungen Frau Scientology vom letzten Mal saß mir gegenüber.

Sie suchte mit mir nach einem unangenehmen Engramm, an dem wir gemeinsam arbeiten konnten. Und irgendwie drängelte sie mich in Richtung Prüfungsangst. Also landeten wir bei meinem Abitur.

Genauer bei der mündlichen Prüfung. Als ich vor dem Zimmer warten musste, in dem die Prüfer über mich richten würden, da hatte ich den ersten Panikanfall meines Lebens.

Ich hoffte sehr, diese Erfahrung würde meinem Gegenüber reichen. Für mich wog die mindestens 100 Engramm! Denn die Panik damals war real. Und auch nicht unangebracht, denn wie immer hatte ich vorher keinen Strich gelernt. Ich kann meinem Unbewussten da keinerlei Vorwürfe machen, panisch geworden zu sein.

Das gefiel der älteren Frau Scientology recht gut. Daran könnten wir jetzt arbeiten. Das könnten wir gemeinsam clearen. Ich könnte mich, jetzt gleich, von diesem Engramm befreien. Mit ihr, hier und auf dem Fleck.

Dazu musste ich mich nur gemütlich hinsetzen und tief durchatmen und die Augen schließen. Und an diesen Tag zurückdenken. Und ihr davon erzählen.

„Erzähle mir von dieser Prüfung und beschreibe genau, was Du siehst und was Du fühlst!“

Das machte ich dann auch, während meine Aufmerksamkeit etwas abgelenkt war von den Schweiß-Strömen, die meine Wirbelsäule herabflossen. Vom Top in die Jeans.

Als ich die Geschichte fertig erzählt hatte und die Augen schon wieder aufmachen wollte, meinte Frau Scientology Senior: „Erzähle mir von dieser Prüfung und beschreibe genau, was Du siehst und was Du fühlst!“

„Wie? Noch einmal?“

Ja. Noch einmal. Also von vorne. Dieses Mal achtete ich auf genaue Details wie die Lederflicken an den Jackettärmeln von dem einen Lehrer. Und dem einladenden Lächeln meiner Geschichtslehrerin. Und dem grimmigen Gesichtsausdruck des dritten Prüfers mit dem Nietzsche-Schnurrbart.

Und als ich dann fertig war, meinte die Stimme vom anderen Ende der Sauna:
„Erzähle mir von dieser Prüfung und beschreibe genau, was Du siehst und was Du fühlst!“

Also gut. Alles von vorne. Mit wieder anderen Details. Und mit der Fahrt zur Schule. Und mit den Gesprächen auf dem Schulflur, die mich erst so richtig panisch gemacht haben.
„Der Meier und der Huber prüfen! Die strengsten alten Säcke, die es auf der Schule nur gab!“ (Namen von der Redaktion geändert.)

Beim vierten Durchgang hatte ich geschätzt 1000 Engramm Wasser ausgeschwitzt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass die Söckchen in den Sandalchen der Frau Scientology Senior nass werden würden.

Und dann begann ich drauflos zu schwadronieren, was meine Fantasie nur hergab. Ich erfand eine Wespe, die bei der Prüfung einen der Prüfer stach und ich erfand, dass meine Lehrerin während der Prüfung einen Bienenstich aß – wo hatte ich diese Idee nur her? – und ich erfand den Schulposaunenchor, den es nie gab und der gerade heute vor dem Fenster „Kumbaja, my Lord“ übte!

Es war auch nicht so wichtig, was ich sagte, hatte ich den Eindruck. Wahrscheinlich las meine Gesprächspartnerin heimlich ein Lustiges Taschenbuch, während ich mir den Mund fusselig redete.

Ich erspare euch die weiteren Auswüchse meiner wilden Fantasie. Schon alleine deswegen, weil ich sie auch verdängt habe. Nach tatsächlichen, real existierenden, endlosen 120 Minuten – das macht in Frau-Jahren zwei Stunden – war die Tortur zu Ende.

Ich durfte die Augen wieder aufmachen und war wie geblendet von dem hellen Sonnentag. Langsam zwinkerte ich mich ins Leben zurück. Ich fühlte mich wie befreit. Leicht. Beinahe schwerelos.

Frau Scientology Senior erklärte mir, dass dieses Engramm jetzt gecleared sei. Diese Abi-Prüfung würde mich in der freien Ausübung meiner großen geistigen Kräfte nie mehr behindern. Und ob ich gleich mit ihr den Oxford-Persönlichkeitstest machen wolle oder nicht?

Aber ich fühlte mich zu frei für den Scheiss. Und die Freiheit kam nicht daher, dass ich von diesem Erlebnis meiner Jugend geheilt war. Klar, ich hatte vor der Prüfung eine Panik-Attacke. Stimmt. Das war die erste und ist auch nicht die letzte geblieben.

Aber als ich im Prüfungszimmer war und zu reden begann, da lief die Sache eigentlich ganz prima für mich. Elf Punkte, eine glatte Zwei, das ist doch ein ansehnliches Ergebnis für ein Schülerleben voller Faulheit, oder?

Nein, ich fühlte mich befreit, weil ich endlich nicht mehr quatschen musste. Endlich nichts mehr sagen musste. Und nie mehr diese scheissfreundliche Frage hören musste: „Erzähle mir von dieser Prüfung und beschreibe genau, was Du siehst und was Du fühlst!“

Die Scientology hatte mich mit ihrem komischen E-Meter vom ersten Termin und mit dem Auditing von heute eindeutig für immer abgeschreckt.

Weil eine gute Bekannte dann, trotz meiner gruseligen Beschreibung, dennoch tiefer in diese Kirche hinein geriet, musste ich mich leider doch noch mehr mit denen beschäftigen.

Nach dem Auditing ging das für meine Bekannte, nennen wir sie für diese Sendung einfach Brunhilde – Name von der Redaktion aber so was von offensichtlich geändert – es ging für Brunhilde weiter.

Sie sagte bei dem Persönlichkeitstest nicht „Nein, danke!“, sondern ließ den auch noch über sich ergehen. Und das Ergebnis bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen! Sie war ein seelisches Wrack!

Völlig gehemmt und eingeengt von schlimmen, schlimmen Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend. Und, so wie es aussah, auch in Leben vor diesem Leben.

Das erzählte ihr vertraulich ein Herr Scientology Junior. Der dann auch gleich an das Reparieren ging. Um diese ganzen, bösen Engramme zu clearen. Um Brunhilde zu befreien von ihren Fesseln!

Denn gerade sie, sie hatte ein besonderes Potential! Sie war ihrem eigentlichen Ich trotz der ganzen Schäden viel näher als normale Menschen. Weil sie, tief in ihrer Seele, eine Künstlerin war. Eine Dichterin! Ein großer kreativer Geist, der nur geweckt werden wollte!

So hat er das zu ihr gesagt, der Herr Scientology Junior. Der auch verdammt gut aussah, meinte Brunhilde. Aber man soll Männer ja nicht immer nach ihrem Äußeren beurteilen…

Auf jeden Fall machte Brunhilde weiter. Ein Intensiv-Auditing. 12 Stunden der oben beschriebenen Tortur, aber dieses Mal halt noch intensiver. Hat damals 2000 Mark gekostet, wenn ich mich richtig erinnere.

Dann hätte sie noch fünf weitere Kurse machen müssen, die ungefähr jeder auch 2000 Mark gekostet hätte und wäre damit in den sogenannten akademischen Rängen aufgestiegen.

Sie wäre dann nur noch einen kleinen Kurs davon entfernt gewesen, selber ein Auditor zu werden. Ja, es kostete damals über 12.000 Mark, bis man fehlerfrei sagen kann: „Erzähle mir von dieser Prüfung und beschreibe genau, was Du siehst und was Du fühlst!“

Aber nach dem ersten Kurs stieg meine Freundin Name-von-der-Redaktion-geändert dann aus. Aus dem schlichten Grund, dass es ihr zu teuer wurde. Nicht, weil sie Scientology schlimm gefunden hätte. Sie fühlte sich da nicht unwillkommen. Und das der Herr Scientology-Junio da auch regelmäßig zu finden war, im Dianetik-Center Düsseldorf, das war ein zusätzlicher Pluspunkt.

Brunhilde ist dann noch schnell Sanyassin geworden bei Osho. Obwohl es den selber schon gar nicht mehr gab und die ganze Organisation stark am Bröckeln war. Sie ist dann nach Indien gegangen, aber das habe ich schon aus zweiter Hand.

Ich selber habe mich dann nicht mehr weiter mit Scientology beschäftigt. Ich war damals nicht besonder reflektiert oder tiefsinnig. Mir kam das alles nur ungeheuer verkopft und eigentlich recht albern vor.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand auf diese Pseudo-Psycho-Masche reinfallen kann. Denn das genau ist es. Die Scientologen verabscheuen die Psychologie und besonders die Psychiatrie. Sie sind der Meinung, es sind Psychopharmaka, die unsere Gesellschaft kaputt machen.

Aber in Wirklichkeit ist ihr Zugang zum Menschen ein ähnlich verkopft wie der der klassischen Psychoanalyse. Bloß, dass sie sich halt ihre eigene Begriffswelt zusammen geschustert haben.

Ungefähr zehn Jahre nach meinem Abenteuer wurden dann die sogenannten „geheimen Bücher“ der Scientology bekannt. Das verdanken wir einem Schweden griechischer Abstammung. Der hatte sie als Anfrage an ein Parlament geschickt. Und das schwedische Gesetz verlangt, dass alle Anfragen mitsamt Anhängen für jeden einsehbar sein sollten.

Wie zu erwarten, fand man dann in den Büchern „OT“ und „NOT“ eine ziemlich krude Geschichte zum Hintergrund der dianetischen Lehrinhalte.

Die „OT-Level“, die auch Brunhilde kennenlernen durfte, stammen vom Ausdruck „Operierender Thetan“. Und so ein Thetan ist ein außerirdisches Wesen, das in uns wohnt. Etwa so wie die Seele in der christlichen Vorstellung oder das Unbewusste in der Psychologie.

Und die Thetanen sind vom Imperator Xenu in Raumschiffen, die wie B52s aussehen, auf die Erde gebracht worden, um sie zu versklaven.

Und indem wir teure Kurse belegen, können wir den Thetanen in uns befreien. Und damit übernatürliche Kräfte freisetzen. Der Science-Fiction-Autor, der sich das ausgedacht hat, der starb gar nicht wirklich. Sondern dessen Thetan reist frei von einem irdischen Leib durch Raum und Zeit.

Zugegeben: Diese Vorstellungen spielen für die meisten Scientologen keine große Rolle. Die verstehen das genaus als metaphorisch wie wir die Sinflut. Aber ich bezweifele, dass Herr Ron Hubbard das so entspannt gemeint hat.

Ich habe ein Video verlinkt auf der Website, wo er den ganzen Mythos doch sehr begeistert erklärt. Dauert eine halbe Stunde, ist schwierig zu verstehen, hat aber Untertitel.

Na ja. Ist ja dann auch erst einmal nichts geworden mit der Weltherrschaft. Aber ich empfinde nach meinen Erfahrungen keine Angst vor Scientology. Und jemanden wie Tom Cruise kann ich deswegen auch nicht verurteilen. Er tut mir eher leid.

Denn Scientology ist, wie viele Sekten, etwas für Starke, Gesunde. Da ist kein Platz für Krankheit oder Zweifel. Oder für Angst. Das sind alles Indizien für einen schlecht operierenden Thetan. Und somit für Versagen.

Scientologen sind letzten Endes einsame Menschen, deren Vorstellungen optimiert sind für die Leistungsgesellschaft.
Aber nicht für das Leben.