Die kleine Triumph



Im Rückblick betrachtet, stellt sich das Leben leicht als ein zielgerichteter Erzählfaden dar. Weil wir uns das Chaos gerne auf diese Weise schön erklären.

Doch es gibt in Wirklichkeit natürlich turbulente Zeiten. Wenn man sich zum Beispiel die Zwanziger anschaut, dann trifft man da einige wichtige Entscheidungen, ohne viel Plan haben zu können.

Und manchmal überfordert einen das Ganze komplett. Und vor lauter Gedankenkreiseln und Fragestellungen lähmen wir uns. So auch unserer Geschichtenerzählerin heute, der aber eine Prise magischen Denkens und eine kleine Salatschleuder gute Hilfe leisten.


Inspiriert von „Small Wins or You Spin Me Right Round“ von Morley McBride
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Ich versuch doch nur“ von Comar / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Ich dachte ja immer, dass die Zwanziger-Jahre im Leben die unruhigsten Jahre im Leben sind. Da muss man sich für einen Beruf entscheiden, sich einen Arbeitsplatz suchen, quer durch die Nation umziehen. Und meistens auch noch einen Partner suchen und die Frage beantworten, ob man denn Kinder will oder nicht.

Anfang der Zwanziger scheint noch alles offen zu sein, Ende der Zwanziger ist alles entschieden. So dachte ich mir das. Und so sagt das ja auch die Statistik. Durchschnittsalter für den Berufseinstieg: 27. Für die erste Entbindung: 29. Für die Hochzeit: 30.

Ich weiß, ich weiß: Das sind nur Zahlen und man sollte sich nicht verrückt machen. Jeder Fall liegt anders und Durchschnittswerte sind nur Durchschnitt und nicht die goldene Regel. Oder was man sich noch einreden will, wenn man einen guten Tag hat.

Und das mit den Zwanzigern als die turbulenteste Zeit im Leben, das ist eben auch nur ein Mittelwert. Bei mir zum Beispiel ging es dann in den Dreißigern so richtig rund.

In meinem Fall begann das dritte Lebensjahrzehnt erst einmal mit einer mächtigen Portion an Angst. Beklemmenden Panik-Attacken und ständiger Unruhe.

Bis ich dreißig Jahre alt war, waren die Zeiten natürlich auch unruhig und turbulent, aber irgendwo in mir saß eine gewisse Selbst-Gewissheit, ein unbezähmbarer kleiner Rest Selbst-Bewusstsein, eine kleine Steuerfrau, die immer den Weg wusste.

Selbst wenn die Wellen hoch schlugen, auf der Brücke war immer noch ein Licht an und die Steuerfrau steuerte das Schiff durch die See, als wäre da ein Ziel. Eine Absicht.

Aber dann kam wohl ein richtig großer Sturm – ich hab’s gar nicht gemerkt – und im ganzen Schiff gingen die Lichter aus. Und von da an war es einfach dunkel. Die kleine Steuerfrau findet seitdem die Brücke nicht mehr. Ach was! Die findet nicht einmal mehr den Lichtschalter!

Und so fährt das Schiff blind durch die See und die Brücke ist unbesetzt.

Ich weiß gar nicht, ob es dafür einen Auslöser gab, aber auf einmal war ich dreißig. Und ein anderer Mensch. Total gelähmt, total unfähig etwas zu tun, etwas zu entscheiden.

Ich war eine Gefangene meiner eigenen Gedanken, die einfach niemals aufhörten. Die konnten sich mit den kleinsten Kleinigkeiten stundenlang beschäftigen, so daß ich überhaupt nicht mehr in der Lage war, irgendeine Entscheidung mehr zu treffen.

Es war wie eine komplette Angst-Erstarrung. Selbst die allerkleinsten Dinge des Alltags hatten auf einmal den Charakter von Schicksals-Entscheidungen. Wenn Du jetzt dieses T-Shirt anziehst, dann wird die Zivilisation, wie wir sie kennen, ihr Ende finden! So in der Art…

Und in den Zeiten, in denen ich mich mit meinen Gedanken selber lähmte und mir innerlich vor Angst immer die Augen zuhielt, kuckte ich aber zwischen den Fingern immer nach Zeichen. Nach magischen Symbolen. Nach Fingerzeigen des Schicksals. Nach Botschaften von Gott. Nach Zeichen, dass ich noch nicht ganz aufgeben sollte. Dass es wieder gut werden würde. Aller wieder gut werden würde.

Und ich weiß natürlich, dass das eigentlich nur magisches Denken ist. Oder Aberglaube. Oder völlig irrational. Doch es war in mir ein Teil der Kraft, die geistig gesund bleiben wollte.

Da gab es diesen großen magischen Moment, als ein Regenbogen genau über der Ziellinie des Stadtmarathons endete. Ein unbeschreibliches Wunder, dass mit tagelang Energie gab.

Aber ich suchte auch nach genau diesen kleinen Zeichen, nach kleinen Wundern. Wenn man zum Beispiel mit der U-Bahn fährt und sich am Bahnsteig für einen Ort entscheidet, an dem man stehen bleibt und dann kommt die U-Bahn und genau vor Dir sind dann die Türen – Magie! Das gab mir in meiner Angst ein bisschen Kraft! Oder wenn der Bademeister mir den schlüssel für die Umkleidekabinen mit meinem Geburtsdatum gab. Wow! Magie!

Das waren dann schon immer Zeichen, dass ich nicht ganz am Boden zerstört war. Nicht ganz und gar steuerlos umherirrte auf hoher See. Dass auf der Brücke vielleicht doch noch jemand anwesend war der das Ruder im Auge behielt.

Aber manchmal gab es natürlich auch Tage und Wochen, wo einfach nirgends solche Zeichen zu finden waren. Wo es nicht auch nur die kleinsten magischen Momente gab.

Während so einer Phase war ich wieder einmal Laufen. Und habe mir spontan Spinat gekauft. Warum auch nicht?

Es war eine ganze Tüte mit Spinat. Eine Riesentüte mit Spinat. Mindestens so groß wie ein Kleinkind und mit allem drum und dran. Mit Wurzeln und Steinen, mit Dreck und Unkraut: Die Tüte war groß und voll!

Aber hat ja auch nur einen Euro gekostet. Wer sollte sich da beklagen? Frischer Spinat, frisches Gemüse mitten in Berlin? Ich fand, das war ein Super-Deal! Im Supermarkt gab es nie frischen Spinat und Tiefkühlspinat kostet ja an die vier Euro das Kilo, oder?

Und, wie es der Zufall so wollte: Ich hatte ja eh‘ nur einen Euro. So ein Notfalleuro in der Bauchtasche, die ich immer beim Joggen trug. Keine Ahnung für welchen Notfall, aber sicher war: An dieser Münze ist schon viel Schweiß vorbei geflossen. Und heute sollte sie mir – ganz spontan – eine Tüte Spinat kaufen!

Ich nahm also meine Tüte Spinat, freute mich über den Deal, ging nach Hause und haute mich dort erst einmal auf die Couch und ruhte mich aus. Und da lag ich also und meine Gedanken machten sich wieder auf ihre vernichtende Reise. Völlig ohne Steuerfrau.

(langsam steigernd, am Ende völlig hektisch) Wie, zum Teufel, sollte ich bloß soviel Spinat essen? Das ist echt scheiße-viel Spinat! Immer kaufst Du spontan zu viel Gemüse. Und dann baust Du das aber nicht irgendwie in Deinen Speiseplan ein. Also kochst Du dann auch nichts damit. Weil Du überhaupt zu wenig zu Hause kochst. Weil Du zu lange in der Arbeit bist. Und dann wird das Gemüse irgendwann zu fad oder es wird schlecht und dann wirfst Du das weg!

Dabei ist frisches Gemüse in einer Großstadt so eine wertvolle Sache. Und so wichtig für den Körper. Und Kochen ist auch wichtig für die Seele – aber Du machst das halt nicht.

Und dann diese Riesentüte mit Spinat! So viel Spinat! Wahrscheinlich war der nur so billig, weil er so dreckig ist. Und ich kann ihn nicht einmal richtig waschen, weil er dann wahrscheinlich zu nass bleibt und fad wird, weil ich ihn nicht richtig trocknen kann.

Weil, für Küchentücher oder für Geschirrtücher ist das einfach zu viel Spinat. Für soviel Grünzeug, da bräuchte man eine Salatschleuder. Aber ich habe ja keine Salatschleuder, weil ich 33 Jahre alt bin, aber nicht verheiratet!

Ich meine, ich bin Single. Mit 33 Jahren. Ich war alleine nur in den letzten neun Monaten auf neun verschiedene Hochzeiten eingeladen. Und daher weiß ich, wofür so eine Hochzeit gut ist: Um Deinen ganzen Haushalts- und Küchenscheiß auf die Reihe zu bringen! Ja, oder? Ist doch so!

KitchenAid-Küchenmaschine, Fritteusen, Russel&Hobbs-Smoothie-Mixer, nostalgische Kuchenformen, Fondue-Topf, Raclette-Pfännchen, Teekannen, Käsehobel, Steakmesser, Gartenlaternen, Schuhregale und eben auch Salat-Schleudern! Ich kenn‘ mich mittlerweile aus. Ich habe wirklich schon alles gesehen, was zu Hochzeiten verschenkt wird!

Und, wenn ich verheiratet wäre, so wie ich es eigentlich ja wollte, dann würde ich auch diesen ganzen Scheiß haben!

Oder würde ich nicht? Ich meine, hier in der Großstadt sind die Küchen ja winzig. Wo sollte ich die ganzen Sachen nur unterbringen. Und in meiner Küche gibt es gerade einmal zwei Steckdosen – wie sollte ich das alles anschließen?

Dann müsste ich wahrscheinlich neue Regale bauen, so eine Art Vorratskammer für Küchenscheiß direkt neben der Küche. Oder gibt es vielleicht mittlerweile auch Single-Versionen von diesen ganzen Apparaten und Geräten? Und – nur so zwischendurch gefragt – wie, zum Teufel, sollte ich bloß soviel Spinat essen?

(wieder gefasst) Während also diese Gedanken sich die ganze Zeit in meinem Kopf drehten, wurde es meinem Körper irgendwann aber zu viel und ich schlief einfach ein. Das schafft auch keine große Erleichterung, denn in der Phase, wo ich so am Ende bin, dass ich magische Momente brauche – in so einer Phase sind die Träume oft genauso anstrengend wie die wachen Gedanken!

Aber als ich dann wieder die Augen aufschlug, hatte ich auf jeden Fall keine Zeit mehr für viel Spinat-Putzen, ich war im Kino mit zwei Freundinnen verabredet. Also schnell in die Dusche und nichts wie raus aus der Wohnung!

Jetzt muss ich noch ‚was erklären, weil ich nicht weiß, ob das in allen Städten so ist wie in Berlin. Hier ist es auf jeden Fall üblich, dass Leute Dinge, die sie nicht zum Sperrmüll fahren wollen, weil sie – in deren Augen – vielleicht noch ‚was taugen, einfach auf die Straße stellen.

Natürlich Bücher, aber auch Stühle, Lampen, Tische, Sofas oder Matratzen. So macht man das in Berlin. Manchmal ist ein Schild drauf „Zu verschenken“, aber das ist eigentlich nicht notwendig.

Und wie ich also aus dem Haus komme, auf dem Weg ins Kino, wisst ihr, was da genau mir gegenüber auf einem Mäuerchen steht? Übrigens mit einem Schild „Zu verschenken“?

Eine kleine Salatschleuder. Für den Single-Haushalt. Kein Witz! Im Ernst!

Und auch nicht von anderem Müll umgeben! Eine Single-Salatschleuder. Auf dem kleinen, sauberen Mäuerchen gegenüber. Mit einem Schild „Zu verschenken“. In sauberer, hübscher Handschrift.

Ehrlich gesagt bin ich keine Salat-Schleuder-Fachfrau. Ich habe vielleicht in meinem Leben zwei- oder dreimal überhaupt eine gesehen. Aber dieser Gegenstand hier aus orangen Plastik war auf jeden Fall eine Salatschleuder. Und eigentlich richtig hübsch anzuschauen, wie sie da so auf meiner Handfläche stand.

Die Zwanziger-Jahre-Version von mir, die fand diese Gegenstände, die da zum Verschenken so rumstehen in Berlin, immer ausgesprochen attraktiv!

„Ach, dieser komische Hosenanzug passt mir doch wahrscheinlich“ – „So eine Fiftys-Stehlampe wollte ich doch schon immer“ oder auch „Die Matratze schaut aber wirklich kuschelig aus!“

Aber jetzt bin ich ja meine Dreißiger-Jahre-Version und lebe schon länger in der Großstadt und würde mir bei so einer Matratze nur denken: „Igitt! Da sind sicher die Wanzen, die TBC oder irgendwelche exotischen Geschlechtskrankheiten drin!“

Also siegt die Vernunft und ich lasse die kleine Salatschleuder auf dem Mäuerchen stehen und drapiere das Schildchen wieder schön davor.

Und gehe zu meinem Treffen mit meinen Freundinnen. Aber schon, als ich um die Ecke biegen will, da knurrt mein Magen auf einmal mitleiderregend laut. Und etwas in mir denkt: „Was soll die Scheiße? Das ist, verdammt noch einmal, DEINE Salatschleuder!“

Also drehe ich auf dem Absatz um und renne zurück zu der Salatschleuder, schnapp‘ sie mir, renne hoch in meine Wohnung, lasse kochend heißes Wasser in die Spüle, schütte fast einen Liter Spülmittel rein und versenke die Salatschleuder. „Hah! Da habt ihr’s ihr Bakterien!“

Ich schaff’s gerade noch rechtzeitig in den Film und als ich dann am nächsten Morgen wieder aufstehe, da reinige ich meine Salatschleuder ernsthaft und wie ich sie so sauber mache, da mache ich mir wieder so meine Gedanken.

Wie dieser kleine Gegenstand, der sichtlich fast nie gebraucht wurde, so überraschend in mein Leben kam. Und wie ich da so putze, da lasse ich meine Finger über meine Beute gleiten und spüre, dass da etwas im Deckel eingraviert ist. Oder wie das bei Plastik heißt.

Und, wisst ihr, wie meine Salatschleuder heißt? „Triumph“.

Eine Single-Salatschleuder, die – gerade zum Trotz – „Triumph“ hieß.

Es sollte sich dann herausstellen, das Triumph sehr nützlich ist. Wirklich, ich brauche sie dauernd. Wenn ihr keine habt, dann solltet ihr euch eine zulegen – auch, wenn ihr Single seid.

Aber, noch viel wichtiger: Dieser mir vom Leben geschenkte Gegenstand brachte mir soviel Freude und wieder ein kleines bisschen Hoffnung und Zuversicht in einer Zeit, in der ich magische Gegenstände so dringend brauchte – man kann sagen, Triumph ist mein Maskottchen geworden.

Der wertvollste Talisman, der genau auf mich und meine Bedürfnisse passte. Der denkbar magischste Gegenstand meines Lebens, der für mich bedeutet: Gib‘ nicht auf, daran zu glauben, dass sich die Dinge manchmal auch zu Deinen Gunsten entwickeln. Einfach so. Ohne unbedingt etwas dafür leisten zu müssen, schenkt Dir das Leben, einfach so, genau das, was Du brauchst. Manchmal.

Und so ist die Mini-Salatschleuder heute zwar nicht mehr so oft im Einsatz, denn mittlerweile mache ich auch für vier Personen Salat – aber sie hat einen Ehrenplatz, direkt am Fensterbrett meiner Küche, wo ich sie jeden Tag sehe.

Man braucht gar nicht ununterbrochen denken – das Leben verschenkt manchmal auch so einen Triumph. Eine kleine Triumph.