Karma


„Karma“ ist ein Begriff, den jeder irgendwie kennt und keiner wirklich begreift.
Das hat mit seinen hinduistischen Wurzel genauso zu tun wie mit seiner Vergangenheit im Vorstellungssystem der Theosophie.

Heute wird er in der Esoterik in seiner verwestlichten Form benutzt. Oder aber als Image auf Produkte geklebt, die dadurch plötzlich irre spirituell sind.

Herr Wunderlich versucht heute, die Wurzeln des Begriffes zu erklären und gibt auch noch seine eigene Interpretation zum Besten.


Download der Episode hier.
Musik: „Karma“ von Alma / Standard-YouTube-Lizenz
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Ich habe mich, als ich Meditation lehrte, immer um die Frage nach dem Karma gedrückt. Auch bei Impetus rede ich in hundert Folgen nicht davon. Ich glaube nämlich, dass die Frage für die Meditation nicht relevant ist. Aber weil sie immer wieder gestellt wird, will ich heute einmal kurz versuchen, meine Gedanken dazu darstellen. Aber es ist wirklich schwierig.

Wenn man Karma googelt, dann findet man vor allem eines: Ein Haufen Produkte und Bücher und Webseiten, die einem das Konzept erklären. Von GoPro gibt es eine Drohne, die Karma heißt. Es gibt natürlich ein Parfum, das Karma heißt.

„Eau de Karma ist ein sinnlich-frischer Duft, der sich wie ein prickelnder Sommerregen wohltuend auf Körper, Geist und Seele auswirkt. Seine kostbaren Essenzen greifen die spirituelle Symbolik traditioneller ostasiatischer Lehren auf und erwecken sie zum Leben. Such a good Karma – such a good life!“

Und natürlich gibt es Tausende von Büchern zu dem Thema. Zum Beispiel „Karma – die Gebrauchsanleitung: … damit das Schicksal macht, was Sie wollen“. Oder „Karma-Coaching: Wege aus der Schicksalsfalle“ Oder „Das Karma, meine Familie und ich: Yoga-Philosophie für einen entspannteren Alltag“.

Karma ist also als Begriff bei uns in Europa irgendwie angekommen, daran gibt es keinen Zweifel. „Ich glaube an Karma und Schicksal. Alles in deinem Leben steht schon vorher fest“, sagt zum Beispiel die große spirituelle Lehrerin Madonna.

Karma ist für uns im Westen einfach ausgedrückt die Schicksalskraft. Eine Art von Konto, das wir in unserem Leben führen. Und darauf zahlen wir dann entweder gute Taten ein oder schlechte Taten. Und die Schicksalskraft zahlt uns das zurück.

Im Westen können wir dann wählen, ob das Konto im nächsten Leben ausgeglichen wird oder sogar schon in Diesem, je nachdem, welche Bücher wir lesen oder welchen Gurus wir zuhören.

Bei der einen Vorstellung müssen wir natürlich an die Wiedergeburt glauben. In der Vulgärversion wird man als böser Mensch dann halt als Schwein wiedergeboren. Oder als Stubenfliege. Was diesen Tieren gegenüber natürlich auch nicht nett ist. Bin mir nicht sicher, ob die Evolution da wirklich eine spirituelle Leiter gebaut hat. Eine Existenz als Hauskater könnte ich mir sogar als Belohnung vorstellen, wenn ich kucke, wie es unserem freien Mitarbeiter so geht.

Bei der anderen Vorstellung bekommt man die Reaktion auf seine Taten umgehend in diesem Leben wieder zurück. Das ist in seiner banalsten Version einfach ein „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück“. Meist gefolgt von dem Ratschlag, andere Menschen öfter anzulächeln. Als Meditationsübung quasi.

Aber oft reicht es weiter und es ist gar das Universum selber, dass da sozusagen über unser Handeln richtet. Wir ernten dann im Laufe des Lebens, was wir gesät haben.

Das liegt daran, wie Karma in den Westen importiert wurde, ein Prozess, der sich gut belegen läßt. Wie so oft in der modernen Esoterik liegen die Wurzeln bei den Theosophen. Und zwar bei den Theosophen in der Prägung von Helena Petrovna Blavatsky.

Die war schon eine bekannte Spiritistin und Okkultistin, als sie mit ihrer Theosophie reüssierte. Sie hatte da sehr viel Östliches in den Cocktail gemischt und versucht, eine esoterische Weltreligion zu propagieren. Eine, die im Geheimen, die Wurzel jeder Religion ist. Da macht das Wort „esoterisch“ übrigens noch Sinn, denn dieses Geheimwissen war ja nur wenigen Eingeweihten zugänglich.

Später hat sich ein Theosoph selbstständig gemacht und die Antroposophie begründet. Der Mann hieß Rudolf Steiner und sein Verdienst ist es wohl, Reinkarnation und Karma irgendwie mit den Evangelien in Einklang gebracht zu haben. Theologisch oder exegetisch gesehen eine ziemliche Leistung. Weil das da einfach nicht drinsteht. Um’s Verrecken nicht, sozusagen.

So hat der heutige Mitteleuropäer also große Problem damit, sich mit einem richtenden Gott abzufinden. Aber eine ominöse Schicksalsmacht namens Karma, die genauso nach ethischen oder moralischen Kriterien über ihn richtet, das ist kein Problem.

Denn, machen wir uns nichts vor: Unsere Vorstellung von Karma ist natürlich von unserer jüdisch-christlichen Kultur geprägt. Im Prinzip glaubt der Durchschnitts-Karma-Gläubige an eine Art von Buch, in das die guten und die schlechten Taten eingetragen werden und die werden dann ausgewogen. Und das hat dann Konsequenzen.

Ganz simpel gesagt, ein Sündenkonto. Das kennt man ja als Konzept. Das ist wie der Nikolaus mit seinem goldenen Buch. Oder eben wie beim jüngsten Gericht.

Bloß, dass man bei Karma halt nicht einen persönlichen Richter imaginieren muss. Sondern es ist – ominöser geht es kaum – „das Universum“. Ich persönlich glaube ja nicht, dass dem Saturnmond Titan wichtig ist, ob man zuviel Porno kuckt oder nicht. Aber gut, das ist jetzt Polemik.

Das hat natürlich nicht allzu viel mit dem Karma östlicher Prägung zu tun. Ein bisschen schon. Aber nicht viel. Karma kommt als wichtige Begrifflichkeit dort im Hinduismus und im Buddhismus und im Jainismus vor.

Und im Hinduismus liegt wahrscheinlich auch die Wurzel. Bei der heutigen Quellenlage könnte man auch behaupten, Karma ist die Wurzel des Hinduismus. Sie ist auch bei den ältesten Schriften integraler Bestandteil.

Vorab ist zu sagen, dass es keine Religion gibt, die Hinduismus heißt. Das ist eine englische Erfindung, um die religiösen Vorstellungen eines ganzen Subkontinents überhaupt erst einmal verdaubar zu machen.

Aber bei aller Buntheit gibt es doch auch Gemeinsamkeiten. Und da wären eben die Reinkarnation und eben Karma. Aber was das dann bedeutet, ist wieder sehr verschieden.

Die Vorstellung ist, dass der Mensch in seinem Handeln frei ist. Und für sich und seine Situation die volle Verantwortung trägt. Ganz im Widerspruch zu Guru Madonna also.

Man hat sich in Indien Gedanken gemacht zu Ursache und Wirkung. Alles, was geschieht, alles was einem widerfährt, alles wan man macht, hat eine Ursache. Und dann konsequenterweise auch eine Wirkung.

Und jede dieser Wirkungen verändert die Umstände so, dass sie wieder eine Ursache werden können. In uns und um uns herum. Das, was uns und anderen widerfährt ist die Konsequenz aus einer langen Kette an Wirkung und Ursache. Da, was uns und anderen widerfährt ist Karma.

Und jetzt kommt der entscheidende Unterschied. Im Osten ist diese Vorstellung an Samsara gebunden. An das ewige Rad des Lebens. Denn Karma entsteht nicht nur durch böse Taten, sondern auch durch gute Taten. Auch gute Taten verhaften mich als Mensch an dieses Rad des Lebens.

Ziel ist es also, überhaupt kein Karma mehr zu erzeugen. Also weder durch schlechte, noch durch gute Taten. Durch spirituelle Erkenntnis einen Schritt über das Normalmenschliche hinauszugehen. Wenn die eigene Seele „Atman“ mit der Weltseele „Brahman“ eins wird.

Dadurch endet die Verhaftung mit dieser Welt und es endet der ewige Zyklus der Wiedergeburt. Man erreicht dann sozusagen die Vollendung, die Auflösung, das nirwana. Übrigens der nächste problematische Begriff.

Noch einmal kürzer. Es ist für uns im Westen schwer verstehbar. Karma ist in seinem Ursprung die Kraft, die wir erzeugen, die uns an das Rad der Wiedegeburt fesselt. Es ist dabei völlig unerheblich, ob wir dabei gut oder schlecht handeln. Es gibt keinen Richter.

Für die frühen Hinduisten war das keine Glaubenssache. Karma war, ganz simpel, ein Naturgesetz. Karma war eine Eigenschaft des Lebens, eine Grundkonstante des Universums. Muss man nicht daran glauben, ist einfach so.

Natürlich wurde dieses einfache Konzept dann ausgeweitet und komplexer. Tatsächlich bekam es bald eine ethische Dimension. Aber das ist strenggenommen nicht Karma, das ist Dharma.

Und natürlich gibt es tatsächlicn die Vorstellung, dass Karma, Einfluss hat auf das nächste Leben. Zum Beispiel durch ein anderes Dharma. Oder aber durch eine Art von Reinwaschen zwischen zwei Leben. Oder beides. Und, ich gebe es zu, auch die Vorstellung von Tiergeburten gibt es in diesem großen Land.

Gut. Soviel zum Hinduismus. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jetzt alle verwirrt habe. Ein Grund, dass ich so ungerne darüber rede. Ich möchte auch den Jainismus ausklammern, denn der verfügt über ein sehr komplexes, schwieriges System, das eigentlich einer eigenen Sendung bedarf.

Bliebe noch der Buddhismus. Auch hier gilt etwas Ähnliches wie schon zum Hinduismus gesagt. Das beginnt damit, dass man erst einmal diskutieren müsste, ob das eine Religion ist. Und geht dann weiter mit der Frage, welchen Buddhismus man meint.

Denn die 400 Millionen Menschen auf der Welt, die sich Buddhisten nennen, haben sehr, sehr verschiedene Überzeugungen. Das geht vom Feelgood-Buddhismus im Westen, der mit Yoga-Übungen aufgelockert wird, zum streng orthodoxen Lamaismus eines Dalai Lama.

Ich persönlich glaube, dass der Buddhismus in seinen Ursprüngen völlig ohne Reinkarnation auskam. Die befreiende Wirkung der frühen Bewegung war eben die Abkehr von diesen Vorstellungen. Das hat sich aber dann bald wieder eingefunden, alleine durch ein Umfeld, das Jahrhunderte lang nur hinduistisch war.

Dogen, der Gründer der größten Zen-Schule Japans und wahrscheinlich der Welt, je nachdem, was man mitzählt oder nicht, Dogen schummelt sich in seinen Schriften um die Frage herum. Reinkarnation war ihm nicht wichtig.

Ich persönlich glaube nicht an Reinkarnation. Ich habe keinerlei Ahnung, was da wiedergeboren werden soll. Egal in welcher Vorstellungswelt. Seele, Geist, Atman, Wesenskern – alles zu unverbindlich in meinen Augen.

Im Osten muss ich mich damit abfinden, dass das Ziel ist, überhaupt nicht mehr auf die Welt zu kommen. Und im Westen ist die Vorstellung dafür für die meisten Anhänger der Theorie einfach ein Trost. Es ist noch nicht alles vorbei, man kommt noch einmal auf die Welt!

Doch ich finde das Östliche genausowenig tröstlich wie das westliche Modell. Ob ich dann statt in 80 Jahren oder in 8000 Jahren irgendwo hingelange, das macht doch keinen Unterschied!

Jegliche Vorstellung von einem Leben nach dem Tod ist für mich irritierend. Da beginnt ja schon mit dem semantischen Problem. Für unseren Sprachgebrauch sind Leben und Tod denkbare große Gegensätze. Wir können also eigentlich nicht von einem Leben nach dem Tod sprechen, ohne den Tod zu banalisieren.

Er wird – übrigens auch im christlichen Gedankengut – dann nur so ein Übergang, so eine Art Initiation. Das macht für uns hier auf Erden einfach keinen Sinn. Egal, was sich an Hypothesen und Theorien dahinter verbirgt. Das ist dann einfach nur reine Glaubenssache. Das ist mir zu wenig.

Woran ich schon glaube, das ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Wir haben jeden Tag eine Milliarde Entscheidungen zu treffen. Sagen die Upanishaden. Und jede Entscheidung verändert das ganze Universum.

Jeder Moment unseres Lebens ist das Ergebnis von einem riesigen Entscheidungsbaum, von unzählbar vielen Entscheidungen, die wir oder andere gemacht haben. Und jede unserer Handlungen oder Nicht-Handlungen, jede der ein Milliarden Entscheidungen jeden Tages ist wiederum der Same von einem genauso großen Entscheidungsbaum.

Jeder kennt diese Komplexität. Die wird uns immer dann deutlich, wenn wir uns in Konjunktiv-Spielen verlieren. „Hätte ich doch dies und jenes nicht gesagt oder getan, dann hätte er und dann hätte sie und dann wäre es…“ Ziemliche Energieverschwendung, wenn ihr mich fragt.

Damit ich diese Zeilen jetzt ins Mikro reden kann, mussten eine Milliarde Faktoren stimmen. Man kann die unmöglich aufzählen. Irgendjemand hat den Baum gefällt, der dann meine Schreibtischplatte wurde. Oder Open Office gegründet, damit ich hier mit einer Textverarbeitung arbeiten kann.

Hätte die Shani heute früh nicht die halbleere Döner-Box gefunden, die jemand auf den Bürgersteig gestellt hätte, wäre ich drei Minuten früher dran. Und hätte vielleicht einen Kaffee weniger und würde vielleicht etwas ganz Anderes schreiben.

Und das würde dann euren Tag auch verändern, die ihr das gerade anhört. Und das verändert dann wiederum vielleicht die Art, wie ihr dem nächsten Menschen auf eine beliebige Frage antwortet.

Und am Ende entsteht wegen dem Typen und seiner Döner-Box vielleicht ein Wirbelsturm in Tahiti. Unwahrscheinlich, aber auch nicht unvorstellbar.

Weil alle diese unübersehbaren Entscheidungsbäume unentwirrbar miteinander verwoben sind. So ändert jede der ein Milliarden Entscheidungen das ganze Universum. Weil wir Teil des Universums sind.

Diese unüberschaubare Kette von Ursache und Wirkung ist für mich Karma. Und das hat kein Gut oder Böse, kein Schlecht oder richtig. Aber es hat Auswirkungen auf mich und euch und alle.

Keine kleine Verantwortung, oder? Für mich bedeutet das aber nicht, dass ich besonders gut oder lieb oder toll sein muss, damit das Universum besonders gut oder wohnlich oder sympathisch wird.

Aber es bedeutet, dass ich den drängenden Wunsch habe, dabei zu sein, wenn ich diese ein Milliarden Entscheidungen treffe. Jeden Tag.

Ich habe nur diese eine Entscheidung nach der anderen, um zu leben. Die in der Vergangenheit wirken ohne mich weiter und die in der Zukunft kenne ich nicht. Darum bedeutet Karma für mich, dass ich Zeuge meines Lebens sein will. Mit voller Anwesenheit und voller Aufmerksamkeit. Genau da zu sein, wo ich bin und genau das zu tun, was ich gerade tu‘.

Klingt einfach, aber es ist das Schwerste, was man üben kann. Und dafür auch das Tollste, was man erreichen kann. Auch wenn es gerade hier scheiße ist und das, was ich tu‘ nicht gerade interessant. Ist wirklich toll, wenn’s ab und zu klappt. Anwesend zu sein für diese ganzen kleinen und großen Entscheidungen. Egal wo und wie und wann und warum.

Die Momente jeden Tag, in denen mir das gelingt, würde ich niemals gegen irgendeine hypothetische Belohnung in einem wie immer gearteten Leben nach dem Tod tauschen.

Aber das ist natürlich alles auch nur Karma.