Kassandras Trefferquote

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Der trojanische Krieg ist für die europäische Zivilisation der symbolische Urkrieg, die Ilias von Homer ist ein promintenter Teil der westlichen Urdichtungen. Darum gibt’s beim Morgenradio eine Heptalogie zum Thema ‚Troja‘ und heute den dritten Teil: Apollo ist nicht gerade zufrieden damit, wie Kassandra mit der Gabe der Prophetie umgeht, die er ihr ‚geschenkt‘ hat. (Übrigens: Teil I war „Helena und Priamos“ und Teil II war „Hektors Flucht“)


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „My Smile Is Extinct“ von Kane Strang

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Die Geschichte zum Lesen

Sotera, wenn Du Deinen Sohn geboren hast, wird Dein Mann nicht wollen, dass Du ihn nach Deinem verstorbenen – ach so, herzliches Beileid … Also, Dein Mann wird nicht wollen, dass Du Deinen Sohn Jorax nennst, aber, wenn Du ihn lange genug nervst, wird er klein beigeben!

Und jetzt, meine Lieben, ist für heute Schluss!

Und Du, Boeta, bist auch schwanger, aber Dein Mann wird nicht froh sein, wenn er erfährt, warum es auf einmal doch geklappt hat!

Mein Gott, drehen sich alle Fragen wieder nur um das schwangerwerden? Ihr wollt mir nicht glauben, dass die Stadt in einem Jahr in Trümmern liegt, oder?

Dann verlasst doch bitte alle für heute den Tempel, bitte? Ich kann nicht mehr, tut mir leid, meine Kräfte sind nicht unerschöpflich …

(Langsam ins Mikro) Diese Kleingeister! Bin ich ein Orakel oder eine Hebamme? Dabei glauben sie mir nur die Aussagen, die sie glauben wollen! Wenn ich etwas Unangenehmes sage, dann lächeln sie nur doof und versuchen es, so schnell wie möglich zu vergessen!

HW: So sollte das ja auch niemals sein, Kassandra!
FA: Ah, da bist Du ja!
HW: Du hast mich erwartet?
FA: Ich bin ein Orakel, vergessen?
HW: Wie sollte ich das vergessen? Ich habe Dir diese Gabe gegeben, meine wunderschöne Kassandra!
FA: Und Du erwartest immer noch, dass ich Dir dankbar bin, Apoll?
HW: Nein. Das erwarte ich nicht. Aber dieses Mal bin ich nicht hier, um Dir den Hof zu machen.
FA: Sondern?

HW: Die anderen Götter haben mich geschickt. Wir haben ein Problem mit Deinen Prophezeiungen.
FA: Und das wäre? Stimmt meine Trefferquote nicht?
HW: Natürlich stimmt die!
FA: Trage ich eure Visionen dann vielleicht nicht im richtigen Versmaß vor?
HW: Ja, das ist ungefähr das Problem.
FA: Endet mein Jambus nicht auf die männliche Kadenz?
HW: Es geht nicht um Versmaß! Du sagst nicht, was Du siehst!
FA: Doch, natürlich sage ich, was ich sehe!
HW: Nein! Als zum Beispiel Ares Dir letztes Jahr diese Vision einflüsterte …
FA: Welche?

HW: Na, Du weißt schon, von den nackten Männern, die die Schilder über dem Kopf trugen und den Berg im Sturm erkletterten. Wo es Asche regnete und man die Sandalenabdrücke in der Asche sah und die füllten sich dann mit Blut, und …
FA: Ja ja, ist schon gut. Ich erinnere mich! Ekelhaft.
HW: Eine wunderschöne Vision! Wunderschöne Bilder! Kreativer Einsatz von Symbolen!
FA: Ich habe meinem Vater davon erzählt, so wie dein Bruder das wollte!

HW: Nein! Hast Du nicht! Du hast ihm gesagt, der Angriff der Trojaner, wäre zum Scheitern verurteilt!
FA: Aber das war doch die Vision!
HW: Ja! Aber jetzt fand der Angriff nicht einmal statt! So funktioniert das nicht mit den Visionen!
FA: Ach. Du erklärst der Seherin, wie das funktioniert mit den Visionen?
HW: Natürlich! Wir Götter haben eine Absicht, wenn wir Visionen einflüstern!
FA: Ihr habt die Absicht, die Menschen sollen …

HW: Wir haben Dir die Fähigkeit gegeben, in die Zukunft zu sehen, damit die Menschen den Schatz der Weisheit in sich selber entdecken! Nicht, um ihnen Tipps zu geben!

Visionen sind poetisch und symbolisch, weil die Lektion erst im Rückblick gelernt wird! Im Rückblick auf das Leben macht die Vision Sinn und es entsteht Weisheit!

Wenn Du einfach direkt die Wahrheit sagst, dann lernt niemand etwas! Wir geben uns Mühe, dass die Visionen, die wir einflüstern, die Menschen weiser machen und die Menschheit reifer!

FA: Papperlapapp!
HW: Wie bitte? Du weißt, dass ich ein Gott bin?
FA: Trotzdem: Papperlapapp!

HW: Kassandra, wir haben uns einmal geliebt, kannst Du nicht wenigstens versuchen, mich zu verstehen?
FA: Du hast mich geliebt und mich dann mit Visionen gestraft!
HW: Warum willst Du eine Welt haben ohne Poesie, ohne Symbolik, ohne Rätsel und ohne Weisheit?
FA: Wieso sollte ich das wollen?
HW: Weißt Du noch, als sich Patroklos nach Troja schlich, um Dich zu befragen? Weil er glaubte, er müsse bald sterben?
FA: Klar weiß ich das noch! Dieser Trottel!

HW: Und Athene schickte Dir eine Vision von einer Schwebfliege, vor der die Vögel flüchten, weil sie die Wespe fürchten. Doch dann landet sie zu nahe am Bienenkorb und wird von einer Arbeiterin gestochen.
FA: Du brauchst mir diesen Unsinn nicht noch einmal erzählen!
HW: Als dann die Wespe kommt, stürzen sich alle Bienen auf sie und auch sie stirbt. Doch der Bienenkorb verbrennt.
FA: Das nennst Du poetisch?
HW: Und was hast Du Patroklos gesagt?
FA: Das er und sein Sugar Daddy Achill beide bald sterben werden und sie so schnell abhauen sollen wie nur möglich!

HW: Und niemand hat von der Vision erfahren und nichts ward gelehrt!
FA: Oooch! Böse Kassandra! Die Götter sind unzufrieden mit Dir! Obwohl Achill und Patroklos planmäßig sterben werden!
HW: Verspottest Du mich, Kassandra?
FA: Natürlich! Weil Du der Gott der Heuchler bist! Der Gott der Frömmler und der Lügner und der falschen Wahrheiten!
HW: Was erlaubst Du Dir …

FA: Ich habe nicht nach Visionen gefragt! Du hast mir Visionen geschenkt, als Du unter meine Röcke wolltest. Und jetzt stehst Du hier und gefällst Dir in der Pose des Gönners der Menschheit!

Das ist so voll des falschen Pathos, da bekomme ich sofort eine Vision von erbrochenem Käse, der auf einem Kuhfladen liegt, der auf einem Ozean von Pisse treibt! Na, wie ist das? Ist das poetisch genug? Wird das im Rückblick weise und wahr, wenn alle Handelnden in dieser Geschichte vom trojanischen Krieg tot sind?

Aber natürlich! Weil im Rückblick alles wahr ist, Du Narr! Alles, was man in der Vergangenheit sehen will, kann man in ihr finden! Die Trojaner glauben, die Geschichte drehe sich um sie und die Griechen glauben das auch!

Es geht euch Göttern einen Dreck um den ‚Schatz der Weisheit‘, der in uns Menschen ruht! Das ich nicht lache! Ihr seid einfach nur ausgesucht grausame Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die irgendwo sitzen und aus ewiger Langeweile heraus Wetten abschließen auf unser Leid und unser Heil, auf unsere Leben!

Ihr pickt euch den einen oder die andere heraus und dann macht ihr eure Versuche! Was passiert mit der Leda wohl, wenn sie mit einem Schwan schläft? Und mit ihrer Tochter Helena, wenn sie sich in einen Trojaner verliebt? Und mit dem Patroklos, wenn er die Uniform des Achill trägt und in der Schlacht Hektor begegnet?

Ihr seid nichts anderes als sadistische Experimentatoren und wir Menschen, die wir euch so verflucht ähnlich sind, wir sind euer Spielzeug!

Schau Dir nur diesen Krieg an, oh Du weisester aller Götter! Schau Dir den Krieg um Troja an: von Anfang bis zum Ende! Wer hat diesen Krieg gewollt? Eris war es!

Und wer kämpft in diesem Krieg? Athene und Poseidon, Hermes und Hephaistos auf griechischer Seite und Ares, Aphrodite, Artemis und Du auf Seiten der Trojaner! Wer ist hier also bitteschön weise und wer nicht? Was ist zu lernen aus diesem Krieg?

Eines ist zu lernen! Die gleiche Wahrheit vom ersten bis zum letzten Krieg der Menschheit: Krieg ist Mord und Mord ist eine Sünde.

Eine Sünde, nicht gegenüber den Göttern! Nein, eine Sünde gegen die Menschlichkeit! Denn Moral ist ein menschliches Kriterium, Göttern ist das egal!

Überhaupt! Ich pfeife auf eure dämlichen Einflüsterungen! Ich weigere mich, eine Spielfigur eures grausamen Wettbewerbs zu sein!

Zu keiner meiner Wahrsagungen habe ich eure Einflüsterungen gebraucht! Ich sage den Menschen nur das Offensichtliche ins Gesicht! Ich kann nach vier Wochen erkennen, ob eine Frau schwanger ist, aber das könnte jeder oder jede, wenn sie oder er das wollte!

Ich sage meinem Vater, Priamos, dass ein Angriff zum Scheitern verurteilt ist, weil Troja fallen wird. Dazu brauche ich keine Vision! Belagerer verlieren nur, wenn ihnen das Fressen ausgeht und die Griechen holen das Korn aus dem halben Mittelmeer. Seit 10 Jahren!

Und ich sage Patroklos, er soll fliehen, weil am besten alle fliehen sollten, die mit diesem Wahnsinn zu tun haben! Weil alle Soldaten ihre Schwerter fallen lassen sollten!

Und weißt Du, was ich allen Menschen sage, selbst, wenn sie mich nichts fragen?

HW: Ach. Das ist jetzt keine rhetorische Frage?
FA: Doch. Ich sage allen, sie sollen auf euch Götter spucken! Eure Standbilder schänden und eure Tempel als Kuhställe benutzen! Wir Menschen brauchen euch nicht, es seid ihr, die ihr uns braucht! Und es dauert nicht mehr lange, bis wir genug haben von euch Göttern! Wir werden aufhören, euch zu verehren und euch zu fürchten und ihr werdet vergehen!

Ich habe euer Spiel durchschaut! Es geht euch um unsere Aufmerksamkeit! Ihr lebt von unseren Gefühlen und nicht von Nektar und Ambrosia!

Ich spiele nicht mehr mit, Apoll. Meine Prophezeiungen lenken die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Menschen! Es spielt keine Rolle, ob mir geglaubt wird oder nicht! Es spielt nur eine Rolle, dass keiner ein Gebet an euch Olympier richtet! Das ist meine Mission!

Was willst Du also tun, Apoll, Gott der Weisheit? Willst Du mich jetzt schon töten? Was macht das aus Deiner Poesie und Deiner Symbolik? Du bist ein Sklave Deiner eigenen Gesetze und ich bin diejenige, die Macht über Dich hat!

Was sagst Du jetzt, Apoll?

HW: Wie konnte ich Dich jemals lieben, Kassandra?
FA: Göttliche Verblendung?
HW: Wir sind grausam, Du hast recht. Und wir werden vergehen, Du hast recht. Dann wird das Zeitalter ohne Götter folgen, auch damit hast Du recht. Mal schauen, wer grausamer gewesen sein wird. Denn auch ihr werdet vergehen.
FA: Gut. Einverstanden. Ich kann es nicht abwarten. Könnte das mit dem Vergehen vielleicht gleich anfangen? Hier? Mit Dir?
HW: Lebwohl, grausame Menschenfrau.
FA: Lebewohl, Rattenverschlinger!


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