Jeder mag mich!


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Ob es wohl daran liegt, dass er als kleines Kind so einen schlimmen Autounfall hatte? Oder hat es andere Gründe?
Eigentlich mag jeder unseren Erzähler – es gibt solche Menschen, oder? Ob das wohl eine gute Sache ist?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „ „Jones Iver“ by Nick Lutsko


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Es hat auch Vorteile, stumm zu sein. Nachteile auch, aber eben auch Vorteile. Es ist in Ordnung, stumm zu sein. Normal menschlich. Gibt es halt. Besser, als ein Monster zu sein, oder?

Ein Nachteil ist, dass die meisten Menschen seltsam reagieren, wenn sie davon erfahren. Viele entschuldigen sich, andere wissen überhaupt nicht, was sie sagen sollen und manche reden dann einfach sehr langsam und sehr laut mit mir – als ob ich taub wäre.

Ein Vorteil ist, dass es, genau genommen, einfach ist, stumm zu sein. Ich meine nicht, dass es als Schicksal zu bevorzugen wäre – ich meine, es erfordert keine Anstrengung! Man kann einfach auf der Couch liegen und stumm sein, das kostet keine Kalorie extra.

Wenn man normalen Menschen beim Kommunizieren zukuckt, dann sieht man, dass das keine Kleinigkeit ist. Das kostet viele Kalorien.

Wenn zwei Sprechende sich zum ersten Mal ansprechen – das ist faszinierend! Am liebsten würde ich Popcorn rausholen und es genießen!

Zuerst einigen sie sich auf den Tonfall der Kommunikation: irgendetwas zwischen witzig und ernst; dann auf die Menge an Mimik und Gestik; auf das Thema; auf den Stil der Sprache; den Duktus; den Wortschatz und – am allerwichtigsten: auf den Grad der Verbindlichkeit. Das alles müssen die Sprechenden ausmachen, noch bevor die Kommunikation beginnt!

Bei mir ist das einfacher: Wenn ich jemanden anspreche, dann signalisiere ich, dass ich stumm bin. Meistens halte ich mir eine Hand vor den Mund und zucke mit den Schultern, das reicht. Für die Dümmeren habe ich eine Visitenkarte, auf die habe ich drucken lassen: „Ich bin Tristan. Ich bin stumm.“

Und dann unterhalte ich mich meistens per Block. Mein Sprachstil ist das verwendete Papier, irgendwas zwischen Serviette und Bütte und mein Tonfall ist der verwendete Stift, irgendwas zwischen Montblanc-Füller und Kerzenstummel. Doch, geht im Notfall durchaus.

Damit, dass ich stumm bin, habe ich mehr oder weniger meinen Frieden gemacht. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie das war, das Reden. Ich war vier Jahre alt bei dem Autounfall, bei dem mir der Unterkiefer abgerissen wurde.

Nein, keine Angst, kann man heute nicht einmal mehr sehen! Ist vom Aussehen her alles repariert, nur Stimmbänder kann man halt nicht reparieren.

Vielleicht wäre ich auch betroffener von meinem Schicksal, wenn ich nur stumm wäre und der Unfall sonst keine Spuren hinterlassen hätte. Aber das ist nicht so. Ich habe noch eine andere Fähigkeit bekommen.

Am Anfang habe ich das nicht bemerkt. Vielleicht waren die Menschen zu mir so lieb, weil ich so ein armer kleiner Wurm war? Unschuldig in einen Unfall verwickelt und auf einmal für immer verstummt. Und so große blaue Augen! Willst Du ein Eis, Du Süßer?

Ganz sicher von meiner Fähigkeit weiß ich erst seit dem Supermarkt-Vorfall, das ist keine vier Jahre her, der war sehr augenöffnend:

Ich stand ganz normal an der Kasse, vor mir war eine gestresste Mutter mit ihrem Gör im Sitz vom Einkaufswagen. Ich beobachte sie, wie sie ihre Einkäufe so auf’s Band stapelt, bis sie zu den Barbecue-Chips kommt. Ich meine, die war sowieso nicht die Schlankste und dann auch noch Barbecue-Chips? Was ist denn bitte Barbecue-Geschmack? Grill-Geschmack? Gewinnt man den aus verbrannten Würstchen oder warmen Bier oder aus Kohle und Grillanzündern? Wie schmeckt denn bitte „Barbecue“? Das ist doch die pure Chemie! Pfui Geier!

Genau das denke ich mir und glotze die Frau an, die auf einmal ihre Chipstüten ankuckt und völlig angeekelt ist. Als ob nicht sie, sondern eine völlig andere Person die in ihren Einkaufswagen geschmuggelt hätte. Sie lächelt mich verlegen an, schert aus der Schlange aus, wahrscheinlich, um die Chips zurückzugeben.

Das war das erste Mal, das ich Verdacht schöpfte.

Diese Erfahrung ließ mir keine Ruhe, ich versuchte, sie zu vergessen, konnte aber nicht. Ich wollte mir einreden, dass das nur ein dummer Zufall gewesen war, aber ich glaubte mir selber nicht.

Schon am nächsten Tag war ich wieder im Supermarkt und probierte es noch einmal aus. Ich stand in der Obstabteilung und suchte mir ganz zufällig ein Opfer aus. Eine kleine Hutzeloma.

Als die sich den Äpfeln nähert und den ersten in die Hand nimmt, dann denke ich: „Mein Gott, wie ich mein Leben lang Äpfel gehasst habe. Immer musste ich Äpfel essen, aber heute höre ich damit auf! Ich kaufe stattdessen nur noch Birnen! Ich liebe Birnen!“

Ich beobachtete die Oma genau, ich will jedes Gefühl auf ihrem Gesicht geschrieben sehen: ihren plötzlichen Hass auf alle Äpfel dieser Welt, ihren Widerwillen und ihre Abscheu. Und, im Tausch für dieses Gefühl, die neu gefundene Leidenschaft für Birnen. Wie sich ihr Gesicht erhellt, als sie die Birnen da liegen sieht! Wie sie auf einmal Birnen liebt!

Und genau so war es. Ich stand im Supermarkt und mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass ich die Kräfte einer griechischen Gottheit hatte. Ich fühlte mich erhoben, auserwählt, überlegen – alles gleichzeitig – aber vor allem fühlte ich mich mächtig!

Da stand ich, war dreißig Jahre alt und gerade war mir bewusst geworden, dass ich ein Gott bin. Das ich andere Menschen Dinge denken und fühlen lassen konnte, die ich ihnen diktierte, ohne dass die das merkten.

Tut mir leid, aber Du kannst vielleicht verstehen, dass das ein bisschen viel für einen jungen Mann ist, oder? Da kann man nicht wirklich erwarten, dass ich damit völlig erwachsen umgehe, oder? Da darf man schon ein bisschen damit spielen? Rausbekommen, wo die Grenzen sind?

Das ist auf jeden Fall, das, was ich in den nächsten Tagen so gemacht habe. Tut mir leid. Es dauerte leider ein bisschen, bis ich ein gnädiger Gott wurde, ich gestehe das ganz offen.

Der Kioskbesitzer hat auf einmal den dringenden Wunsch, mir die Zigaretten zu schenken. Die Fahrkartenkontrolleurin findet mich so sexy, dass sie nicht nur vergisst, nach meinem Ausweis zu fragen, sondern gleich beginnt, vor dem ganzen Waggon zu strippen.

Im Kino denken die Jungs auf den besten Plätzen, dass es doch besser wäre, baden zu gehen, statt die Premiere des neuen Star-Wars-Streifen zu sehen, auf die sie sich so gefreut hatten. Die Eisverkäuferin will unbedingt wissen, wie ich das neue Magnum so finde und schenkt es mir und das Mädchen vor mir will auf einmal neben mir sitzen und nicht mehr neben ihrem Freund, der eigentlich wirklich eklig riecht, wie sie ihm erklärt.

Na ja, das war dieser eine Nachmittag, wo ich einfach alles ausprobiert habe. Ich erzähle auch nicht, wie es weiter ging, denn es wird noch sehr peinlich.

Am nächsten Morgen, in einem fremden Bett, in einer fremden Wohnung, umgeben von fremden Menschen, die mich für den Messias hielten, kam ich mir gleichzeitig vor wie der größte Fälscher und die größte Fälschung der Geschichte.

Ich fühlte mich nicht wie Gott in Frankreich, sondern ich fühlte mich komplett abgetrennt vom Leben, von der Realität. Es war, als wäre ich außerhalb des Menschseins und müsste es für immer von außen betrachten – als wäre das Leben als Mensch für mich für immer vorbei.

So lag ich in diesem fremden Bett, neben einer Frau, die mich anhimmelte und war einsamer, als ein Mensch es jemals auf diesem Planeten war. Mit großen Augen starrte ich sie an, als wäre sie ein Ausstellungsstück in einem Kuriositätenkabinett.

Ich war so anders wie sie und so viel mehr wie sie. Sie ein Insekt, ich ein Gott. Und ich fand mich so ekelhaft und widerwärtig, ich erbrach mich vor ihren Augen in ihr Bett. Ich konnte so nicht weiterleben.

Mir war schon nach diesem einem Nachmittag als Gott klar, dass ich völlig abheben würde, wenn ich meine Kraft zu meinem Vorteil verwenden würde. Ich schwor mir, nie wieder jemanden zu meinem Vorteil zu beeinflussen! Um immer zu wissen, was echt ist und was falsch – um ein echtes Leben zu führen als normaler Mensch.

Das klappte ganz gut, auch wenn es manchmal ziemlich schwierig war, besonders in brenzligen Situationen, wie zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen. Trotzdem schlug ich nicht über die Stränge! Nicht weil ich der Typ wäre für Selbstdisziplin und Härte, sondern weil ich panische Angst hatte vor diesem Gefühl der kompletten Entfremdung von allem Lebendigen.

Eigentlich lief alles prima. Bis auf Sebastian. Und dann – Tanja.

Sebastian hieß der blöde, blonde Witzbold auf Arbeit. Heute nennt man solche Menschen „Bullies“, ein Lehnwort aus dem Englischen. Damals nannte man die noch schlicht: „Arschloch“. Oder wie nennt man einen erwachsenen Mann, der es für witzig hält, einem – wenn man gerade drei Kaffee durchs Büro balanciert – ein Bein zu stellen? Ich meine, wir sind doch nicht in der Grundschule, oder? Das ist doch kein Humor!

Wie kann man nur so minderbemittelt sein und darüber lachen? Wo ist dieser Typ eigentlich groß geworden? Im Schweinestall? Erzogen von Schweinen?

Das würde es erklären! Wahrscheinlich waren seine Eltern einfach gefühllose Fleischklopse, die sich einen Dreck für Sebastian interessierten. Die haben ihn schlicht und einfach gehasst. Genau wie seine Klassenkameraden und seine Kollegen – genau wie alle hier im Büro! Wenn Sebastian ehrlich zu sich wäre, dann würde er sich eingestehen müssen, dass er sich selber nicht leiden kann. Dass er einfach ein Programmierfehler der Schöpfung ist, ohne den alles besser laufen würde!

Sebastian kam am nächsten Tag nicht mehr in die Arbeit. Als er nach Hause gefahren ist, da hat ihn etwas überkommen und er ist spontan aufs Gleis gefahren mit seinem Fahrrad. Just in dem Moment, als ein ICE herangerast kam. Tot. Sofort tot.

Und dann war da noch Tanja. Auch aus der Arbeit. Mit Sicherheit die hübscheste Frau in der Firma, da gibt es keinen Zweifel – auch die netteste und sympathischste. Alles Eigenschaften, die dafür sorgen, dass sie eigentlich ein paar Klassen über mir schwebt im Dating-Spiel.

Doch aus irgendeinem Grund hatte diese Klassefrau einen Narren an dem Stummen gefressen. Wenn sie mich anblickte, dann gefiel ihr das, was sie da sehen konnte.

Wenn ich eine witzige Bemerkung schrieb, dann fand Tanja die immer besonders witzig und sie bestand darauf, alle meine Notizzettel zu behalten.

Am gleichen Tag, als ihr ein Verehrer ein wertvolles Armband geschenkt hatte, fand sie aber die Tafel Ritter Sport, die ich ihr mitgebracht hatte, irgendwie viel persönlicher und intimer.

Tanja hatte sich in mich verkuckt. Wenn sie mit mir zusammen war, dann war ihr Leben voller Energie und Wärme und Freude. Sie fühlte sich wohl mit mir und sicher und geborgen.

Aber da war noch eine andere Energie in ihr. Eine Kraft, die sie von mir wegzog und die genauso stark an ihrer Seele riss, wie die Gefühle für den stummen Kerl aus der Arbeit. Sie wurde innerlich zermahlen zwischen diesen Gewalten und benötigte professionelle Hilfe. Die Diagnose war nicht günstig.

Keiner hätte geahnt, dass so ein perfekter Mensch wie Tanja eine bipolare Störung entwickeln könnte, mit schweren depressiven Episoden und psychotischen Schüben. So unerträglich wurde ihr das Leben mit den Stimmen, die auf sie einredeten, dass sie einen Suizidversuch unternahm. Nur durch ein Wunder entdeckte sie ihre Mutter rechtzeitig und konnte noch den Notarzt rufen.

Ich habe es ja schon gesagt: Damit, dass ich stumm bin, habe ich eigentlich meinen Frieden gemacht. Aber die Tatsache, dass ich andere Menschen manipuliere, auch wenn ich das nicht einmal will oder dass überhaupt nicht bemerke – das ist es, was mir das Leben unerträglich macht.

Ich meine: Dir bin ich jetzt doch auch sympathisch, oder?

Das sollte Dir zu denken geben. Denn faktisch bin ich ein Monster.

Und ich laufe frei herum, solange ich das will. Wer sollte mich verurteilen?

Jeder mag mich!