Licht und Tod


Keiner wird wohl bestreiten, dass das Leben auf diesem Planeten endlich ist. Und dieses Ende nennen wir Tod. Tod ist messbar und analysierbar, wir haben dafür wissenschaftliche Kriterien erarbeitet.

Was danach passsiert, ist dann eigentlich nicht mehr das Territorium der Wissenschaft, sondern das von Religion, Metaphysik oder Spiritualität.

Das liegt in der Natur des Themas und wird sich nicht viel ändern. Und doch faszinieren uns Fälle, die irgendwie uneindeutig zwischen diesen beiden Welten geschehen.

So wie im Falle von Pam Reynolds, die während einer OP in Hypothermie klinisch tot war. Keinerlei Ausschlag auf dem EKG zu sehen und trotzdem erzählte sie jedem von ihren Erlebnissen in dieser Zeit.


Download der Episode hier.
Musik: „Touching Light“ by Scott Holmes / CC BY-NC 3.0


Skript zur Sendung

HW: Das ist ja schon lange her, die Operation und dass Sie diese Erfahrung gemacht haben. Können Sie sich denn noch erinnern, wie es Ihnen vor der Operation ging und was sie darüber dachten?

FA: Vor der OP hatte ich einfach nur schreckliche Kopfschmerzen. Dauernd. Keiner konnte erklären, warum und scheinbar gab’s einfach keine Behandlung. Man nennt das wohl „Cluster-Kopfschmerzen“. Aber ich hatte drei kleine Kinder, um die ich mich kümmern musste. Also tat ich einfach jahrelang so, als ob nichts wäre.

Dann, als ich mit meinem Mann nach Virginia gefahren war – wir machten Promotion für unsere neue Platte – da ging’s mir dann so richtig schlecht. Wieder daheim meinte meine Mutter, dass muss ‚was Anderes sein. Das muss ‚was mit dem Hirn zu tun haben. Also machte sie einen Termin bei dem Doktor aus, bei dem sie früher gearbeitet hatte.

Wir sind also in dessen Praxis und er hat mich dann gleich allen möglichen Tests unterzogen. Als dann die Ergebnisse alle da waren, meinte er, ich hätte im Hirn ein Aneurysma. Und dass ich mich darauf vorbereiten soll, dass es jederzeit vorbei sein kann. Einen Anwalt sollte ich nehmen, meinte er. Um meinen Nachlass zu regeln. Und ich sollte die restliche Zeit mit meinen Kindern genießen.

Er sagte mir ganz offen, dass ich keinerlei Chance hätte, das zu überleben. Das fiel ihm echt schwer. Er war ja auch ein Freund der Famile und ich kannte ihn schon, seitdem ich ein kleines Kind war.

Es gab praktisch kaum eine Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Operation überleben würde. Aber kaum eine Chance ist immer noch besser als gar keine, oder?

HW: Waren sie schon bewusstlos, als Sie in den OP gefahren wurden?

FA: Ich kann mich eigentlich nicht an den OP erinnern. Ich erinnere mich an die Narkose und dann an gar nichts mehr, bevor ich meinen Körper durch die Schädeldecke verlassen habe. Ich weiß, das klingt total verrückt, aber das ist halt, was passiert ist. Ich habe meinen Körper durch den Kopf verlassen und konnte ihn dann von oben sehen.

HW: Wie hat sich das angefühlt, außerhalb des eigenen Körpers zu sein?

FA: Ich war ziemlich glücklich. Überraschenderweise. Und dann habe ich etwas gesehen, dass so einen unangenehmes Geräusch machte. Ein Geräusch, dass ich zum ersten Mal gehört hatte, bevor ich meinen Körper verlassen habe. Ich hörte dieses Ding, dass dieses Geräusch machte.

Und dann sah ich den Doktor, wahrscheinlich Dr. Spetzler und der hatte so ein Ding in der Hand. So eine Art Säge, sah aber eher aus wie eine elektrische Zahnbürste. Und ich sah eine Art Schachtel, wo das Ding wohl reingehörte und auch viel Zubehör dazu. War eine beeindruckende Auswahl!

Dann hörte ich eine Stimme sagen: „Ihre Gefäße sind zu klein“. Und die Stimme von Dr. Spetzler antwortet: „Versuchen Sie die andere Seite!“ Als ich das so sah, hatte ich echt Angst. Weil, es war ja schließlich eine Gehirnoperation, aber die operierten am Bein herum!

Ich hatte echt Angst, dass die gerade einen Fehler machen und an der flaschen Stelle operieren. Da waren so viele Menschen, ich konnte nicht genau sehen, was die da am Bein machen, aber die Operation war wohl an der falschen Stelle! Ganz ehrlich: Das war echt der Horror!

HW: Als die dieses Werkzeug gesehen haben, dass Dr. Spetzler da in der Hand hatte, benutzte der das da schon? Was haben Sie sonst gesehen?

FA: Nein, der Lärm hatte gerade erst angefangen. Aber er benutzte es dann, kurz bevor ich den OP dann verlassen habe. Ich weiß das, weil der Lärm von der Säge da lauter wurde. Erst hört man das Geräusch so vage und dann wird es genauer. Na ja, es war ungefähr das gleiche Geräusch und ich wußte ja, sie würden so eine Säge benutzen.

Kurz nachdem jemand gesagt hat, dass meine Gefäße zu klein sind und nachdem ich dachte, die würden an der falschen Stelle operieren, da hatte ich das Gefühl, es ist noch jemand anderes da. Eine andere Anwesenheit.

Ich kuckte mich um und da sah ich an der Decke ein Licht. Ich dachte zuerst, da ist ein Loch in der Decke. Wo halt das Sonnenlicht durchkommt, aber das Licht war stärker.

Und dann hat mich etwas gezogen oder geschoben. Es war richtig das körperliche Gefühl, wie das man gezogen wird. Auf diesen Punkt zu. Uch dachte mir: „Jetzt stirbst Du. So ist also Sterben.“

Und dann hörte ich die Stimme meiner Oma. Die hat mich gerufen. Und ich freute mich. Ich freute mich sehr, dass ich meine Oma wiedersehen würde!

Und dann fiel mir ein, dass ich ja eigentlich nicht bei meiner Oma sein darf, weil… also, weil ich war alles andere als ein perfekter Mensch! Und da lachte meine Oma. Sie sagte mir – nee, sie sagte das nicht, es war eine andere Art der Kommunikation. Sie meinte, dass ich wie ein Kind wäre, dass in die Schule geschickt wurde. Und das sie stolz auf mich sind und dass ich es verdiene, bei ihnen zu sein.

Ich habe viele andere Leute gesehen, die ich kannte. Und viele Leute, die ich nicht kannte. Aber ich wusste, irgendwas verbindet mich mit denen. Alle waren schon menschliche Körper oder so, aber es war, als hätten sie Kleider aus Licht an. Und es war sehr schön da. So hell und warm. Es war eine liebevolle Stimmung, alle haben gelacht. Es war ein Stimmung von Vergebung. Und die haben sich alle gefreut, mich zu sehen.

Und ich wusste irgendwie auch, dass ich wieder zurück in unsere Welt musste… (Pause)

Ich wollte echt nicht wieder zurück! Aber ich glaube, eigentlich hatte ich mich schon entschieden, bevor ich überhaupt gegangen bin. Wahrscheinlich, weil ich Kinder hatte und einen Mann. Wahrscheinlich war deshalb noch nicht meine Zeit…

Aber eigentlich wollte ich nur in dieses Licht, das immer heller und wärmer wurde. Ich wollte in dieses Licht, aber ich durfte nicht. Sie haben gesagt, wenn ich zuweit gehe, dann kann ich nicht mehr zu dem Ich zurück, da auf dem OP-Tisch. Mit den Ärzten und den Schwestern.

Dann hat mein Onkel mich geschnappt und gemeint, ich muss in meinen Körper zurück. Er meinte, das wäre auch nichts Anderes, als in ein Schwimmbecken zu springen. Aber ich wollte einfach nicht.

Ich wollte nicht. Ich hatte Angst vor den Schmerzen. Also meinte er: „Willst Du nicht Deine Kinder wiedersehen? Liebst Du denn nicht Deinen Mann? Und Deine Schwester? Deine Mutter?“

Aber, ehrlich gesagt, in dem Moment dachte ich mir, meine Kinder würden das schon schaffen. Mein Mann würde sich schon um sie kümmern. Und meine Mutter war eine starke Frau. Ich hatte echt nicht die Absicht, wieder zu gehen.

Und dann hat mein Onkel mich einfach geschubst! Es war, als hätte er mich in ein Schwimmbecken voller Eiswasser geschubst! Es war kalt und total unangenehm und mein Brustkorb hat richtig wehgetan. Ich konnte erst einmal gar nicht atmen.

Und dann hörte ich das Geräusch von diesem Defibrillator. Zwei Mal. Beim ersten Mal hörte ich nur das Geräusch, aber beim zweiten Mal habe ich sie gesehen. Und, was ich total seltsam fand, war, dass die Musik im OP hatten. Da lief dieser Song „Hotel California“ von den Eagles. Da heißt es an einer Stelle: „You can check out any time you like. But you can never leave.“

Das fand ich echt furchtbar! Total unpassend! Unsensibel, irgendwie. Das hab‘ ich auch gleich nach dem Aufwachen zum Arzt gesagt. Der meinte nur, ich müsse mehr schlafen. Und das ich zu der Zeit unmöglich wach gewesen sein konnte.

HW: Haben Sie über Ihre Erfahrungen mit jemandem geredet außer mit ihrem Arzt?

FA: Na klar! Mit jedem! Das war auch sehr witzig! Ich war mir sicher, das waren nur Halluzinationen und als ich das meiner Familie erzählt hab‘, da machten wir gemeinsam Witze darüber.

Jeder konnte da drüber lachen! Bloß nicht die Schwestern und die Ärzte. Auch nicht der Narkosearzt. Die fanden das nicht lustig. Der Arzt traute sich nicht einmal, mich anzukucken, als ich das erzählt habe. So was hatten die noch nie gehört. Und sie wussten irgendwie, dass es eben keine Halluzinationen waren.

Ich war mir sicher, ich hätte das alles nur geträumt, oder so. Das mit den Gefäßen, der Säge, dem Defibrillator und der blöden Musik. Aber die sagten, das war nicht geträumt, sondern, dass das alles wirklich so passiert ist.

HW: Das ist eigentlich überraschend, oder? Dass das medizinische Personal sagt, Sie würden nicht halluzinieren. Normalerweise ist da ja eher andersrum. Patienten erzählen von solchen Erfahrungen und dann sagen die Ärzte, dass wäre halluziniert.

FA: Nein, die Schwestern und die Ärzte haben immer wieder gesagt, ich würde mit das nicht nur einbilden. Und manchmal glaube ich ihnen immer noch nicht. Viele Leute haben mich gefragt, was meine Erfahrung denn bedeutet. Die suchen irgendwie nach einer religiösen Antwort. Die wollen, dass das alles einen Sinn hat.

Aber dazu kann ich nichts sagen. Da habe ich keine Antwort drauf. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Ich weiß nur, dass es halt so geschehen ist. Wenn jemand eine Bedeutung darin erkennen will, dann muss er sich leider an jemand anderes wenden – ich bin nur eine Musikerin!

HW: Sie glauben nicht, dass das ein Beweis für ein Leben nach dem Tod ist? Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

FA: Wenn ich ehrlich bin, dann schon. Aber ich habe auch schon vorher daran geglaubt. Und das hat mit meiner Erfahrung nichts zu tun, eigentlich. Das ist kein Beweis für ein Leben nach dem Tod. Weil ich bin ja nicht tot, verstehen Sie?

HW: Hat das eigentlich ihr Leben verändert? Macht Sie diese Erfahrung zu einem glücklicheren Menschen?

FA: Ich glaube schon. Wissen Sie, vor der OP, da habe ich immer versucht, alles besonders gut zu machen. Zu strahlen! Von jedem Foto zu strahlen, und bei jedem Konzert. Und auch mit meiner Familie musste ich immer alles perfekt hinkriegen. Nach aussen musste alles glänzen, alles perfekt ausschauen. Ist vielleicht eine Berufskrankheit.

Aber innerlich wußte ich, dass ich alle nur bescheiße. Das ich in Wirklichkeit alles nicht richtig hinbekomme. Dass da innendrin nichts glänzt oder strahlt. Das ich ein Versager bin. Das ich ganz ehrlich ein Versager bin.

Aber da, wo ich war, da bei meiner Oma und meinem Onkel und all den anderen Menschen, da war das gar nicht wichtig. Da war es hell und warm und alles war voller… voller Vergebung.

Wir sind in Wirklichkeit alle Versager. Innerlich. Wir machen alle Fehler. Jeder. Aber das ist gar nicht so wichtig. Alles, was wir machen können, ist, es beim nächsten Mal halt ander zu versuchen. Und dann halt vielleicht keinen Fehler zu machen. Wir sind alle Versager und das ist gut so. Das ist richtig. Das gehört so. Das kann nicht anders sein.

Denn in Wirklichkeit wird uns vergeben. Weil wir alle hier nur zum Lernen sind. Wie Kinder, die man in die Schule schickt, hat meine Oma gesagt.

Und das hat mein Leben schon sehr verändert.


HW: Dieses Interview ist von uns aus dem Englischen übertragen. Es ist eine Mischung der zwei letzten Interviews, die Pam Reynolds in ihrem Leben gegeben hat, bevor sie 2010 an Herzversagen starb.

In Amerika sorgte ihr Fall drei Jahre nach der oben beschriebenen Operation für viel Aufsehen. Ihr Kardiologe, Michael Sabom, schrieb dazu den Bestseller: „Light and Heart“. Dort stellte er die Behauptung auf, Pams Erfahrungen würden deutlich auf ein Bewusstsein außerhalb der physisch messbaren Hirnfunktionen hinweisen.

Als Pams Aneurysma diagnostiziert war, war die letzte Möglichkeit eine Operation unter tiefer Hypothermie. Damals, 1991, ein noch neues Verfahren. Ihr Körper wurde auf 10 Grad Celsius gekühlt und das Herz mit einer Injektion zum Stillstand gebracht.

Dann richtete man sie mit dem Bett auf, damit kein Blut mehr in den Schädel fließen kann. Ihre Augen waren mit Pflastern verschlosssen und sie trug Ohrstöpsel. Ständige niederfrequente Töne wurden gesendet, um zu erfassen, ob noch rudimentäre Stammhirn-Funktionen erhalten sind.

Nachdem das EEG kein Signal mehr zeigte, wurde ihr Schädel geöffnet und das Aneurysma und ein Teil des Gehirns entfernt. Nach gelungenem Eingriff wurde sie mithilfe des Defibrillators wiederbelebt.

Während sie die oben beschriebenen Erfahrungen machte, gab es keinerlei Ausschlag des EEGs, keine messbare Hirnfunktion. Pam Reynolds war klinisch tot.

Der Anästhesist Gerald Woerlee hat sich mit Pams Fall intensiv befasst und kam zu den gegenteiligen Schlußforderungen wie Michael Sabom. Weder handele es sich hier um einen Fall von „Awareness“, also einem Wachzustand während der Narkose, noch um etwas, dass einer paranormalen Erklärung bedarf.

Er weist darauf hin, dass Pam nach der OP noch lange intubiert im Aufwachraum gelegen hat, bevor sie jemandem davon erzählen konnte. Und ihr Hirn so, in diesem halbwachen Zustand, die durch den Hirntod verlorene Zeit mit den beschriebenen Erfahrungen gefüllt hat.

Ein Fall von nachträglicher Halluzination sozusagen. Das Gehirn konstruiert einen falschen Zeitbezug, ähnlich wie zum Beispiel bei einem Deja vú-Erlebnis.

Klar ist zum einen: Es gab und gibt keinen messbaren, wiederholbaren, wissenschaftlichen Beweis für ein Leben nach dem Tod. Und den wird es aller Wahrscheinlichkeit auch nie geben.

Das ist eine Glaubenssache.

Klar ist auch, zum anderen: Die Vorstellung, dass außerhalb unserer Möglichkeiten, etwas zu messen oder zu analysieren, nichts existiert, ist streng genommen eine Hypothese, möglicherweise aber auch…

eine Glaubenssache…