Lila Haare



„Das Aussehen ist nicht wirklich wichtig. Wichtig sind die inneren Werte!“ Das sagen oft Männer mit Bauchansatz, die eine Jeans tragen, obwohl sie um die Vierzig sind und ein schwarzes T-Shirt mit einem angeblich lustigen Motiv.

Doch das Aussehen, wenn man es bewusst gestaltet, kann durchaus wichtig sein. Wenn wir zum Beispiel das Gefühl haben, dass unser Äußeres und unser Inneres sich decken, kann das sehr befreiend wirken.

Die Geschichte von Dimanche in unserer heutigen Geschichte mag wirken wie ein Einzelfall. Aber es wird jedem einleuchten, dass lila Haare für sie genau die richtige Entscheidung waren!


Download der Sendung hier.
Hintergrundmusik: “Elevator Music Royalty Free” von Epidemic Sound
Musiktitel: „ Twins“ von Fresh Body Shop / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Ich heiße Dimanche. Ich bin die mit den lila Haaren. Das könnt ihr nicht sehen, darum sage ich’s. Ich bin die, die lila Haare hat. Und das ist schon lange so. Und meine lila Haare sind nicht nur ein besonderes Styling oder ein Mode-Gag, ich habe die schon seit beinahe 10 Jahren. Weil ich die bin mit den lila Haaren.

Ihr denkt euch vielleicht: „Diese Generation Selfie, denen ist ihr Aussehen viel zu wichtig“ oder „Wie kann man nur so oberflächlich sein?“ oder, wenn ihr etwas wohlwollender seid: „Du bist so viel mehr als nur die mit den lila Haaren!“ Alles in Ordnung, nicht aufregen, bitte!

Ich bin die mit den lila Haaren. Das ist eine wichtige Geschichte für mich und ein kitschiges Märchen von einer verzauberten Prinzessin und ein Horror-Märchen von einem verzauberten Spiegel gleichzeitig.

Denn, bevor ich die mit den lila Haaren war, war ich entweder Dimanche oder Samedi. Ich persönlich heiße Dimanche, aber meine Schwester heißt Samedi. Weil sie vier Stunden älter ist als ich.

Wir sind eineiige Zwillinge. Meine Schwester ist um 22:00 h geboren, Samstag, und ich um 2:00 h in der Früh, Sonntag. Es war keine leichte Entbindung, das sind Zwillingsgeburten nie. Zur Unterscheidung nannten uns die Schwestern und die Ärzte halt einfach Samstag und Sonntag. Und weil man in Martinique französisch spricht sind wir Samedi und Dimanche.

Als Zwilling aufwachsen ist keine leichte Sache, vor allem, wenn einen nicht einmal die eigenen Eltern unterscheiden können. Was natürlich auch daran liegt, dass wir immer die gleichen Sachen zum Anziehen hatten. Einfach, weil es für meine Mutter einfacher und praktischer war, eine Entscheidung zu treffen statt zwei.

Unser Vater starb, als wir noch Kleinkinder waren und meine Mutter zog mit uns erst einmal nach Frankreich und dann nach Deutschland. Da bekam sie als Krankenschwester eine bessere Bezahlung. Aber wohlhabend waren wir natürlich nicht, eher arm.

Meine Mutter löste das Geburtstagsproblem ganz schlicht damit, dass wir beide am Samstag feierten. Und das Geburtstags-Geschenk-Problem noch schlichter damit, dass wir einfach ein Geschenk bekamen. Zusammen.

Ein Dreirad, eine Puppe, ein Kinderbuch. Das war natürlich eine Sparmaßnahme, ganz klar.

Für uns war es aber ein echtes Problem. Ich liebe meine Schwester, aber sie hat die vier Stunden Unterschied immer als Grund dafür verwendet, dass sie zuerst mit allem spielen darf.

Ich hatte also immer Second-Hand-Spielzeug, auch wenn es nagelneu war.

Wir haben beide krause, lockige Haare wie in einer Karikatur über Afro-Look aus den Siebzigern. Rabenschwarze Helme auf dem Kopf. Die Art von Haaren, die Deutsche aus irgendeinem Grund immer anfassen wollen.

Vor allem als wir Kinder waren, gab es da keinerlei Hemmungen bei wildfremden Passanten oder Verkäuferinnen oder Eltern von Schulkameraden. Ich wäre wirklich dankbar, wenn mir das einmal jemand erklären könnte.

Schon alleine durch diese Aufmerksamkeit hatten Haare also für meine Schwester und mich eine große Bedeutung. Unsere Haare unterschieden uns schon im Kindergarten von praktisch allen anderen Kindern.

Als wir größer wurden, versuchten wir, uns mehr voneinander zu unterscheiden. Wir hatten von jedem Kleidungs-Stück den zweifachen Satz, aber: Wir mussten ja nicht beide das Gleiche am gleichen Tag anziehen!

Mit ungefähr acht Jahren schufen wir uns ein erstes, kleines Stückchen persönliche Identität.

Das half aber nur uns und in keiner Weise irgendjemandem außer uns. Meine Mutter erklärte allen immer, dass ihre zwei Mädchen komplett verschieden wären. Das gefiel uns, wir hörten ihr dann immer wie hypnotisiert zu.

„Samedi ist extrovertiert und sozial und geht auf andere Kinder zu“ und „Dimanche ist eher verschlossen und lebt in ihrer eigenen Welt, aber hat eine riesige Phantasie und Vorstellungsgabe!“

So etwas in der Art sagte sie dann. Aber wenn sie uns identifizieren musste, dann konnte sie das halt nur in 50% der Fälle. So wie alle anderen. Glückstreffer.

Wie sie also auf ihr seltsames Urteil gekommen ist, war uns ein Rätsel. Wir glaubten ihr nicht. Wir gingen davon aus, dass sie das anderen nur erzählte, um uns einen Gefallen zu tun.

Mit zehn Jahren hatte ich darum zum ersten Mal eine Idee.

Ich sagte:
„Mama, ich möchte zum Geburtstag lila Haare haben!“

Meine Schwester sagte: „Bist Du verrückt?“ und meine Mutter: „Wenn Du das wirklich willst, dann schenke ich Dir das zum Geburtstag.“

Sehr tolerant, oder? Wartet, jetzt kommt’s:

„Aaaber noch nicht jetzt, dass wäre ungesund für Deine Haare!“

Na gut. Das klang irgendwie einleuchtend. Warum lila Haare schlecht für das Wachstum sind, war mir ein Rätsel. Aber zu viel Schokolade oder nasse Schuhe waren ja auch schlecht für das Wachstum. Also, laut den Newtonschen Gesetzen in der Interpretation meiner Mutter.

Aber mit zehn Jahren leuchtete mir das noch ein. Wir bekamen ein Puppentheater zum Geburtstag. Vom neuen Mann meiner Mutter selber gebaut. Für uns beide.

Mit elf Jahren bekamen wir einen Ausflug in den Märchenpark. Für uns beide. Aber keine lila Haare.

Mit zwölf Jahren bekamen wir ein Doppelbett statt dem von mir verhassten Stockbett – Samedi durfte nämlich immer oben schlafen, weil sie ja vier Stunden älter war.

Mit dreizehn Jahren wurde ich aber schon ziemlich ungeduldig und ich nagelte meine Mutter fest: „WANN darf ich endlich lila Haare haben!“ Und sie meinte, mein Wachstum sei wahrscheinlich mit 16 Jahren abgeschlossen. Einen Heulkrampf später einigten wir uns darauf, dass ich schon mit 15 Jahren vollständig ausgewachsen sein würde.

Meine Mutter vergaß in den nächsten zwei Jahren natürlich das Versprechen, dass sie mitgegeben hatte. Also begann ich schon zwei Monate vorher damit, sie ständig daran zu erinnern.

Und natürlich begann meine Mutter zwei Monate vorher verzweifelt, neue Newtonsche Gesetze zu erfinden, die gegen das Haarefärben sprechen.

„Deine Haare müssen zuerst gebleicht werden. Das macht die Haare total kaputt. Wenn Du Pech hast, bist Du Deine süßen Löckchen für immer los. Und wenn Dich die Kinder in der Schule hänseln, gibt es trotzdem kein zurück! Deine Haare müssen dann erst wieder jahrelang wachsen, damit sie wieder so schön sind wie jetzt!“

Ich antwortete diesem Sermon:

Haare kaputt? Prima, macht gar nichts! Vielleicht tatscht mich dann nicht mehr jeder an!

Süße Löckchen weg: Umso besser! Ich will auch nicht süß sein! Ich will einfach nur ich sein!

Als meine Mutter immer noch nicht mitziehen wollte, drohte ich ihr einfach: Wenn ich mir an meinem Geburtstag nicht die Haare färben lassen darf, dann schneide ich sie mir selber ab! Dann rasiere ich mir eine Glatze, noch bevor Samedi die Geburtstagkerzen ausblasen kann!

Da gab meine Mutter auf. Und nachdem wir immer das Gleiche zum Geburtstag bekamen, durfte sich auch meine Schwester eine Haarfarbe wünschen. Weil: Schlimmer als Lila konnte es ja nicht kommen!

Doch nach diesem Zugeständnis machte meine Mutter keine weiteren Anstalten, meinen Wunsch Wahrheit werden zu lassen. Und so telefonierte ich mit mehreren Frisören in unserer kleinen Stadt, bis ich selber eine Fachfrau für Blondieren war. Denn, bevor man lila Haare bekommt, kriegt man erst einmal blonde.

Die meisten Friseurinnen und Friseure rieten mir davon ab, nur einer fand die Idee nicht nur gut, sondern freute sich schon, das zu machen. Kostete übrigens 120 Euro. Wow.

Doch meine Mama und ihr neuer Mann erklärten sich bereit, mir – eigentlich uns – das zu finanzieren. Wir waren zwar nicht reich, aber auch nicht mehr so arm, wie noch ein paar Jahre vorher.

Und so schlichen sich Samedi und ich an unserem Geburtstag in das Einkaufszentrum, in dem „Matthieu“ seinen Salon hatte. Wir schauten ihm von außen bei seiner Arbeit zu. Das machte uns ein bisschen Mut, denn Matthieu hatte selber knalleweisse Haare, aber einen rabenschwarzen Vollbart.

Ein Fachmann für das Andersartige, so viel war von außen schon einmal klar. Wir waren also in guten Händen. Also betraten wir den kleinen Friseursalon und stellten uns Matthias vor. So hieß er nämlich. „Salon Matthieu“ klingt aber nun einmal besser als „Salon Matthias“ erklärte er.

Hat er recht, finde ich.

Zuerst einmal galt es also, unser Haar zu entfärben. Das ist keine leichte Sache, erklärte Matthias. Man bräuchte gefährliche Säuren, um die oberste Schicht des Haares zu zerstören, damit wieder andere Chemikalien ins Haar eindringen könnten, um die Farbpigmente zu vernichten, bis man eben blonde Haare hatte.

Ein Haar-Mord, ein Gemetzel, eine Gewalttat an der Schönheit der Schöpfung! Cool, oder?

Das erklärte er uns, während er die Chemikalien auf unsere Köpfe schmierte und uns dann in Alufolie einwickelte.

Wir sahen dann aus wie zwei Satelliten. Ich hätte mich nicht gewundert, auf einmal die Stimme eines Radiomoderators in meinem Kopf zu hören.

Der Spaß am Alu-Kopf dauerte aber leider zu lange. Matthias ließ uns zwei Stunden rumsitzen. In der Zeit hatte er vier andere Kunden. Ein Mann war dabei, der ließ sich den Bart stutzen. Das dauerte ungefähr fünf Minuten und kostete trotzdem 10 Euro. Sehr zur Freude von Matthias.

Nach zwei Stunden ging es wieder zum Waschbecken. Nun wurde das Gift wieder von unseren Köpfen gewaschen, was auch eine kleine Ewigkeit dauerte. Er wickelte unsere Köpfe in Handtücher und parkte uns wieder bei dem Tisch mit den langweiligen Zeitschriften.

Nach einiger Zeit durften wir uns zurück in die Friseurstühle setzen und er nahm uns beinahe synchron die Handtücher vom Kopf.

Ich hörte komplett auf, zu atmen. Ich hatte, glaube ich, den ersten und bisher einzigen Panikanfall meines Lebens!

Wir hatten auf einmal mittellange, hellblonde Haare auf unseren braunen Köpfen. Die Löckchen waren einer leichten Welle gewichen und wir starrten beide völlig unbewegt in die Spiegel.

Ich starrte in mein Gesicht und schielte dann nach links, in den Spiegel von Samedi. Und wieder zurück. Da saßen wir also.

Auf identischen Stühlen. Einen identischen Friseurumhang um den Hals gebunden. Und schauten in identische Spiegel. Und wir sahen absolut identisch aus.

Zum ersten Mal seit sieben Jahren sahen wir wieder komplett identisch aus!

Und dieses Erlebnis war so überraschend und intensiv, dass ich plötzlich selber nicht mehr wusste, ob ich Samedi war oder Dimanche!

Hätte Matthias gefragt, ich hätte die Antwort nicht gewusst!

Mein Versuch, endlich eine unverwechselbare Identität zu haben, hatte mich hierher geführt. Und dieser Versuch hatte genau das Gegenteil bewirkt. Erst jetzt, mit diesem Versuch, waren wir komplett identisch!

Ich begann zu hyperventilieren und mir wurde gleichzeitig übel und schwindlig.

Meine Schwester bemerkte das und stieg vom Stuhl, um mich zu beruhigen. Und im Spiegel sah ich, dass sie einen grünen Sweater trug. Und ich hatte, unter dem Friseurumhang einen schwarzen an. Das beruhigte mich sofort.

Noch einmal zwei Stunden später hatte meine Schwester brünette Haare, die ihr in sanften Wellen bis auf die Schultern fielen. Das sah sehr erwachsen aus.

Und ich? Ich hatte violette Haare. Zusammengeklebt zu Stacheln auf meinem Kopf.

Das sah sehr trotzig aus und das war es ja auch. Anti-Streichel-Stacheln.

Zuhause musste sich meine Mutter erst einmal hinsetzen, als sie uns sah. Sie lächelte meine Schwester unsicher an, aber über meine Veränderung schossen ihr die Tränen in die Augen.

Das machte mich sehr, sehr glücklich. Tut mir leid. Aber es war so.

Zum ersten Mal erzeugte unser Anblick bei meiner Mutter wirklich zwei verschiedene Emotionen. Zum ersten Mal wurde ich, Dimanche, auch als ich, Dimanche wahrgenommen.

Ich heiße Dimanche. Ich bin die mit den lila Haaren.

Ich bin das Mädchen mit der 100%-Wiedererkennungsgarantie!

Mein kleiner Bruder Nummer eins – meine Mutter hatte mit ihrem zweiten Mann noch einmal zwei Kinder bekommen – also, mein kleiner Bruder war begeistert.

„Boah, Sonntag, Du schaust so geil aus! Wie…“ …und jetzt müsst ihr den Namen irgendeiner coolen Manga-Frau einsetzen, den ich aber vergessen habe…

Mein kleiner Bruder Nummer zwei, der ist erst vier, hatte Mitleid mit mir: „Leider, leider wirst Du so niemals jemanden finden, der Dich heiratet!“

Am nächsten Tag in der Schule bildete sich um uns eine Schlange und alle bewunderten unser Haar.

Meine Mutter hatte ja furchtbare Angst gehabt, dass ich zum Gespött aller Kinder an der Schule wurde. Und ich hatte mich auch ein bisschen davor gefürchtet. Doch das Risiko nahm ich in Kauf: Das wäre es trotzdem wert gewesen!

Das ist alles schon zehn Jahre her. Vor zehn Jahren hat mir meine Mutter erlaubt, meine Haare lila zu färben. Seit zehn Jahren bin ich die mit den lila Haaren. Seit zehn Jahren hat mich niemand mehr mit meiner Schwester verwechselt.

Samstag ist brünett und Sonntag ist lila.

Klar ist es oberflächlich, seine Identität auf das Aussehen zu gründen. Aber irgendwo musste ich ja anfangen. Ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen deswegen, denn für mich bedeutet Lila: Freiheit! Persönliche Freiheit!

Ich bin Friseurin geworden und habe seit diesem Tag vielen anderen Menschen die Haare gefärbt. Und ich weiß: Der Grund ist immer genau der gleiche Grund wie damals bei mir!

Wir haben alle den einfachen Wunsch, so auszusehen, wie wir sind.

Ich heiße Dimanche und ich bin die mit den lila Haaren.