Der magische Wurm



Jeder hat in seinem Herzen eine kleine, geschützte Ecke, in der das Lieblings-Spielzeug aus der Kindheit aufgeräumt ist. Ein magischer Ort, in dem Teddys sprechen können und Puppen wirklich Tee trinken und der Wurliwurm richtig lebendig ist.

Für ein kleines Mädchen, dass 1991 Belgrad verlässt, um mit seiner Familie in Zukunft in Australien zu leben, ist eben dieser „Magische Wurm“ ein Symbol für die Magie der Kindheit.

Und auch für die schöne, bunte Konsumwelt des Kapitalismus, die sie am Flughafen Singapur kennenlernt. Wie auch ihr neues Lieblings-Spielzeug. Das seine Symbolkraft sogar in die nächste Generation trägt.


Nach „Magical Fuzzy Worm“ von Sofija Stefanovic
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Lagu ria“ von Azean Irdawaty


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Skript zur Sendung

Ich war fünf Jahre alt, als ich Belgrad verließ. Mein Vater hatte schon einige Wochen vorher unser Heimatland, das damals noch Jugoslawien hieß, verlassen. Auf uns alle wartete unsere neue Heimat in Australien.

Also standen meine Mutter und ich und meine neu geborene kleine Schwester am Flughafen, um auch nach Australien zu fliegen. Unser Flug sollte sehr lange dauern und wir würden einen Zwischenstopp in Singapur machen, um zu tanken.

Meine Großmutter war mit uns gekommen, um sich zu verabschieden. Sie nahm mein kleines Gesicht zwischen ihre alten Hände und sagte Lebewohl.

„Wir werden uns wohl nie mehr wiedersehen…“ sagte sie zu mir.

Und als sie dann sah, wie mein Gesicht sich verkrampfte, ahnte sie, dass ich gleich losheulen würde. Um mich also schnell zu beruhigen, erklärte sie schnell noch:

„Aber das ist nur, weil ich schon sehr alt bin und bald sterben werde!“

Schöner Trost

Ich kannte den Flughafen schon. Das letzte Mal, als wir hier waren, war das unter sehr viel schöneren Vorzeichen. Denn wir flogen nach Kroatien in den Urlaub.

Mittlerweile hatte sich die politische Situation radikal verändert und die Erwachsenen waren sehr besorgt. Zwischen der Republik Serbien und der Republik Kroatien herrschte große Spannung. Mein Vater meinte, es würde unvermeidlich zu einem Krieg kommen.

Statt also jetzt mit ein paar Sachen in einem Koffer eine Stunde in den Urlaub zu fliegen, stand uns jetzt ein Flug von 30 Stunden bevor. Und zu Hause war alles, was wir hatten, verpackt oder verschenkt.

Im Flugzeug war ich sehr traurig und weinte ohne Unterbrechung. Nicht nur, weil Großmutter bald sterben würde, sondern, weil ich mein Leben in Belgrad eigentlich recht lieb gewonnen hatte.

Ich mochte den kleinen Sport- und Spielplatz inmitten unserer Wohnhäuser, wo ich mich immer mit meinen Freunden zum Spielen traf.

Oder den Geruch von Belgrad im Winter, eine Mischung aus Schnee und Zigaretten und Esskastanien.

Und ich mochte schlicht die Tatsache, dass alle unsere Freunde und die ganze Familie da lebten. Natürlich war ich verängstigt, dass alles hinter mir zu lassen und zu einem völlig anderen Ort zu reisen!

Also war ich für die erste Hälfte der Reise hauptsächlich damit beschäftigt, zu heulen wie ein Seehundbaby und meine Mutter am Ärmel zu ziehen, damit sie mich tröstet.

Während diese versuchte, meine kleine Schwester zum Schlafen zu bringen. Und in regelmäßigen Abständen musste ich, um alles noch dramatischer zu machen, auch noch kotzen.

Doch irgendwann schaffte es der Flieger trotz meiner Seelennot doch nach Singapur und wir schlurften alle drei, ziemlich erledigt, aus dem Flugzeug. Wir liefen durch einen großen Tunnel, in dem es wegen der Klima-Anlagen recht kühl war und waren plötzlich – mit einem Schlag – auf dem Flughafen in Singapur!

In diesem Moment sollte sich mein Leben auf einmal komplett von den Füßen auf den Kopf stellen.

Meine ersten fünf Jahre lebte ich in Jugoslawien. Einem sozialistischen Staat. Und: Da gibt’s nichts daran zu rütteln, ich habe es geliebt!

Aber das lag natürlich daran, dass ich noch nie in meinem Leben im Flughafen Singapurs gewesen war!

Für mich, als Fünfjährige, war das Erlebnis überwältigend! Willkommen im Kapitalismus! Sofort begriff ich, dass mein Leben bisher irgendwie nur grau und bedrückend war. Und dass das hier wohl der schönste Platz auf der Welt sein musste!

Mit einem Schlag hatte ich meine Freunde und den Winter in Belgrad und die Esskastanien und meine sterbende Großmutter vergessen. Einfach, um genug Platz in meinem Herz zu haben, um alles hier überhaupt wahrzunehmen.

Meine Mutter sagte: „Das ist hier sauber wie in einer Apotheke!“. Was eine serbische Redensart ist für Plätze, die sehr, sehr sauber sind.

Und ich musste ihr völlig recht geben. Das Gefühl war, als wären wir auf einmal in einem dieser Disney-Filme, die mir mein Vater immer auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte.

Und dann meinte meine Mutter noch: „Der Boden ist so sauber, man könnte glatt davon essen!“.

Und auch da musste ich ihr recht geben. Tatsächlich sollten wir genau das wirklich tun! Ich wollte mich am liebsten auf den Boden legen und die herrlich sauberen Fliesen entlangrobben. Oder in einen der vielen gläsernen Aufzüge springen und den ganzen Tag rauf und runter fahren. Und dabei singen und tanzen vor Freude! Zu der himmlischen Musik, die überall aus den Lautsprechern kam!

Eigentümlich eigentlich, dass nicht alle anderen so staunten und begeistert waren wie wir, oder?

Und dann meinte meine Mutter: „Schau! All‘ diese kleinen Plantagen!“ Und richtig, alle paar Meter waren riesige Tröge, aus denen die wundersamsten Blumen wuchsen. In Formen und Farben, die ich noch nie gesehen hatte!

Mir wurde klar, dass die Welt sehr, sehr groß war. Und sehr, sehr bunt. Und dass es viel zu sehen gab. Und auch viel zu riechen außer Esskastanien. Alles roch nach Parfum!

Ich ahmte meine Mutter nach, als diese Frau kam in einer Uniform und ich hielt auch mein Handgelenk hin und die Frau spritzte auch uns ein bisschen Parfum auf den Arm!

Irgendwie war ich wohl die letzten fünf Jahre in einer kleinen, grauen Ecke dieses Planeten eingesperrt gewesen.

Hier spazierten wir also an den großen Glasscheiben vorbei, die zu den Shops gehörten, wo lauter bunte Sachen zum Anziehen ausgestellt waren – auf Plastikmenschen drapiert. Und überall waren riesige Fernseher, größer als alle Fernseher, die ich je gesehen hatte, und darauf konnte man all‘ die Dinge sehen, die man kaufen kann!

Da gab es Anzeigen für Kleidung, für Videorekorder, für Fernseher, für Schuhe und dann auch noch ein Werbeclip, der mich erstarren ließ.

Da waren lauter Kinder in meinem Alter und die lachten und freuten sich. Und um die Kinder herum und auf den Kindern krabbelten diese kunterbunten kleinen, lustigen Würmer!

Die sahen so wunderschön aus mit ihrer spitzen Schnauze und ihren großen Kugelaugen und mit ihrem pinkfarbenen Fell – das war das Unglaublichste, was ich je in meinem Leben gesehen hatte! Ich war wie hypnotisiert.

Das machte meine Mutter sofort zu einer Überläuferin zum Kapitalismus! Sie stürmte mit mir zu einer der Wechselstuben, legte alle unsere jugoslawischen Dinare auf die Theke, grabschte den kleinen Stapel Dollars, lief in das nächste Spielwarengeschäft und kaufte mir sofort so einen Wurm!

Das war ein Bruch mit allem, was ich kannte. Wäre mein Vater da gewesen, dann hätten die beiden erst einmal diskutiert. Und er hätte angefangen, über Geld zu reden, nicht ohne zu erwähnen, dass wir keines hatten. Und dass das Land, in das wir ziehen, sehr, sehr teuer ist.

Aber meine Mutter hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als sie das Preisschild angekuckt hat. Sie hat, ohne zu zögern, einfach dieses Spielzeug für mich gekauft!

Als wir wieder im Flugzeug sitzen, da zittere ich vor Aufregung, endlich meinen magischen Wurm auspacken zu können. Großmutter, Belgrad, Esskastanien, das liegt alles in der Vergangenheit – jetzt gab es nur mich und meinen magischen Wurm!

Als wir endlich in der Luft sind, da darf ich ihn endlich auspacken. Er steckt in einer kleinen Röhre aus durchsichtigem Plastik. Zusammen gerollt. Vorsichtig mache ich den Deckel ab und stecke erst einmal einen Finger rein. Das Fell, das ist sooo weich. Das ist mit Sicherheit das Weicheste, was ich jemals gespürt habe!

Ganz zart flüstere ich eines der drei englischen Wörter, die ich kenne. Ich sage also zu meinem Wurm: „Girl! Girl! Girl!“ Aber nichts passiert!

Na ja, meine Mutter schaut mich ein bisschen komisch an. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt sie mich wohl für intelligent. Sie erklärt mir, dass der Wurm kein richtiges Lebewesen ist, sondern nur ein Spielzeug und dass er an diesem beinahe unsichtbaren Faden hängt und deswegen so wirkt, als würde er selber herumkrabbeln.

Nach der ersten Enttäuschung spiele ich aber in meiner Verzweiflung weiter mit dem Wurm herum und bald bewegt er sich tatsächlich ein bisschen wie in der Fernsehwerbung.

Ein kleiner Junge, der in einer der Reihen neben uns sitzt, beginnt auf jeden Fall mir zuzukucken. Ich halte meine Arme hin zu ihm und lasse meinen Wurm darauf krabbeln. Der Kleine ist angemessen fasziniert, um das so auszudrücken.

Ich bin sehr zufrieden! Ich denke mir: Wenn ich einfach immer meinen magischen Wurm in der Tasche habe, dann werden mich die Kinder in Australien wahrscheinlich alle lieben!

Ich male mir aus, wie ich in diesem Klassenzimmer bin, in Australien. Und die anderen Kinder flüstern sich zu: „Wow! Hast Du schon dieses neue, magische Mädchen gesehen?“

Lässig stehe ich da, mit meinem magischen Wurm. Das neue, magische Mädchen, das bin ich.

Im Flugzeug übe ich also meine drei englischen Wörter schon einmal. Also: „Girl“ und „Hello“ und „Tomorrow“. Immer wieder. Um mich angemessen auf meinen Erfolg in Australien vorzubereiten. Das ist also der Anfang meines neuen Lebens. Nicht schlecht, oder? Das ist doch ein guter Anfang!

Meine Mutter schaut mir zu und legt einen Arm um mich. Sie hat aus irgendeinem Grund eine Träne im Auge. Und sie schaut aus dem Fenster. Während das Flugzeug uns immer weiter und weiter von dem alten Zuhause wegträgt.

Schnitt. Heute.

Mittlerweile lebe ich in New York. Und bin schwanger. Das bedeutet eine ganz neue Konsum-Erfahrung. Denn von links und rechts stürmen die ganze Zeit Kaufempfehlungen auf mich ein und ich bekomme ein bisschen die Panik.

Denn ich werde wahrscheinlich eine wirklich lausige Mutter. Einfach, weil ich ausgerechnet diese Maschine, mit der man die Feuchttücher auf Baby-Po-Temperatur vorwärmt, nicht gekauft habe. Oder dieses Spielzeug-Handy mit den pinken Elefanten drauf, die in Französisch singen können…

Wie ich so überlege, da erinnere ich mich wieder an DAS beste Spielzeug, das ich jemals hatte! Dieser magische Wurm von damals! Ob’s den noch gibt? Also google ich sofort nach „Magischer Wurm“ und – plopp – da ist er!

SFX: Magic Worm

Aber da stimmt doch irgendwas nicht! Mein „Girl“, das war doch das wunderbarste Wesen, das es gab? Doch auf diesen Bildern, in diesen Videos, da schauen diese magischen Würmer billig aus und trashig!

Wie ein Stück Kunstfell mit einem Pfeifenreiniger vorne dran, auf das jemand lieblos Augen aus Papier geklebt hat. Aber so, dass der Kleber links und rechts noch gut zu sehen ist!

In meiner Panik weiß ich mir nicht mehr zu helfen und rufe sofort meine Mutter in Australien an, obwohl es dort mitten in der Nacht ist. Aber, also DAS ist ja nun wirklich ein Notfall!

„Hallo, Mamma! Du, kannst Du Dich noch an diesen tollen magischen Wurm erinnern, den Du mir in Singapur gekauft hast?“

„Natürlich kann ich mich erinnern!“

„Ich habe den gerade gegoogelt und ich kann einfach nicht glauben, wie billig und doof der aussieht! Wie kann ich so etwas nur so geliebt haben?“

Meine Stimme zittert an dieser Stelle, weil es mich wirklich berührt, wie ich etwas so Billiges so lieben konnte. Ich fühle mich innerlich betrogen um eine wichtige Kindheitserinnerung.

Meine Mutter merkt das und es entsteht eine lange Schweigepause. Dann sagt sie:
„Das ist völlig unmöglich! DER Wurm, den wir in Singapur gekauft haben, der war unglaublich schön! Du musst aus Versehen ein völlig anderes Spielzeug erwischt haben!“

Und das bringt mich Schwangere zum Nachdenken. Und ich denke zurück an diesen Flug. Wo ich, bis Singapur nur geheult und gekotzt habe.

Das war auch für meine Mutter eine Reise ins Ungewisse. Auch meine Mutter ließ eine ganze Welt hinter sich. Und meine Großmutter, die ja ihre Mutter war. Und alle Freunde.

Um auf die andere Seite der Welt zu fliegen, in ein Land, das sie nicht kannte. Wo die Leute eine Sprache sprachen, die sie nicht verstand.

Und dabei die ganze Zeit mich in der Hand und meine kleine Schwester im Arm.

Trotzdem wurde sie nicht panisch, sondern sie stand das durch. Und sie war da für meine Schwester und mich. Und schenkte mir – zur Ablenkung – das schönste Spielzeug, dass ich je besessen habe.

Und… (Pause)

Selbst jetzt, Jahrzehnte später, rufe ich sie mitten in der Nacht an, weil ich panisch bin und sie hält für mich an dem gemeinsamen Mythos „Magischer Wurm“ fest. Hält an der Magie fest. An der Magie, die sie mir geschenkt hat. Um mich zu beschützen.

Und ich sehe uns drei auf einmal, wie wir in Australien angekommen sind. Meine junge Mutter mit mir an der Hand und mit meiner Schwester auf dem Arm. Und ich mit dem magischen Wurm.

Es ist vielleicht nicht überraschend, aber der Wurm hat auf meine Klassenkameraden keinerlei bleibenden Eindruck gemacht. Ich wurde nicht wirklich von allen sofort geliebt und ich war nicht das neue „magische Mädchen“.

Und sie haben mich gehänselt. Denn mit „Girl“ und „Hello“ und „Tomorrow“ konnte ich einfach nicht genug Englisch. Und ich wurde „Doofkopp“ genannt und „Blödi“ und so weiter und so fort…

Ich weiß, dass ich das Kind in meinem Bauch nicht vor der Welt beschützen kann. Wahrscheinlich wird es auch gehänselt werden. Vielleicht nicht wegen seines Englischs, aber vielleicht für seine Riesennase, wenn’s nach mir kommt oder für seine Riesenohren, wenn’s nach meinem Mann kommt.

Und natürlich gibt’s noch einige andere Sachen zu lernen über diese Welt, die sogar noch schlimmer sind.

Aber was ich anbieten kann, ist vielleicht ein bisschen Beschützt-Sein. So wie die Magie, die meine Mutter mir geschenkt hat. Die Magie, die die Welt als wundervollen, herrlichen Ort erkennt und bewundert und nicht als grau oder bedrückend.

Und das funktioniert! Es funktioniert!

Denn, wie ich gerade gelernt habe, gibt es da eine Stelle in meinem erwachsenen Herzen, wo dieser magische Wurm immer noch das wunderschönste und herrlichste Spielzeug ist, dass es überhaupt gibt!