„Luftschätzchen“ Elly Beinhorn


Das Geheimnis für ein langes Leben? Ein Pilotenschein, eigene Flugzeuge, mehrere Abstürze, Hungermärsche durch die Wüste, Berühmtheit, Ruhm, ein Weltumflug, ein Krieg und zwei Kinder.

Hat auf jeden Fall bei Elly Beinhorn so ganz gut funktioniert. Die Pilotin, die zwischen den Kriegen eine Berühmtheit in Deutschland war, wurde immerhin 100 Jahre alt.

Mittlerweile ist ihr Stern ein bisschen gesunken. Dabei ist es noch nicht einmal neunzig Jahre her, als sie zum ersten Mal ein Flugzeug vom Boden abheben ließ.

Wir widmen der Fliegerin heute unseren kleinen Rückblick auf das „Luftschätzchen“, das in Wirklichkeit eine mit allen Wassern gewaschene Abenteurerin war.


Download der Episode hier.
Musik: „Fly“ von Kunal Datta / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Ganz im Westen Berlins, so gerade noch eben in Spandau, da gab es bis 1948 einen kleinen Flughafen. Der hieß Staaken. Hier bildete die „Deutsche Luftfahrt GmbH“ ihre Piloten aus. Oder Zivilisten, die Piloten werden wollten.

Wernher von Braun hat hier z.B. seinen Pilotenschein gemacht. Das war der Mann, der erst für die Nazis und dann für die USA Raketen baute. Über vierzig Jahre, nachdem er hier zum ersten Mal einen Steuerknüppel in der Hand hielt, sprang dann Neil Armstrong auf der Mondoberfläche herum.

Von Brauns Fluglehrer war der erfahrene Otto Thomsen, und Ellys Fluglehrer war er auch. Aber, was heißt schon erfahren? Hat sich Elly Beinhorn vielleicht gefragt, als sie da in ihrer „Klemm L20“ saß. Vorne vor Thomsen – und vor sich nur die Startbahn und den Steuerknüppel zwischen den Beinen.

Die Klemm war ein bekanntes Flugzeug, Ernst Udet selber war mit einer auf der Zugspitze gelandet. Dieses Modell gab es schon seit fünf Jahren und es war durchaus erprobt. Wegen des Flugzeugs musste sie also keine Angst haben.

Die Maschine, in der sie da saß, war sieben Meter lang und hatte 13 Meter Spannweite. Das ganze Flugzeug war ein Holzgerüst, auf das man Leinwand gespannt hatte, die man mit Kunstharz härtete.

Nur 260 Kilo wog das Flugzeug ohne Pilot und konnte 100 km/h schnell fliegen. Und dabei bis zu 4000 Meter hoch. Und mit einer Tankfüllung 480 km weit. Angetrieben wurde der Propeller von einem Zweizylinder-Motor mit ganzen 20 PS Leistung. (kommt mir jetzt irgendwie nicht so viel vor)

Aber, alles bewährte Technik. Wenn man das wirklich über die Technik sagen konnte, die gerade einmal 25 Jahre alt war. Denn es war noch nicht einmal 25 Jahre her, als der Wright-Flyer in Kitty Hawk, North Carolina seinen ersten Hopser gemacht hatte.

Den ersten Flug einer Luftmaschine, die schwerer als Luft war und von einem Motor getrieben und von einem Piloten gesteuert wurde. Um es ganz genau zu nehmen: 59 Sekunden, 203 Meter. Und danach war die Maschine wegen der harten Landung fast kaputt. 17. Dezember 1903. Keine 25 Jahre.

Und jetzt war also Elly dran zu fliegen. Mit gerade einmal 21 Jahren, rechtzeitig noch volljährig geworden. Ohne jegliche Erfahrung natürlich. Nur mit Trockenübungen am Boden, wie man denn so ein Flugzeug steuert. Mit den Beinen bedient man das Seitenruder und mit dem Knüppel die Höhenruder.

Das funktioniert mechanisch. Die Steuerbewegung wird direkt, durch Drähte an die Ruder weitergeleitet. Klingt alles ganz einfach. Aber selber fliegen ist noch einmal ‚was anderes – denn ‚runter kommen sie immer. Das sagten Flieger schon damals.

So ganz sicher war sich die Elly in diesem Moment ja nicht, ob das eine gute Idee war. Von Beruf Pilotin zu werden. War ja eher ein Männerberuf. Da musste man bei einer Notlandung schon einmal selber Hand anlegen an die Maschine. Und Notlandungen gehörten zum Berufsbild. Frauen, die flogen gab es nicht. Fast nicht. „Luftschätzchen“ wurden die geschimpft. Unterrockflieger halt.

Aber seit diesem Vortrag von Herrmann Köhl war sie von dieser Idee besessen. Der hatte berichtet, wie er alleine den Nordatlantik überquert hatte. Genau wie vor einem halben Jahr die Emilia Earheart. Die hatte ja wohl bewiesen, dass Frauen durchaus auch fliegen können!

Sie musste das machen! Das Fliegen, das war das Erste, von dem sie sicher war, dass sie es wirklich wollte! Die Schule war ihr immer zu langweilig gewesen, die hatte sie ein Jahr vor dem Abitur geschmissen.

Bei Hagenbeck hatte man sie nicht für Tierexpeditionen gewollt und bei der UFA nicht für Filmexpeditionen. Diese Wege raus aus der Enge der Stadt Hannover und aus der Piefigkeit des elterlichen Hutgeschäfts blieben ihr verschlossen.

Und dann war da eben dieser Vortrag. Und diese Vorstellung, einfach loszufliegen. Von der Erde abzuheben und hinfliegen zu können, wo man will. Das war eindeutig der richtige Weg für sie!

Ihre Eltern waren komplett aus dem Häuschen! Da war ihre einzige Tocher noch nicht einmal volljährig und nun wollte sie den denkbar gefährlichsten Beruf ergreifen, den man sich nur vorstellen kann! Und das als Frau!

Ellys Mama heulte tagelang durch, so enttäuscht war sie von ihrer Tochter. Die war doch noch ein Kind! Und jetzt wollte sie nach Berlin ziehen und Kunstfliegerin werden! Ganz sicher nahm das ein übles Ende!

Ellys Papa heulte zwar nicht, aber machte sich ernsthaft Sorgen um seine leidenschaftliche Tochter. Ob sie vielleicht einmal darüber nachdenken könnte, vorher noch einen Nervenarzt aufzusuchen? Denn sichtlich war sie ja geistig naja, nicht ganz gesund.

Also nimmt Elly ihr ganzes Erspartes, flieht von Hannover und ihren Eltern, zieht nach Spandau und zahlt die Gebühr für den Pilotenschein im voraus. Ganze 2000 Mark immerhin. (sehr großes Geld damals)

So… So war das. Deswegen sitzt sie jetzt in dieser Kiste und der Propeller weht ihr die nasskalte Novemberluft direkt ins Gesicht. Sie gibt Gas, die Maschine wackelt los und sie rollt auf die Startbahn. Jetzt heißt es nur noch Vollgas geben und rechtzeitig den Knüppel zu sich zu reißen.

Und dann war die Klemm plötzlich in der Luft. Vor ihr, auf einem dreieckigen Stück Holz hatte sie drei Instrumente. Eines für die Fluggeschwindigkeit, einen Höhenmesser und einen Drehzahlmesser. Über dem Dreieck drehte sich ein Kompass in einer Wasserkugel.

Dieser allererste Flug verging zu schnell. So aufgeregt war Elly, dass sie ziemlich unbeeindruckt wieder landete. Alle entscheidenden Manöver hatte der Fluglehrer hinter ihr erledigt. Das war nicht die große Freiheit, die sie erträumt hatte. Vielleicht hatten ihre Eltern doch recht gehabt…

Aber zum Aufgeben ist es natürlich zu spät. Also fliegt sie weiter jeden Tag und schon nach nicht einmal drei Wochen zum ersten Mal alleine. Nur sie, die Welt und die Klemm. Sie schreibt, sie hatte das Glücksgefühl, dass ihr das Tor zu einer neuen, geschenkten Welt geöffnet worden war.

Jetzt war es eindeutig. Elly Beinhorn würde eine Fliegerin werden. Sie würde mit dem Fliegen ihr Geld verdienen. Auch wenn es ihr als Frau verboten war, Passagiere zu fliegen. Es gab sicher andere Wege. Und die würde sie finden.

Und die fand Elly dann auch. Ein halbes Jahr nach dem ersten Flug hatte sie eine Pilotenlizenz. Dann kam noch ein Kunstflugschein, eine Lizenz für den Blindflug und eine für den Seeflug hinzu.

Jetzt brauchte sie nur noch eine schnittige Maschine und schon könnte sie auf Flugschauen ihr eigenes Geld verdienen. Und so kaufte sie sich eine nagelneue Messerschmitt M23. Auf Raten. Auf viele, viele Raten.

Denn ein bisschen mehr Power als ihre Klemm brauchte sie schon. 100 PS sollten auf jeden Fall drin sein!

Ihre Spezialität sollte der Aussenloop werden – das flogen nur ganz wenige. Und für den brauchte man vor allem eines: Geschwindigkeit. Schließlich flog man auf dem tiefsten Punkt des Loopings kopfüber, da musste alles ganz genau passen.

Wenn einem ein Innenloop ein paar Meter zu groß gerät, dann macht das gar nichts. Ist ja nur der Himmel über einem. Bei einem Aussenloop endete das aber mit der Nase in der Erde. Das meinte auch dieser angeheiterte alte Flieger zu ihr:

„Na, Kleine, hast du dir da nicht etwas viel vorgenommen mit deinem Kunstflugprogramm? Ich habe dein Programm drinnen bei der Flugleitung gesehen. Pass auf, dass du nicht auf den Pinsel fällst. Das hat das Publikum zwar gern – aber für einen selbst ist das eine unangenehme Angelegenheit.“

Dieser erfahrene Flieger war Ernst Udet. Der Flieger schlechthin. Bei seinen Flugschauen hob er mit der Spitze einer Tragfläche ein Taschentuch vom Boden auf. Und jetzt engagierte er die wagemutige junge Frau für seine Zirkustruppe.

Damit hatte Elly einen sicheren Job und nicht einmal ein schlechtes Einkommen. Und es war nicht so, dass ihr das Wanderleben mit den ganzen anderen Piloten keinen Spass gemacht hätte. Besser als für Mama und Papa in Hannover Hüte verkaufen war es allemal.

Aber… na ja… Die große weite Welt war das noch nicht!

Da klingelte auf dem Flugplatz das Telefon. Und es war für sie. Am Apparat war ihr alter Fluglehrer, der Otto. „Du, Elly, ich hätte vielleicht eine Aufgabe für Dich. Hier hat so ein stinkreicher Skandinavier angerufen. Der hätte gerne seinen Smoking morgen abend für die Oper.“

„Und? Was spricht dagegen?“
„Na ja, der Smoking wurde maßgeschneidert für ihn. Hier in Berlin.“
„Und was bedeutet das für mich?“
„Na ja, die Oper, die steht in Rom.“

Also schwang sich Elly in ihr Flugzeug und startete ihren ersten Auslandsflug. Sie brachte einen Smoking nach Berlin. Dabei musste sie in den Alpen notlanden, führte aber ihren Auftrag trotzdem fristgerecht durch.

Und erschien damals zum ersten Mal überall in der Presse. Verrückte neue Welt! Da kauft man einen Smoking in Berlin und am nächsten Abend hat man den in Rom. So klein war die Welt geworden. Halt eine echte Amazone die Elly…

Mit dieser kleinen Berühmtheit im Rücken konnte sich Elly in die nächsten Abenteuer stürzen. Und endlich in fremde Länder aufbrechen. „Gutes Kind, wenn du so weitermachst, wirst du in kürzester Zeit auf die Schnauze fallen. Schade um dich.“ Schickte ihr Udet zum Abschied noch hinterher.

Bittere Schlussworte. Elly war stinkesauer. Der wird schon sehen!

Nicht einmal ein Jahr später bricht sie zu ihrem Afrika-Abenteuer auf. Sie begleitete eine Expedition nach Afrika und war für die Luftaufnahmen zuständig.

Also startete sie am 4. Januar 1931 in Berlin. Ihr erstes Ziel war Cap Juby, ganz im Südwesten von Marokko. Sie hatte kein GPS, kein Smartphone, kein Radar, keinen Autopiloten, kein Nachtsichtgerät – sie hatte nicht einmal ein Funkgerät an Bord!

So war das richtig! So sollte das sein! Nur sie, ihr Flugzeug und die Welt unter den Flügeln. Sie hatte ja eine Wegbeschreibung dabei. Die lautete:

„Sie fliegen an der Küste entlang, über die Ausläufer des Antiatlas. Dann treffen Sie nach eineinhalb Flugstunden ein im Sand verlassenes Flugzeug. Nach einer weiteren Stunde kommen noch zwei Maschinen, von der einen Besatzung man nie wieder etwas gehört hat – und das erste Gebäude, das Sie nach ungefähr fünf Stunden sehen, das ist Cap Juby“

70 Stunden nach ihrem Start war sie vor Ort. Im Schwarzwald musste sie notlanden und sich erst einmal um die verrussten Zündkerzen sorgen. Aber ansonsten lief während der Expedition alles nach Plan.

Am 15. März verliess sie ihre Auftraggeber wieder, bevor die Regenzeit einsetzen würde.

Doch auf ihrem Rückflug nach Deutschland brach eine Ölleitung, der Motor begann zu überhitzen und zu qualmen wie ein Fabrikschlot. Sie stürzte ab! Nur ihrem fliegerischen Können ist es zu verdanken, dass aus dem Absturz eine Notlandung wurde. Mitten in einem Sumpfgebiet des Niger. Irgendwo zwischen Bamako und Timbuktu.

Da stand sie nun. Ein Stück Zunge hatte sie sich abgebissen. Zahlreiche Prellungen hatte sie auch abbekommen. Sie war nun wirklich ganz allein. Sie und die Welt. Und kein Flugzeug mehr dazwischen. Und kein Funk. Im Nirgendwo. So hatte sie sich das nicht ausgemalt.

Die Menschen vom Stamm der Songhai fanden Elly und gewährten ihr Unterschlupf. Aber eine Verständigung war nicht möglich. Also schickte man nach einem Dolmetscher. Nach drei Tagen tauchte der auch auf – sprach aber nur Französisch.

Er würde Elly nach Timbuktu führen. Und diese wollte sofort aufbrechen, auch wenn sie der Durchfall, den sie bei den Songhai aufgefangen hatte, sehr schwächte.

50 Tage sollte dieser Marsch dauern, bis sie endlich in Timbuktu eintraf. Dort schickte sie erst ein Telegramm an ihren ehemaligen Chef Ernst Udet. „Vorausgesagter Bruch hat planmäßig stattgefunden!“ telegrafierte sie ihm.

Das nächste Telegramm galt ihrem Sponsor – der B.Z. am Morgen. Und die freuten sich über die Schlagzeilen. „Die erfolgreiche Kunstfliegerin und Pilotin doch nicht tot!“ Aus dieser Geschichte konnte man schon eine Menge Schlagzeilen schinden.

Auf jeden Fall war Elly damit mit einem Schlag daheim eine Berühmtheit. Die berühmteste Fliegerin Deutschlands. Deutschlands Emmy Earheart.

Und bald darauf hieß es: Die erste Deutsche, die mit einem Flugzeug die ganze Erde umrundete. Dafür bekam sie einen schönen Pokal von Reichspräsident Hindenburg persönlich und 10.000 Reichsmark obendrauf.

Und um das Märchen für die Presse noch fantastischer zu machen, heiratete sie den schnellsten Mann Deutschlands. Denn Rennfahrer Bernd Rosenmeyer. Das war 1936 die Sensation des Sommers. So eine Art Dreamteam wie Angelina Jolie und Brad Pitt.

Danach zog sich Elly Beinhorn aus der Öffentlichkeit zurück.

Andere Zeiten waren angebrochen. Deutschland wollte seine Frauen lieber wieder am Herd als in der Luft. Und die ökologische Nische „Teufelsweib“ besetzte jetzt des Führers Lieblingspilotin Hanna Reitsch. Linientreu und folgsam.

Aber belassen wir unsere Geschichte heute einfach in diesem Zustand. Elly Beinhorn, Deutschlands bekannteste Pilotin. Berühmt, einigermaßen wohlhabend, glücklich verheiratet. Mit dem berühmtesten Rennfahrer.

Und lassen wir die Abenteuer zwischen Afrika und Hochzeit weg. Obwohl die noch haarsträubender waren.

Und auch die Abenteuer nach dem Krieg bis zum 28. November 2007. Hundert Jahre alt ist Elly geworden, auch wenn sie nach dem Krieg einfach nur Hausfrau und Mutter war.

Na ja. Das erzählt man manchmal so. Aber das stimmt nicht.

In Wirklichkeit holte sie sich nach dem Krieg ihren Pilotenschein wieder. In der Schweiz musste sie den machen – Deutsche bekamen den 1951 noch nicht wieder zurück.

Und erst mit 72 Jahren gab sie ihn dann endgültig ab. 5000 Flugstunden später. Alleine geflogen.

Wie auch sonst?

„Als Copilotin eines Mannes wollte ich nicht fliegen. Und, um mit mir zu fliegen, hatte kein Mann den Mumm.“