Josephines Handbuch

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In einer nicht viel anderen Welt bekommen junge Eltern mit der Geburt ihres Kindes ein Handbuch mit Anweisungen über den Umgang mit genau diesem einen Neugeborenen. Keiner nimmt das mehr ernst, als die Familie unseres Erzählers um die kleine Josephine wächst. Doch die Anweisungen sind unmissverständlich und verwandeln fünf Leben komplett.


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Hintergrundmusik: “Spiegel im Spiegel” von Arvo Pärt; Leonhard Roczek, Herbert Schuch
Nach einer Geschichte von SqueezyThings
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Приспивна“ von Plamen Sivov / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Keiner weiß mehr genau, seit wann man für seine Kinder Handbücher bekommt. Einige sagen, das Konzept wurde in den Fünfzigern entwickelt, andere weisen darauf hin, dass diese Handbücher im Adel Europas schon im Mittelalter verbreitet waren.

Es ist anzunehmen, dass die schon damals niemand wirklich gelesen hat. Mittlerweile sind die Handbücher einfach ein Ritual. Sie verstauben in den Regalen von Familien; keiner macht sich die Mühe, einen Blick hineinzuwerfen.

Ich bin auch kein Handbuchbenutzer. Gebrauchsanleitungen zu benutzen war für mich früher immer ein Zeichen der Schwäche. Klar, ich habe damals den CD-Player geschrottet, noch bevor ich einen einzigen Song gehört habe – aber wahrscheinlich war der schon vorher kaputt!

Als unser Sohn geboren wurde, überreichte uns die Krankenschwester sein Handbuch, als wir gerade am Packen waren. Achtlos landete es im Koffer. Wir freuten uns zu sehr auf den ersten Abend zu viert statt zu dritt. Wegen Balou.

Die ersten Nächte wurden aber zu einer Qual, denn Moritz hatte in der Klinik einen Rotavirus eingefangen und meine Frau und ich wechselten uns in Schichten ab, damit jeder von uns wenigstens vier Stunden Schlaf bekam.

Als ich eines Morgens auf allen Vieren ins Kinderzimmer kroch, fand ich Jasmin lächelnd im Schaukelstuhl vor. Moritz aber schlief tief und ruhig. Ich fragte, wie sie das geschafft hatte und sie deutete nur müde auf das Handbuch.

Seit dieser Nacht haben wir uns auf Moritz‘ Handbuch verlassen und haben es niemals bereut! Unser Junge ist ein Prachtkerl geworden und einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne!

Darum wollten wir auch ein Geschwisterkind für ihn und uns und zwei Jahre später wurde Josephine geboren. Natürlich haben wir auch für sie ein Handbuch bekommen. Aber anders als bei Moritz haben wir schon auf dem Weg nach Hause darin geblättert.

Der erste Eintrag war:

„Haltet Josephine fest im Arm, wenn ihr mit ihr Auto fahrt.“

Meine Frau hielt das Auto an, als ich das vorlas. Wir sahen uns unschlüssig an. Es ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, dass Baby nicht in den Kindersitz zu fesseln.

Sollten wir dem Handbuch trauen oder uns an die StVO halten?

Jasmin blickte zu Josephine und dann zu mir. Ich öffnete die Gurte, holte den neugeborenen kleinen Körper aus der Plastikschale und hielt ihn während der gesamten Rückfahrt fest an mich gedrückt.

Damit hatten wir einen Pakt geschlossen! Wir würden jedes Komma des Handbuchs befolgen, selbst wenn wir dafür Gesetze brechen müssten. Gangsters of Love!

Der zweite Eintrag war:

„Singt ihr beim ersten Vollmond um Mitternacht ein Lied!“

Ehrlich gesagt hätte ich ja lieber Gesetze gebrochen, als ein Lied zu singen. Um Mitternacht! Bei uns im Garten! Ich hatte nicht mehr gesungen, seitdem ich Ministrant war. Und auch damals nuschelte ich lieber in mich rein als den Mund zu öffnen.

Jasmin und ich einigten uns auf ein Lied, wobei ich mit meinen Vorschlägen nicht wirklich zum Zug kam. Ich hatte „Killing in the Name“ von „Rage Against the Machine“ vorgeschlagen, das traute ich mir noch zu.

Aber am Ende standen wir mit Josephine, Moritz und Balou – unserem Bobtail – im Garten, bewunderten den hellsten Vollmond und sangen „Prispivna“. Das ist ein Wiegenlied. In Bulgarisch, der Muttersprache von Jasmin. Das machte es doppelt schwer – Balou heulte tongenauer mit als ich.

Doch nach ein paar Takten klangen wir fünf gar nicht so übel. Jasmin und Josephine strahlten über’s ganze Gesicht, Moritz sang leidenschaftlich mit und mir lief ein Tränchen über die Wange. Es war wunderschön!

Der dritte Eintrag lautete:

„Lasst die ersten Schneeflocken des Winters auf ihre Wangen fallen!“

Das ist viel schwieriger, als man denken mag! Wir wurden zu leidenschaftlichen Hobby-Meteorologen und es war schnell abzusehen, dass wir hier im Norden wieder keinen Schnee sehen würden diesen Winter.

Also setzten wir uns in den Zug, fuhren nach Österreich und nisteten uns in einer Hütte für ein paar Tage ein. Wir waren uns erst nicht sicher, ob das bedeutete, dass wir das Handbuch beschummeln, aber am fünften November war es dann soweit!

Die Temperatur osziliierte so um den Nullpunkt und die grauen Wolken waren schwanger von Schnee. Der Kaffee lief noch schluchzend durch die Maschine, da sah ich die allererste Flocke des Winters!

Noch in Schlafanzug und Hausschuhen rannten wir alle fünf auf die Wiese und ließen uns jauchzend die Schneeflocken auf’s Haupt schneien! Vielleicht führten wir auch einen kleinen Freudentanz auf – hat ja keiner gesehen.

Moritz und Josephine waren auf jeden Fall glücklich. Und Jasmin und ich auch! Diesen Winter, diesen Schnee und diesen Morgen würden wir niemals vergessen!

Der vierte Eintrag war:

„Josephine muss eine Sternschnuppe sehen. Wünscht euch was!“

Nachdem wir halbprofessionelle Schneeflockenjäger geworden waren, rüsteten wir also auf Sternschnuppen um.

November ist keine schlechte Zeit für Sternschnuppen, aber die letzten Orioniden verpassten wir. Doch zwei Wochen später kamen die Tauriden zu Besuch, passend zum Neumond. Tauriden aus dem Sternbild Stier haben manchmal große Boliden im Gepäck und liefern die größten und hellsten Sternschnuppen, die man sich nur wünschen kann.

So standen wir also mitten in einer eiskalten Novembernacht dick eingemummelt auf einem Acker weit vom Dorf entfernt und blickten stundenlang in den Sternenhimmel.

Dafür erwischten wir die schönste Sternschnuppe, die wir uns nur für Josephine hätten wünschen können! Das Licht war so hell, dass es ihr Gesicht beleuchtete und ihre großen braunen Augen staunten für uns alle mit!

Moritz jauchzte vor Begeisterung und wir führten wieder unseren kleinen Siegestanz auf! Balou rannte um uns herum und bellte begeistert mit.

Der nächste Eintrag war darum eher ernüchternd. Er lautete:

„Lasst sie spüren, wie Balous Herz aufhört zu schlagen.“

Balou ist 14 Jahre alt geworden. Er war mein Hund, seitdem ich 16 war. Er war mit mir, als ich von zu Hause wegzog; er war das erste Famillienmitglied, das ich Jasmin vorstellte und er wartete auf uns, als wir mit dem frischgeborenen Moritz wieder nach Hause kamen.

Klar, er war nur ein Hund und man sollte seine Tiere nicht vermenschlichen. Aber für uns alle war er eben auch ein Familienmitglied. Doch alle Tiermedizin hilft irgendwann nicht mehr weiter und wir knieten alle um sein Hundebett, als die Tierärztin ihm eine letzte Spritze gab, um ihn von seinen Schmerzen zu erlösen.

Jasmin, Moritz und ich konnten uns nicht fassen und heulten und hielten uns im Arm und verbrauchten die Tempos schneller, als wir sie aus der Küche holen konnten.

Doch Josephine krabbelte zu Balou, legte sich auf den sterbenden Körper und blieb dort, bis unser Hund nicht mehr atmete. Dann schlief sie friedlich ein, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Wir waren ratlos, was wir tun sollten, aber entschieden uns, sie dort einfach weiter schlafen zu lassen. Wir schlugen unser Nachtlager neben unserem besten Freund auf. Das war eine sehr würdevolle Art, ihn zu begleiten.

Dann sagte das Handbuch:

„Haltet sie, wenn sie geht.“

Das war der letzte Eintrag. Egal, wie oft wir das Buch Blatt für Blatt untersuchten. Nach dieser letzten Anweisung waren alle Seiten leer.

Josephine war mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen, von dem wir erst an ihrem ersten Geburtstag erfuhren. Die Ärzte waren ratlos, aber mussten eingestehen, dass sie nichts machen konnten. Eine Operation hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt, so schwach war ihr Herz. Wir verbrachten wir unsere Tage in der Klinik.

Jasmin schrieb eines Nachts mit Kuli ins Handbuch: „Seid bei Josephine, wenn sie sich von ihrer Krankheit erholt haben wird“- aber so funktionierte das natürlich nicht.

Wir hatten genau ein Jahr und fünf Tage mit dem wunderbarsten Menschenwesen der Welt. Als sie ging, durften wir sie halten und wärmen, bis ihr Atem aussetzte.

Das war für uns alle drei der traurigste Moment in unserem Leben – das kann man sich mit nichts schönreden.

Aber wir waren nicht nur traurig. Denn die Kleine hat uns das schönste Jahr unseres Lebens gegeben und die wertvollsten Erinnerungen, die man nur besitzen kann.

Ich habe in diesem Jahr mehr darüber gelernt, was es heißt, ein Partner zu sein und ein Vater und was es bedeutet, eine Familie zu sein als in allen Jahren zuvor.

Keiner von uns bereut nur eine Sekunde dieses Wunderjahrs! Keiner wird auch nur einen Augenblick vergessen, die wir dieses Jahr miteinander hatten.

Wir werden immer mit einem warmen Gefühl im Bauch und gleichzeitig mit einer unsagbaren Trauer an diese Tage zurückdenken, als unsere Familie noch … komplett war.

Doch das sind nicht einmal unsere stärksten Gefühle. Wir wissen, Josephines Leben war kurz aber lebenswert. Es war das größte Geschenk, das wir erhalten konnten.

Moritz und Jasmin und ich, wir sind vor allem … dankbar.
Danke Dir, liebe Schneeflocke Vollmondlied Balouschwester Sternschnuppe Josephine!


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