Märchen von heute



Als Kind saß Herr Wunderlich viel alleine in seinem Zimmer und hörte Märchenplatten, bis er sie auswendig konnte. Darum erzählt er auch heute immer noch gerne Märchen.

Zum Beispiel diese Geschichte, die von einer alten, weisen Königin handelt, die ihr Reich lange Zeit ohne Kriege und Konflikte führte. Und die zurück blickt…

…auf ihr Land in der gegenwärtigen Zeit und auf ihre Familie und ihre Träume und, und, und… Na ja. Immerhin haben wir die richtige Märchenmusik im Hintergrund!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Royalty“ von m2X / CC BY-NC-SA 3.0
Background I: How i play Mads Eriksen`s version of Morning Mood
Background II: PaceMakerz – Morning Mood (Original Mix)


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Skript zur Sendung

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da lebte in einem Land, gar nicht allzu weit von hier, eine alte, weise Königin. Sie lebte in einem wunderschönen Schloss, aber war trotzdem bescheiden geblieben. Ihre Untertanen liebten ihre kleine Königin sehr. Und die Königin liebte ihre kleinen Hunde und sie liebte auch Schokolade. Aber, weil sie ja weise war, aß sie nie so viel von ihrer Schokolade, dass sie daran erkranken würde.

Manchmal, wenn sie einen sonnigen Sommertag in ihrem kleinen, kalten Land hinter sich hatte und allen ihren Pferden und allen ihren Hunden und allen Schwänen auf den königlichen Gewässern einen Besuch abgestattet hatte und ihnen den königlichen Befehl erteilt hatte, glücklich zu sein…

Manchmal, an solchen Abenden, da blickte sie auf die untergehende Sonne, atmete tief durch und ein kleiner Seufzer des Glücks entfuhr der kleinen, alten, weisen Königin.

Auch wir, die wir nicht in ihrem kleinen, kalten Land leben, denken gerne an diese Königin, deren Regentschaft länger war, als die aller Könige oder Königinnen vor ihr.

Und weil die Königin selber in einem schrecklichen Krieg groß geworden war, hatte ihr Land zu Ihrer Lebzeit mit allen Nachbarländern den Frieden bewahrt.

In unseren unruhigen Zeiten tut es gut, zu wissen, dass sich einige Dinge nicht dem Rausch der Moderne anpassen und wie die kleine Königin – unverrückbar – ihren warmen, hellen Platz in unserer Seele bewahren.

So richten wir unsere Augen auf die kleine, alte, weise Königin und wissen: Wenn Sie nicht gestorben ist, dann lebt sie auch noch heute!

FA: Wie? Und das war’s schon? Soll das irgendwie ein Rekordversuch sein? Die kürzeste Sendung des morgenradios? Und gleichzeitig die langweiligste? So kannst Du die Geschichte nicht beenden. Das ist hier ja nicht das Märchenradio. Gibt’s nicht noch ‚was zu erzählen zu Deiner kleinen, dicken Königin? Hat die zum Beispiel keinen Mann?

HW: Na gut. Vielleicht hast Du recht. Warte kurz…

HW: Es war einmal vor langer, langer Zeit, als das Land der kleinen, alten, weisen Königin den Krieg gewonnen hatte, da war sie noch keine Königin. Und auch nicht alt. Sondern wunderhübsch.

Da traf sie einen stattlichen Mann, der aus dem fernen Griechenland stammte und mit seiner Familie auf der Flucht war, seit er ein Baby war. Er war hochgewachsen und stattlich und wurde zu einem bewunderten Helden… geachtetem Vorgesetzten…. beachteten….

…und wurde zu einem Soldaten, dem niemand nachsagen konnte, gegen seinen Feind grausam geworden zu sein!

So heiratete die kleine, alte Königin, als sie noch jung und wunderhübsch war, den stattlichen Mann aus Griechenland und die beiden waren fürderhin ein Paar.

Manchmal, wenn er einen sonnigen Herbsttag in dem kleinen, kalten Land hinter sich hatte und alle Menschen anderer Hautfarbe beleidigt hatte, da blickte er auf die untergehende Sonne, atmete tief durch und wünschte sich ein Bier. Egal welches.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.

So. Besser?

FA: Wieso soll das denn besser sein? Das ist doch keine Geschichte! Du erzählst nur von einer kleinen, dicken Königin und ihrem komischen Mann! Das interessiert doch keinen! Und, wenn die schon so alt sind, haben die denn Kinder?

HW: Oh je. Bist Du Dir sicher, dass Du das wissen willst? Und unsere Hörenden auch?

FA: Natürlich! Hey, die haben schließlich dafür gezahlt, dass wir ihnen Geschichten erzählen!

HW: Na gut. Aber auf Deine Verantwortung!

HW: Und es begab sich, dass die alte, weise Königin und ihr stattlicher, intoleranter Mann auch mehrere Prinzen und Prinzessinen auf diese Welt brachten, die das kleine, kalte Land nach ihnen regieren und verwalten würden.

Drei kleine Prinzen und eine kleine Prinzessinen erfüllten bald die Gärten des Schlosses mit ihrem Gelächter und brachten alle Diener und Dienerinnen der alten, weisen Königin und ihres mürrischen Gatten zum Fluchen… Nein, nein! Ich meinte: Zum Schmunzeln.

Und als die Prinzen und die Prinzessinen selber zu erwachsenen Menschen wurden, da konnte man in ihnen die Eigenschaften der Eltern wieder erkennen: Die Prinzen waren alle genauso intelligent wie ihr Vater und die Prinzessin sah genauso aus wie die weise, alte Königin. Bloß halt immer schon 10 Jahre vorher.

Und so wuchsen die Kinder der Königin und des grantigen Griechen in den besten Schulen des Landes und der Nachbarländer auf und verbrachten ihre Tage fleißig und strebsam mit… Und machten und werkelten an…

Na gut. Keiner weiß genau, was die Kinder der alten, weisen Königin machen. Aber wir können davon ausgehen, dass sie manchmal, an sonnigen Wintertagen zurückblicken auf was immer sie auch gemacht haben und dass sie dann tief durchatmen und sich denken: Was habe ich heute eigentlich gemacht?

Und wenn die Prinzen und Prinzessinen nicht gestorben sind, dann ist die statistische Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass sie immer noch leben.

So. Jetzt ist aber genug!

FA: Herr Wunderlich, ich muss schon sehr bitten! Das ist doch eine Zumutung hier! Wie stellst Du Dir das denn vor? So kann doch niemand eine Beziehung zu diesen Figuren entwickeln! Was sind das für Menschen, diese Prinzen und diese Prinzessin? Haben die selber Kinder, nur als Beispiel!

HW: Du willst wirklich diese eigentlich harmlose Geschichte auf die Spitze treiben? Du bist aber ab jetzt verantwortlich für diese Sendung! Ich weise jede Schuld von mir!

HW: Und aus den Prinzen und der Prinzessin wurden auch irgendwann Erwachsene. Und die heirateten dann auch, weil es sich halt so gehört. Und weil das irgendwie toll ist, das mit dem Heiraten, da ließen sich einige der Prinzen und die Prinzessin halt scheiden, um wieder heiraten zu können, auch wenn die neuen Partner nicht so hübsch oder so schlau waren.

Und so lebten sie ihr Leben im Verborgenen, bis auch sie selber eigene Kinder hatten. Und bald erfüllten acht kleine Enkelchen das Schloss der alten Königin und ihres Trottels mit ihrem Geheul und Geschrei.

Und die Prinzen und Prinzessinen gaben den Zeitung ab und zu Interviews oder ließen sich filmen und sagten Dinge, die ihnen nachher wieder leid taten.

Denn scheinbar hatten sie von ihrem debilen Vater nur die Intelligenz und die abstehenden Ohren geerbt und von ihrer Mutter nur den sauertöpfischen Blick, denn sie hat, wenn wieder eines der Ur-Enkelchen auf das königliche Tafelsilber erbrochen hat.

So dumm und inkompetent waren die Kinder der Königin und ihres Idioten, dass diese niemals im Leben die Königskrone an ihren Nachwuchs überreicht hätten. Schon aus Angst, dass diese die dann vielleicht bei einer ihrer Affären aus Versehen verlegen.

Und so musste die Königin alt und weise werden, weil sie eigentlich keine andere Wahl hatte. Und darum hoffen alle Untertanen, dass die Königin einen neuen Altersrekord aufstellt, damit nicht ihr Sohn auf die Idee kommt, einen Krieg mit Holland vom Zaun zu brechen, bloß weil die ihre Tomaten nicht organisch anbauen.

Aber weil die Prinzen und die Prinzessin nicht gestorben sind, müssen wir uns noch eine Zeitlang mit denen rumschlagen!

So! Ende der Geschicht!

FA: Du weigerst Dich dickköpfig, hier eine Geschichte zu erzählen, oder? Sag‘ mal, was soll das denn werden hier? Ein Familienstammbaum? Das ist doch total unbefriedigend! Das will doch keiner hören! Irgendwie musst Du das in unser heutiges Leben übertragen. Die Hörenden müssen das igendwie mit ihren eigenen Erfahrungen in Einklang bringen, verstehst Du?

HW: Na gut. Du bist wirklich extrem dickköpfig! Eine letzte Runde erzähle ich noch, aber dann ist Schluss! Das hat alles so schön angefangen und jetzt muss ich wieder weiter erzählen, bis wieder einer weint! Aber, von mir aus!

HW: Es kam, wie es kommen musste. Auch die Enkelchen von der greisen Königin und ihrem Schwachkopf wurden erwachsen. Oder sagen wir, sie erreichten die Geschlechtsreife. Denn anscheinend haben sie Fortpflanzungsorgane, so wie Du oder ich, auch wenn ihnen wahrscheinlich keiner gesagt hat, was man damit so anstellen kann.

Denn bald hatten auch die Enkelchen wiederum Kinder. Die einen haben total mittelalterliche Namen, so wie Charles oder Lois oder Charlotte, die anderen heißen so, wie alle Kinder in allen Kindergärten in Europa. Mia, Lena oder Savannah zum Beispiel.

Das Land von der Königin hat beschlossen, den Nachbarn zwar nicht den Krieg zu erklären, aber mit denen auch nichts mehr zu tun haben zu wollen. Das finden zwar die meisten keine gute Idee, aber die in dem Land sind alle so dickköpfig wie ihre Königin und würden nie zugeben, dass das ein blöder Einfall war, selbst wenn sie für den Rest ihres Lebens vergammelte Fish’n’Chips aus Zeitungstüten fressen müssten!

Es weiß immer noch keiner genau, warum man eigentlich überhaupt noch so viele Prinzen und Prinzessinen hat, dass kaum einer mit dem Zählen nachkommt. Und es weiß immer noch keiner, was die genau so machen den ganzen Tag, wenn sie nicht gerade dabei sind, neue Nachkommen zu zeugen.

Mittlerweile ist sogar einigen Bürgern im Land der greisen Königin aufgefallen, dass die meisten Nachbarländer aufgehört haben, ihre Adeligen durchzufüttern, bloß weil keiner einen Plan hat, wohin man so eine Krone denn sonst hinstellen könnte, außer auf den Kopf von jemand aus dem europäischen Adel, wo irgendwie jeder mit jedem seit Jahrhunderten verwandt ist und wo immer die Cousins und Cousinen miteinander poppen, was erklären könnte, dass die meisten da oben nicht viel in der Birne haben.

Schon haben die ersten den Plan entwickelt, die königlichen Gärten in Äcker umzuwandeln, wahrscheinlich um da Fish’n’Chips anzubauen, falls das mit dem Brexit nach jahrelangen Ankündigungen doch irgendwie überraschend kommt.

Auch könnte man die ganzen Burgen und Schlösser ja auch prima in Luxus-Immobilien für Spekulanten und Banker und Börsenmakler umwandeln. Denn das sind die einzigen im kalten Land der Königin, die irgendwie überhaupt noch Kohle verdienen.

Denn eigentlich weiß auch keiner genau, was die Untertanen so machen werden in der Zukunft, wenn die Nachbarländer ihnen ihre Fish’n’Chips nicht mehr abkaufen. Aber das haben sie dann mit ihren Herrschern wenigstens gemein.

Und so kommt es, dass die greise Königin manchmal abends mit ihrem Rollator vor den königlichen Gewässern steht und sich fragt, warum eigentlich alle Schwäne des Königreichs per Gesetz ihr persönlich gehören und ob das ein böser Witz von irgendeinem Demokraten war.

Neben ihr, im Rollstuhl sitzt ihr seniler Mann und hat sich vor Lachen in die Windel gemacht, als ihm sein Pfleger einen rassistischen Witz erzählt hat, der irgendwas mit den Leuten zu tun hat, die ihn auf irgendeiner Insel aus Versehen als Messias verehren.

Die Prinzen und die Prinzessin stehen neben ihr und helfen sich gegenseitig, die königlichen Rentenbescheide zu verstehen, denn eigentlich wissen sie selber nicht, womit sie eigentlich eine Rente überhaupt verdient haben. Genauso wenig wie das sonst einer weiß…

Die Enkelchen der Prinzen und Prinzessinen stehen daneben und feilen weiter an ihren Fluchtplänen, damit sie endlich in Ruhe einen saufen gehen können und in ihren SS-Verkleidungen an Fasching Hitlergrüße machen können, ohne dass das am nächsten Tag in dem Schmierblatt steht, dass die Briten aus Witz – die sind ja sooo witzig, die Briten – eine Zeitung nennen, dass aber eigentlich nur die Funktion hat, dass man daraus Tüten für Fish’n’Chips machen kann.

Und da stehen die alle und die Sonne ist schon lange untergegangen und es nieselt mal wieder, wie an 360 von 365 Tagen in dem kalten Land und es ist nichts zu hören, außer das debile Kichern vom Prinzgemahl und plötzlich sagen alle, selbst die greise alte Königin, wie aus einem Mund: What the fuck…

Ende! Aus! Mic drop! Ich gehe!

FA: Halt! Bleib‘ sofort stehen! Das ist eine bodenlose Frechheit, hier so eine Arbeit abzuliefern! Wer bist Du denn? Mr. Sarcastic-Bombastic? Wir sind hier, um den Leuten am Morgen etwas Positives mitzugeben! Was weißt denn Du, was die beruflich so machen, unsere Hörenden? Vielleicht haben wir eine Hörerin, die Fish’n’Chips macht! Oder einen Hörer, der Aschenbecher mit der Royal-Family drauf herstellt!

Du musst denen schon etwas mitgeben, woran sie sich festhalten können! Irgend etwas Gutes muss die Geschichte doch haben!

HW: Pfft. Lass‘ mich nachdenken… Ich weiß ehrlich nicht…

FA: Nun, komm schon! Irgendwas!

HW: Hmm. Die Corgis! Die Corgis von der Queen, die sind ganz nett!

FA: Stimmt! Genau! Die Corgis! Siehste? Geht doch, wenn man will!