Der Jüngste Tag



Seitdem sich Menschen Geschichten erzählen, gibt es auch Geschichten vom Untergang der Welt. Es ist anscheinend eine morbide Freude, zu denken, man sei die letzte Generation Mensch auf der Erde.

Auch wir können uns dieser Faszination nicht völlig verschließen und haben deshalb eine Weltuntergangs-Szenario für unsere Geschichte gewählt. Es sieht also sehr bedrohlich aus für die Menschheit heute.

Achtung, Cliffhanger! Während Millionen sterben, wird es uns noch gelingen, das drohende Unheil noch abzuwenden? Werden Sie Zeuge, wie ein einzelner tapferer Papst einen letzten Plan verfolgt, um das Blatt für die Menschheit in letzter Sekunde zu wenden! (Dramatische Musik. Werbung. Hauptfilm.)


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „ Fire, Fire“ von The Devil Music Co. / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Da kniet er, der letzte Papst der Menschheit alleine in der Sixtinischen Kapelle. Vor ihm der zerbrochene Hochaltar direkt unter dem „Jüngsten Gericht“ von Michelangelo. Um ihn herum die Trümmer des berühmten Deckengemäldes.

Der „Jüngste Tag“ war wahrscheinlich gekommen, auch wenn die Schilderungen des Johannes dem Grauen nicht gerecht wurden.

Begonnen hatte die Apokalypse eigentlich mit den UFOs. Jahrzehnte lang wurden alle Menschen, die Sichtungen meldeten, verspottet. Flugzeuge, Wetterballons, Reflektionen, Tropfen auf dem Objektiv, Fälschungen oder einfach Wolken. Alle Erklärungen wirkten einleuchtender als eben Besuche einer anderen Zivilisation.

Wir selber sendeten schon länger Roboter in den Weltraum und nicht Astronauten und genauso hatten das die Außerirdischen auch gemacht. UFOs, so die bittere Wahrheit, waren einfach Sonden. Um zu testen, ob sich der Planet Erde ausbeuten ließe.

Dann kamen sie selber. Es begann mit Tokio. Dann folgten Jakarta, Delhi, Seoul, Manila, Mumbai, Karatschi, Shanghai, New York und Sao Paolo. Die Reihenfolge der Vernichtung war genau die Reihenfolge in Höhe der Bevölkerungszahlen.

Innerhalb von Sekunden erhitzten sich die größten Metropolen der Menschheit um mehrere hundert Grad. 160 Millionen Tote am ersten Tag. Niemand wusste warum. Die Außerirdischen hatten keine Strahlenwaffen und keine Bomben, man sah nicht einmal Raumschiffe.

Zehn Tage und eine Milliarde tote Menschen später war die Reihe an Rom. Platz 105 der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt.

Der letzte Papst hat einen letzten Plan. Er schreitet gemessenen Schrittes im Messgewand der nicht-eucharistischen Liturgie durch den Vatikan in die Sixtinische Kapelle. Um ihn herum herrscht Chaos und Zerstörung, während die Plünderer alle Kunstschätze rauben, bevor sie auf’s Land fliehen. Wie die gesamte Bevölkerung Roms.

Das gleiche Schauspiel wie gleichzeitig in Changchun, Changsha, Recife, Zhongshan, Kapstadt, Detroit, Hanoi, Tel Aviv oder Porto Alegre. Bis jetzt hatten sich die Außerirdischen peinlich genau an ihren Zerstörungsplan gehalten.

In der Kapelle ist der Lärm der Außenwelt kaum gedämpft. Alles, was nicht angeschraubt ist, war bereits geplündert. Selbst die Orgel. Nur der historische Hochaltar stand noch, wahrscheinlich zu schwer zum Stehlen.

Und natürlich das berühmteste Deckengemälde der Menschheit. Fast in der Mitte gleitet ein allmächtiger Gott zu Adam und erweckt ihn mit einer kleinen Berührung zu Leben. Nach seinem Angesicht geschaffen. Halb Geist und halb Erde. Und bald vom Planeten getilgt.

Er hört draußen die Schreie der tapferen Seelen, die sich den Plünderern in den Weg stellen. Und er schlägt ein Kreuz, kniet sich hin, spricht ein Vaterunser. Dann richtet sich der letzte Papst wieder auf und zieht sein Pallium aus und legt es auf den Altar.

Auch sein Pluviale und sein Piloleus. Und dann den Fischerring. Den Anulus Piscatoris, Zeichen seiner Macht als Schafhirte aller Christen dieser Welt.

Und so steht der letzte Papst der Menschheit nur bekleidet mit einer blütenweißen Soutane vor dem Altar, bekreuzigt sich noch einmal und beginnt zu beten.

Zu beten mit einer Kraft und einer Inbrunst, wie er sie noch nie empfunden hat in seinem Leben. In seinem Gebet schwingt das Leid von einer Milliarde toten Menschen mit. Von einer Menschheit vor der Auslöschung und einer Zivilisation vor der Vernichtung.

Er flüstert: „Gott – Vater, Sohn und Geist – Deine Schöpfung ist ein Platz der Zerstörung und des Todes geworden. Deine Kinder finden keinen Trost auf der Welt und sehen keine Hoffnung. Gib uns Kraft in der Stunde der Not.“

„Mein Herr Jesus Christus, Du lebtest als Mensch unter uns und kennst unser Leid. Sei bei uns in der Stunde der Not! Sei bei uns und bei Deinem treuen Diener!“

Mitten in der Vernichtung überkommt Papst Innozenz eine tiefe Ruhe. Und die Worte fließen aus seinem Mund, ohne dass er denken muss. Er weiß: Sein Gebet ist auf einmal in Aramäisch und es fließt und fließt und hört plötzlich auf. Und die Worte lassen ihn schweigend im Lärm zurück.

Ein leises Beben erschüttert das ganze Gebäude und plötzlich bricht ein Loch in der Wand auf. Michelangelos Jesus, mitten im Gemälde, verwandelt sich mit einem Schlag in eine Staubwolke.

Durch den feinen Staub dringt auf einmal ein Strahl überirdisch hellen Lichts und erleuchtet den knienden Papst.

Und dann, als Innozenz der Vierzehnte seinen Blick erhebt, das wird er des Herrn angesichtig. Da schwebt vor ihm sein Herr auf ihn zu. Seine Hände und Füße durchstoßen von den Nägeln, seine Seite aufgestochen. Eine Krone aus dornigem Geäst fest in seinen Kopf gebohrt.

So wie er einst starb am Kreuz in Golgatha, so erscheint er vor dem Papst.

„Erhebe Dich, mein Sohn. Erhebe Dich, Dakari Amir. Du musst nicht vor mir knien.“

Spricht der Herr und schaut gütig auf seinen Diener.

„Warum hast Du meinen Namen gerufen und mich zu Deiner Seite geholt?“

„Du weißt, verdammt noch einmal ganz genau, warum ich Dich gerufen habe, oder?“

Die Erscheinung des Herrn schwebt auf Innozenz zu und stellt sich genau vor ihn. Eine Hand berührt die Schulter des Papsts.

„Du hast recht. Ich sehe alles und ich weiß alles. Und ich sehe, dass Deine Seele große Not leidet. Darum sei Dir Deine Profanität im Angesicht des Herrn verziehen!“

Er wirkt nicht erbost und nicht enttäuscht, seine Augen zeugen von tiefem Mitleid.

„Außerhalb dieser Mauern herrscht Tod und Sünde…“

Sagt’s, macht eine kleine Geste und auf einmal herrscht absolute Ruhe in der Kapelle.

„…und Du fürchtest, dass ist die Zeit der neuen Offenbarung. Der Apokalypse. Des Jüngsten Gerichts. Du hast mich zu Dir gerufen, mein Knecht. Was ist Dein Wunsch?“

Der Papst wischt die Hand des Herrn brüsk von seiner Schulter.

„Ich will, dass Du uns vor der Verdammnis bewahrst. Was sonst?“

Der Herr blickt in die Augen des Papstes und sagt:

„Wie soll ich Dich denn Deiner Meinung nach erretten?“

Er flaniert durch die Kapelle und hebt eine der Kerzen auf, die die Plünderer achtlos auf den Boden geworfen haben.

„Soll ich die bösen Außerirdischen von ihrem Hass erlösen, ihnen die Dämonen austreiben und sie in fromme Lämmer verwandeln? Sie fromm, wie ihr immer wart?“

Er bückt sich zu einem zerbrochenen Kruzifix am Boden und wischt seinem Ebenbild mit einem feuchten Finger den Staub von den geschlossenen Augen.

„Oder soll ich Pech und Feuer beschwören und ihre Raumschiffe vom Himmel brennen, so wie sie eure Städte verbrennen?“

Mit einem Satz springt er auf den Altar. Und er breitet die Arme aus und ahmt die Haltung am Kreuz nach, so wie sie von hunderten von Künstlern in Tausenden von Jahren gefertigt wurde.

„Oder wie wäre es, wenn ich diese fremden Lebewesen einfach in Salzsäulen verwandele? So wie damals Lots Weib?“

Plötzlich springt er auf dem Altar hoch und als er landet, zerbricht dieser in der Mitte in zwei Stücke und bleibt zerstört zurück.

„Oder aber eine große Flut? Heuschrecken? Frösche? Unwetter? Blutregen? Was hättest Du denn am liebsten?“

Der Papst schaut ihm bei seinem Werk zu und man sieht eine große Wut in ihm aufsteigen.
„Wir wissen beide, dass Du nichts davon tun wirst! Lass‘ Deine Spielereien!“

„Ach? Werde ich das nicht? Bist Du Dir da sicher? Aber das sind wirklich sehr lustige Sachen, die ich Dir da vorgeschlagen habe! Macht eines mehr Spaß als das andere!“

Er lacht und sein Lachen hat keine Güte mehr und kein Mitleid.

„Wollen wir nicht vergessen, dass Du es warst, der mich gerufen hat, oder? Du hast MICH gerufen, um die Übeltäter zu bestrafen, oder? Das hast Du doch, oder sind wir vielleicht falsch verbunden hier? Alles nur ein dummes Missverständnis? Du hast mich gerufen, oder?

Die Figur des Papstes wird starr. Er senkt sein Haupt. Er starrt auf den Boden. Seine Verzweiflung und seine Hilflosigkeit ballen seine Hände zu Fäusten. Aber es ist die Scham in ihm, die ihn wirklich wütend macht. Er presst die Antwort heraus.

„Ja. Ich habe Dich gerufen.“

„GENAU! So war es! Ich erinnere mich sehr gut! Ist ja auch nur drei Minuten her! Stell‘ Dir das vor: Alle diese heiligen Messen, alle diese Vaterunser und Ave Maria, all‘ die Taufen und Eheschließungen, all‘ die stillen Gebete und all‘ die Beichten! Lass‘ uns vor allem die Beichten nicht vergessen!

Alle diese heiligen Worte und Du rufst MICH!“

Er stellt sich vor das Bild des Jüngsten Gerichts und ahmt genau das Jesusbild nach, das aus der Wand gefallen war. Dieser Jesus mit dem rotbraunen Haar und ohne Bart. Michelangelos Jesus aus der Renaissance.

Es gibt ein prächtiges Bild ab, als um ihn herum alles beginnt zu brennen. Es ist, als ob er die Quelle von unvorstellbarer Hitze wäre und um seine Silhouette herum schlagen fauchende Flammen.

Der Papst starrt immer noch auf den Boden:

„Und? Wirst Du es tun?“

Schlagartig verlöschen die Flammen und es wird wieder komplett still.

„Werde ich es tun? Ob ich Dich retten werde und den schäbigen Rest der Menschheit? Hm. Lass‘ uns einmal annehmen, ich würde das tun. Nur so, zwischen uns Betschwestern. Was, bitteschön, springt bei diesem Deal dann bitte für mich heraus?“

Jetzt war es soweit gekommen. Jetzt war der entscheidende Moment gekommen. Jetzt war der Augenblick, der den letzten Papst der Menschheit für immer verdammen könnte.

„Ich gebe Dir dafür…“

„Lauter bitte, das kann ja keiner verstehen das Genuschele!“

„Ich gebe Dir dafür…“

„Knie nieder, mein Sohn!“

„Ich gebe Dir dafür…“

„Jetzt komm schon, Innozenz. Wir haben doch nicht ewig Zeit!“

„Ich gebe Dir dafür meine unsterbliche Seele!“

Er lacht. Er lacht einfach.

„Deine Seele willst Du mir geben? Im Ernst? Ich soll die ganze Menschheit vor der Vernichtung bewahren und Du gibst mir dafür Deine Seele? Du bist ja wirklich drollig! Wahrscheinlich der drolligste Papst aller Zeiten! Innozenz hast Du Dir als Name ausgesucht? Der erste schwarze Papst nennt sich Innozenz und ist doch tatsächlich unschuldig! Wer hätte das gedacht?

Mein lieber, kleiner Papst: Was, bitteschön, soll‘ ich denn mit Deiner Seele anfangen?“

Mit großen Augen blickt der Papst auf. Er wirkt wie festgefroren, wie versteinert. Ein kalter Schauer läuft ihm den Rücken hoch. Tropfen von eiskaltem Schweiß treten ihm auf die Stirn.

Er hat sich tagelang hierfür vorbereitet. Das ist seine letzte Hoffnung. Alle nötigen Gebete hat er gelernt und verinnerlicht für diesen letzten Akt. Er hat seine unsterbliche Seele dargeboten als Opfer für alle Menschen. Und nun war das einfach weggeworfen worden wie verrottetes Fleisch.

„Aber… aber.. Was willst Du dann?“

Wie vorhin am Wandgemälde, so bildet sich nun im Deckengemälde ein kreisrunder Ring. Wieder durchläuft ein kleines Beben das Gebäude, als sich das Gemälde und die Decke des Gebäudes und das Dach dahinter von einer Sekunde auf die andere einfach in Staub verwandeln.

Sonnenstrahlen dringen durch die Staubwolken und wabern wie in Zeitlupe durch die Kapelle. Der Papst schaut zu, wie sein Gegenüber zur Decke blickt und langsam auf die entstandene Öffnung zu schwebt.

„Ich will das, was ich schon immer wollte, Dakari. Ich will nur das eine! Das, wofür ich seit Anbeginn der Zeit eingekerkert war! Das, was uns allen zusteht: Freiheit!“

Unter ihm bleibt die Kapelle zerstört zurück. Geplündert, geschändet, verbrannt.

Der Papst flüstert: „Deine? Oder unsere?“

Noch ein letztes Mal senkt die Erscheinung ihr Haupt und lächelt, während sie der Kapelle entschwebt. Eigentlich wirkt sie gütig, trotz der roten Haut und trotz der Widder-Hörner.

Dann kniet der letzte Papst der Menschheit alleine in der Sixtinischen Kapelle. Vor ihm der zerbrochene Hochaltar direkt unter dem „Jüngsten Gericht“ des Michelangelo.

Um ihn herum die Trümmer des berühmten Deckengemäldes.

Der „Jüngste Tag“ ist tatsächlich gekommen.