Killdozer


play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Im Jahre 2004 baute sich Marvin Heemayer einen eigenen Panzer, um damit 13 Gebäude in Granby, Colorado zu zerstören. Grund: Persönliche Rache.

Doch jetzt, 14 Jahre später, wird beim Jüngsten Gericht sein Verfahren eröffnet. Und Marvin lernt heute seine Rechtsanwältin kennen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Marvins Tale“ von Kevin Marvelle


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

SFX: Gefängnistür

FA: Hallo, Marv! Ich bin Dir zugeteilt. Als Rechtsanwältin.
HW: Wie?
FA: Du Marvin Heemayer. Ich Rechtsanwältin.
HW: Hallo.
FA: Hi!
HW: Tut mir leid. Ich sitze hier seit Ewigkeiten…
FA: Seit 14 Jahren. Das ist ein gaaanz kleiner Teil der Ewigkeit.

HW: Ich sitze hier seit 14 Jahren und keiner hat mich je besucht.
FA: Ja, wir sind hintendran mit der Aufarbeitung, sorry!

HW: Ich habe 14 Jahre lang nicht einmal ein Schluck Wasser bekommen!
FA: Und? Hast Du Durst?
HW: Nein, aber ist das nicht ein Menschenrecht oder so?

FA: Schatzi, das hier ist das Fegefeuer. Und, Marv, Du bist tot: kein Durst, kein Hunger! Aber meine Zeit ist knapp. Lass uns gleich zur Sache kommen. Du bist also Selbstmörder, oder?
HW: Na ja. Aber nicht so einfach Selbstmörder. Ich habe mir aus Protest das Leben genommen.

FA: Das ist für das Jüngste Gericht eine Nebensache. Du hast ein Leben bekommen und es vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum beendet. Das ist Verschwendung. Das sehen die nicht gerne.
HW: Es ist Zeit für das Jüngste Gericht?
FA: Klar. Es ist immer Zeit für das Jüngste Gericht.
HW: Geht die Welt unter?

FA: Ach, nein, Schatzi. Das mit der Apokalypse ist nicht so, wie Du denkst. Die Welt geht erst in 14 Milliarden Jahren unter.
HW: Aber warum das Jüngste Gericht?
FA: So macht der Boss halt seine Urteile. Ein Schöffengericht mit sieben Neugeborenen. Daher der Name. Jüngstes Gericht. Ein jüngeres kann ich mir gar nicht vorstellen.
HW: Babies richten über meinen Fall?
FA: Jepp. Himmel oder Hölle.

HW: Das ist nicht gerecht!
FA: Ah ja! Da sind wir ja bei Deinem Lebensthema, oder?
HW: Himmel oder Hölle?
FA: Nein, nein. Das mit dem gerecht. Das ist so Dein Ding, oder?
HW: Na, ist denn ein Gericht nicht dazu da, Recht zu sprechen?

FA: Genau. Recht. Gerechtigkeit ist aber etwas anderes.
HW: Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren!
FA: Eben! Steht ja auch so in den Akten. Aber ich habe nicht Ewigkeiten für diesen Fall. Nicht einmal 14 Jahre. Lass uns das also einfach einmal durchgehen, Schatzi. Ok?
HW: Ok.

FA: Hier steht, Du hast Dich in einem Panzer erschossen, in den Du Dich selber eingeschweißt hast.
HW: Na ja, der Panzer war eigentlich ein Bulldozer. Mein Bulldozer.
FA: Okaaay… Das Foto schaut schon ein bisschen wie ein Panzer aus.
HW: Ich habe den umgebaut. Ich habe eine Panzer draus gemacht, das könnte man schon so sagen. Rundum habe ich Panzerung angeschweißt. Das waren Stahlplatten oben und unten mit 30 cm Beton dazwischen.

FA: Da sieht man gar nicht, ob Du da rausschauen kannst.
HW: Ich habe zwei Kameras installiert und hinter 30 cm schussfestem Kunststoff verborgen. Ich hatte sogar eine Gebläsesystem, um den Bauschutt von den Kameras zu pusten. Im Killdozer hatte ich dann zwei Monitore…
FA: Killdozer?
HW: Ja, so habe ich das genannt. Cool, oder?

FA: Also, ich finde das schon cool. Extrem cool. Was da Jüngste Gericht dazu zu sagen hat, weiß ich nicht.
HW: Na ja, dann hatte ich noch Schießscharten für drei verschiedene Gewehre. Und ein Kühlsystem für mich und eine Pistole, um mich zu erschießen. Und da habe ich mich dann drinnen eingeschweißt und bin losgefahren.

FA: Losgefahren, um eine Kleinstadt zu Schrott zu fahren.
HW: Na ja, das ist aber übertrieben. Ich glaube, insgesamt waren es 13 Gebäude. Und der Baumarkt kann nicht richtig kaputt sein, da bin ich ja am Schluss festgesteckt.
FA: Ok, Du bist also am 4. Juni 2004 mit dem Killdozer losgefahren, um 13 Gebäude in der Kleinstadt Granby zu zerstören.
HW: Meine Liste war eigentlich länger.

FA: Hier wäre also: Das Rathaus, die Betonfabrik, die öffentliche Bibliothek, das Haus eines Richters, die privaten Häuser einer Reihe von Gemeinderäten, eine Spielhalle, Dein eigenes Haus, ein Waffengeschäft und eben den Baumarkt.
HW: Ja. Das lief nicht so gut mit dem Killdozer, wie ich geplant hatte.

FA: Nur, weil das Jüngste Gericht das fragen wird: Warum hast Du das getan?
HW: Weil vernünftige Menschen manchmal unvernünftige Dinge tun müssen! Weil jemand sich gegen diese Bürokratie auflehnen muss! Weil es Menschen braucht, die sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen! Jemand muss sich doch wehren, oder?
FA: Moment, nur dass ich das richtig verstehe. 2004 war die USA noch keine Diktatur, oder?

HW: Und ob! Eine Diktatur der Beamten, der Bürokratie, des Behördenfilz!
FA: Aber die Menschen im Gemeinderat und der Bürgermeister und der Richter, die wurden alle gewählt, oder?
HW: Ja. Weil die Menschen blind sind! Die haben einfach Menschen gewählt, die sie kennen. Das sind alles Leute aus Familien, die schon seit Ewigkeiten in Granby wohnen! Aber jemanden wie mich, der da erst seit 12 Jahren lebt, dessen Interessen haben die doch gar nicht vertreten!

FA: Aha. Die sind also fremdenfeindlich.
HW: Genau! Rassisten sind das!
FA: Moment, Moment, mal langsam mit den jungen Pferden. Du kommst aus South Dakota. Und bist nach Colorado gezogen. Und Du schaust weiß aus wie Meister Proper. Die Rassismuskarte lassen wir besser stecken.

HW: Na ja, vielleicht nicht wirklich Rassismus. Aber sie haben meine Existenz vernichtet! Sie haben mein Leben ruiniert! Mir alles genommen, was ich mir aufgebaut hatte! Verdient ein Mann, dem so etwas widerfährt nicht Rache? Wird es da nicht Bürgerpflicht, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen?
FA: Schatzi. Ganz ruhig. Was haben die bösen Menschen Dir eigentlich angetan?

HW: Sie haben mir meine Existenz vernichtet, das habe ich doch schon gesagt!
FA: Ich würde mal davon ausgehen, dass die Kugel, die Du Dir durch den Kopf gejagt hast, auch einen wesentlichen Anteil daran hatte, Deine Existenz zu beenden.

HW: Nicht die physische Existenz. Meine Lebensgrundlage! Sie haben alles kaputt gemacht!
FA: Schatzi, jetzt atme erst einmal durch! Ist ja alles gut! Ich bin ja auf Deiner Seite!
HW: (atmet schwer)

FA: Jetzt einmal ganz von vorne. Aber die Kurzversion, bitte!
HW: Gut. Also, das war so: Ich bin 1992 nach Granby gezogen. Da habe ich mir Land gekauft. Einen Hektar. Und dann habe ich da meinen Laden hingebaut. Ich bin Schweißer und spezialisiert auf Schalldämpfung bei Autos. Da gibt es bestimmte Werte, die man einhalten muss und ich krieg das immer hin.
Der Laden lief eigentlich auch ganz gut. Das war zwar 20 km weg von Granby aber die Leute sind von weit her gekommen. Wenn jemand Deinen Auspuff schweißen kann, dann ist das halt immer günstiger, als eine neue Auspuffanlage einzubauen, was Werkstätten halt gerne machen.
Na ja, und dann hat die Gemeinde meinen Grund an diesen geldgierigen Schleimsack Cody Docheff verkauft und der hat auf meinem Land eine Betonfabrik gebaut und meine Kunden durften die Straße nicht mehr benutzen zu meinem Laden und damit war ich arbeitslos.

FA: Moment. Hier steht, Du hast das Land gekauft für 42.000 Dollar und hast es nie aufgeschlossen wie ausgemacht. Du hast nicht einmal einen Anschluss an die Kanalisattion gehabt. Und Cody hat Dir 250.000 Dollar geboten und Du hast „Ja“ gesagt. Bei Vertragunterzeichnung hast Du dann 375.000 Dollar gewollt. Und als Cody damit auch einverstanden war, hast Du eine Million gewollt!
HW: Und?
FA: Na ja, vielleicht magst Du Geld auch ganz gerne?

HW: Es war mein Land! Und die Gemeinde hat es mir genommen!
FA: Und Dich entschädigt. Die haben eigentlich bloß Deine Grundstücksgrenzen verlegt, so wie ich das hier sehe.
HW: Aber die Straße war nicht mehr zu benutzen. Und ich durfte mir auch keine neue Straße bauen. Dafür hatte ich den Bulldozer doch angeschafft. Um eine neue Straße zu bauen!

FA: Hier steht, die Gemeinde wollte die Straße bauen…
HW: Das ist doch alles gelogen! Die wollten mich vertreiben! Aber ich gehe nicht! Ich handele schließlich in Gottes Auftrag! Ich war so wütend, dass ich beschloss, mich an der Gemeinde zu rächen.
FA: Du hast also im Affekt einen Panzer gebaut?
HW: Genau! Weil ich so wütend war! Ich musste mich wehren! Ein Mann hat auch seine Rechte! Gott hat mich dazu geschaffen, diesen Panzer zu bauen! Darum habe ich auch nie eine Frau gefunden oder Kinder gekriegt, weil Gott mich für diese Mission erschaffen hat!

FA: Ich will Dir ja nicht zu nahe treten, Schatzi. Aber ich habe recherchiert. Von oben hast Du keinerlei Auftrag bekommen. Das schaut auch so gar nicht nach dem Boss aus.
HW: Wie bitte?
FA: Aber ist ja egal. Wichtig ist: Du bist furchtbar wütend! Du willst unbedingt Rache, stimmt’s?

HW: Genau! Rache! Gerechtigkeit!
FA: Und dann hast Du im Affekt eineinhalb Jahre an Deinem Killdozer gebastelt.
HW: Genau!
FA: Ah… Das ist gut! Das ist gut!

HW: Du meinst, das wird das jüngste Gericht mir glauben?
FA: Was? Nein. Niemals. Affekt ist eine Sache, die Sekunden dauert. Aber eineinhalb Jahre, mein Lieber – das hast Du gründlich geplant! Du bist eigentlich ein Serienmörder, nur ein schlechter.
HW: Aber wieso? Habe ich niemanden getötet?

FA: Nein. Weil Du ein schlechter Schütze bist. Aber Du hast auf Cody geschossen und auf die Polizisten. Du hast versucht Propangasflaschen in die Luft zu jagen – Menschenopfer waren schon eingeplant, oder?
HW: Eigentlich schon. Aber es zählt ja die Tat und nicht die Absicht.
FA: Das ist nicht ganz richtig! Im Gegenteil. Hier ist oft die Absicht wichtiger als die Tat. Ist ein bisschen anders als auf der Erde.
HW: Verstehe.

FA: Deine Absicht war, der gesamten Welt zu zeigen, dass der Gemeinderat von Granby in einer Immobiliensache zu Deinen Ungunsten entschieden hat, oder?
HW: Das könnte man so formulieren.
FA: Und darum hast Du 18 Monate lang einen Panzer gebaut, um die Leute des Gemeinderats und die gesamte Gemeinde zu töten, respektive zu zerstören. Oder?
HW: Das könnte man auch so formulieren.

FA: Und das hast Du im Vollbesitz Deiner geistigen Kräfte gemacht?
HW: Ja, klar.
FA: Und Dein Motiv ist Rache. Vergeltung. Oder?
HW: Genau! Vergeltung! Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

FA: Im Ernst? Sag solche Dummheiten bitte nicht vor Gericht. Sonst zweifeln die doch noch an Deiner geistigen Gesundheit.
HW: O.k.
FA: Und, zum Schluß noch eine ganz wichtig Frage: Empfindest Du Reue?
HW: Reue? Nein, kein bisschen!

FA: Tut es Dir wenigstens leid, was Du getan hast?
HW: Nein. Ich bereue nichts!
FA: Sehr gut! Das ist die richtige Einstellung! Diesen Fall gewinnen wir ganz leicht. Eigentlich bin ich für so etwas ein bisschen überqualifiziert.
HW: Wir gewinnen? Und dann komme ich in den Himmel?

FA: In den Himmel? Oh, nein, das verstehst Du falsch. Ich bin Rechtsanwältin für die Hölle. Ich vertrete den Teufel und in Deinem Fall wird die Verteidigung echt schlechte Karten haben, das würde selbst Franz von Assisi nicht mehr hinkriegen. Ich sehe da eigentlich überhaupt nichts, was für Dich spricht. Gut, oder?
HW: Wie bitte?
FA: Du musst mir nur eines versprechen, Schatzi!
HW: Und das wäre?
FA: Nichts bereuen! In den Staaten feiern sie Dich als Held, wusstest Du das? Als Kämpfer für die Gerechtigkeit! Als modernen Robin Hood!
HW: Die Amerikaner feiern mich?
FA: Na ja, DIE Amerikaner ist vielleicht ein bisschen stark. Sagen wir ein paar Rednecks. Oder besser, ein paar emotional minderbemittelte Rednecks. Aber die wären echt enttäuscht, wenn Du vor dem Jüngsten Gericht eine Heulsuse wirst! Und ich auch! Versprichst Du mir das? Keine Reue! Niemals den anderen recht geben! Keine Kompromisse! Das ist Gerechtigkeit!

HW. Okay. Gerecht. Verstehe. Versprochen.
FA: Gut, Schatzi! Dann sehen wir uns wieder vor Gericht. Der Termin ist schon bald. 2104. Durchhalten bis dann! Du bist mein Mann, Merv! Merv, the Muffler! Rächer von… Rächer von sich selber. Beschützer von… Ach, egal: Merv, the Muffler! Der Held, den Granby verdient!
HW: Genau! Merv, the Muffler!
FA: High Five, Schatzi!
HW: High Five!
FA: Tschüssikowski!
HW: Bis dann…

SFX: Gefängnistür