Maria aus Magdala



Wir fragen uns heute manchmal, welche Teile der Bibel historisch sind und welche mehr in den Bereich der Legende gehören. Eine ewige Diskussion, deren Grenzen von Jahr zu Jahr variieren.

Tatsächlich aber wurde das wahrscheinlich schon in Zeiten diskutiert, in denen die Schriften entstanden, die heute unser neues Testament ausmachen. Und auch danach war die Bibel noch nicht zu Ende redigiert.

Vielleicht gibt es ja irgendwo im Sand des Maghrebs eine Amphore mit einem Brief, den Maria aus Magdale an ihren alten, guten Freund Simon geschrieben hat. Und vielleicht liest der sich ganz ähnlich wie das Skript zur heutigen Geschichte.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Magdala“ von Laurent Danis / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Mein lieber, alter Freund Simon!

Das ist wahrscheinlich der letzte Brief, den ich Dir schreiben werde. Unser Austausch ist ja mit den Jahren immer seltener geworden. Das ist natürlich den Umständen geschuldet. Du bist mittlerweile ein Weltreisender, obwohl Du doch immer der Bodenständigste von uns warst!

Aber nachdem unsere Heimat auf einen letzten, alles zerstörenden Krieg zusteuert, fühlst Du Dich wahrscheinlich in deinem Häuschen an unserem See auch nicht mehr wohl.

Viele Dinge sind geschehen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ach, es sind sogar schon zu viele Dinge geschehen, seit ich Dir das letzte Mal geschrieben habe!

Du und ich, wir gehörten zu den Allerersten und waren schon in den ersten Tagen Zeuge von etwas Neuem und etwas eigentlich Unverständlichem. Von Etwas, dass es zuvor noch nie so gegeben haben mag.

Und ich frage mich manchmal, ob es Dir wie mir geht, dass Du Dich zurückerinnerst an diese ruhigen Tage, bevor wir nach Jerusalem gegangen sind.

Wie wir abens vor Deinem Häuschen saßen, auf den See hinaus schauten und stundenlang diskutiert haben. Es war alles so leicht und so verständlich, alles so voller Liebe und Wärme!

Ich muss Dir gestehen, auch mir fällt es immer schwerer, diese Bilder aus meiner Erinnerung zu fischen. Nicht, weil ich an Ihnen zweifelte, obwohl das auch der Fall ist, sondern vielmehr, weil es mich zu sehr schmerzt.

Meistens sind wir heute einfach mit der Flucht und dem Überleben beschäftigt. Ich fühle mich dazu eigentlich schon zu alt, aber Johannes treibt mich immer wieder an.

Heute erst haben wir ein kleines Dorf irgendwo in der Türkei erreicht. Weit ab vom Trubel der großen Häfen am Mittelmeer. Aber auch hier haben die Menschen schon von ihm gehört.

Wenn es so abläuft, wie es immer geschieht, dann können wir hier einige Tage, vielleicht sogar Wochen, Unterschlupf finden. Bis dann wieder der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Johannes wieder zu wütend wird und unsere wahren Namen preisgibt.

Es ist schwierig geworden für uns, die wir diesen seltsamen, unbedeutenden Mann aus Galiläa noch persönlich kannten, oder? Haben wir uns das damals schon so ausgemalt? Nein, haben wir nicht, ich weiß. Aber hätten wir uns das ausmalen sollen? Hätten wir dann unser Leben aufgeschrieben? Wäre das nicht besser gewesen?

Denn jetzt werden überall im Römischen Reich Geschichten erzählt, wie er gelebt hat und was er gelehrt hat.

Aber es werden immer mehr Geschichten, die davon berichten, wie er gestorben ist. Und was er danach gelehrt hat. Danach! Nach seinem Tod! Wie makaber und morbide und wie lebensfeindlich alleine schon diese Idee ist!

Überall entstehen Gemeinden an den Orten, wo es vorher nur ein paar versprengte Juden gab. Und aus den Versammlungshäusern, die diese Juden besucht haben, werden dann Orte, an denen die Menschen zu unserem Freund beten.

Beten, Simon! Sie beten! Nicht zu Gott, sie beten zu unserem Jesus!

Und an jedem dieser Plätze erzählt man sich völlig verschiedene Geschichten über Jesus. Und die Menschen, die ihr Leben an seinen Lehren ausrichten, haben nicht die geringste Ahnung, was diese Lehren denn waren.

Ich habe Menschen gefunden, die glauben, die einzige Methode ihm zu folgen, wäre es, sein Leben einsam in der Wüste zu verbringen – weil er das angeblich getan hat!

Andere sind sich absolut sicher, dass er jeden Verzehr von Fleisch abgelehnt hat. Und jede Form von Sexualität oder Lachen oder Freude.

Ich bin auch Menschen begegnet, die sich für einen Tag rüsten, wo die Gerechten mit Schwert und Schild gegen die Kreaturen der Hölle kämpfen werden, und nur denen, die dieses Gefecht überleben, sei das Ewige Leben gesichert.

Am gefährlichsten war eine Gruppe, der ich im Irak begegnet bin. Diese sind der Meinung, unser Freund hätte von einem Gott gesprochen, der allgnädig und allgütig ist. Das wäre nicht weit von der Wahrheit. Aber sie sind weiterhin der Meinung, dass dieser Gott in Widerspruch steht zum Gott der Torah. Demiurg nennen sie diese Erfindung und bekämpfen dessen Anhänger, wo sie sie finden.

Anders ausgedrückt: es gibt Anhänger des Juden Jesus, die es sich auf ihre Fahnen geschrieben haben, alle Juden zu verfolgen!

Wie konnte diese kleine warme Flamme, wie konnte diese einfache und schlichte Botschaft der Liebe nur solch ein Fegefeuer an Wut und Rache erzeugen?

Ich kann verstehen, dass Johannes irgendwann nicht mehr still schweigen kann. In mir braut sich manchmal selber eine Wut zusammen. Manchmal bin ich mir deswegen selber unheimlich.

Mittlerweile bin ich aber so alt, dass ich zuvorderst um unsere leibliche Existenz besorgt bin. Auch wenn Johannes das für unwahrscheinlich hält, ich kann mir nur zu lebhaft ausmalen, wie erzürnte Menschen, die sich Christen nennen, uns ans Kreuz nageln.

Denn wir, die Jesus noch persönlich kannten; wir, die wir unser Leben mit ihm geteilt haben; wir, die sich seiner fixen Idee unterworfen haben – wir sind die denkbar größte Gefahr für die vielen Kirchen, die allerorts aus dem Boden sprießen!

Unser Leben war zu wenig. Jesus war zu wenig.
Zu groß sind die neuen Ideen und zu klein sind wir!

Auch um Dich mache ich mir große Sorgen, mein lieber Freund. Von dem, was wir auf unserer Flucht erfahren, schließe ich, dass Du die Bürde auf Dich genommen hast, das Gesicht und der Körper hinter den Idee zu sein, die über das wahre Leben hinaus wuchern.

Das ist ein gefährlicher Weg, mein lieber Simon! Und kein Weg, den er Dir abverlangt hätte. Du weißt, wie ich, dass er Dich am liebsten vor Deinem Haus gesehen hätte, so wie wir dort damals gesessen haben.

Oder auf Deinem Boot. Wo Du, wie es Deine Art ist, dann ununterbrochen über die Löcher in den Netzen, die schlechte Qualität der Segel oder aber über das Wetter gezetert hättest.

Wenn wir Dir dabei zugesehen haben, mussten wir immer lachen. Denn uns war etwas klar, was Dir niemals klar geworden ist: Wir durften einem glücklichen Menschen dabei zusehen, wie er das tut, was er am besten kann!

Simon, Dein Weg ist gefährlich. Und die Bürde zuviel für einen Menschen. Ich weiß das so genau, weil ich die Erste war, die diese Bürde trug. Ich war es, die das leere Grab gefunden hat. Und ich war es, der die Gemeinde dann folgte.

Ich war auch die erste, die andere Gemeinden besuchte und die alles in ihrer Macht stehende tat, um diese kleine, warme Flamme, die unser Freund angezündet hatte, nicht erlöschen zu lassen.

Ich lernte sogar Griechisch und zu schreiben und zu lesen! Aber es dauerte nicht einmal zehn Jahre, bis ich zu zerbrechen drohte. Und das nicht nur, weil es immer mehr Konflikte gab in unserer kleinen Gemeinde.

Sondern, weil schon damals die wahre Botschaft Jesu zu klein war für die Ängste in den Herzen der Menschen!

Schon damals entstanden die ersten Sprüchesammlungen und ich bemühte mich, den größten Unsinn aus diesen Zitaten, die er nie gesagt hatte, zu unterbinden.

Schon damals gab es die erste Leidensgeschichten, die so voller Blut und Folter waren, dass kein Platz mehr war für Liebe oder Wärme.

Und schon damals begann Markus eine Geschichte zu erzählen, die nur noch wenig mit dem von Dir und mir Durchlebtem zu tun hatte.

Ich gab auf. Und ich bereue es nicht. Dieser Jesus, den die Menschen da erschufen, der war zu groß für mich geworden. Ich, der ich seine schwieligen Füße vor mir sehe, wenn ich die Augen schließe. Und ich sehe mich als junge Frau, wie ich sie ihm wusch. Und dann sehe ich ihn, wie er die meinigen wusch. Mit einem Lachen im Gesicht!

Das war kein Mann, der gesagt hat: „Ich bin der Messias! Ich bin der Sohn Gottes!“

Das hat er niemals gesagt! Mir treten die Tränen in die Augen, während ich diese Zeilen schreibe, Simon, denn: Du weißt, wie ich, dass dieser unser treuer Freund, dass dieser Jesus aus Nazareth, das Wort „Ich“ fast nie benutzt hat.

Er hat „Wir“ gesagt, nicht „Ich“.

Nach mir folgte dann Jakob, sein Bruder. Er versuchte, die Wogen zu glätten und seinen Frieden zu machen mit dem hohen Rat. Und er war sehr beflissen darin, allen Juden zu erklären, dass wir nicht eine neue Kirche sind, sondern nur selber Juden, die die Torah besonders ernst nahmen.

Das war ein falscher Weg. Nicht nur, dass Jakob die nichtjüdischen Anhänger beinahe dazu zwang, sich gegen ihn zu stellen. Sondern seine Botschaft war im Kern eine Fälschung. Denn obwohl Jesus die Torah kannte, war sie ihm nicht wirklich wichtig.

Er war einer, der sogar besonders gut darin war, die Widersprüche aufzuzeigen. Und der dieses Problem, dass unser kleiner Verstand da hatte, auch auflösen konnte.

Weil er über das Gefühl hinter dem Text reden konnte! Weil jeder Text, ist er nur lang genug, sich widerspricht. Weil es nicht um Text geht, nicht um Wörter, nicht um Buchstaben!

Und während Jakob also scheitert, kommt nun Paul.

Und, so wie ich höre und lese, bist Du mit Paul ja gut befreundet. Ein Herz und eine Seele seid ihr, wurde mir berichtet.

Natürlich nehme ich solche Nachrichten genauso wenig ernst, wie die Geschichten, in denen Jesus auf dem Wasser wandelt oder teuflische Dämonen in Schweineherden bannt!

Ich weiß, ihr könnt kaum Freunde sein, Du und Paul. Der Fischer und der Gelehrte. Der Jünger aus Nazareth und der Dichter aus Armenien. Der Bewahrer und der Missionar. Die Wärme und der Wind. Die Erde und das Feuer.

Und vor allem der Mann, der mit Jesus und mir auf den See blickt und der Mann, der Jesus nur als Symbol für seine griechische Religion braucht, die er sich gerade zusammen zimmert!

Verzeih‘. Ich bin zu hart in meinem Urteil.

Aber mir ist klar, dass Du diese ganzen Reisen nur unternimmst, um ein Gegengewicht zu Paul zu werden, der auf seinen Reisen oft schneller am Ziel ist, als die zahlreichen Briefe, die er ständig absondert.

Mehrere davon durfte ich lesen, mein lieber Freund, und nicht einmal fand ich darin von dem Mann berichtet, dem ich damals die Füße waschen durfte! Nicht einmal…

Paul schreibt von einem Jesus, den er Christos nennt. Meschiach auf griechisch.

Das ist der Jesus nach seinem Tod! Der Mensch, der das Grab verlassen hat und erst dann seine wahre Lehre verkündet hat. Ein Geistwesen auf Erden, dass selber seinen Nachlass regelt!

Und weil den weder Du, noch ich, noch Jakob, noch Jesus Mutter, Schwester oder Brüder jemals kennengelernt haben, kann er diesem Christos alle Worte in den Mund legen, die er möchte!

Schon hat er alle Frauen aus der Geschichte gestrichen!
Stattdessen gibt es nur noch zwölf Jünger!
Alles Männer!

Du weißt wie ich, dass wir ein bunter Haufen von Menschen waren, dass es keine Unterschiede gab, ob man ein Mann war oder eine Frau, ob man ein Sklave ist oder ein Zenturio oder ob man dunkle oder hellere Haut hat!

Denn das war eben die eigentliche Nachricht, die wir waren, die wir verkörperten!
Wir waren wie ein Lustschrei in der Nacht!

Hier sind Menschen, die keine Unterschiede machen und die in Frieden miteinander leben.
Hört, hört es, ihr Völker, Frieden ist möglich!

Unser Gott ist hier und jetzt!
Um uns herum und in uns gleichzeitig!

Simon, bitte gehe in Dich und denke an unsere Zeit damals zurück und sage mir, dass Du Dich auch noch erinnerst!

Bitte, bitte, lieber Simon, lass Dich nicht von diesem Paul, der mehr Grieche ist als Jude, verwirren!

Simon, nimm Dich in acht! Paul nimmt Dich als Zeuge für seine erfundene Kirche!
Er verwendet Dich als Bindeglied zu Jesus! Er benutzt Dich als sein Banner!

Und wenn er es geschafft hat, Dich zum Mentor seiner Kirche zu machen, dann wirst Du mit einem Schlag überflüssig sein!

Ab dann wird er am meisten von Dir profitieren, wenn Du schweigst.
Keine Briefe mehr schreibst, keine Predigten mehr hältst!

Lass‘ es nicht so weit kommen, mein guter, mein liebster, mein Bruder Simon!

Simon, dieser Paul schreibt vom „logos“!
Hast Du das gelesen? Das musst Du gelesen haben!

Weißt Du noch, wie Jesus sich immer lustig gemacht hat über den Logos? Über das staubtrockene Gejammer von der Vernunft? Über die Selbstverliebtheit von Philosophen, die über den Sinn streiten, während ihnen das Leben davonläuft, ohne gelebt zu sein?

Aber, wer weiß. Vielleicht mache ich den gleichen Fehler. Vielleicht hat diese Erinnerung meine Phantasie gemalt. Oder der Wunsch, Jesus würde uns nicht entgleiten.

Ich möchte niemals vergessen, wie er gerochen hat. Und wie er schimpfen konnte und dann sofort über sich selber lachen… Wie wir mit ihm gelebt haben. Jeden Tag gelebt, …jeden den wir mit ihm erlebten! Ob wir nun was zu essen gefunden haben oder nicht.

Wir haben im Notfall auf Weizenkörnern gekaut und aus Pfützen getrunken, aber wir waren alle so lebendig und so wach und so eng beisammen!

Der Christos, den Dein Freund Paul da erfindet, ist nur ein toter Jesus. Er musste sterben, damit man auf seinen gefolterten Körper eine neue Geschichte pinseln kann!

Und weil er ein toter Gott ist, predigt dieser Christos auch von einem Leben nach dem Tode und nicht davor! Denn nur das ist groß genug für die Ängste im Herzen der Menschen.

Wir sind für Paulus nur kleine, schmutzige Diebe, die zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren.

Schon sind die Frauen aus den Erzählungen verschwunden, wie es so die Art der gelehrten Griechen ist. Und mit den Frauen auch die Küsse, die körperliche Liebe, die Schwangerschaft und die Geburt.

Christos ist nicht mehr von einer Frau geboren, wird Paul behaupten, warte nur ab!

Und dann geht es so weiter:
Zuerst sterben wir. Die wir ihn noch gesehen haben. Die wir noch wissen, wie er gerochen hat.

Dann werde alle Frauen in seiner Geschichte gestrichen und alles Körperliche.
Die Liebe und der Sex und die Lust und der Schmerz.

Dann wird der Tempel zerstört werden. Um endlich alle Juden zu vertreiben.

Das muss geschehen. Denn Jesus war schließlich Jude.

Dann ist Christos erst fertig erschaffen. Kein Jude mehr, kein Mann mehr, kein Geruch mehr.

Übrig bleibt ein entrückter Gott, der über unserem Elend schwebt und uns aus seiner Entrückung mitleidig sein Gesicht zu einem Lächeln verzieht!

Ein Gott, der uns anlächelt, während wir in der Scheiße wühlen und uns das Rückgrat brechen und während wir bluten und schwitzen und schreien!

Das ist der Christos, den Paul gerade erfindet!
Das ist ein Gott, wie ihn Herrscher sich bauen. Wie Herrschaft ihn braucht!

Simon, wach auf! Geh‘ nicht nach Rom!
Du wirst am Ende diesem falschen, neuen Gott geopfert werden!

Und wir brauchen Dich so dringend!
Wir müssen berichten, dass Jesus nicht dieser Christos war!

Das unser Freund nicht Gott war!
Das er nicht über unserem Elend schwebte!
Das er mit uns in der Scheiße steckte.
Das er blutete und schwitzte und schrie!
Wie wir! Mit uns!

Ich habe Angst, Simon! Ich habe so viel Angst!

Und ich muss schließen, ich höre Johannes draussen schon wieder wüten! Komisch, dass dieser kleine Junge, der früher so oft im Schoß von Jesus geschnarcht hat, auf einmal ein wütender Mann geworden ist, der schon mal ein Nasenbein bricht, wenn ich nicht dazwischen gehe, oder?

Simon, höre mich, bleib‘ mir am Leben!
Wir brauchen Dich! Ich brauche Dich!

Deine kleine, schwache Maria aus Magdala