Lotto muss weg!


Mein Mathelehrer in der Zwölften war leider nicht so richtig gut darin, mir Stochastik nahe zu bringen. Dabei wollte ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung wirklich gerne verstehen…

In einer Schulaufgabe mussten wir tatsächlich Lotto berechnen. Genauer: Die Gewinnwahrscheinlichkeit aus 49 Zahlen die sechs Richtigen vorher zu erraten. Habe ich versemmelt, weil ich nicht glauben wollte, dass meine Rechnung stimmt.

Lotto ist, wie damals auch, ein Glücksspiel, dessen Gewinner am Ende immer der Staat ist. Und statt mit den Erlösen etwas zum Beispiel gegen die Opfer von Glücksspiel zu unternehmen, verschwinden die Gewinne heimlich im Haushalt oder in Gehältern.

Lotto verteilt Geld von ganz unten nach oben und muss aus all diesen Gründen endlich weg!


Download der Sendung hier.
Musik: „Look for me among the missing“ von Barefoot McCoy / CC BY-NC 3.0


Skript zur Sendung

Wie es sich für eine anspruchsvolle Kultursendung gehört, fangen wir mir der Geschiche des Lotto-Spielens an. Denn schon die zarten Anfänge dieser Betrügerei sind politische.

Wir finden die erste Lotterie in Genua im ausgehenden Mittelalter. Die Genuesen waren reich und findig. Statt für ihr Regierungssystem kompliziert das Volk nach der Meinung zu fragen losten sie die Ratsmitglieder einfach aus.

Auf neunzig Zettel schrieb man die Namen der Kandidaten. Fünf Zettel wurden gezogen und schon waren die neuen Ratsmitglieder für das nächste Jahr gefunden. Das war schneller und genauso effizient wie Wahlen. Meinten die Genueser.

Um das noch effizienter zu machen, ersetzte man bald die Namen nur mit Ziffern. Da brauchte man jedes Jahr nur eine neue Liste und nicht neunzig neue Zettel.

Ein findiger Mensch mit Namen Benedetto Gentile hatte nun eine Idee. Wer ihm die Zusammensetzung des Rats vorhersagen konnte, bekam einen Haufen Geld. Er musste nur seinen Zettel abgeben und eine kleine Bearbeitungsgebühr zahlen und konnte dann – wenn er mit seinem Tipp richtig lag, einen großen Haufen Geld bezahlen.

Und so war das erste Lotto-Spiel geboren. 5 aus 90 sozusagen. Lotto ist das italienische Wort für Los und eine Lotterie ist das französische Wort für eine Lotto-Veranstaltung.

Bei unserem klassischen Lotto 6 aus 49 liegen die Gewinnchancen ja ungefähr 1 zu 15.537.573, wie jeder sicher schon einmal gehört hat. Das schreckt niemanden ab, komischerweise. Lasst es mich also deswegen anders ausdrücken: Die Wahrscheinlichkeit, dass am kommenden Samstag die Kombination 1,2,3,4,5,6 gewinnt, ist genauso hoch wie jede andere Kombination.

5 aus 90 aber, wie es in Genua gespielt wurde, hat eine Siegeswahrscheinlichkeit von eins zu 5.273.912.160 Ist nicht so richtig leicht zu berechnen, aber auch nicht superschwer – Abistoff Stochastik… war ich superschlecht drin, hat der Herr Wunderlich für mich gemacht!

Aber es dauerte eine geraume Zeit, bis aufmerksame Genueser das nachrechneten und zu dem Schluss kamen, dass eigentlich nur der Benedetto dabei gewann. Und das auch ohne jede Glücksfee, sondern mit 100% Garantie… (hoppala)

Am Anfang der Lotterie stand also die aktive Lotterie. Man muss sich seine Zahlen selber zusammensuchen. Bei einer passiven Lotterie entscheidet, um das zu vergleichen, die Losnummer. In der Regel hat man bei passiven Lotterien höhere Chancen, aber aktive ziehen mehr Menschen an.

Tatsächlich hat Lotto für Anfällige einen starken Suchtfaktor. Wir Menschen vertrauen ja in Wirklichkeit der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht und können, selbst bei schlechten Chancen, unsere komplette Existenz auf’s Spiel setzen.

Das haben wir schon bald begriffen und das Verbot von Glücksspielen ist so alt wie Glücksspiele selber. Und das heißt sehr alt, denn die ältesten Würfel zum Beispiel sind über 5000 Jahre alt.

So lange es Glücksspiele gibt, haben sich auch Menschen dabei zielsicher ruiniert. Und nachdem die dann der Gesamtheit auf der Tasche lagen, während der Glücks-Spiel-Betreiber sinnlos pervers reich wurden, musste man das regulieren.

Und so kämpft auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tapfer gegen das unmoralische Glücksspiel. Denn jeder dritte Deutsche lässt sich ab und an zum Glücksspiel verführen. Über 2,5 Milliarden Euro werden so illegal im Internet auf ausländischen Servern z.B. verzockt, da muss doch etwas getan werden!

Eine Studie der Forschungsstelle Glücksspiel schätzt die jährlichen Sozialkosten süchtiger Spieler in Deutschland auf 300 bis 600 Millionen Euro! Die Zocker liegen also uns allen auf der Tasche! Tu was, Merkel!

Doch wir können ganz beruhigt sein! Natürlich tut der Staat etwas! Keine Sorge! Schon immer haben die Fürsten und Könige nämlich dieses fiese Spiel mit dem Glück durchschaut. Und schon immer haben sie versucht, sich selber daran zu bereichern.

Und so auch unser Staat. Der größte Dealer im Suchtgeschäft Glücksspiel ist nämlich Väterchen Staat. Der richtet nämlich die wöchentlichen Lotto-Spiel aus und verdient dabei prächtig.

2016 zum Beispiel war der Gewinn am Lotto satte 3,6 Milliarden Euro. Und der Staat macht das, laut Glücksspielstaatsvertrag, §1:

Ziele des Staatsvertrages sind: Das Entstehen von Glücksspielsucht zu verhindern, wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen und durch ein begrenztes Glücksspielangebot den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken.

Ooch, da kommen einem ja die Tränchen. Das wäre so, als würde der Staat die Prostitution damit bekämpfen, dass er in jeder Gemeinde ein Bordell aufmacht. Und die Einnahmen dann „zur Förderung öffentlicher oder gemeinnütziger, kirchlicher oder mildtätiger Zwecke verwendet wird.“

Sagt auf jeden Fall der Glücksspielstaatsvertrag, §10 aus. Und das ist natürlich totaler Quatsch. Aber zur Verwendung später.

Erst einmal ist also festzuhalten: Lotto macht süchtig. Das gibt der Staat indirekt selber zu, gerade Lotto passt prima auf das Profil des Glücksspielers. 10 Euro einsetzen, 10 Millionen Gewinn! Mit einem kleinen Einsatz das Leben auf einen Schlag für immer reparieren.

Denn Lotto spielen in unserer Gesellschaft die Verlierer. Je geringer das Einkommen, desto Lotto. Je geringer die Rente, desto Lotto. Je geringer die Bildung, desto Lotto. Je geringer die Deutschkenntnisse, desto Lotto. Und vor allem: Je chancenloser die Zukunft, desto Lotto!

Das sauge ich mir übrigens nicht aus den Fingern, das hat das MPI (Max Planck Institut) für Gesellschaftsforschung 2008 sehr sauber und repräsentativ nachgewiesen. Lotto ist also tatsächlich eine Steuer für die Armen. Das englische Sprichwort trifft den Nagel auf den Kopf.

Die 3,5 Milliarden Gewinn aus dem Lotto holt sich der Staat also Jahr für Jahr bei den aller Ärmsten in der Republik ab. Und für jemanden mit Hartz IV sind 10 Euro halt 2,5% seines Einkommens. So und jetzt könnt ihr euch selber ausrechnen wieviel das von seinem Gesamt Einkommen ist, wenn er das jede Woche macht. Hammer oder?!

Umgerechnet auf’s deutsche Durchschnittsgehalt wären das jeden Monat 77 Euro, um das in den richtigen Rahmen zu setzen.

Wollte Mutter Staat die sozialen Kosten, die durch Glücksspiel-Süchtige auf uns als Gesellschaft zukommen, mit den Einnahmen durch Lotto bezahlen, dann könnte sie das und zwar zehn Mal… so hoch wie sie das gerade tut.

Von den 10 Euro, die ein Lottospieler zahlt, gehen 5 Euro in den Topf – davon werden die Gewinner bezahlt. Die anderen 5 Euro sind Gesamt-Gewinn.

75 Cent kriegt dann noch die Lottobude oder das Kiosk. 25 Cent bekommt die Verwaltung Lotteriegesellschaften, ein Euro siebzig ist Lotteriesteuer und 2,30 ist die Konzessionsgebühr – also pro Lottoeinsatz vier Euro für Mutter Staat netto netto… Lotteriesteuer lassen wir jetzt mal gaaanz ganz außen vor, ist uns allen klar wer die bekommt oder?!

Bei diesem satten Gewinn möchte man fast meinen, die arme Verwaltung der Lotteriegesellschaft! Müssen die doch von diesem schmalen Salär die ganzen Lottoscheine drucken und die ganze Werbung produzieren! Bleibt da eigentlich noch ‚was für die fleißigen Beamten?

Es bleibt genug. Der Geschäftsführer der Lotteriegesellschaft NRW zum Beispiel bekommt satte 300.000 Euro im Jahr bezahlt. Plus Dienstwagen natürlich. Und das für die Führung eines Geschäfts, das niemals pleite gehen kann. Und diesen lässigen Job gibt’s gleich 16 mal in Deutschland. Allerdings bemüht euch nicht, ihr werdet aller wahrscheinlich nach keine Qualifikation für diese Tätigkeit in eurer Vita finden, denn ihr gehört dafür wahrscheinlich der falschen Partei an.

Die Bundesstaaten investieren sogar Geld, damit die armen Schweine, die auf Lotto reinfallen, noch mehr Geld investieren. Sachsen zum Beispiel hat 2012 satte 20 Millionen Euro für Lotto-Werbung ausgegeben.

Die Stelle eines Geschäftsführer irgendeiner der sechszehn Lotteriegesellschaften wird auch nicht ausgeschrieben. Die kann die jeweilige Länderregierung nach Gutdünken vergeben. Und so haben die Geschäftsführer aus irgendeinem Grund immer das richtige Parteibuch in der Tasche. Komisch, gell… ja ich weiß auch nich?

Bisher haben wir also: Der Staat betreibt Lotto. Und kassiert bei den Armen. Er bezahlt damit überflüssigen Geschäftsführern zu hohe Gehälter. (Hey 300.000 bitte) Und sonst? Wo fließt das ganze Geld hin, das eingesammelt wurde, um zu verhindern, dass Bundesdeutsche Glücksspiel süchtig werden?

Na ja, das macht jedes Bundesland, wie es will. Und ich muss sagen, hier in Bayern ist das zum Beispiel besonders transparent und strikt. Hier in Bayern zum Beispiel werden die 222 Millionen Gewinn direkt in den Landes-Haushalt gekippt… da irgendwo halt rein.

Die Berliner haben nur ca. 25 Millionen und – meine Herren, was machen die für ein Geschiss!
Eine Million für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, 43.000 für Arbeit und Soziales, 9,5 Mio für Bildung, Jugend und Familie, acht Millionen für die Sportvereine, sieben Millionen für die Kultur und 400.000 für Wissenschaft und Forschung.

Man kann also so offensichtlich auf den § 10 des Glücksspiel-Staatsvertrags scheißen wie wir Bayern! Oder sich echt Mühe geben, wie die braven Berliner.

Aber das Geld wird trotzdem von den sozial schwachen eingesammelt und den sozial Stärkeren geschenkt. Die in kultivierte Ausstellungen traben oder in gemeinnützigen Sportvereinen sind.

Kann man nichts daran schönreden, finde ich. Das ganze System ist ungerecht, übermässig kompliziert und dazu noch einfach überflüssig.

Denn in die Suchtprävention fließt auf jeden Fall kein Pfenning. In die Behandlung Spielsüchtiger fließt auf jeden Fall kein Pfenning. In die Aufklärung, dass Lotto eine Veranstaltung für Bekloppte oder einfacher gestrickte Zeitgenossen ist, fließt kein Pfenning.

Stattdessen wird noch Werbung für Lotto gemacht. Denn das ist so ein letztes Herrschaftsgebiet für die Länderfürsten. Da können noch schön lukrative Pöstchen verschachert werden, ohne dass einem jemand auf die Finger kuckt.

Also, sagt es doch bitte an alle weiter: Lotto ist Steuer! Und die ist freiwillig.

Die Gewinnwahrscheinlichkeit ist gesetzlich erfasst und geregelt. 50% von allem Geld, das eingezahlt wird, wird wieder ausgeschüttet. Das heißt, wenn man sein Erwerbsleben lang für 10 Euro einmal die Woche spielt, zahlt man im statistischen Durchschnitt 19.000 Euro und gewinnt 9500 zurück. Die anderen 9500 Euro hat man dem Staat gegeben.

Damit sich die Geschäftsführer der Lottoeriegesellschaft einen Bali-Urlaub leisten kann, bloß weil er ein Spezl vom Herrn Staats-Sekretär ist.

Lotto ist aber nicht nur Steuer. Und warum ist sie auch eine Steuer für Dumme? Sie basiert darauf, dass wir Wahrscheinlichkeiten nicht verarbeiten können. Und das Zahlen für uns ab einer gewissen Höhe absurd werden. Wieviel ist eine Milliarde wirklich? Die wir im Bundeshaushalt schnell mal so verschenken?

Na ja, wenn ihr jetzt zu zählen anfangt und niemals schlaft und ständig nur zählt, dann werdet ihr es in eurem Leben nicht mehr schaffen, bis zu einer Milliarde zu zählen. Wurst, wie alt ihr seid oder wie alt ihr werdet.

Die Wahrscheinlichkeit sechs Richtige ohne Zusatzzahl im Lotto zu haben, ist genau 1 zu 15.537.573. Komma Drei Periode.

Es ist wahrscheinlicher irgendwann im Leben von einem Blitz getroffen zu werden. 1 zu 3 Millionen. Und? Wieviele Menschen kennt ihr, die schon einmal vom Blitz getroffen wurden?

Es ist wahrscheinlicher bei einer Olympiade Gold zu gewinnen. Ja, für erwachsene EU-Bürger ist die Wahrscheinlichkeit bei Olympia Gold zu gewinnen statistisch 1 zu 700.000. Und? Wieviele Goldmedaillenbesitzer kennt ihr so?… hm?

Die Wahrscheinlichkeit als Mensch des Planeten Erde von einem Hai totgebissen zu werden ist 1 zu 4 Millionen. Und? Wieviele Hai-Opfer gibt’s in eurem Bekanntenkreis?

Übrigens ist die Wahrscheinlichkeit, beim Lotto sechs Richtige plus Zusatzzahl zu haben ungefähr identisch mit der Zahl an Menschen, die im Jahr an Getränkeautomaten tödlich verletzt werden.

Jetzt sagt mir nicht, ihr kennt jemand, der an einem Cola-Automaten hängenblieb und dann verdurstete? Weil, dann spiel‘ ich glatt noch selber Lotto!

Das Geld könnten wir ja echt brauchen, oder? Und gerade sind 5 Millionen im Pott. 5 Millionen! Stell‘ Dir das vor! Da könnten wir das Haus abzahlen, mir so ein traumhaftes Bessy-Stringfield-Moped kaufen und Dir endlich mal ordentliche Zähne. Und hätten immer noch Geld über, um uns nie mehr Gedanken über Geld machen zu müssen…
(fade out)
Klar, den Kindern müssten wir wohl auch ‚was fürs Studium geben, obwohl… neee vielleicht spenden wir das doch alles lieber in den Tierschutz… ?! Die brauchen das dringender! Oder…