Libera, Mona!



Wenn man als erwachsener Mensch erblindet, dann ist das einfach eine Katastrophe, da kann auch die schönste Geschichte nicht helfen. Da braucht man auch nichts Inspirierendes für Sehende machen, manchmal dürfen Dinge auch einfach scheiße sein.

Trotzdem sollten wir in diesem Fall nicht Mona vergessen, die neue Freundin unserer Erzählerin, die eine entscheidende Rolle in dieser Geschichte spielt und die es ohne Erblindung wahrscheinlich nicht zu diesem Job geschafft hätte.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Sad Dog Song“ von A.J. Jenkins
Backgroundmusik: “This Fire” von Gang Violins


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Die Geschichte zum Lesen

„Das Wichtigste im Leben ist doch die Gesundheit!“, sagte meine Oma. Es war ihre Antwort auf alle persönlichen Fragen, die man ihr stellte. Wie geht es Dir? Wie ist das Wetter bei Dir? Wie geht es Opa? Habt ihr schön gefeiert?

Woher ihre Obsession mit der Gesundheit kam, blieb uns ein Rätsel. Klar, sie war ein kleines Mädchen während des Kriegs und hat Elend und die Flucht erlebt. Dafür war sie mit der robustesten Gesundheit gesegnet, die man sich wünschen kann und überlebte drei ihrer vier Kinder.

Ich hatte das nicht geerbt. Mit 16 Jahren saß ich zum ersten Mal bei einem Augenarzt, der mir Farbenblindheit diagnostizierte. Das wäre akzeptabel gewesen, aber drei Jahre später wusste ich, dass es sich um eine Fehldiagnose handelte. Denn ich hatte „Retinopathia pigmentosa“, die plötzliche Farben- und Nachtblindheit waren nur die ersten Symptome gewesen.

Schon mal gehört? Nicht? Ist eher selten, in Deutschland gibt es an die 30.000 Menschen, die an dieser Krankheit leiden. Die Stäbchen und Zäpfchen auf der Netzhaut hören auf zu funktionieren, bis man nichts mehr sieht. Gar nichts mehr.

Mir hatten die Ärzte gesagt, dass meine Augen ein Leben lang immer schlechter werden würden. Mit vierzig, so die Schätzung, wären dann alle Rezeptoren hinüber und ich wäre blinder als ein Maulwurf. Denn die sind nicht blind.

Ich aber schon. Es ging deutlich zügiger als geschätzt, schon mit 35 Jahren war ich von totaler Dunkelheit umgeben. 16 Jahre lang zu erblinden, an einer Krankheit, für die es nicht einmal den Ansatz einer Therapie gibt, war meine persönliche Hölle.

Klar, RP ist nicht die denkbar schlimmste Krankheit, zum Beispiel hat man keinerlei Schmerzen. Es war aber auch nicht die Art von Erfahrung, die man im Leben unbedingt mal gehabt haben muss. Blindheit ist nicht etwas, was Menschen auf ihrer bucket list haben. Muss man nicht erleben.

Es war über Jahre so, als würden immer mehr Gewitterwolken von den Seiten her mein Sichtfeld verdunkeln. Als würde ich durch einen Tunnel laufen, der immer dunkler wird. Am Ende konnte ich nur noch in der Mitte der Netzhaut einen kreisrunden Flecken sehen.

Dann war es von einem Tag zum anderen vorbei. Die Dunkelheit war komplett.

Bei mir war daran nichts Tapferes. Der tapfere Behinderte ist auch so ein beschissenes Stereotyp: „Ach, Du bist erblindet. Dann sei mal schön tapfer, denn sonst haben wir keinen Platz mehr für Dich. Weinerliche Behinderte sind einfach doppelt eklig!“

Ich war aber weinerlich. Ich wollte erst einmal nur liegenbleiben und nie mehr aufstehen. Ich hatte alle Trainings gemacht, die man zur Vorbereitung machen kann. Ich konnte seit Jahren mit Stock gehen. Aber ich habe mich immer an den letzten Lichtstrahlen festgehalten, ich war immer ein visueller Mensch gewesen.

Ich gebe es zu, ich bin einer der RP-Patienten, die erst einmal depressiv werden. Plötzlich hat sich mein Leben nur noch um die Krankheit gedreht.

Als ich Monate später langsam begann, mir selber weniger leid zu tun, suchte ich nach Wegen und Methoden, um möglichst viel Selbstständigkeit wieder zu erlangen.

Sehende machen sich keine Vorstellung davon, wie sehr der Alltag für Blinde verbaut ist. Manchmal könnte man meinen, da gäbe es Bauherren, die gezielt planen, möglichst viele Blinde zu frustrieren.

Schranken sind so eine tolle Blindenfalle.

Oder Gruben, die nur mit einem Schild gekennzeichnet sind: „Achtung Grube!“

Treppen mit Absätzen dazwischen sind auch frustrierend und besonders schlimm ist für mich, dass Ampeln irgendwie aus der Mode kommen.

In die Stadt zu gehen, war für mich ein lebensgefährliches Abenteuer geworden, vor allem mit den Elektroautos, die man kaum noch hören kann.

Doch ich musste immer wieder los, nur um mir zu beweisen, dass ich lebte. Es war ein verzweifelter, stummer Kampf und ich fühlte mich sehr allein.

Dann bekam ich eine Verbündete. Eine Freundin namens Mona, die immer auf mich aufpasste und mir ihre Augen lieh.

Statt die Ampel zu ertasten, sagte ich nur noch: „Ampel“ und meine Labradorhündin ging los und fand die nächste Ampel für uns. Die erkannte sie am Drückkasten und mit der Schnauze zeigte sie genau auf den Knopf.

Wenn ein Bordstein kam, blieb sie stehen, um mir zu signalisieren, dass ich mit dem Fuß nach dem Tritt tasten muss. Wenn ich „Banca“ sage, suchte sie mir die nächste Sitzgelegenheit, bei „Porta“ die nächste Tür, auch in Bus oder Bahn, bei „Biletta“ den nächsten freien Schalter in Behörden oder in der Post.

Die Befehle für Blindenführhunde sind meistens in Italienisch. Das ist praktisch, weil sie sich von der Normalsprache unterscheiden, man gibt also nicht aus Versehen Kommandos, wenn man mit jemanden plaudert.

Das mit den Befehlen ist sowieso eine interessante Sache. Blindenhunde stehen ja in dem Ruf, besonders loyal und devot zu sein. Aber Mona ließ sich keinen Mist befehlen. Wenn ich mit ihr an eine Schranke kam, blieb sie erst einmal stehen. Das ist ja schon einmal ein Zeichen für Intelligenz, denn sie selber könnte ja bequem drunter durch.

Stehenbleiben ist ein wichtiges Signal. Ich würde also aufmerksam hören, ob sich Verkehr nähert oder sich von hinten ein Ninja anschleicht. Dann würde ich mit dem Stock schauen, ob ich ein Hindernis finde; bei einer Schranke kann es aber durchaus geschehen, dass ich unter der durch wedele. Dann würde ich zu Mona „Vai“ sagen, damit sie weitergeht.

Das würde sie aber nicht machen! Sie versteht genau, dass ich das Hindernis nicht sehe oder verstehe und gehorcht nicht. Das ist in meinen Augen das wahre Zeichen für Intelligenz. Intelligente Befehlsverweigerung!

Meine Hündin hieß „Mona“ und wir wurden eine Abenteuereinheit. Sie gab mir die Freiheit wieder und damit Selbstwertgefühl. Ich konnte mit Mona wieder alleine leben und mich um uns und unser Wohl kümmern.

Klar, manchmal saßen wir nur auf dem Sofa und flegelten in den Tag hinein. Ich mit einem guten Hörbuch und Mona mit einem Kauknochen.

An anderen Tagen aber waren wir nur unterwegs! Es konnte vorkommen, dass wir zwölf Stunden planlos quer durch die Stadt liefen. Einfach der Schnauze nach, bis wir in Vierteln waren, die ich als Sehender niemals besucht hätte.

Da fragte ich dann nach dem Weg. Das war ein bisschen böse von uns, zugegeben, denn die meisten Sehenden können einen Weg nur für Sehende beschreiben.

Einmal ist ein junger Mann mit einer sinnlichen Stimme ein ganzes Stück mit uns mitgekommen, weil er sich schämte, dass er den Weg nicht ohne optische Erkennungszeichen erklären konnte.

In meiner Vorstellung war der übrigens äußerst attraktiv. Mona hatte dazu keine Meinung, die war bei ihrer Arbeit immer sehr konzentriert. Sie blendete alle anderen Menschen einfach aus.

Wenn ihr also einen Blindenführhund bei der Arbeit seht: Macht euch nicht die Mühe, den zu streicheln oder zu loben oder anzusprechen. Höchstens wenn er „Libera“ hat, also „Freizeit“. Am besten ist, ihr sprecht einfach die hübsche blinde Frau an, die mit dem Hund unterwegs ist.

Ich lernte dann, dass Mona auch gelernt hatte, andere Hunde zu ignorieren, wenn sie mich führte. Es war also in diesem Fall meine Aufgabe, sie zu verteidigen, wenn sie angegriffen wurde. Wenn ein Rüde wieder zu aufmerksam wurde, dann konnte ich ganz schön rumschreien und den Blindenstock bedrohlich durch die Luft hauen!

Mona war für mich da, bedingungslos und loyal. Es war für mich also selbstverständlich, dass ich auch für sie da zu sein hatte. Das schwor ich mir und ihr feierlich.

Sie war für mich das wichtigste Lebewesen auf dem ganzen Planeten geworden. Klingt kitschig und ist wahrscheinlich nicht tiergerecht, aber Mona hatte mir durch harte Zeiten geholfen.

Soll ich ganz ehrlich sein? In Wirklichkeit war mir noch nie ein anderes Wesen so nahe wie Mona. Ich verbrachte 24 Stunden jeden Tag mit ihr und wir kannten uns besser als unsere eigenen Eltern. 24 Stunden waren wir uns so nahe, dass wir uns jederzeit anfassen konnten. Mona und ich lebten in Symbiose! Wir waren eins.

Eines Tages aber hörte sie auf einmal auf, zu fressen. Auch als ich ihr feinstes Rinderhack besorgte, konnte ich sie nicht überreden. Wenn ein Hund ein, zwei Tage nicht fressen will, dann ist das immer ein Zeichen, dass etwas Schlimmes im Busch ist.

Am Montag war ich also mit Mona in der Tierklinik und ein Röntgenbild später wusste der Tierarzt, dass es etwas Schlimmes war. Er sagte, dass man im Bauchraum ein großes Geschwür sehen konnte.

„Wie groß ist es denn, Herr Doktor?“

„Sehr groß.“

„Wie groß?“

„So groß!“
„Sie zeigen, oder? Ich kann aber nichts sehen, Sie erinnern sich?“

„Oh! Tut mir leid. So groß wie ein Handball.“

Das war ein Riesengeschwür, das sofort rausmusste. Es folgte eine Not-OP und auf die folgte eine massive Chemotherapie. Ich verbrachte die nächsten Tage an Monas Seite. So wie sie mir jahrelang beigestanden hatte, so wollte ich jetzt für sie da sein.

Es dauerte fast zwei Wochen, bis sie wieder stehen konnte. Und sobald sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wollte sie schon wieder mit mir arbeiten. Am liebsten wäre sie mit mir sofort aus der Klinik abgehauen, um, wie früher, stundenlang durch die Stadt zu laufen.

Aber wir mussten es langsam angehen. Es bestand eine gewisse Chance, dass sie den Krebs besiegt hatte, aber in der Tiermedizin ist man noch mehr in Gottes Hand als in der Humanmedizin.

Nicht viele Menschen würden so einer Behandlung ihr gesamtes Erspartes opfern, ich aber schon, da gab es ja meinen Schwur.

Mona wurde aber nicht mehr die Alte. Sie steckte die OP nie ganz weg und ich spürte schon nach einer halben Stunde Gassi, wie ihr die Kräfte schwanden. Sie, die immer so sicher gespurt hatte, vertrat sich dann plötzlich oder schleifte mit der Pfote auf dem Boden oder überlegte vor einer Stufe erst, wie sie diese am besten bewältigen konnte.

Es war ein langer Abschied und ich war vor Angst, sie zu verlieren, blind für ihr Leiden. Das tut mir heute noch in der Seele weh.

Natürlich kam der Krebs wieder und die nächste OP. Es war, als ob ihr Körper die ganze Kraft brauchte, nur um diese überflüssigen Tumore zu bauen. Sie wurde mit jeder OP schwächer.

Bald war die letzte, winzige Hoffnung eine heftige Chemotherapie, von der mir die Tierärzte deutlich abrieten. Dafür hatte aber ich kein Ohr. Ich konnte mir ein Leben ohne Mona nicht vorstellen, basta.

Mir war es, als würde man mir zum zweiten Mal erklären, dass ich erblinden würde. Bloß, dass es dieses Mal nicht meine eigenen Augen waren, die ich verlieren würde, sondern die von Mona. Das machte es doppelt grausam.

Eines Nachts in der Tierklinik wurde ich wach und ich ahnte sofort, dass Mona ohne mich gegangen war. Sie hatte die letzte Straße überquert, obwohl ich ihr kein Kommando gegeben habe.

Scheiß auf intelligente Befehlsverweigerung!

Sie war tot. Mona, die mir das Leben wieder beigebracht hat, indem sie mir ihre Augen geliehen hat. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich meinen Schwur nicht gehalten habe.

In den letzten Tagen war ich nicht für sie da. Ich hätte die Behandlung viel früher beenden sollen und mir Zeit nehmen für den Abschied. Stattdessen war ich so egoistisch, dass ich noch in den letzten Sekunden nur an Heilung denken wollte. So musste sich meine beste Freundin heimlich von mir fortschleichen.

Ich habe wieder einen Blindenführhund bekommen. Dieses Mal einen Rüden, einen Schäferhund namens Toni. Ein tolles Lebewesen, ein fleißiges Tier, ein treuer Freund auch er. Auch wir verbringen jeden Tag miteinander, aber es ist nicht das Gleiche wie mit Mona.

Ich werde mir alle Mühe geben, ihm der beste Freund zu sein, den er sich nur vorstellen kann. Ich werde ihn kennenlernen und lieben lernen und dann, wenn es an der Zeit ist, werde ich ihn gehen lassen.

Und dieses Mal werde ich dabei sein und zusehen, wie er von mir geht.

Jawohl. Ich werde anwesend sein. Ich werde es sehen! Und ihn gehen lassen…