Krav Maga



Jahrzehnte hören nicht mit der Ziffer Null am Ende auf. Die Sechzigerjahre endeten frühestens 1974. Und waren also die Kindheit des Herrn Wunderlich, weswegen er ein leicht verzogener Alt-Hippie wurde.

Bis er, viele Jahre später – unter seltsamen Umständen – beschließt seinen pazifistischen Weg zu unterbrechen und sich in Selbstverteidigung unterrichten zu lassen.

Seitdem ist er die brutale Killermaschine, die wir auch heute noch kennen. Oder auch nicht. Egal – lasst euch das am besten heute von ihm selber erzählen!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Fights“ von Rubberducky / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Das, ihr Lieben, war ein winziger Auszug aus dem Werk eines Meisters mit Namen Bruce Lee. Über den ist sehr viel geschrieben worden und es gibt wahrscheinlich an die hundert Filme, die auf Laien wirken wie ein Bruce-Lee-Film, aber in Wirklichkeit plumpe Fälschungen sind.

Es gibt wahrscheinlich schon zwei Generationen an Kampfsportlern und Kampfkünstlern, die durch ihn ein Interesse an diesen Disziplinen bekommen haben.

Und für viele kleine Jungs war er eine der möglichen Antworten auf die drängende Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Da kann man jetzt drüber schmunzeln oder nicht, was aber rein gar nichts an der Tatsache ändert.

So war das auf jeden Fall bei mir. Auch, wenn ich mir das niemals gerne eingestanden habe. Und auch, weil mir die ruhige Art von David Carradine in der Fernsehserie „Kung Fu“ eigentlich viel mehr zusagte. Aber die Vorstellung, dass Kämpfen etwas ist, was man üben und meistern kann, die blieb.

Meine Erziehung war weitgehend gewaltfrei und den Rangeleien und Ringkämpfen, die als Schulkind unvermeidlich waren, versuchte ich immer, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen. Gewalt war abstoßend und machte mir eine Heidenangst.

Als meine Eltern den Eindruck gewannen, ich würde da zu oft den Kürzeren ziehen, begann ich, wie so viele Kinder in meiner Generation, Judo zu trainieren. Aber als ich endlich einen orangenen Gurt hatte, durfte ich aufhören. In meiner Erinnerung habe ich da jahrelang nur gerollt und ungefähr zwei Würfe gelernt.

Brachte mir auf dem Pausenhof auch keinerlei taktischen Vorteile. Speziell im Alter von 12 oder 13 Jahren sind Jungs sehr, sehr verschieden entwickelt und auf den Pausenhöfen der Welt entscheidet oft einfach die Masse.

Meine Kämpfer-Karriere war also schon beendet, bevor sie angefangen hatte. Und spätestens in der Pubertät wurde ich dann, wie es sich in den Siebzigern gehörte, zum Pazifisten. Meine Angst vor Gewalt wurde zur Verachtung.

Gewalt in den Medien lehnte ich sowieso kategorisch ab, logisch. Bruce Lee war für mich nur lächerlich mit seinem wilden Blick und seinem angespannten Pectoralis und seinem seltsamen Schreien.

Werke wie der Terminator waren für uns Friedensbewegte so etwas wie Film-gewordene faschistoide, primitive Blutorgien. Eine Meinung, die wir übrigens mehrheitlich auch mit der Presse damals teilten.

Der Spiegel unterstellte zum Beispiel damals „Krieg der Sterne“ nichts anderes, als die junge Generation Amerikaner wieder auf neue, militärische Konflikte einzuschwören. So platt würde in dem langweiligen Film in Gut und Böse getrennt, so hölzern seien die Dialoge.

Und als pazifistischer Grüner und als Sohn von Kriegskindern plapperte ich das nach. „Krieg“ und „Gewalt“ waren die Kardinalsünden der Menschheit, so viel war klar.

Klar, ich musste natürlich ein bisschen schummeln, wenn mich jemand wegen dieser Filme um meine Meinung fragte. Oder handfest lügen eigentlich, denn in Wirklichkeit war für mich „Krieg der Sterne“ ein einmaliges Erlebnis gewesen und hatte mich schwer beindruckt.

Mit diesem kleinen Gewissens-Problem wuchs ich dann weiter auf. Die Angst vor Gewalt blieb oder sie wurde sogar noch bedrohlicher.

Ungefähr dreimal bin ich trotzdem in Schlägereien geraten, aber ich habe da natürlich nie eine gute Figur gemacht. Wenn man ungeübt ist, dann lähmt einen der plötzliche Schub an Adrenalin komplett. Diese ein, zwei Sekunden sind aber in einer Bedrohung zu lang und der Kampf ist dann in der Regel vorbei.

Macht aber auch nichts, denn eigentlich kann man Gewalt gut aus dem Weg gehen, wenn man einen bestimmten Blick auf die Umstände um einen herum richtet. Und ein wichtiger zivilisatorischer Schritt, den wir seit der Steinzeit gemacht haben, ist es ja, dass Gewalt im Großen und Ganzen vom Staat ausgeht.

Ich bin in friedlichen Zeiten groß geworden. Ein großer Segen und wirklich ein besonderer Zeitpunkt in der Geschichte Europas. Schwein gehabt.

Dann wurde ich auf dem Papier endgültig erwachsen. Vielleicht nicht mit der Hochzeit, aber die Tatsache, dass man auf einmal zwei Kinder hat, verändert die Perspektive auf das Leben enorm. Bei mir zumindest.

1998 wurde alles anders und alles auch extrem kompliziert. Denn da habe ich mit meiner Firma einen Konkurs hingelegt. Und auf einmal war ich nicht mehr Vollkaufmann und Geschäftsführer, sondern ohne Einkommen, aber mit 150.000 Mark Schulden an der Backe.

Die Ausbildung meiner Ex-Frau war noch nicht abgeschlossen und meine Kinder waren fünf und drei. Angeblich bekommt ja graue Haare nicht vom Sorgen-Machen, aber bei mir hat das damals auf jeden Fall angefangen.

Die ersten Lösungen für unser Problem waren hektisches Weiterbetreiben der Geschäfte, die schon in der GmbH erfolgreich waren. Aber große Lizenzdeals kann man ohne liquide Mittel halt auch nicht reißen.

Im Prinzip verkaufte ich eine Zeitlang meinen Know-How-Vorsprung. Was keine wirkliche Langzeit-Strategie ist.

In dieser Zeit begann ich mir auch abends regelmäßig ein Bier zu gönnen und – zum Runterkommen – gut zu kochen. Und ich nahm richtig viel zu.

Anfang 1999 fand mein Unbewusstes wohl den Ausweg, meinen Körper krank werden zu lassen. Und ich bekam eine Lungen-Entzündung, die immer schlimmer und schlimmer wurde.

Ein Antibiotikum nach dem anderen wurde ausprobiert und nichts schlug an. Alle Woche wurde mir das Wasser aus der Lunge gelassen, aber es gab keine Änderung.

Der Ratschlag aller Ärzte war es, sich zu schonen und zu warten. Den Appettit hatte mir das nicht verschlagen und so wog ich im April 1999 hundert Kilo. Was sehr anstrengend war, das waren gute zwanzig Kilo mehr, als ich bisher immer so auf die Waage gebracht hatte.

Also begann ich zu laufen. Gegen den Ratschlag der Ärzte. An das erste Mal Joggen mit 100 Kilo kann ich mich noch lebhaft erinnern. Denn nach nicht einmal 400 Metern war ich komplett am Ende. Ich schleppte mich nach Hause und ließ mich gleich im Wohnzimmer fallen.

Doch ganz, ganz langsam wurden die Distanzen immer größer und ich wurde wieder fit. Und die Lungenentzündung verschwand auch wieder. Selbst, wenn ich das Gefühl habe, dass der Virus sich noch irgendwo in einer Lungenspitze versteckt und nur wartet.

Kurz danach nahm ich einen Job an und verkaufte Obst und Gemüse auf Wochenmärkten. Drei Uhr aufstehen, zum Großmarkt, Bude aufbauen, mit den Leuten quatschen, gute Stimmung am Stand verbreiten, alles wieder einsammeln, heim und mittags um Zwei schon frei.

War der zweitbeste Job in meinem Leben nach dem Morgenradio. Und ich aß überhaupt nichts anderes mehr als nur noch Obst und Gemüse. Den ganzen Tag. Keine Trend-Diät, sondern eine rein finanzielle Entscheidung.

Mit dieser Obst-Diät und dem Job und dem Laufen hatte ich im Sommer mein Wohlfühl-Gewicht wieder. An sonnigen Tagen konnten das schon einmal 16 Kilometer werden und ich kam trotzdem nicht erschöpft zu Hause an.

Doch nur Laufen war nicht das Richtige. Ich wurde immer steifer und steifer und auch meine Neigung, ab und zu einen Hexenschuss zu bekommen, wurde nicht besser. Ich brauchte noch einen anderen Sport. Ein Ganz-Körper-Training. Aber nicht Gewichte stemmen, das kam mir zu solipsistisch vor.

Und beim Überlegen und Googeln stieß ich wieder auf die Kampfsport-Arten. Und, irgendwo, weit hinten in meinem Unbewussten, da googelte Bruce Lee mit. Einer, der die Antwort hatte, wann ein Mann ein Mann ist. Ist ein bisschen peinlich, aber wahr.

Wenn schon Kämpfen lernen, dann aber nicht wieder so etwas wie Judo. Kung Fu und Karate, Taek Won Do und Aikido waren also kein Thema. Lieber etwas mit Selbstverteidigung. Meine Erlebnisse von den Schlägereien waren nicht vergessen.

Und so fiel meine Wahl auf Krav Maga. Eigentlich keine Kampfkunst, in der es um den eigenen Körper und das eigene Ego geht und auch kein Kampfsport, denn man tritt nicht gegeneinander an.

Krav Maga ist aus Israel und bedeutet übersetzt einfach nur Nahkampf. Die Wurzeln sind militärisch, aber für Zivilisten hat man das Programm angepasst. Das bedeutet richtig terminale Techniken sind entfernt, es werden keine Kehlköpfe eingedrückt und man entwaffnet auch keine Menschen mit automatischen Waffen.

Und da saß ich also eines Morgens im Kampfkunst-Studio in München, ein mittelalter, weißer, langer, dünner, muskelloser Mann. Mit Ausdauer, zugegeben, aber ohne jede Körperspannung und unbeweglich wie ein Stock.

Die Atmosphäre war – im Vergleich zu der Kickboxen-Bude, die ich besucht hatte – ausgesprochen locker und heiter. Viele der Menschen um mich herum hatten, genau wie ich, kaum oder aber gar keine Erfahrungen mit körperlicher Gewalt. Und darum waren wir alle auch nicht wirklich super-entspannt.

Die ersten Training-Einheiten waren recht einfach und wohltuend unaufregend. Zum ersten Mal in meinem Leben haute ich auf sogenannte Pads, also kleinen Boxsäcken, die man als Handschuh anzieht. Und zum ersten Mal lernte ich, dass das gar nicht so einfach ist. Einen einfachen geraden Schlag, einen Jab, zu machen, ist schwieriger als man denkt. Nicht umsonst gehen bei den Schlägereien in freier Wildbahn so viele Handgelenke kaputt.

Bald wurde es aber anstrengender und schwieriger. Und nach einem halben Jahr traute ich mich in die Einheiten, die sich nur mit Hauen und Treten befassten. Die hielt ein Box-Trainer und da begann ich ernsthaft Fortschritte zu machen.

Wir Menschen haben so etwas wie eine eingebaute Schlaghemmung, die man erst einmal überwinden muss. Wir sind so zutiefst soziale Wesen, dass wir um das Schlagen-Lernen einen richtigen Ritus entwickeln müssen.

Und so lernte also der ewige Pazifist das Treten und das Boxen und sogar ein bisschen Bodenkampf, in dem ich aber unsagbar schlecht war.

Die ersten drei Prüfungen schaffte ich noch relativ leicht, dann kam aber meine Unbeweglichkeit und mein Alter doch langsam zum Tragen. Ich trainierte dreimal die Woche und war in dieser Zeit unglaublich fit.

Bald begann auch das Sparring und ich besorgte Mundschutz, Schienbeinschoner und Handschuhe. Auch da kann ich mich noch sehr gut an die erste Stunde erinnern. Ich hatte noch keinerlei Idee, wie Deckung beim Boxen funktioniert und bekam nach dreißig Sekunden dermaßen einen direkt auf die Nase ab.

Durch meinen Kopf schossen Gedanken wie: „Hey, so geht das doch nicht!“. Oder „Der Arsch, das kann der doch nicht machen!“ und natürlich: „So. Mir reicht’s. Ich geh‘ jetzt!“

Das war der entscheidende Moment für mich. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich in eine Position gebracht, die mir maximal unangenehm war. Genau das hier war mein Rhodos. Hier hieß es nun: Spring! Das Gegenteil der Comfort-Zone.

Meine tief empfundene und wirklich tiefsitzende Angst vor Gewalt stellte sich mir in den Weg. Das hier, das war im Prinzip haargenau das, was ich eben überhaupt nicht wollte!

Wie konnte ich nur so blöd gewesen sein, mich in eine Situation zu bringen, in der es um Gewalt geht! Wie konnte ich nur auf die Idee gekommen sein, dass man Gewalt entgeht, indem man Gewalt trainiert? Bescheuert!

Das muss der beknackte Bruce Lee in mir gewesen sein! Eine lächerliche Männlichkeits-Projektion auf einen Menschen, der in Spielfilmen irgendwie besonders gekämpft hat! Ein kindischer, innerlicher, geheimer Heldenkult, der aber rein gar nichts mit dem echten Leben zu tun hat. Und schon gar nichts mit den intensiven Schmerzen in meinem Gesicht. IN MEINEM GESICHT!

Mein Sparrings-Partner hatte wohl eine Ahnung davon, was in mir vorging. Er sagte nur: „Tut mir leid! Warst Du noch nicht soweit?“ Das war nett, denn es hätte mein Gesicht gewahrt. Das übrigens immer noch weh tat.

Aber ich konnte nicht lügen, ich sagte: „Nein. Leider nicht. Es ist eher so, dass ich keine Ahnung habe, was ich hier mache!“ Hatte er auch nicht. Aber wir machten trotzdem weiter. Comfort-Zone verlassen. Mal schauen ‚was geschieht. Neuland.

Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht auf der Heimfahrt immer noch fest entschlossen war, mit diesem Unsinn aufzuhören. Bruce Lee war zum Symbol für kindische Projektionen geworden.

Aber ich hörte nicht auf. Sondern, die Geschichte wird noch seltsamer. Denn von allen Trainingseinheiten begann ich mich besonders auf das Boxen zu freuen. Und das Sparring machte mir am meisten Spaß von allem.

Denn es ist nicht so, wie man annehmen würde. Das hat nichts mit Aggression zu tun. Du wirst kein guter Boxer, wenn Du auf den anderen wütend bist. Nach einer guten Runde Sparring bist Du sogar auf eine seltsame Art mit dem anderen verbunden. Die Art, wie man sich beim Sparring verhält, sagt sehr viel über die eigene Persönlichkeit aus.

Für mich als Zen-Meisterchen kam auch noch ein meditatives Element hinzu. In der Situation des Sparrings bist Du zu 100% anwesend. Da denkst Du nicht nebenbei ans Finanzamt oder ob Du hübsch dabei ausschaust. Oder, falls doch, dann kriegst Du halt auf die Nase.

Es klingt unglaublich und ich traue es mich fast nicht sagen: Aber Sparring ist Spaß. Das befriedigt eine tief festsitzende Lust irgendwo ganz weit innen im Kleinhirn. Nicht umsonst raufen so viele Tiere auch als Erwachsene noch miteinander. So sind wir wohl auch angelegt.

Ich schaffte mit Mühe und Not noch zwei Level, aber dann beschloss ich, das mir nicht mehr anzutun. Die letzte Prüfung hatte vier Stunden gedauert und ich musste vor Anstrengung zwischendurch kotzen gehen und hatte Krämpfe in der Nacht. Da war ich zu alt für.

Der Schmerz, den ich damals empfunden hatte, als mir jemand direkt auf die Nase geboxt hat, war zu einem Schmerz geworden, der so selbstverständlich wurde, dass das meinen Angriff normalerweise nicht aufhalten würde.

Ich habe mir beim Sparring einmal eine Rippe gebrochen, mehrfach geprellt – einmal habe ich so einen Roundhouse-Kick abgekriegt, dass ich drei Tage gehumpelt bin – aber das war es alles wert. Das Kämpfen, auch in seiner abgespeckten Form als Sparring, war genau das, was mir gefehlt hatte. Und es fehlt mir auch jetzt.

Pazifist bin ich trotzdem geblieben und meine drei goldenen Regeln der Selbstverteidigung haben überhaupt nichts mit Kämpfen zu tun. Eher damit, nicht dahin zu gehen, wo Arschlöcher sind und nicht mit Arschlöchern zu reden und damit, rechtzeitig zu fliehen.

Trotzdem würde ich nicht mehr sagen, Gewalt ist nie eine Lösung. Wenn ich heute bedroht würde und hätte keine Fluchtmöglichkeit – rennen kann ich immer noch ganz gut – und sehe, mein Gegenüber greift zum Messer, dann würde ich mit maximaler Gewalt reagieren. So rein theoretisch. Denn praktisch würde ich es wahrscheinlich verpennen…

Meine grundlegende Angst vor körperlicher Gewalt ist auch immer noch da. Die geht wahrscheinlich auch nicht weg. Ist vielleicht stärker ausgeprägt als bei anderen, aber im Prinzip eine gute und richtige Sache.

Und ich kann sogar wieder Bruce-Lee-Filme kucken. Und mich dabei auch wieder prächtig amüsieren. Auch wenn es nach diesen Erfahrungen immer noch keinen Deut mehr mit meinem Leben zu tun hat als vorher.