Maude Adams


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Heute stellt sich unfreiwillig Maude Adams als Interview-Partnerin zur Verfügung. Vor 100 Jahren wahrscheinlich die berühmteste Schauspielerin der Welt, heute eher vergessen.

Ihre berühmteste Rolle war „Peter Pan“. Diese berühmte Figur der Literatur liegt ihr auch sehr am Herzen. Wer wäre also berufener, uns den Jungen, der niemals erwachsen werden wollte, zu erklären?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: “Peter Pan” von Kelsea Ballerini


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Vielen Dank, Frau Adams, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben!
FA: Gerne.
HW: Sie waren in Ihrer Zeit wahrscheinlich die bekannteste Schauspielerin und haben sich auf der Höhe Ihres Ruhms plötzlich zurückgezogen.
FA: 1918, ja.
HW: Darf ich fragen, warum?
FA: Sie dürfen. Es war wegen der Influenza.
HW: Sie wurden krank?
FA: Ich und Millionen anderer Menschen.

HW: Es gab damals das Gerücht, sie hätten Angst vor dem Film.
FA: Das stimmt nicht ganz, ist aber auch nicht ganz falsch.
HW: Können Sie das etwas ausführen?
FA: Als ich mit dem Theater begann, da war das noch …
HW: Verzeihen Sie die Unterbrechung, aber wann wäre das denn ungefähr gewesen?
FA: Ich habe keine Erinnerung daran, denn ich war damals erst zwei Monate alt. Das Stück hieß „Das verlorene Baby“. Das war 1873, können Sie sich das vorstellen?

HW: Das war in Salt Lake City?
FA: Richtig. Damals war das Theater die größte denkbare Attraktion. Kein Kino, kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet, kein Netflix, keine bunten Werbeplakate überall. Die Welt war damals noch schwarz und weiß, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und meine Mutter tourte mit mir durch den gesamten Westen. In ländlichen Regionen, in winzigen Siedlungen und nur sehr selten in Orten, die das Wort „Stadt“ auch wirklich verdient haben. Man kann sagen, dass das durchaus noch der Wilde Westen war.
HW: Die ersten Artikel, die ihre schauspielerischen Fähigkeiten preisen, stammen aus dem Jahr 1878, da waren Sie fünf.

FA: Da spielte ich einen vorlauten kleinen Jungen namens „Klein Schneider“ in dem Stück „Fritz, der Vetter aus Deutschland“. Mit zehn hatte ich den ersten Erfolg in New York, was damals einfach die einzige Stadt war, die in Amerika international mithalten konnte. Danach kehrte ich bald wieder nach Kalifornien zurück, ich war völlig verwirrt.
HW: Vom Erfolg überrascht?
FA: Das auch, aber ich wusste vor allem nicht mehr, wer ich war. Es ist nicht einfach gewesen für mich in der Pubertät. Da sucht man eine Identität und ich fand keine. Ich hatte mein Leben lang nur Rollen gespielt, aber war nie einfach nur ich selber. Ich kannte diese Maude gar nicht, die da in der Presse gefeiert wurde. Ich las einen Artikel über diesen Menschen, aber wusste beim besten Willen nicht, wer das ist. Ich hatte mir eine Rolle gebastelt, die nannte ich „Maude“, aber die hatte nichts mit mir zu tun.

So konnte ich nicht leben. Ich wusste nicht, was mir gefällt, was mir schmeckt, welche Lieder mir gefallen – ich wusste nicht einmal genau, ob es mir gut geht oder schlecht.

HW: Sie zogen sich für Jahre völlig von der Bühne zurück.
FA: Ja. Erst mit sechzehn Jahren war ich soweit, dass ich mir zutraute, wieder zu schauspielern.
HW: Dann wurden Sie auch bald von Charles Frohmann entdeckt.
FA: Das klingt falsch. Es war eher so, dass ich Charles entdeckte. Ich hatte ein viel besseres Angebot von Charles Hoyt erhalten, mich aber dagegen entschieden. Für fünf Jahre wollte ich mich noch nicht binden. Nur, um dann mein Leben lang mit Charles Frohmann zu zusammen zu arbeiten. Ironie des Schicksals.

HW: Der große Durchbruch kam dann mit „Der Maskenball“. Die Kritiker waren restlos begeistert, Sie wurden mit einem Schlag zur beliebtesten Schauspielerin Amerikas. 18 Monate lief das Stück jeden Abend.
FA: Und besonders lustig ist die Tatsache, dass ich in der Schlüsselszene eine junge Frau spielte, die zu viel getrunken hatte. Da lachte sich das Publikum immer schlapp. Dabei hatte ich keine Ahnung, was ich da spielte, denn ich hatte noch nie in meinem Leben einen Schluck Alkohol getrunken.
HW: Wirklich? Waren Sie wirklich die Unschuld in Person? So wie Frohmann Sie immer vermarktete?

FA: Ja, Charles erzählte immer das Märchen, ich wäre die ewige Jungfrau. Nur ihrer Kunst verpflichtet, keine Zeit für Affären mit Männern, wie z.B. Anna Held. Das war natürlich alles nur Marketing.
HW: Sie hatten also Affären mit Männern?
FA: Nein, das auch wieder nicht. Aber das hatte ganz natürliche Gründe.
HW: Die da wären?
FA: Na, ich finde Männer nicht im Geringsten attraktiv.

HW: Sie sind also gleichgeschlechtlich orientiert gewesen?
FA: Sagt man das so heutzutage?
HW: Ja, wie hätten Sie das denn ausgedrückt?
FA: Ich bin lesbisch.
HW: Na, das sagt man auch heutzutage.
FA: Aber damals hat man das eigentlich gar nicht gesagt. Damals war das noch ein Straftatbestand. Eine Ungeheuerlichkeit. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass es keine lesbischen Frauen gab. Heiraten konnten wir aber natürlich nicht. Ich habe sowohl Lillie als auch Louise nicht geheiratet. Aber immerhin wurde ich neben Louise bestattet. Aber das war ja auch schon 1953. Da hatten sich die Zeiten ein wenig geändert.

HW: Ihre Biographen beschreiben Sie als sehr religiöse Frau. Hat Ihnen ihre Sexualität da nicht Probleme bereitet?
FA: Als junge Frau durchaus. Ich habe darüber auch niemals mit meiner Großmutter geredet. Meine Mutter hingegen hatte durchaus Verständnis. Aber meine Kirche nicht.
HW: Sie waren Mormonin?
FA: Lange.
HW: Sie wollen nicht über religiöse Themen reden?
FA: Wenn es nicht sein muss.

HW: Muss nicht. Dann machen wir doch einfach mit Ihrer Karriere weiter. Sie wurden zur bestbezahlten Person im Showbusiness und verdienten Millionen, lange bevor es Film gab. Sie wurden auch besser bezahlt als irgendein männlicher Kollege.
FA: Ja, das hat John sehr verärgert.
HW: Sie meinen John Drew.
FA: Ja. Muss man das dazu sagen?
HW: Heutzutage weiß kein Mensch mehr, wer das war, Frau Adams.
FA: Na, so schlecht war er aber auch wieder nicht.

HW: Die nächste Phase Ihrer Laufbahn wurde stark durch Stücke von James Barrie geprägt.
FA: Das stimmt. Spielt man den heute auch noch?
HW: Nein. Nur noch „Peter Pan“. Aber das war auch eines Ihrer Lieblingswerke, oder?
FA: Ja. Durchaus. Ich war die erste Amerikanerin, die ihn spielen durfte. James sagte immer, ich bin der einzig wahre Peter Pan.
HW: Warum wurde er eigentlich immer von Frauen gespielt?
FA: Das ist einfach zu beantworten: Kinder als Schauspieler gab es einfach nicht.

HW: Kennen Sie eigentlich den berühmten Zeichentrickfilm von Disney?
FA: Ja, schrecklich.
HW: Warum das denn?
FA: Na, das hat mit dem Stück von James einfach nicht mehr viel zu tun.
HW: Ach. Warum, wenn ich fragen darf?
FA: Der Film ist für Kinder, das Stück aber nicht.
HW: „Peter Pan“ ist für Erwachsene geschrieben?
FA: Aber sicher! Peter Pan ist doch kein positiver Charakter. Also, nicht nur.
HW: Sondern?

FA: Peter ist ein tragischer Held. Er hat beschlossen, nicht erwachsen zu werden, aber er weiß natürlich, dass ihm etwas fehlt. Hook schneidet er die Hand ab, weil er denkt, das gehört zum Spiel. Er tötet Piraten zum Spaß oder auch Kumpane, wenn es im Baum zu viele „Verlorene Jungs“ gibt.
HW: Im Ernst? Er tötet „Verlorene Jungs“?
FA: Er hätte beinahe einen von Wendys Brüdern aus Spaß umgebracht, wenn sie ihn nicht vom Gegenteil hätte überzeugen können. Das kommt bei Disney gar nicht vor. Das traurigste am Buben, der nicht erwachsen werden will, ist aber etwas ganz Anderes.
HW: Und das wäre?
FA: Peter vergisst alles, was er erlebt. Als er Wendy nach vielen Jahren wieder begegnet, kann er sich nicht an sie erinnern. Und auch nicht an Käpt’n Hook oder die „Verlorenen Jungs“ oder an Glöckchen, die stirbt einfach und Peter bekommt das nicht einmal mit.

HW: Also einfach ein moralisches Lehrstück?
FA: Nein, eben genau das nicht. Peter ist das Denkmal, das James seinem großen Bruder gebaut hat, der als Kind starb und für immer nach Nimmerland gegangen ist. In unserer Welt ist Peter tot, er kann niemals mehr ein normales Leben führen. Er lebt für immer in einer Welt, die alle Kinder aus ihrer Phantasie kennen. In einer Welt voller Indianer, Piraten, Meerjungfrauen, Elfen und Krokodilen. Aber er muss alles vergessen, er kann sich nicht verändern, nicht wachsen, nicht reifen. Ein grausamer Fluch.

HW: Aber man kann in Nimmerland auch sterben.
FA: Natürlich. Kinder sind Menschen. James hat genau verstanden, dass Kinder auch grausam sind. Peter wirkt allmächtig, zahlt aber einen schrecklichen Preis. Verstehen Sie? Es ist ganz wichtig zu verstehen, was Peter macht, wenn er Wendy erklärt, er will niemals erwachsen werden. Er hat nämlich in Wirklichkeit gar nicht die Wahl. Das ist ein sehr einsamer Trotz, den er da leben muss. Manchmal will er nur von allen in Ruhe gelassen werden.

HW: Sie sind ein großer Peter-Pan-Fan, oder?
FA: Eines der schönsten Theaterstücke, die jemals geschrieben wurde, da gibt es keine Frage. Voller Leichtigkeit, voller Lebensfreude, aber auch unsagbar traurig. Ein kathartisches Stück.
HW: Identifizieren Sie sich mit Peter?
FA: Wie meinen Sie das?
HW: Von Ihnen sagte man, Sie wären privat ein sehr zurück gezogener Mensch. Eigenbrötlerisch. Schüchtern. Sehr ruhig.

FA: Sagt man das? Es ist schon ein bisschen wahr. Ich bin nicht wirklich gut im Umgang mit Menschen. Andere Menschen haben mich immer irritiert. Sie sind im echten Leben so viel anders wie in den Theaterstücken. Wissen Sie, so eine Figur in einem Theaterstück, die verändert sich niemals. Die ist gefesselt an die Worte, die ihr Erfinder ihr in den Mund gelegt hat. Julia wird sich auch in hundert Jahren noch in Romeo verlieben und nicht eines Tages in Mercurio. Bei echten Menschen gibt es solche Garantien nicht. Ich habe mich mit 40 vom Theater zurückgezogen, um auch noch ein Leben als echter Mensch zu haben.

HW: Was Peter niemals vergönnt war.
FA: Niemals. So ist es.
HW: Aber auch im Leben außerhalb der Bühne haben Sie ja nie aufgehört zu arbeiten.
FA: Ach?
HW: Ja. Ich bin bei meinen Recherchen darauf gestoßen, dass Sie einige Patente innehalten.
FA: Ach das. Das haben die von General Electrics auf meine Namen eingetragen. Auch nur eine Marketing-Idee. Natürlich stecken hinter solchen Erfindungen in Wirklichkeit ganze Teams.

HW: Sie haben wesentliche Verbesserungen bei der Bühnenbeleuchtung entwickelt und den Farbfilm mit erfunden.
FA: Das ist zu viel der Ehre. Schon alleine, weil sich unser Verfahren ja auch nicht wirklich am Markt hat behaupten können.
HW: Warum haben Sie das gemacht? Sie waren doch eine reiche Frau?
FA: Sagen wir wohlhabend. Ich habe schon mit Geld umgehen können, aber das meiste habe ich gespendet.
HW: Warum also?

FA: Na gut. Dann will ich Ihnen das verraten, weil das ein so angenehmes Interview war. Das habe ich noch niemandem gestanden außer Louise. Ich hatte da einen Wunsch, den ich mir noch unbedingt erfüllen wollte. Der aber nie wahr geworden ist.
HW: Ich höre.
FA: Ich wollte unbedingt Peter Pan in einem Farbfilm spielen!
HW: Also mussten Sie den Farbfilm halt erfinden.
FA: Na ja. Nach 13 Jahren Arbeit an diesen Ideen habe ich das Handtuch geworfen. Mit 53 Jahren war ich irgendwie auch zu alt für die Rolle, oder? Das hätte man mir nicht wirklich abgekauft.

HW: Eine Frage noch zum Abschluss: Hat es Sie gekränkt, dass Sie zwanzig Jahre lang die berühmteste Schauspielerin der Welt waren und dann völlig vergessen wurden?

FA: In keiner Weise. Das war ein großes Geschenk. Dafür war ich sehr dankbar. Ruhm war nicht mein Ziel. Das Ansehen bei Menschen, die ich nicht einmal kenne, war mir egal. Ich liebte nur das Theater. Das Reich der Phantasie, in dem alles möglich war. Mein persönliches Nimmerland. Vierzig Jahre durfte ich Peter Pan sein, aber dann durfte ich Nimmerland auch wieder verlassen. Das war ein Segen. Als ich 1953 starb, trauerte niemand der berühmten Schauspielerin nach, nur einige Studenten ihrer Lehrerin.
HW: Maude Adams: Einmal Nimmerland und zurück.
FA: Das ist doch eine gute Überschrift!
HW: Zu lang für das Morgenradio.
FA: Schade. Dann nennen Sie die Sendung einfach „Ich war Peter Pan“.
HW: Oder einfach „Maude Adams“
FA: Auch gut!


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