Lillifee vs. Khutulun


Prinzessin Lillifee erobert die kleinen Mädchenherzen, ob die Eltern nun wollen oder nicht…

Wahrscheinlich versuchen viele Erwachsenen die Vorlieben ihrer Töchter zu akzeptieren und kaufen auf Druck des Nachwuchses den ganzen gegenderten rosa Wahnsinn.

Doch vielleicht gibt es bald eine ernstzunehmende Konkurrenz, die sich nicht farblos und brav in die weiblichen Klischees einordnet! Die mutige und clevere Khutulun. Sie ist die Ur-Urenkelin von Dschingis Khan und lebt im mittelalterlichen China wo sie ihre gefährlichen Abenteuer bestreitet…

Ihr entscheidet!


Download der Episode hier.
Musik: Nessun Darma von Puccini
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


 

Skript zur Sendung


Mädchen wollen verdammt noch einmal Prinzessinnen sein! Daran läßt sich nichts deuteln – rosa hat die Mädchenzimmer fest im Griff. Das hat auf den ersten Blick einen Grund und der heißt…

Clip /dramatic

Aschenbrödel oder noch besser, noch aktueller… Lillifee!

Lillifee ist im übrigen, falls ihr Erwachsenen es noch nicht wißt, …ein neu-deutsches Wort und es bedeutet: „Das Gefühl der Verzweiflung junger Eltern ob der unabwendbaren Geschmacksverirrung ihrer minderjährigen Töchter“

Anwendungsbeispiel aus dem Leben der Frau Anders:
Therapeut: „Aus welchem Grund sind Sie den Schmerzmittel-abhängig geworden, Frau Anders…?“
Eltern: (hysterisch) „Lillifee!“

Lillifee steht aber auch stellvertretend für ein seltsames Phänomen: In den Buchhandlungen sind die Kinderbücherabteilungen mittlerweile sauber getrennt in einen rosa Mädchenbereich und einen blauen Bubenbereich. Niemand weiß eigentlich so genau, wie das geschehen konnte… aber es ist sooo.

Es gibt aber eine Theorie, die besagt, in den Achtzigerjahren bemerkte eine Elterngeneration, dass die coolen Kinderbücher alle Jungs als Helden hatten.

Drei Fragezeichen: Drei Jungs. TKKG: Drei Jungs, ein Mädchen. Jim Knopf, Lukas, Tom Sawyer, Huckleberry Finn, Räuber Hotzenplotz, Kasperl, Seppl, Emil und die Detektive, Schatzinsel, Der kleine Vampir und so weiter und so weiter…

Und darum begannen die Kinderbuchverlage schuldbewusst so coole Heldinnen zu erschaffen wie Karla Karotte. Und den Club der starken Mädchen gleich noch dazu. Das lief auch ganz prima.

Doch, so geht die Legende, nun wandten sich die armen Jungs vom Lesen ab. Also wurde der Ruf nach Jungens-Literatur laut. Und schon hatten wir brav und ordentlich gegenderte Bücher, bis die Regale komplett getrennt waren.

Denn die lieben Verlage machen ja immer nur das, was sich die Kunden wünschen! Mmmhhhhm.

Ihr merkt schon: Ich glaube diese Theorie nicht. Das jammert sich nur der Buchhandel zurecht, wenn man ihm vorwirft, dass er der Emanzipation schadet – mit seinem fucking Gegendere. Und das tut er, denn eigentlich waren die Rollenbilder früher nicht so stark ausgeprägt wie jetzt.

Denn klar lieben auch Jungs die Abenteuer von Ronja Räubertochter oder von Momo. Und Pippi Langstrumpf ist ja wohl eine der coolsten Kinderbuchheldinen überhaupt.

Jetzt aber ist das größte Abenteuer der „Frechen Mädchen“ des Thienemann-Verlags, sich in einen Jungen zu verrrrliiiieben. Und bei den Regalen für die Jungs dominieren die Piraten und die Ritter, die sich wieder um zerbrechliche Nixen oder flennende Jungfrauen kümmern müssen.

Das war alles also schon programmiert und auf dem Weg, als sich Monika Finsterbusch hinsetzte um eine neue Figur für den Coppenrath-Verlag zu erfinden.

Und da kommen wir dem Problem vielleicht etwas näher… Bei Coppenrath.

Das ist ein alteingesessener deutscher Buchverlag, der aber Ende der Siebziger irgendwie die Zeit vergessen hatte. Komisch, 1977 wollte niemand mehr heimatkundliche Bücher kaufen.

Auftritt: Wolfgang Hölke, Grafik-Designer seines Zeichens. (Das heißt nichts Gutes. Grafiker stellen allen möglichen Scheiß an, wenn man sie läßt. Siehe diese Sendung hier…)

Der rumpelte das Lager aus und baute den Traditionsverlag um. Vor mittlerweile 24 Jahren stößt er auf ein Kinderbuch namens „Briefe von Felix“. Von Annette Langen geschrieben und von Constanza Droop gezeichnet. Die Nachrichten des Hasen Felix sind in krakeliger Schrift geschrieben und erreichen seine Freundin Sophie aus aller Welt.

Sie sind in echte Briefumschläge geheftet im Buch als Briefe enthalten. Das alleine ist schon einmal eine tolle Sache.

Aber Herr Hölke hat noch eine Idee: Er bietet den Buchhandlungen dazu gleich einen Plüsch-Felix an. Zum Mitverkaufen und Mitverdienen. Bei besseren Margen als es die klassischen Rabatt-Strukturen bei Büchern zulassen.

Buchhändler sind jetzt nicht gerade als bahnbrechende Anarchisten bekannt und es dauert ein bisschen, bis sie die Idee begreifen oder annehmen wollen. Mittlerweile aber, ist jede Buchhandlung auch ein kleiner Spielwarenladen, ich glaube, die Lektion wurde erfolgreich gelernt.

Das mit dem Felix und dem Merchandising läuft also richtig prima. Die Hasenbriefe wurden 7 Mio. Mal verkauft, in 29 Sprachen übersetzt und sind in 20 Ländern erschienen. In Israel schafft es Felix als erstes deutsches Buch der Nachkriegszeit in die Bestsellerliste.

Aber natürlich muss es weitergehen. Und während an Felix erstem Kinofilm gearbeitet wurde – …”Felix – Ein Hase auf Weltreise“ – zeichnete Monika Finsterbusch derweil an einem neuen Konzept. Extra für Mädchen.

Das kann sie gut. Sie ist Modedesignerin alter Schule und hat jahrelang für die Firma Sigikid Puppen erfunden. Und so wird ihre neue Kreation irgendwie auch eine Puppe.

2004 kommt die Prinzessin Lillifee auf die Welt. Und wird zu einem Riesenerfolg. Momentan, so die Verkaufszahlen, hat die kleine Blütenfee die Barbie aus dem Rennen geworfen. Letztes Jahr hat Coppenrath die Hälfte seines Umsatzes von 70 Mio. Euro mit Lillifee gemacht.

Aber das wir uns hier richtig verstehen… hauptsächlich durch den Merchandise! Weil ich erst unlängst mit den Einhörnern schon Stunden im Internet komische Sachen gegoogelt habe, erspare ich euch und mir die Beispiele heute.

Ihr wißt es sowieso: Lillifee ist überall. Amazon findet 8000 Ergebnisse, wenn man sie sucht. Pippi Langstrumpf gibt es dort nur 2000 Mal.

Man könnte jetzt lange und breit diskutieren, warum Lillifee ein Problem ist für die Emanzipation. Denn sie ist doch arg zerbrechlich und dürr. Sie isst in keinem Buch je einen Happen, sie hat eigentlich nie eigene Ideen, sie macht nie einen Witz. Nicht einmal eine dumme Bemerkung. Sie ist irgendwie ein Phantom, das sich im Notfall einfach alles wieder Rosa zaubern kann.

Eigentlich ist sie eben eine Kleiderpuppe, an der man den ganzen Merchandise befestigen kann. Irgendwie ein Symbol dafür, wie der Kommerz jetzt schon komplett auch die Kinderzimmer erobert hat.

Aber man sollte die Sache auch nicht überdramatisieren, finde ich. Ich kann die jungen Mütter und Väter gut verstehen, denen es auch lieber wäre, ihre Töchter fänden Pippi cool und nicht die langweilige Lillifee.

Und sich halt der peer pressure im Kindergarten unterwerfen müssen. „Alle anderen Mädchen dürfen aber eine Lillifee-Tasche haben, bloß ich wieder nicht! Ihr seid echt so gemein!“

Aber im Gegensatz zur Barbie ist die Lillifee halt auch komplett asexuell. Das Ganze ist nicht so stark ein Rollenspiel wie eben die facegeliftete Plastikpuppe von Mattel.

Und ich glaube auch nicht, dass ohne Lillifee die Haushalte, in denen kleine Mädchen leben, jetzt einen Haufen Geld gespart hätten. Keiner muß wegen der Kinderbuchfigur Konkurs anmelden.

Aber, ganz ehrlich: Ich finde Rosa selber eigentlich eine tolle Farbe. Aber nur Rosa in der Mädchenbuch-Abteilung ist natürlich zum Kotzen. Die ursprünglichen Kinderbücher finde ich eigentlich auch ganz hübsch. Auch gut gezeichnet.

Aber die Lillifee ist mir zutiefst unsympathisch. Irgendwie leer und unpersönlich ist dieses Zauberreich Rosarien. Und Pupsi, Henry, Bruno, Carlos und Oskar berühren mich auch nicht. Mir ist da zuuu wenig los. Das ist nie richtig witzig, das ist alles so konstruiert, nix spontanes, alles seeehr brav.

Wenn aber jetzt als Gegengift die Pippi Langstrumpf nicht mehr gelesen werden darf, weil ihr Papa der ACHTUNG unkorrektes Wort: „Negerkönig“ in Taka-Tuka-Land ist, dann muss halt Ersatz her.

Der Herr Wunderlich und ich bieten euch an, eine neue Prinzessinn auf den Markt zu bringen!

Wir nennen sie Prinzessin Khutulun. Ok? Sie ist die Ur-Urenkelin von Dschingis Khan und lebt im mittelalterlichen China. Ihr Vater heißt Quaidu und ist ein sehr großer König in Asien.

Ihr Großvater hieß Kublai und lebte in Palästen und war ein studierter Mann. Sie aber ist mit ihrem Vater während ihrer ganzen Kindheit mal hier und mal dort.

Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrer Großmutter Chabi, die eine sehr wichtige Frau war und das Reich regiert hat, wenn ihr Mann Kublai mal wieder auf Achse war. Jetzt ist sie sehr froh, die Verantwortung los zu sein und sie macht mit ihrer Enkelin die verrücktesten Streiche.

Als sie aufwächst hat Khutulun am meisten Spaß mit ihren Pferden, sie liebt das Reiten. Und sie lernt auch Bogenschießen und mit dem Säbel zu kämpfen und vor allem das Ringen. Hmm vielleicht, nennen wir es in unserem Buch Wresteln, das klingt moderner!

Weil sie eine Prinzessin ist, wollen bald viele junge Männer sie heiraten. Aber das möchte Khutulun nicht. Heirat, Kinder kriegen und nicht mehr reiten und kämpfen – ohne mich!

Sie sagt: „Ich heirate nur den Mann, der mich im Ringkampf besiegen kann! Aber jeder, der gegen mich verliert, muss mir eins von zehn seiner Pferde geben!“

Pferde waren damals so etwas wie heute Goldbarren. Je mehr Pferde man besaß, desto reicher war man. Ist eigentlich, wenn ich so darüber nachdenke, heute noch irgendwie so…

Und so kommt ein junger Mann nach dem anderen zu Khutulun und sie besiegt sie alle. Die Mongolen sagen heute noch, sie hätte 10.000 Pferde ihr eigen genannt. Nie davor und nie danach hat eine Frau so viele Pferde besessen.

Auch als junge Frau reist sie weiter mit ihrem Vater durch das riesige Reich. Weil sie schlau ist und hilfreich, aber auch stark und schnell, wird sie bald sehr bekannt und beliebt. Jeder weiß, dass sie, sollte Quaidu einmal sterben, das Reich weiter regieren würde.

Eines Tages lernt sie auf ihren Reisen einen seltsamen jungen Mann kennen. In sehr seltsamen Klamotten. Der kommt vom anderen Ende der Welt und spricht erbärmliches Chinesisch.

Aber er ist auch viel rumgekommen und erzählt spannende Geschichten. Sein Name ist Marco Polo.

Und weil er so interessant ist, nimmt sie ihn mit, während sie mit den Soldaten in die nächste Schlacht zieht.

Da stehen sich dann zwei Streitmächte gegenüber. Aber, weil sie das Kriegführen wirklich leid hat, reitet sie ganz alleine den Gegnern entgegen und entführt schneller, als jemand reagieren kann, einen wichtigen Anführer.

Das gefällt dem jungen Marco Polo sehr.

Die beiden verlieben sich dann und heiraten… NICHT!

Das ist hier nicht „Freche Mädchen“, tut mir leid! Und auch nicht Hollywood!

Unsere Geschichte geht anders: Khutulun spielt mit Marco Polo herum, man knutscht ein bisschen. Aber eigentlich will sie von dem hübschen Europäer nichts wissen und zieht weiter ihres Weges.

Am Schluss sehen wir Marco Polo, wie er Quaidu und Khutulun hinterher blickt. Und sich Notizen macht. Sie hat ihm ein bisschen das Herz gebrochen und er wird allen in Italien von der Prinzessin mit den 10.000 Pferden erzählen.

So, das wäre mein Entwurf für das Kinderbuch. Illustrationen macht der Herr Wunderlich. Kann der prima, wenn er will.

Was haltet ihr davon?

Ach, ich habe noch ein wichtiges Detail vergessen: Im Gegensatz zum zuckersüßen Rosarien, wo eben auch die Einhörner Regenbögen kotzen, gab es die Khutulun wirklich.

Und die Geschichte ist fast wahr. In Wirklichkeit hat sie sich wahrscheinlich nicht einmal für den Marco Polo interessiert. Sie war eine Prinzessin und er nur ein Bote.

Aber bei uns nutzt sie ihn halt einfach als Sexobjekt aus und zieht dann in den Sonnenuntergang. Machen toughe Prinzessinnen so!

Übrigens sollte Khutulun wahrscheinlich wirklich ihrem Vater folgen, aber sie und ihr Bruder hatten dann doch keine Chancen gegen die vielen anderen männlichen Verwandten.

Damals, 1301, haben sich die Patriarchen durchgesetzt.

Und dann eine Welt gebaut für Barbies und Lillifees und für nackte Frauen, die eigentlich nur geile Bodenbeläge verkaufen sollen. Falls ihr die Sendung von gestern über Sex in der Werbung gehört habt…

Khutulun wurde lange nur für eine Märchenfigur gehalten. Aber in den letzten Jahrzehnten ist die Erkenntnislage über die Yuan-Dynastie recht eindeutig und wir wissen, dass sie gelebt hat.

Die Legenden über sie sind auch in den Westen gedrungen. Nicht zuletzt wegen diesem Marco Polo. Aber hier wurde die Geschichte natürlich verdreht.

Bei uns wurde sie eine mächtige, eiskalte Prinzessin, die alle Männer abweist. Bis sie sich am Ende doch verliebt in einen gewissen Kalaf. Aber auch den lässt sie abblitzen. Bis er Gewalt anwendet, ihr den Schleier vom Kopf reisst und sie gegen ihren Willen küsst.

Klingt nach #metoo, oder?

Aber in unserem patriarchalen Westen erweicht das natürlich sofort ihr Herz – – und die beiden werden glücklich bis an ihr Lebensende.

Ach, bei uns heißt die Khutulun übrigens Turandot. Kennt ihr, oder?
Schiller und Puccini haben diesen Mythos berühmt gemacht.

Symbolisch hat so der Westen den Osten erobert und die Männer mal wieder die Frauen.

Aber das muss ja nicht so bleiben, oder?

Auch Blütenfeen wie Lillifee werden alt…