Lucky Day


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Manchmal fügen sich Bausteinchen, die rumliegen, beinahe wie von selber zu einer Geschichte. Da war die Erfahrung mit dem Autounfall und „Psycho Killer“ und dann die Erzählung von Tig Notaro.

Dazu noch ein oder zwei Esslöffel Erinnerung an THC-reichere Zeiten, abgeschmeckt mit Horror und einer feinen Prise Science Fiction: Fertig ist „Lucky Day!“


Frei nach Tig Notaro und „Three Friends Down
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Lucky Day“ von RogerThat / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Manchmal macht man seine Lieblings-Songs kaputt. So wie bei mir und „Lucky Day“. Ist einfach kaputt, klingt nach Rost und Leichen und Vermodern und Roboterbauteilen und Explosionen. Und ich selber habe den ehemaligen Lieblings-Song kaputt gemacht.

Das kennt, glaube ich, jeder. Das ist wie bei „Schatz, sie spielen unser Stück“. „Unser Stück“ ist im eigenen Gehirn-Regalsystem eingeordnet unter „Liebesartikel“. Und an dem Schnellhefter ist noch ein Zettel geheftet: „Zum ersten Mal – sagen wir einmal zum Beispiel – Gabi geküsst“. Und dazu noch ein Verweis – siehe auch „Mondschein“ und siehe auch „Fahrt auf der Fähre nach Rhodos“.

Tja. Nur so ein Beispiel. Und dann stellt sich aber vielleicht raus, dass Gabi ein Arschloch ist und sie lässt Dich wegen Deinem Drummer sitzen und die Katze nimmt sie auch noch mit. Dann kommt der Schnellhefter „Unser Stück“ im Gehirn-Regalsystem ins Fach „Tut zu weh.“ Und wenn man Glück hat, reißt das Gehirn vorher noch die angehefteten Zettel ab. Sonst ist „Mondschein“ gleich mit kaputt.

So ist das bei „Lucky Day“ bei mir. Ein Song, der von „Feel Good“ in das Extra-Regal für Horror gekommen ist. Und das kam so:

Es ist schon einige Jahre her, da war ich mit zwei meiner Kumpels auf einem Konzert. War irgendwo auf dem Land, irgendein Festival, es spielten da eine Reihe von Reggae-Bands. Und natürlich Hans Söllner. Reggae ist ja nicht so meines, aber die Stimmung war echt relaxed. Lag wahrscheinlich an den Joints, die den ganzen Abend die Runde machten.

Ich war auf jeden Fall am Ende derjenige, der am wenigstens high war. Und nachdem wir nicht auf dem matschigen Festivalgelände unsere Schlafsäcke ausrollen wollten, musste ich uns nach Hause fahren.

Charlie besorgte dafür an der Bude auf dem Festival genug Hot Dogs für den Hungerflash, den wir haben würden und Bernd noch ein paar Bier, so dass wir für die vier Stunden Fahrt gerüstet waren.

Klar, wenn wir erwischt würden, dann wäre ich meinen Führerschein los, aber wie sagten meine Freunde: „Das geht voll durch die Pampa, es ist zwei Uhr morgens, wir werden nicht einmal anderen Autos begegnen.“

Und so stapelten wir uns und unsere Vorräte in meine alte Rostlaube und die Fahrt ging los. Ich am Steuer, neben mir Hot-Dog-Charlie und hinter uns Augustiner-Bernd. Die erste halbe Stunde war die Fahrt sehr ruhig. Ich war damit beschäftigt zu fahren, dabei zu essen, während ein Bier zwischen meinen Beinen klemmte.

Charlie suchte mit seinen Ketchup- und Senffingern mittlerweile meine CD-Taschen durch. Dann stieß er auf eine Selbstgebrannte, auf die ich mit Edding „Feel Good“ geschrieben hatte. Also die 14 Songs, die ich im Sommer vor zwei Jahren rauf und runter gehört habe beim Autofahren.

Schon schiebt er die Scheibe ins Autoradio und meine Feel-Good-Musik ertönt. Der erste Song spielt, beide Passagiere plärren unisono: „Scheiße! Weiter!“. Der zweite Song läuft und es kommt die gleiche Reaktion.

Wenn man so richtig cool ist, dann sollte man sich nicht so gut fühlen, dass man Musik einfach „happy“ findet. Das geht bei meinen Freunden natürlich nicht. Das passt nicht zu den schwarzen T-Shirts mit den ironischen Sprüchen und den Doc Martins.

Meine persönliche Stimmung verdüsterte sich. Von wegen: „Feel Good“! Ich machte mich gerade zum Gespött mit meiner Musik. Und ich wusste, der nächste Song war noch schlimmer. Der hieß „Lucky Day“ und war von „Roger That“.

Aber seltsamerweise ertönte kein Aufschrei, als ein total generischer Drumcomputer-Beat ertönte. Dazu dann elektronisches Klatschen aus Apples Garage-Band und der unvermeidliche Millenial Whoop. Kennt ihr, oder? Ist in jedem Popsong seit Jahren!

Klingt so: SFX: Millenial Whoop

Mehr Beispiele erspare ich euch. Der Millenial Whoop war auf jeden Fall auch Teil von „Lucky Day“. Ich schämte mich schon einmal, bevor der Song überhaupt zu spielen begann.

SFX: Song

Und es dauerte auch keine 10 Sekunden, bis Bernd von hinten nöhlte:

„Oh, Mann, Wunderlich, Du hast echt den beschissensten Musikgeschmack auf dem Planeten! Das ist ja nicht auszuhalten! Nächster Song!“

Aber Charlie, die Backen voll mit seinem wahrscheinlich siebten Hot Dog, meinte: „Was singt der da? ‘Rabbit Foot?’ Was soll’n das bedeuten? Der ist total strange, der Song. Und der singt auch von Pot, oder?“

„Der singt, er braucht keine Kaninchenpfote und keinen Topf voller Gold, Mann!“

„Voll gut! Ich brauch’ auch keinen Topf voller Gold. Das ist ein Song gegen den Kommerz, Bernd, und Du checkst es nicht!“

„So ein Unsinn! Was haben denn Kaninchen mit Kommerz zu tun, Du Pfeife?“

„Warte, ich spiel’s noch einmal!“

„Oh, Mann! Du bist echt zu bekifft! ‘Der singt von Pot’ – Hey, meinst Du nicht im Ernst, oder?“

„Entspann’ Dich, Mann! Wenn Du genauer hinhörst ist der Song voll cool! Der weiß, wovon er singt, während Du nur einfach high bist und mies drauf!“

„Ich halt’s nicht aus!“

SFX: Song

Tja. Bernd kam nicht bis ans Autoradio, Charlie war am Drücker. Und so hörten wir den Song noch einmal. Und danach…

SFX: Song

Noch einmal. Und noch einmal. Beim vierten Mal fing Charlie an, laut mitzusingen.

SFX: Song

Beim fünften Mal groovte er schon mit und Bernd konnte nicht anders, er ließ sich einfach von der guten Laune anstecken. Und bald sangen alle beide laut mit. Um uns rabenschwarze Nacht, leichter Nebel, die Rehe grasen, die Kaninchen mümmeln vor sich hin. Kommt unsere hellerleuchtete Karikatur eines Autos daher, Innenbeleuchtung an, Rauchschwaden und drei Männer gröhlen: Lucky Day!

Charlie stellte den Song auf Auto-Repeat. Bald konnten wir den Text auswendig und kannten jede Stelle des Arrangements. Und während sich das Stück wahrscheinlich zum zwanzigsten Mal wiederholte, hatten wir schon eine komplette Choreographie.

Komplett synchron groovten wir zu dem Song und sangen laut mit. Alle drei total ausgelassen und überdreht. Wir tanzten im Sitzen und lachten und immer wieder fing der Song von vorne an. Die Laune ließ nicht nach – wir wurden nur besser und besser gelaunt.

Ich, der Hot-Dog-Charlie und der Augustiner-Bernd! Echte Kumpels. Wir waren gerade ein Herz und eine Seele. Und wir waren tatsächlich happy. Nicht nur happy, wir waren sogar glücklich.

Wenn wir nur immer so glücklich bleiben könnten, oder?

Und dieser Gedanke, dieses Fragezeichen am Schluss warf in meinem Gehirn einen Schalter um. Den Schalter für Extrem-Zeitlupe. Und dann spielte sich vor mir eine Szene ab:

Ein Reh läuft auf die Straße und ich reiße das Lenkrad um. Das Auto schlingert und rotiert, ich verliere jede Kontrolle. Wir rasen voll Karacho die Böschung runter und überschlagen uns.

Immer wieder und wieder überschlägt sich das Auto. Im Innenraum schweben die Bierflaschen und die Hot-Dogs und die Blutstropfen in Zeitlupe. Wie in Schwerelosigkeit! Wir fliegen auch durch’s Auto und schlagen immer wieder brutal auf. Wie Crash-Test-Dummies. Knochen brechen. Schädel brechen.

Dazu spielt das Autoradio: SFX: Song

Am Ende des Hügels rasen wir gegen einen Baum und das Auto bleibt stehen. Alles, was gerade noch durch das Auto geflogen ist, klatscht an die Windschutzscheibe. Wir liegen alle drei zerschlagen im Wrack – keiner kann sich mehr bewegen.

Der Song fängt von vorne an. SFX: Song

Wir sehen uns an und wissen: Wir werden sterben. Wir werden uns beim Sterben zusehen müssen, weil keiner von uns auch nur in der Lage ist, ein Wörtchen zu sprechen. Ich versuche mit letzter Anstrengung, irgendwie das Autoradio auszuschalten. Es klappt nicht.

Der Song fängt von vorne an. SFX: Song

Und dann springt die Szene in meinem Gehirn weiter. Ich sehe das Auto von außen, während der Schnee fällt und alles zudeckt. Die Büsche um uns herum werden begraben und auch das Auto. Aber die Szene ist nicht beschaulich oder kitschig.

Denn: Der Song fängt von vorne an. SFX: Song

Wie im Zeitraffer folgt auf den Winter der Frühling und der Sommer und der Herbst und wieder der Winter und immer noch liegt da das Auto und wir in dem Auto. Der Zyklus wird schneller und schneller, die Bäume neben uns wachsen im Zeitraffer, man kann ihnen zusehen.

Und immer wieder und wieder fängt der Song von vorne an. SFX: Song

Viele Jahre später ist das Auto eine Ruine, vom Rost zerfressen. Im Auto sitzen drei Skelette, immer noch in der Position, in der wir waren, nachdem wir gegen den Baum gerast sind.

Oben auf der Straße hält ein Auto an. Es schwebt über dem Grund. Ein Roboter in Polizeiuniform steigt aus. Seine ultrafeinen Akustikchips haben etwas Ungewöhnliches entdeckt.

Nämlich den Song. Der gerade wieder von vorne anfängt. SFX: Song

Er stakst auf seinen Metallbeinen zur Ruine des Autos und wirft einen Blick durch die Beifahrertür. Vorbei an den Überresten von drei jungen Männern, die für die Dauer einer Autofahrt kurz die besten Freunde waren.

Während er die Szene im Auto scannt – fängt der Song von vorne an!
SFX: Song

Er wendet seine Aufmerksamkeit dem Autoradio zu und seine künstlichen Finger wollen – endlich, nach all’ diesen Jahren – den verdammten Song ausmachen. Doch in dem Moment, als er den Knopf berührt, explodiert das Auto! Die Trümmer werden durch die Luft geschleudert – genau wie unsere Knochen und die Bestandteile des Roboterpolizisten.

Das Lenkrad landet als erstes auf dem Boden und hüpft ein paar Mal auf. Dann folgen alle Trümmer und unsere Knochen und die elektronischen Bauteile des Roboters. Ein, zwei Sekunden lang beruhigt sich die Szene. Dann schlägt das Autoradio auf. Die Anzeige blinkt kurz:

Und der Song fängt von vorne an! SFX: Song

Das Bild des Autoradios in den Trümmern blendet sich langsam aus. Mein Tagtraum ist vorbei. Mein Gehirn schaltet wieder um auf normale Betriebsgeschwindigkeit. Schnell drehe ich das Radio aus, so lange es noch geht.

Bernd und Charlie waren immer noch laut am Gröhlen, die Filmvorführung war exklusiv für mich. Sie motzen natürlich, aber ich schreie sie plötzlich an:

„Das Ding bleibt jetzt aus, bevor wir noch alle verrecken, verdammt!“

Für den Rest der Fahrt herrscht im Auto völlige Stille. Ich fahre hochkonzentriert, mein Blick starr auf die Straße fixiert. Wahrscheinlich fahren wir nicht mehr als dreißig. Meine Mitfahrer schauen mich immer wieder vorsichtig an. Ängstlich wäre die bessere Beschreibung.

Als wir in der Stadt ankommen ist es schon Mittag. Ich setze die beiden ab und parke vor meiner Wohnung. Dann nehme ich die CD aus dem Radio mit, zerbreche sie und werfe sie in den nächsten Papierkorb.

Diesen Song habe ich mir gründlich kaputt gemacht. Er ist jetzt in dem Gehirnregalfach: „Absoluter Horror“. Und ein Zettel hängt dran: „Nicht öffnen!“ Da steht er jetzt für immer.

Direkt neben „Der Exorzist“.

Oder der Kiste mit den Erinnerungen an Gabi.