Die Linie des Horizonts



In der heutigen Sendung verfolgen wir die gute Fotografin rund um die Welt. Immer auf der Suche nach der Linie des Horizonts bleibt sie nirgends zu lange.

Muss man als kreativer Mensch irgendwie nicht auch immer ein Getriebener oder eine Getriebene sein? Macht ein Konzept wie „Heimat“ innerlich zu satt und zufrieden, um schaffen zu können?

In Ghana lernt die gute Fotografin einen jungen Mann kennen und ein Verständnis von Heimat, dass nichts zu tun hat mit einem Dorf in Baden-Württemberg.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Boneshaker“ von Castro


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Die Geschichte zum Lesen

„Eine gute Fotografin hat keine Heimat.“ Sagte sie in dem einzigen Interview, dass sie jemals gegeben hat. „Die Linie des Horizonts ist wichtiger für ein Bild als die Erde, auf der man beim Fotografieren steht.“

Das erzählt mehr über die gute Fotografin, als ihr lieb wäre. Würde man sie zuhause besuchen, dann könnte man an den Wänden die Titelbilder bestaunen, die sie geschossen hat. Und im Regal die Fotobücher bewundern, die sie berühmt gemacht haben.

Dürfte man ihren Rechner benutzen, könnte man Abertausende Bilder entdecken, die niemals veröffentlicht wurden. Aber weder die Bilder an den Wänden, in den Büchern oder auf den Festplatten würden uns mehr erzählen können über die gute Fotografin als dieses Zitat.

Wie ein Spezialist von der Spurensuche an einem Tatort müsste man die Wohnung absuchen, wenn man die abgegriffene Zigarrenkiste finden wollte. Im Kleiderschrank. Im Schlafzimmer. Die paar Fotos darin, an diesem geheimen Ort, die würden uns schon eher weiterhelfen.

Da ist zum Beispiel ein Foto, dass ihr Praktikant in New York gemacht hat. Wir sehen eine sehr praktisch gekleidete blonde Frau mit einer großen Kamera in der Hand, die in den Himmel über sich starrt. Ein Schnappschuss ist das.

Aber ein wichtiges Bild für die gute Fotografin, denn es zeigt sie, als sie gerade eine Erkenntnis hat. Vielleicht sogar eine Epiphanie. Eine Neuordnung ihrer Werte vielleicht oder den Anfang einer neuen Suche nach der Linie des Horizonts.


Mir war meine Welt immer zu klein. Der Horizont war das Ziel und nicht die Erde unter meinen Füßen. Mein Dorf war als erstes zu klein; Stuttgart in das ich mit 18 zog, als nächstes; Berlin war keine Metropole; London nicht wirklich eine Weltstadt; nicht einmal New York war mir groß genug!

Zu jedem dieser Schritte gehörte eine jeweils passende Beziehung und mit jedem neuen Horizont endete sie wieder. Meine Familie hält meinen Lebenswandel für unstetig und unberechenbar, aber eigentlich folgt er einer unbarmherzigen seelischen Logik.

Ich musste erst Mitte dreißig werden, bis ich begriff, dass mein Problem die Häuser waren. Ich stand an einem sonnigen Tag im Schatten eines Hochhauses und blickte hoch. Da flog eine einzelne Möwe einsam im rechteckigen kleinen Stück Himmel.

Wo kam die nur her? In welcher Richtung war am ehesten Wasser zu sehen? Ich blickte mich um und erkannte: Hier, mitten in der Großstadt, gab es in Wirklichkeit nirgends einen Horizont! Ich hatte immer Mauern als Horizont-Plazebo verwendet, aber das war eine gestalterische Lüge mitten im Bild.

An diesem Tag, als ich hoch in den Himmel blickte, da verstand ich auf einmal: Mir wurden meine Welten zu klein, weil immer, immer, immer Mauern den Horizont versperrten.

Mein Heil in immer größeren Städten zu suchen, war vergebene Liebesmühe. Ich brauchte gar keinen metaphysischen, keinen symbolischen, keinen bildlichen Horizont – ich brauchte einen echten!

Also verließ ich New York. Und ich verließ die Staaten. Und Europa und die westliche Kultur und die westlichen Vorurteile über den Rest der Welt und ich folgte einfach weiter dem Horizont.


„Sprache ist nur die Illusion von Kommunikation.“ Das hatte die Fotografin auch gesagt in dem Interview. Auf die Frage hin, warum sie keine Interviews gibt. „Sprache transportiert Emotion nur dann, wenn sie im Hirn des Hörers ein Bild malt. Also: Warum nicht gleich das Bild selber malen?“

In der Zigarrenkiste finden sich einzelne Bilder von verschiedenen Orten auf der Erde. Jahr für Jahr sucht die gute Fotografin die Linie des Horizonts. Auffallend ist, dass auf den Abzügen in der Kiste nur selten Menschen abgebildet sind.

Doch da ist dieser eine junge Mann mit den irritierenden feinen Narben im Gesicht, der trotzdem lacht, als wäre er ein kleiner Bub. Er hält einen Mob in den Händen, als wäre es Excalibur und sein Hausmeisterkittel weht im Wind wie der Umhang von König Artus.


„Kweku“ ist Fante und steht für den Tag Mittwoch. Und damit sind meine Kenntnisse der Sprache der Fanti auch schon am Ende. Aber Kweku ist auch der Name eines Exemplars des männlichen Geschlechts, das mutiger und tapferer ist, als alle anderen Partner, die ich jemals hatte.

In Ghana bin ich mit meinem Englisch prima durchgekommen. Natürlich wurde ich wegen meines Akzents für eine Amerikanerin gehalten, keiner erkannte die Deutsche in mir.

Aber nicht alle sprechen Englisch in Ghana. Speziell im Süden Ghanas, in der Central Region käme man besser mit den Leuten ins Gespräch, wenn man Fante sprechen könnte. Kweku zum Beispiel spricht Ahanta und als Zweitsprache Fante. Englisch nicht.

Doch wir brauchten keine Sprache, um miteinander zu reden. Ich dachte und fühlte sowieso in Bildern und wenn ich etwas Wichtiges mitzuteilen hatte, dann nahm ich mein Notizbuch und machte eine Skizze.

Kweku war dafür der Meister der großen Geste. Wenn er etwas Wichtiges mitzuteilen hatte, dann führte er mir ein kleines Theaterstück vor. Ich verstand an seinen Gesten genau, was er sagen wollte und an seiner Mimik, wie es gemeint war.

Seine Hände konnten – genau wie meine Skizzen – den Himmel und die Erde beschreiben und alles dazwischen auch. Diese Kommunikation war intimer und emotionaler als es Sprache jemals sein konnte.

Nicht sprechen zu können war kein Verlust für mich und eine Bereicherung für die Beziehung zwischen uns.

Ich war nie eine begabte Rednerin. Oft unterbrach ich mich mitten im Satz und musste erst für Minuten in meinem Gehirn nach dem richtigen Wort schürfen. Und waren nicht alle meine Beziehungen bisher an sogenannten „Kommunikationsproblemen“ gescheitert?

Sagten Paare nicht: „Wir haben uns nicht mehr verstanden?“ Was soll das bedeuten? Warum versteht man sich auf einmal nicht mehr? Liegt das daran, dass man auf einmal zwei verschiedene Dialekte hat? Oder vielleicht daran, dass Sprache einfach nicht geeignet ist, Emotionen zu teilen?


„Für ein gutes Bild muss man den Mut haben, auch dahin zu gehen, wo es einem wehtut. Der eigentliche Unterschied zwischen guter Fotografie und schlechter Fotografie besteht im Mut der Person, die auf den Auslöser drückt.“

Das wäre auch so ein Zitat aus diesem einen Interview, das mittlerweile im Internet in hübscher Kalligraphie als Poster zu kaufen ist. Ein Mantra für angehende Fotografen an allen Kunstschulen der Welt.

Wir erkennen den Mut der guten Fotografin auch an den Fotos in der Zigarrenkiste. Denn auf der Suche nach einem immer neuen Horizont hatte sie ihr Weg zurück geführt in das kleine schwäbische Dorf, dem sie 25 Jahre vorher entkommen war.

Da wäre dieses Bild, das ihre Mutter geschossen hat. Wir sehen die gute Fotografin und Kweku und im Hintergrund ein Feuerwerk. Doch die beiden Menschen sind unscharf, das Handy ihrer Mutti hat stattdessen das Konfetti im Vordergrund scharf gestellt. Wahrscheinlich lächelt das Paar hinter dem Konfetti.


In Deutschland war es dann nicht mehr so leicht mit dem Einander-Verstehen wie in Cape Coast. Alles, was uns in Ghana so einfach gefallen ist, war hier auf einmal schwierig.

In Afrika mussten wir nicht so tun, als würden wir uns gegenseitig glücklich machen. Hier schon. In Afrika konnten wir uns gegenseitig lesen, als wäre jeder Gesichtsausdruck eine ganze Seite in einer Autobiografie. In Deutschland aber passierte es zum ersten Mal, dass wir verstummten und jeder nur die Tränen im Gesicht des anderen anstarrte.

Es war vielleicht zu mutig, wieder zurück in mein Dorf zu ziehen. Aber es musste doch möglich sein, auch hier die Linie des Horizonts zu finden! So wie in Südamerika oder in Asien oder in Afrika eben auch.

Nachdem ich gelernt hatte, dass die Welt überall anders war und überall gleich, musste ich mein neues Können auch auf meine Kindheit anwenden. Nur dann wäre ich wirklich frei genug, um jedes Bild schießen, dass da in mir und das da draußen auf mich wartete.

Es war mutig und es war tapfer von Kweku gewesen, mich zu begleiten. Ich hätte das niemals von ihm verlangt, aber ich war noch nie so glücklich, wie an jenem Abend, als er mir seinen Entschluss vorspielte.

Beide Hände bewegte er von oben nach unten und schüttelte dabei seine Finger. Das ist die Geste für Schnee. Und eben auch für Deutschland. Für das Land, in dem es jedes Jahr schneit.

Doch an dem Tag, als wir uns zum ersten Mal nicht verstanden, hörte ich eine altvertraute Stimme in mir. Die Stimme flüsterte, wie schon so oft: „Es geht vorbei. Das war gerade der Anfang vom Ende!“ Und diese Stimme hatte bisher immer recht behalten.

Ich hatte schon viele Beziehungen und bisher war meine Statistik nicht besonders gut. In 100% aller Fälle waren wir gescheitert. Warum also sollte es mit diesem jungen Mann anders werden?

Die Sprache war nicht die Hürde zwischen uns, denn in allen anderen Beziehungen hatte sie mir ja auch nicht geholfen. Die Hürde zwischen uns war so breit wie die Linie des Horizonts. Und der Horizont war von der Couch, auf der wir uns anweinten, weit entfernt.

Ich war ganz anders hier in Deutschland, als ich in Afrika jemals war. Und Kweku auch. Ich drängte ihn, irgendetwas zu tun. Sich ein Hobby zu suchen oder einen Job; nicht nur hier zu sitzen und zu warten, bis ich wieder nach Hause kam.

Eigentlich wusste ich nicht einmal im Ansatz, was er so tat, wenn ich nicht da war. Ich sorgte zum Beispiel verlässlich dafür, dass unser Kühlschrank gefüllt war, aber in Deutschland hatte er das Kochen mit einem Schlag verlernt.

Ich denke, er hatte dieses eine Problem, für das ich einfach kein Verständnis aufbringen konnte: Er vermisste seine Heimat. Er war wie eine Pflanze, die man umtopft. Man zieht sie vorsichtig aus dem einen Topf, um die Wurzeln nicht zu beschädigen. Klopft vorsichtig, um die alte, verbrauchte Erde abzuschütteln. Und dann setzt man sie in einen neuen, größeren Topf.

Das hatte ich mit Kweku gemacht. Bloß hatte ich keinen neuen, größeren Topf vorrätig. Da war in mir nur die Sehnsucht nach dem Horizont, aber kein Bedürfnis für Heimat.


Wenn wir noch weiter in der Kiste kramen würden, dann würden wir entdecken, dass es da nicht nur Fotos gibt, sondern auch ein Kuvert. Mit einem Brief. Geschrieben in einer entschlossenen Handschrift.

Und wenn wir neugierig genug wären, dieses Kuvert zu öffnen, dann könnten wir folgendes lesen:

„Liebe gute Fotografin!

Alles Gute zu Deinem Geburtstag! Ich arbeite schon lange an dieses Brief. Schon seit Wochen. Schon seit Monaten. Ich hoffe sehr, dieses Brief gefällt Dir! Und Du freust Dich!

Ich habe gelernt Deutsch von dem Mann, der in dem Haus Nummer 15 wohnt. Der heißt Gerhard und war Lehrer. Jeden Tag, wenn Du weg warst, habe ich geholfen ihm in seinem Haus und er hat mir dafür Deutsch beigebracht.

Es war sehr schwierig gewesen, nicht zu verraten mein Geheimnis, wenn Du in Deutsch etwas zu mir gesagt hast. Ich habe gewusst, was Du sagst, aber ich wollte nicht kaputt machen diese Überraschung!

Ich weiß, Du glaubst, dass ich traurig bin in Deutschland. Und Du hast recht. Ich bin traurig. Aber nicht immer. Ich bin auch glücklich in Deutschland. In Afrika, in Cape Coast, war ich auch manchmal traurig und manchmal glücklich.

Manchmal bin ich sogar glücklich und traurig in einem Moment gleichzeitig. Mit Händen und mit meine Theater kann ich das aber nicht sagen. Ich dachte, ich kann alles sagen mit meinen Händen und meine Theater, aber ich habe mich verirrt.

Ich gebe mir viel Mühe mit dem Deutsch und Gerhard hat mir sehr geholfen bei dieses Brief. Aber er sagt auch, dass ich mir viel Mühe gebe und sehr gut lerne.

Vielleicht denkst Du, ich bin traurig, weil ich in Deutschland lebe und nicht mehr in meiner Heimat. Oder Du bist selber traurig, weil Du denkst, Du hast selber keine Heimat.

Gerhard hat mir das Gespräch gezeigt, dass Du in dieser Zeitung „New Yorker“ gesagt hast. Und er hat mir alles übersetzt, so dass ich das verstehen kann. Da sagst Du, die Erde, auf der man steht, ist nicht wichtig. Weil Du traurig bist, weil Du denkst, Du hast keine Heimat.

Aber ich bin nicht traurig, weil ich in Deutschland lebe. Auch wenn das Wetter in Ghana viel besser ist für mich als das Wetter hier!

Deutschland ist nicht meine Heimat. Aber Afrika war auch nicht meine Heimat. Als wir uns gefunden haben, da hatte ich zum ersten Mal Heimat. Ich verstehe nicht genau, was das Wort „Horizont“ bedeutet, in dem Gespräch in dem „New Yorker“, aber eines weiß ich: Horizont ist keine Heimat.

Die Erde, auf der man steht, ist wichtig. Und besonders wichtig ist es zu stehen, wenn man ein gutes Bild machen will. Man kann kein gutes Bild machen, wenn man rennt! Denn dann sieht man nichts.

Du sagst, ich bin mutig. Ich verstehe das Wort „mutig“ gut. Mut ist, wenn man stehen bleibt und nicht rennt. Und wenn man sagt: „Ich stehe hier! Das ist mein Platz! Keiner kann mir diesen Platz wegnehmen!“

So musst Du das machen in Dir drinnen! Und dann weißt Du, wo Heimat ist. Aber das Horizont, von dem Du redest in dem Gespräch, hat mit Heimat nichts zu tun!“


Das hast Du Dir schön ausgedacht, lieber Erzähler! Durchsuchst einfach meine Wohnung! Und sogar meinen Kleiderschrank! Die Zigarrenkiste, die unter meinen dicken Socken liegt, die geht Dich gar nichts an!

Keiner darf diese Bilder sehen, wenn ich das nicht will! Auch nicht Du! Denn diese Bilder gehören zu einem Platz in mir, den ich Heimat nenne.

Aber, was soll’s? Du könntest die Bilder in der Kiste gar nicht finden!

Denn vorher würde Dich mein Freund Kweku aufhalten und Dich auffordern, unser kleines Haus doch bitte zu verlassen. Und weil Schwäbisch so eine höfliche Sprache ist, würdest Du das doch sicher machen, oder?