Laaangeweile


Wenn man sich so umschaut, dann findet man niemanden mehr, der sich gepflegt langweilt.
Die ständige Verfügbarkeit von Medien auf unseren tragbaren Computern haben dieses Gefühl scheinbar ausgelöscht.

Und die Langeweile scheint irgendwie in der Kulturgeschichte des Menschen auch die Emotion zu sein, die wir am meisten ablehnen – noch vor Hass oder Angst.

Aber Herr Wunderlich begs to differ. Wenn wir wirklich bei dem sind, was wir tun und erleben, dann bleibt die Langeweile nämlich nicht lange und danach wartet auf uns etwas Neues.


Download der Episode hier.
Musik: „Falling“ von Danielle Helena / CC BY-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Aber fangen wir von vorne an: Ich weiß natürlich genau, was Langeweile ist. Ich kann mich gut daran erinnern, wie endlos früher die Sommerferien waren.

Ferien waren nicht eine Unterbrechung zwischen zwei Schuljahren, zwischen zwei Klassenstufen. Wenn im August die Schule aus war, dann war sie das gefühlt für immer. Sechs Wochen sind für einen Zweitklässler ein so riesiger Zeitraum, es war, als wäre das Leben jetzt nur noch Sommerferien.

Das hat mich immer ziemlich gefreut, ich bin nämlich niemals gerne in die Schule gegangen. Der Mittelpunkt meines Lebens war die Zeit NACH der Schule, wenn ich rausgegangen bin und da immer andere Kinder zum Spielen waren. Irgendwer aus unserer Bande war immer da. Und wenn nicht, dann ist man die Straße runter, hat geklingelt und gefragt: „Kann der Toni zum Spielen raus kommen?“

Und das konnte der Toni dann auch meistens. Und wenn nicht, dann konnte man mit den Eltern immer noch einen Kurzbesuch aushandeln.

Nun war es aber mit den Sommerferien so, dass die anderen Kinder irgendwann ausnahmslos alle irgendwohin in den Urlaub gefahren sind. Aber wir halt nicht.

Die ganze Straße war leer – alle weg. Also bin ich wieder nach Hause geschlurft, habe mich auf mein Bett geworfen und an die Decke gestarrt. Und es überkam mich bleischwer eine unendliche Langeweile.

Natürlich hatte ich ein Kinderzimmer, das voll war mit den typischen Spielsachen. Zu der Zeit waren meine Eltern Gutverdiener und geizig waren sie auch nicht.

Ich hatte eine Big-Jim-Puppe. Und für die sogar den Taucheranzug, da war der Percy richtig neidisch drauf. Aber Big Jim war langweilig.

Ich hatte sogar eine kleine Carrera-Bahn. Die hätte der Toni wohl gerne gehabt. Aber die baute man halt in fünf Minuten auf und dann fuhr man das Rennauto zehnmal rum. Und dann begann man viele verschiedenen Methoden zu entwickeln, das Auto entgleisen zu lassen. Gab aber nur zwei, die verlässlich funktionierten. Carrera-Bahn? Mit das langweiligste Spielzeug, das man sich nur ausdenken kann.

Und ich hatte meine ganzen billigen Plastiktiere. Eine ganze Omo-Trommel voll. Mit denen spielte ich am meisten. Aber an endlosen Tagen in den Sommerferien waren das halt auch nur Plastikbrocken. Tarzan-Figur hatte ich keine, habe ich das nicht schon einmal erzählt? Aber der Percy, der hatte eine. Aber der war ja irgendwo in Italien.

Und was mir blieb war: Nichts. Gar nichts. Null. Nada. Weniger als Null. Keine Idee, keine Lust, kein Bock, nur die Gedanken, die sich immer im Kreis drehten.

Denn was ich nicht hatte in den Siebzigern, das war ein iPad. Oder ein Computer. Oder ein Fernseher. Oder nur einen Gameboy. Sonst wäre mir nicht langweilig gewesen.

Ich hätte Tetris gespielt oder meinetwegen Candy Crush, ich hätte die Facebook-Timeline abgegrast, wo meine Freunde ihre Urlaubsbilder gepostet hätten. Ich hätte auf WhatsApp mit ihnen gechattet und schlechte Witze gemacht oder einfach selber witzige Sprüche auf Twitter gepostet.

Das machen auf jeden Fall die meisten Menschen, die ich so im Zug beobachten kann. Wer heute alleine eine Zugreise macht, der bereitet sich multimedial darauf vor. Der lädt sich schon einmal ein paar Folgen seiner Lieblingsserie oder arbeitet an seiner Bachelor-Arbeit oder löst, wenn es ganz schlimm kommt, Sudoku-Rätselblöcke.

Nur wenige kucken einfach aus dem Fenster und lassen sich und ihre Gedanken treiben. Das mache ich zum Beispiel total gerne. Wenn man so durch Deutschland fährt, kann man dann langsam beobachten, wie sich die Landschaft verändert und die Landwirtschaft. Oder die Architektur. Kirchtürme zum Beispiel sind ein tolles Forschungsobjekt. Wo steht zum Beispiel die hässlichste deutsche protestantische Kirche?

Und dann habe ich noch die Angewohnheit, meine Sitznachbarn anzusprechen. Und in 80% der Fälle – wirklich, ich bin mir da sicher – in 80% der Fälle entspinnt sich daraus ein interessantes Gespräch.

Ich habe schon mit einer Operndiva gesprochen, einem Raketenbauer, mit einer Frau, die Drehleiern repariert, einem echten Astronauten, einem Journalisten, der ein Buch schrieb über die Frau, die unsere Kanzlerin ist. Oder aber mit Panzergrenadieren, Drogendealern und – besonders interessant – mit einem Lüftl-Maler. Alles im Zug. Alles, damit uns nicht langweilig ist.

Ich bin vielleicht ein Sonderfall, zugegeben. Ich kann auch die Flugbahn einer Stubenfliege in einer Bahnhofskneipe anregend finden. Oder zu beobachten, wie Menschen Einkaufswagen wieder in die Schlange zurück schubsen. Mein Hirn lässt sich leicht unterhalten.

Obwohl es da schon Sitzungen im Kirchenvorstand gab, wo es aus Langeweile beinahe implodiert wäre. Zugegeben. Wenn das Nötigste gesagt ist, aber halt noch nicht von jedem. Wie Karl Valentin das richtig erkannt hat.

Was aber ist eigentlich Langeweile genau? Wie definiert sich dieses Gefühl, dass wir alle meiden wie die Pest? Und das man nicht gestehen darf. Klar, ein Film, eine Platte, ein Theaterstück nennen wir schnell einmal langweilig, aber wir selber, wir dürfen uns nicht langweilen.

Wer sich langweilt, der hat nichts zu tun. Und wer nichts zu tun hat, der ist in unserer Leistungsgesellschaft wohl oder über einfach überflüssig. In der bei uns verbreiteten protestantischen Arbeitsethik hat man einfach gestresst und überfordert zu sein.

Langeweile ist sozusagen ein Luxus-Gefühl. Kommt uns so vor. Ist natürlich Quatsch. Sowohl den Zehnjährigen, die in Mumbais Slums den Müll nach Nützlichem durchforsten als auch den edlen Wilden wie den Indianern, den Stämmen des Amazonas oder unseren Vorfahren hier in Europa war langweilig.

Darum schreibt zum Beispiel Blaise Pascal , dass „nichts dem Menschen so unerträglich“ sei, wie „in einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne die Möglichkeit, sich einzusetzen“.

Oder unser Nationalheiliger Immanuel Kant, für den die „Leere an Empfindungen“ ein Grauen erzeugt,“gleichsam das Vorgefühl eines langsamen Todes“.

Oder aber der Philosoph Søren Kierkegaard, der die Langeweile gar als die „Wurzel allen Übels“ bezeichnet.

Und natürlich ist dieses Gefühl mittlerweile ordentlich wissenschaftlich erforscht. Unzählige Probanden mussten unerträglich langweilige Experimente machen, damit Hirnforscher die Langeweile in unserem Gehirn sichtbar machen konnten.

Ganze Netzwerke zwischen einem konzentrierten Gehirn und einem träumenden Gehirn haben wir kartographiert. Wir können also die Langeweile genau orten auf der Landkarte unserer Hirnwindungen.

Langeweile ist der Schmerz, der entsteht, wenn unser Gehirn sich nach Herausforderungen sehnt. Es gibt da ein Hirnzentrum, den Nucleus accumbens, der sich nach ständigen kleinen Dopamin-Belohnungen sehnt. Und wenn die ausbleiben, dann wird der Mensch paradoxerweise nicht ruhig, sondern unruhig.

In den Fünfzigern hat der kanadische Psychologe Donald Hebb eine Reihe von mittlerweile berühmten Tests gemacht: Er hat eine Reihe von Probanden gebeten, sich gut gesättigt und sicher aufgehoben, einfach den ganzen Tag hinzulegen und nichts zu tun.

Würden die Studenten einfach in einen Dämmerzustand geraten und vor sich hinträumen? Oder auf einmal tolle Pläne und Strategien entwickeln und nach dem Test loslegen wie die Macher? Oder hätten sie gar irgendwie geartete Erleuchtungserlebnisse?

Tja, weder noch. Es stellte sich heraus, dass die Probanden einfach vor lauter Langeweile abstumpften. Ihre kognitiven Fähigkeiten ließen deutlich nach und einige begannen sogar, richtiggehend zu halluzinieren, so unterfordert war ihr Hirn.

Menschen müssen forschen, spielen, mit ihrer Umwelt interagieren oder einfach handeln, um glücklich zu sein, so die Erkenntnis dieser Studie.

Und, wenn man dann so weitergoogelt auf den Spuren der Langeweile, dann erkennt man, dass es wohl wirklich die Geißel der Menschheit ist.

Gelangweilte Menschen werden übergewichtig, sie rauchen, sie trinken und sie sterben in der Folge natürlich viel früher. Langeweile macht natürlich auch deppressiv, das ist ja sowieso klar.

Darum gilt es also tatsächlich, dieses komische Gefühl zu meiden. Langeweile macht uns sichtlich krank, das können wir mittlerweile ganz toll wissenschaftlich nachweisen.

Doch da sind zwei Dinge, die ich zu bedenken geben möchte. Das eine ist ganz einfach. Es gibt Menschen, die sich schneller langweilen als andere.

Ich habe auf Bahnhöfen oder nur an Bushaltestellen schon Menschen beobachtet, die richtiggehend körperlich an jeder Verspätung litten. Und ich meine das nicht satirisch oder ironisch. Man konnte sehen, dass sie wirklich Schmerzen hatten, weil da fünf Minuten aus ihrem Alltagsplan geschnitten wurden.

Andere reagieren auf solche Dinge stoischer. Und der Ausdruck ist hier angebracht. Ein Stoiker ist der Meinung, dass nicht die Lebensumstände selber uns unglücklich machen, sondern die Art, wie wir sie selber, intern, verarbeiten.

Man wird krank, man wird alt, shit happens. Ein Stoiker erwartet also den shit und versucht dann, mit den Umständen möglichst vernünftig zurecht zu kommen. Wenn man so will, dann können sich Stoiker also gar nicht langweilen.

Man kann seine eigene Anfälligkeit für Langeweile sogar messen. Seit 1986 gibt es den sogenannten Boredom Proneness Scale Test. Man beantwortet sich selber 28 Fragen und wertet die zwischen 1 – stimme ich überhaupt nicht zu und sieben – stimme ich völlig zu. Und dann zählt man die Punkte zusammen. Normalerweise landet man irgendwo zwischen 80 und 120 Punkten.

Schneidet man höher ab, dann besteht der Verdacht, dass man chronisch gelangweilt ist. Und dann wird man krank, das hatten wir ja gerade schon erörtert. Und, wie ihr merkt, ich glaube das ja sowieso nicht.

Die Fragen sind ungefähr so wie in:
Ich kann mich leicht auf das konzentrieren, was ich tue.
Ich sorge mich beim Arbeiten oft um ganz andere Dinge.
Die Zeit vergeht für mich meistens zu langsam.
Ich muss regelmäßig Dinge tun, die völlig sinnlos sind.
Ich kann mich leicht selber unterhalten.
Die meisten Dinge, die ich tue, befriedigen mich eigentlich…

Und so weiter und so fort…

Aber ich glaube, wir verwechseln einfach zwei Dinge. Langeweile und Monotonie nämlich. Das sind große Unterschiede. Tätigkeiten können einfach wenig neu und wenig belohnend sein. Und dann kriegt der Nucleus-Dings nicht genug Dopamin und wir haben Langeweile.

Die Umstände sind also monoton. Das gilt es zu vermeiden. Geht aber nicht. Ich fand die Schule an und für sich völlig langweilig. Eine wahre Folter. In den allermeisten Unterrichts-Stunden habe ich gelitten wie ein Hund. Und speziell die fünfte oder sechste Stunde waren unendlich lang.

Das liegt zum einen an Monotonie. Es gibt einfach, speziell an den Gymnasien, zu mindestens 30% unerträglich schlechte Pädagogen. Sorry. Das ist meine Meinung, speziell nachdem ich jetzt auch noch zwei Kinder durch das System geschleust habe.

Aber die Langeweile, die passiert bei uns selber im Gehirn. Wir sind selber dafür verantwortlich, ob wir uns langweilen oder nicht. Das hat etwas mit unserer Aufmerksamkeit zu tun.

Mein BPS-Wert aus dem Test oben ist übrigens furchtbar niedrig, eigentlich mache ich mir da auch schon wieder Sorgen… Na ja, nicht im Ernst.

Ich langweile mich nicht schnell. Das ist kein Lob und ich bin auch nicht stolz darauf. Und ich habe mit lange überlegt, woran das liegt. Und ich glaube, das hat mit den 30 Jahren Meditation zu tun.

Es kann wirklich nervtötend sein, jeden Tag 30 Minuten dazusitzen, sich nicht zu bewegen und an die Wand zu kucken. Wirklich. Die langweiligsten Minuten meines Lebens waren eben die Meditation.

Ein selbst gewähltes Schicksal. Aber, wenn man da übt, das Gelangweilt-Sein, dann lernt man auf Dauer auch, dass das vorbeigeht. Und danach immer etwas kommt.

Einmal in meinem Leben musste ich für 80 Personen Kartoffeln schälen und in feine Scheiben schneiden. Frag‘ nicht nach Details, die Geschichte, wie ich mich darauf einlassen konnte, ist eine eigene Sendung.

Schon das Schälen hat drei Stunden gedauert. Ich hatte vom Sparschäler dicke Blasen am Daumen. Und dann das Schneiden erst. Ohne Hobel oder Küchengerät. Einfach mit dem Messer.

Nach einiger Qual habe ich dann einfach ein Spiel daraus gemacht. Oder mein Hirn hat das eben gemacht. Durch Stunden von langweiliger Meditation geschult.

Und ich habe mich nur noch auf das Kartoffelschneiden konzentriert. Die Scheiben sollten so sein, dass man Durchkucken kann und auch noch alle gleich dick. Und ich wollte immer schneller dabei werden.

Du kannst das glauben oder nicht, aber das hat nach einiger Zeit richtig Spaß gemacht.

Und so war es dann auch als Kind, um zum Anfang zurück zu kehren. Nach einiger, trauriger Zeit auf meinem Bett. Nach dem ganzen An-die-Decke-Starren kam dann doch immer eine tolle, neue Idee. Das war nicht: O.k, dann spiele ich halt doch mit der blöden Carrera-Bahn. Sondern meistens etwas völlig Neues.

Ich habe diese Langeweile damals richtig gebraucht, um auf neue Ideen zu kommen. Und ich glaube auch heute noch, dass es dieses träge Vor-Sich-Hindenken braucht, um kreativ zu sein.

Wie hat unser Taufpate Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft“ zur Langeweile gesagt: Die Langeweile löst Gedankenreisen aus, die überhaupt erst die Vorraussetzung schaffen für das Schaffen großer kreativer Werke.

Aber stresst euch nicht, wenn euch das nächste Mal langweilig ist. Schaut einfach eurem Hirn zu, wie es auf die Reise geht. Ohne Ziel und ohne Plan.

Es gibt nur noch ganz wenige Dinge, die uns überraschen dürfen. Und nur, wenn wir uns langweilen können wir uns selber überraschen.

Macht das Handy aus, löst keine Sudokurätsel, kuckt keine Fernsehserien um Zug. Langweilt euch gepflegt und habt nur ein wenig Geduld. Dann, das kann ich euch versprechen, dann wird es von selber wieder wirklich interessant.