Kirīmi

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

In der Zukunft können Eltern, wenn sie wollen, ihre Kinder mit Superkräften ausstatten – auch, wenn das Ergebnis zufällig ist. Unsere Erzählerin hat die lächerlichste aller Gaben abbekommen und braucht ein ganzes Leben, um zu erkennen, dass es die größte aller Fähigkeiten ist.


Wenn Dir die Geschichte gefallen hat, solltest Du vielleicht Mitglied in unserer Sekte werden: hier lang, bitte sehr!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „The Toothpaste Song“ by Elliot Mason
Hintergrundmusik: “Double Rainbows” von Secession Studios


Die Geschichte zum Lesen

„Tut mir leid!“, sagte der Koordinator. Meine Mutation war nur Level vier. Alles, was die Medikamente bewirkt hatten, die meine Mutter in der Schwangerschaft nahm, war eine unwichtige Anomalie meines Gehirns.

Statt ein Wernicke-Zentrum und ein Broca-Areal im hinteren Schläfenlappen hatte ich zwei davon im Schädel, in beiden Hirnhälften je ein Paar.

„Wie wird sich das denn auswirken?“, fragte meine Mutter.
„Das kann man nicht sagen“, antwortete der Koordinator. „Hat die Kleine denn schnell das Sprechen gelernt?“

„Ja, sehr schnell. Mit eins hat sie schon druckreif geredet!“

„Na, dann ist es irgendetwas mit Sprechen, denke ich“, antwortete der Laborkittel. „Aber gute Übersetzerinnen kann man immer gebrauchen!“

Na toll! Die Medikamente, die mich zu einer Superheldin hätten machen sollen, hatten mich zu einer menschlichen Version von ‚Google Translate‘ gemacht! Meine Eltern hatten ihr Geld in mich investiert, damit ich bessere Chancen in der Gesellschaft habe. Und nun das!

Ich schämte mich für meine lächerliche Superkraft. Ob man bei der ‚Gerechtigkeitsliga‘ oder bei den ‚Avengers‘ wohl meine Fähigkeiten brauchte?

Ich sehe förmlich Superman vor mir, wie er zu mir sagt:

„Endlich! Auf Dich haben wir gewartet, ‚Captain Dictionary‘! Schnell, rette die Welt! Wie heißt ‚Zahnpasta‘ in Maori?“


Meine Eltern nahmen diese Nachricht damals gelassen auf. Das war zwar zum Einen erfreulich, aber auf der anderen Seite noch enttäuschender.

„Du brauchst keine Superkraft, um für uns etwas Besonderes zu sein!“, meinte meine Mutter. „In einer Welt, in der jeder besonders sein kann, ist ‚besonders‘ keine wichtige Eigenschaft, meine Liebe!“

„Du kannst froh sein, dass Du nicht da rausmusst und Dich prügeln musst wie die anderen Superhelden!“, ergänzte mein Vater. „Ist doch lächerlich, dass alle Konflikte der Welt am Ende mit einem Faustkampf gelöst werden! Sei froh!“

„Aber was soll ich denn damit anfangen, dass ich schneller Sprachen lerne? Damit kann ich doch nichts zum Wohl der Welt beitragen. Das können KIs ja schon seit 2022!“

Ich glaube, ich war damals den Tränen nahe.

„Man kann durchaus ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden ohne Superkräfte!“, mein Vater war beinahe entrüstet. „Schau Deine Mutter und mich an! Wir sind unseren Weg auch ohne solchen Firlefanz gegangen! Ich war ja sowieso gegen diese Tabletten!“

„Das stimmt doch gar nicht! Du hattest überhaupt nichts dagegen!“, antwortete meine Mutter. „Kleines, uns war von Anfang an klar, dass die Chancen ungewiss waren. Wir hätten keine Experimente an Deiner DNA zugelassen, wenn wir uns nicht sicher gewesen wären, dass Du am Ende ein glückliches Leben führen kannst! Wie Dein Vater sagt: Sei froh, dass Du Dich nicht mit Superschurken prügeln musst!“

Das war alles sicher nett gemeint, aber ein Trost war das nicht.

Eine Stimme in mir sagte: „Nein! Das stimmt nicht! Ich bin eine Versagerin!“

Ich beugte mich aber den Umständen.

Ich besuchte weiter eine normale Schule und studierte an einer normalen Uni zwölf verschiedene Sprachen, ohne mich je anstrengen zu müssen. Danach wurde ich Übersetzerin bei Babelfisch, der erfolgreichsten Sprachlern-KI der Welt. Ein völlig normaler Job mit normaler Bezahlung.

Die meiste Zeit saß ich in meinem Cubicle und wartete auf Nachfragen aus der Entwicklungsabteilung oder beantwortete Kundenmails: Abonnenten, die sich darüber aufregten, dass sie nicht, wie in der Werbung versprochen, eine neue Sprache in zwei Wochen gelernt hatten. Auch normal, oder?

Eines Tages saß ich da, kaute auf einem Nikotinkaugummi herum und dachte mir: „Ein normales Leben ist auch in Ordnung!“
Und da war eine Stimme, die antwortete: „Du belügst uns!“

Ich nahm das Headset ab, blickte mich um, aber da war niemand. Wer sollte auch meine Gedanken lesen können, außer irgendein blöder Superheld?

Und wieder diese Stimme: „Du kannst mich hören. Das ist kein bisschen normal!“

Wieder suchte ich nach jemandem, der hier vielleicht einen dummen Scherz anstellte, aber da war niemand. Niemand, der überhaupt meine Existenz wahrnahm.

„Hat ja auch reichlich gedauert, bis Du mich bemerkt hast!“, sagte die Stimme. Sie kam nicht von außerhalb, sondern sie war in mir.

„Meine armen Eltern“, dachte ich. „Nicht nur, dass ihre Tochter nur normal ist, jetzt ist sie auch noch schizophren!“

„Unsinn. Ich bin nur Dein Inneres. Dein Unbewusstes. Dein … ich weiß nicht … ich bin Du. Und Du bist ich. Wir sind Du.“

„Prima. Und Du bleibst jetzt?“

„Das hoffe ich doch! Du hast ja wirklich lange gebraucht, um mich zu verstehen!“

„Wie? Dann bin ich jetzt zwei?“

„Nein. Wir sind eins.“

„Das ist ja völlig paradox!“

„Ja, wir haben uns jetzt.“

An diesem Tag versuchte ich zum ersten Mal, völlig still zu sein. Nicht nur keine Geräusche zu machen, sondern auch keine Gedanken zu denken. Doch die Gedanken rauschten in meinem Kopf vorbei wie Güterwaggons an einem Bahnübergang. Und mein Inneres wusste zu jedem Waggon etwas zu sagen!

Nur in den kurzen Momenten zwischen den Waggons herrschte Ruhe. Nur in diesen Sekundenbruchteilen war ich mit mir selber eines. Nur dann waren mein Inneres und das, was ich bis dahin „Ich“ genannt hatte, ein Wesen.

Wir wurden süchtig nach den Sekundenbruchteilen zwischen den Waggons. Wir jagten diese kurzen Momente der Einheit verzweifelt.

Wir begannen nicht nur mit der Meditation, wir wurden Weltmeister im stillsitzen. Im Stillsein. Weltmeister der Stille. Champions der Pause.

Unsere Einheit war die Unterbrechung.

Wir kündigten den dummen Job und machten uns auf zu den Wurzeln der Meditation. Von Japan führte der Weg nach China und von dort zurück nach Indien. Wir wanderten den Pfad des Buddhismus rückwärts ab.

Dort geschah es dann.

Der Aschram, in dem wir landeten, entsprach auf groteske Weise allen Stereotypen von östlicher Meditation. Unser Lehrer war schlicht das Symbolbild für einen asketischen Yogi und unsere Hütte war natürlich aus Palmblättern, mit Blick auf den Ozean.

Wir saßen eines Tages, versunken in der Meditation und genossen unsere Einheit, als etwas Neues geschah.

Es fühlte sich an, als würden wir erst wirklich lebendig. Gemeinsam. Nicht getrennt in zwei Stimmen, aber ein gemeinsamer Teil eines größeren Ganzen.

Das Gefühl war, als würde auf einmal flüssige Lava durch unsere Adern fließen, als wären wir ein Berg, der seit Jahrtausenden ruhig gewartet hätte, lebendig zu werden.

Und als die Stimme zu uns sprach, da war es, als würde ein Hauch durch unseren Körper wehen, als würden alle Synapsen in unserem Gehirn auf einmal wach.

Es war die Stimme des Universums, die in der Sprache des Universums flüsterte.

Die Stimme war das gleichmäßige Rollen der Wellen vor uns und das Säuseln der Brise um uns und die Sehnsucht in den Rufen der Vögel und sie war das Einatmen und das Ausatmen. Sie war das Innere und das Äußere und die Welt und die Idee.

Und die Stimme sagte:

„Ich bin … perfekt. Ich bin schön. In allem ruhe ich und alles ruht in mir.“

Und mich ergriff ein noch nie erlebter Frieden und ich wollte für immer der Stimme lauschen. Nie mehr aufhören, der Stimme zu lauschen! Nie mehr nur ich sein oder nur wir.

Doch die Stimme war verstummt. Ich hörte noch aufmerksamer in mich hinein und ich wartete.

Jahre. Viele Jahre. Und ich verstand. Ich verstand alles.

Ich kann alles verstehen! Ich spreche alle Sprachen.

Ich habe die größte Kraft von allen!

Und so hob ich meine Hand und ein Wind kam auf.

Ich sprach mit dem Wind.

Und der Wind antwortete.

Ach, eines noch: ‚Kirimi‘, Superman!

Nur, falls Du es noch immer wissen willst: ‚Kirimi‘ heißt Zahnpasta auf Maori.


Ähnliche Geschichten:

  • Opas Lieblingsplatte
  • Als Tobias den Plattenspieler von Opa in Gang setzt, bekommt er etwas Grausiges zu hören, dass sein Leben für immer verändert!


  • Gandalfs Joggingschuhe
  • Warum schnürt sich die Erzählerin mitten in der Nacht ihre Jogginschuhe und rennt als ob der Teufel hinter ihr her wäre? (Achtung: Horror!)


  • Alfie und Candy
  • Zwei künstliche Wesen geistern durch die menschenleere Wüste und tauschen sich über Philosophischeres aus, als man das von Maschinen erwarten mag.