Wie lebt man in… 02



Vor kurzem hat mir jemand ein Video von einer Straßenkünstlerin geschickt. Eine junge Violinistin stand da in der Fußgängerzone. Und es gab kein Indiz, um zu erkennen, WO das war!

Die Leute trugen das gleiche wie überall in Europa, im Hintergrund war ein H&M, wie überall in Europa und selbst die Pflanzen in den Betontrögen könnten so in Italien, England, Schweden oder in Bulgarien stehen.

Aber, wenn man sich von Menschen erzählen lässt, wie es denn da so ist, wo sie leben, dann lernt man schnell: Trotz aller Globalisierung ist unsere Welt immer noch sehr unterschiedlich und bunt.

Heute lassen wir uns aus Sibirien erzählen, von einer Insel im Indischen Ozean und aus Utah in den Vereinigten Staaten! Horcht mit!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Komyzim“ von Altai Kai


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Skript zur Sendung

Ich stamme aus einer Kleinstadt in Sibirien. 10.000 Einwohner – für den Rest Russlands wäre das wohl ein Dorf. Dieser Ort ist weit weg von jeder größeren Stadt. Wir lebten ein sehr einfaches und traditionelles Leben.

Fangen wir gleich mit dem Offensichtlichen an: Der Winter kommt sehr früh! In den ersten Oktobertagen fängt es an zu schneien und in wenigen Wochen ist alles von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Bis März fällt immer mehr und mehr Schnee.

Die Verwaltung schickt Schneeräumer für die öffentlichen Straßen, aber rund um Dein Haus musst Du selber räumen. Das kann wirklich frustrierend sein, wenn Du nach einigen Stunden Arbeit den Weg von der Haustür zur Straße freigeräumt hast und es dann wieder zu schneien beginnt. Ein paar Stunden später ist Deine Arbeit überhaupt nicht mehr zu sehen.

Speziell im Dezember und Januar wird es sehr, sehr kalt. Minus 35 bis minus 45 Grad. Wenn es so kalt war, mussten wir nicht in die Schule – wir haben uns also gefreut! Im Januar machen die Schulen aber sowieso eine Woche zu. Quarantäne-Ferien heißt das, weil da die Gefahr so groß ist, eine Grippe zu erwischen. Um so besser für Schulkinder, die keine hatten!

In meiner Kindheit so vor 10 bis 15 Jahren gab es kein Netz, keine Smartphones und damit auch kein Internet. Wenn es nicht zu kalt war, waren wir den ganzen Tag draußen. Jeder kann Skifahren oder Schlittschuhfahren in Sibirien, aber wir veranstalteten auch richtige Schneeball-Kriege.

Aber am besten war das Schlittenfahren. Die Erwachsenen bauten riesige Schneeberge an jeder größeren Straße und wir verbrachten Stunden um Stunden damit, die runterzurutschen. Auf Schlitten, Schultaschen, Plastiktüten oder im Notfall auch auf dem Hosenboden.

Die Erwachsenen gingen auch gerne Eisfischen. Aber für uns Kinder war das nichts. Man verbringt Stunden, um ein Loch ins Eis zu hacken und dann sitzt man wieder Stunden herum, in der Hoffnung ein paar Fische zu erwischen. Mir ein Rätsel!

Manche modernen Häuser hatten damals schon Zentralheizung, aber unser Haus war auch dabei traditionell. Mitten im Haus gab es einen „Pech“. Ihr würdet wohl Kachelofen sagen. Jeden Morgen wurde der mit Holz und Kohle eingeheizt und in Nullkommanichts wurde das ganze Haus warm, das Wohnzimmer sogar heiß! Mit dem Pech wurde auch gekocht. Wir hatten auch elektrische Platten, aber das Essen über einem echten Feuer zubereiten, schmeckt einfach viel, viel besser!

Ich denk‘ mir gerade, dass der Winter bei mir so nach Spaß geklungen hat, oder? Aber fünf Monate nur Schnee zu sehen und immer nur Schnee, das ist für uns Kinder auch superlangweilig gewesen.

Unsere Lieblingsjahreszeit war natürlich der Sommer! So von Mitte Mai bis Mitte August. Da waren die Temperaturen so zwischen 20 und 35 Grad. Und rund um unser Dorf gab es jede Menge Seen, Flüsse und Hügel! Wir verbrachten als Kinder die meiste Zeit im Wald und im Wasser. Das wurde natürlich nie richtig warm, aber wir schwammen trotzdem!

Und wir sammelten für die ganze Familie Beeren. Erdbeeren, Brombeeren und Blaubeeren und natürlich auch Pilze! Im Spätsommer roch das ganze Dorf wie Marmelade. Jeder Haushalt kochte ein für den Winter. „Varenje“ heißt das und ist ein bisschen anders wie eure Marmelade. Weniger süß und flüssiger.

Wir hatten auch eigenes Land und einen riesigen Garten und bauten unser eigenes Gemüse und Obst an. Eigentlich war das die Hauptbeschäftigung der Erwachsenen im Sommer. Ernte war im September und dann kam ja gleich der Winter.

Jedes Haus hatte einen Keller, um das Gemüse und Obst zu lagern. Die waren auch im Sommer immer sehr kalt.

Sibirien ist riesig und menschenleer. Es gibt eigentlich nur vier Großstädte: Novosibirsk, Krasnoyarsk, Omsk und Tomsk. Aber die liegen sehr weit voneinander entfernt.

Als ich zum Studieren in die nächste Großstadt gefahren bin, dauerte die Fahrt im Bus einfach fünf Stunden. Dabei kommt der Bus nur durch vier andere kleine Dörfer, der Rest war Felder und Wälder.

Wenn es im Winter sehr kalt wird, fällt übrigens auch der Bus aus. Die Gefahr, dass er bei der Fahrt kaputt geht, ist zu groß und dann würden alle Insassen erfrieren.

Es gibt in Russland die Redensart, dass in Sibirien mehr Bären auf den Straßen sind als Menschen. Das ist natürlich Quatsch. Obwohl ich als Kind auch mit einem Bären gespielt hab‘. Meine Eltern hatten die arme Kleine gefunden, wahrscheinlich wurde ihre Mutter erschossen. Und in den paar Tagen, bevor wir einen Platz im Zoo gefunden hatte, lebte die Kleine bei uns. War ein Mädchen.

So war das. Sibirien ist mittlerweile ein bisschen moderner geworden. Aber die Winter sind immer noch genauso hart und die Natur immer noch genauso schön.

Anna Stepanova


Ich habe 10 Jahre in Karavatti gelebt. Das ist die Hauptstadt von Lakhshadweep, einer ganzen Gruppe von Inseln, die zu Indien gehören. Karavatti ist 4 qkm groß. Wenn man dort 10 Tage lebt, dann ist es das Paradies. Lebt man da aber 10 Jahre, dann ist es die Hölle.

Mein Vater ist Staatsbeamter und wurde nach Lakshadweep versetzt, da war ich keine neun Jahre alt. Wir bestiegen also die „Tipu Sultan“, eine der wenigen riesengroßen Fährschiffe. Die Fahrt dauerte 18 Stunden und ich war sehr aufgeregt. Als Großstadtkind klang Karavatti paradiesisch.

Als wir angekommen waren, gab es aber keinen Hafen oder auch nur eine Anlegestelle. Ein kleines Motorboot kam zur Tipu Sultan und ein großes Gate an der Seite des Schiffs wurde geöffnet. Von dort warf der Skipper Seile in die Fähre und das Boot wurde herangezogen.

Es gab einigen Seegang und man musste immer auf die paar Sekunden warten, wo das Boot nahe genug am Schiff war, um zu springen. Für die meisten an Bord eine normale Herausforderung, aber für uns Neuankömmlinge eine wirklich beängstigende Erfahrung. Aber keine Angst: Wer nicht springen will, der wird von den anderen Fahrgästen im richtigen Zeitpunkt einfach geschubst!

Aber als wir die Insel erreichten, wusste ich, dass es die Mühe wert war. Die 18 Stunden Fahrt und das dreimalige Kotzen und dann die einstündige Fahrt mit noch mehr Kotzen. Die Insel war atemberaubend schön! Die Lagune erstrahlt in einem unglaublichen Grün, das Wasser war kristallklar und der Sand war beinahe weiß! Überall! Ich war richtig euphorisch! Für 10 Tage.

Aber zurück zur Frage – wie lebt man in Karavatti? Kurz gesagt: Das Leben ist sehr friedlich, sehr ruhig und auch sehr monoton und sehr stinklangweilig. Wenn Du nicht die Landessprache sprichst – Malayalam – bleibst Du auch immer ein Außenseiter.

Schule war für mich von 9.00 h bis 17.00 h, danach spielten wir meistens Cricket oder Volleyball und dann ging’s nach Hause. Hausaufgaben machen, lernen, schlafen. Karavatti ist muslimisch, es gibt auf der winzigen Insel ganze 50 Moscheen! Darum ist am Freitag auch Feiertag und der Sonntag ist halb frei.

Die Freizeitbeschäftigung an den Wochenenden war es, in der Lagune zu schwimmen und am Strand abzuhängen. Bei schlechtem Wetter gab es zwei Fernsehsender aus Indien und das Radio.

Das Internet war ein Mythos und Computer sehr seltene Fundstücke. Es gab kein Theater, kein Kino, kein Kentucky Fried Chicken, kein McDonalds oder irgendwelchen andere Angebote.

Mann, es war ja schon schwierig genug, überhaupt frisches Gemüse oder Fleisch aufzutreiben! Einmal die Woche kam das Boot, da gab es dann auch die Zeitungen einer Woche auf einmal.

Auf der ganzen Insel gibt es auch heute keine einzige Tankstelle. Macht aber nichts, denn Autos gibt es praktisch auch nicht. Wohin sollten die auch fahren? Die Insel ist ja nur 6 km lang und einen Kilometer breit! Mit dem Fahrrad ist man überall genauso schnell.

Die Stromversorgung der ganzen Insel wird von einem einzigen großen Dieselgenerator erledigt. Aber man muss hier auch niemals heizen, das Wetter verändert sich nie. Es ist immer 30 Grad warm.

Es gibt keine Seen oder Flüsse, Süßwasser kommt aus einer Meereswasserentsalzungsanlage. Aber jeder Haushalt sammelt auch Regenwasser. Also: Trinkwasser kostet nichts. Das ist in Indien ja meistens nicht so.

Schule kostet auch nichts. Die Schule stellt alles, was man braucht! Schulbücher, Schulhefte, Instrumente, Farbkästen: Alles, was man sich nur vorstellen kann. Als Einheimischem sind einem Plätze in einigen der besten Colleges in Indien automatisch reserviert. Weil, hier gibt es natürlich keines.

Arzt und Krankenhaus kostet auch nichts. Nicht einmal Medikamente muss man zahlen. Auch ein großer Unterschied zu Indien, wo eine Krankheit einen jederzeit ruinieren kann.

Meine Eltern leben immer noch in Karavatti, aber ich bin heilfroh, da weg gekommen zu sein. Die haben immer noch keinen verlässlichen Handy-Empfang und immer noch kein Internet.

Es gibt da halt das Meer und den Strand und die Sonne. Und das Meer und den Strand und die Sonne. Und das Meer und den Strand und die Sonne – ununterbrochen. Und nichts anderes. Es ist die Hölle der Langeweile! 24 Stunden, sieben Tage die Woche.

Allerdings: Wenn man Schulkinder hat und deren Erziehung wichtig ist, dann ist Karavatti einer der besten Plätze in ganz Indien!

Hisham CG, Engineer


Okay. Hier also meine Sicht der Dinge. Meine Familie zog in die Nähe von Ogden in Utah, da war ich ein Kind. War Ende der Siebziger. Mein Vater wurde dahin versetzt. Wir zogen alle mit.

Und das war ein riesiger Kultur-Schock! Was ich verlassen musste, war eine bunte Mischung an Freunden. Die hatten viele verschiedene Hautfarben, viele verschiedene Religionen und viele verschiedene Muttersprachen.

Utah dagegen war damals so weiß wie frisch gefallener Schnee. Ein Kind zu sein und Pubertierende zu sein ist ja so schon kein Honigschlecken. Aber in Utah wurde das unerträglich, weil die mormonische Kirche da einen riesigen Einfluss hat auf das alltägliche Leben.

Am Anfang ist alles immer noch in Ordnung. Die Menschen in Utah sind sehr freundlich und zuvorkommend. Bis sie dann herausfinden, dass Du eben nicht Mormone bist. Und nicht mit ihnen in die Kirche gehen willst. Und nicht willst, dass Dich Missionare besuchen.

Ich hatte nur sehr wenige Freunde. Ein Kind erklärte mir ins Gesicht, dass es nicht mir mir spielen durfte, weil ich keine Mormonin war.

Wenn ich dann doch einmal eingeladen wurde, dann war ich sehr vorsichtig. Denn oft ging es nur darum, mich zu irgendeinem Angebot in der Kirche zu überreden. Dieses Misstrauen ist sehr verunsichernd, wenn man erst acht Jahre alt ist.

Erst nach der achten Klasse fand ich Freunde, die sich die Zeit nahmen, mich kennenzulernen und zu akzeptieren, obwohl ich keine Mormonin war und sie schon. Dating war sowieso völlig ausgeschlossen. Mormonen durften keine Nicht-Mormonen daten. Auf keinen Fall. Und wenn die sich überhaupt mit jemanden trafen, dann nur, weil sie den oder die später auch heiraten würden!

Tut mir leid, mir war mit siebzehn einfach überhaupt nicht im Geringsten nach heiraten! Ich wollte einfach ab und zu tanzen gehen oder einfach ein normales High-School-Leben führen, wie in den Filmen eben!

Aber ich und meine Familie, wir waren einfach weniger wert. „Erstaunlich, was für gute Menschen ihr seid“ – sagten die wenigen, die uns dann doch kennen lernten. Und das war natürlich jedes Mal wirklich sehr, sehr befremdlich. Und verletzend.

Ich könnte heute noch wütend werden! Wir wurden wirklich mit den richtigen Werten und mit starken moralischen Überzeugungen erzogen, wir machten niemals den geringsten Ärger, wir waren immer superhöflich und halfen, wo wir konnten – warum nahmen die Leute erst einmal immer das Gegenteil an?

Es dauerte für mich noch viele, viele Jahre und nicht wenige Stunden beim Psychotherapeuten, bis mir klar wurde, dass mein mieses Selbstwertgefühl aus dieser Zeit herrührt. Das mir das mir von diesen Menschen eingepflanzt wurde!

Selbst die einfachsten, normalsten Sachen waren in Utah nicht selbstverständlich. Als Nicht-Mormonen bekamen wir natürlich als allerletzte im Viertel einen Kabelanschluss. Regelmäßig wurden Unterschriften gesammelt: „Unser Ort muss sauber sein!“ Und gemeint waren natürlich wir! Wir Nichtmormonen sollten doch bitteschön endlich wegziehen! Sauber bleiben: Als ob wir schmutzig gewesen wären!

An einem Sonntag etwas zu unternehmen, war praktisch unmöglich, denn alles, wirklich alles war geschlossen. Selbst nur einen Kaffee aufzutreiben, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Mit der Schule regelmäßig in Gottesdienste zu gehen, war natürlich Pflicht. Und natürlich mormonische Gottesdienste. Für alle. Pflicht!

Als ich klein war, dachte ich immer, „der Zauberer von Oz“ wäre ein mormonischer Film. Denn jedes Mal, wenn etwas nur leicht fragwürdiges auf CBS lief – ein Sender, der damals sogar den Mormonen gehörte! – wenn also etwas nicht 100% clean war, wurde stattdessen immer „Der Zauberer von Oz“ gezeigt. Ich habe diesen Film echt sehr oft gesehen!

Es ist schon klar: Jeder lebt in seiner Bubble. Jeder umgibt sich am liebsten mit Menschen, die die gleichen Ansichten und Überzeugungen haben, wie man selber. Das ist normal. Aber die eigene Bubble ist normalerweise nicht besonders groß. Und daneben gibt es auch andere Bubbles. Und die kann man sehen und dann lernt man auch andere Lebensweisen oder Kulturen kennen.

Das Problem mit Utah ist, dass es eine einzige Riesenbubble ist! Wohin Du auch gehst: Jeder ist genau wie Du! Und natürlich denkt man dann, das wäre das normalste von der Welt. Und dass jeder, der anders lebt, es halt irgendwie falsch macht.

Wenn ich so zurückdenke, dann habe ich das Bedürfnis auch etwas Gutes über Utah zu sagen. Und das Beste, was mir einfällt ist: Utah hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin!

Ich bin mit allem Einsatz für Menschen da, die schlechter behandelt werden. Ich bin ein Verfechter der Tatsache, dass für alle das gleiche Recht gilt. Ich tue alles, was in meiner Macht als Beamtin steht, damit sich niemand schlechter fühlen muss, nur aufgrund der Tatsache, wen sie lieben, wie sie aussehen oder zu welcher Religion sie sich bekennen.

Das verdanke ich Utah.

Heather Werth