Internet kaputt?

play_circle_filled
pause_circle_filled
internet kaputt?
volume_down
volume_up
volume_off

Noch 2010 – während des arabischen Frühlings – hoffte man, das Internet würde Diktaturen unmöglich machen. So wie wir schon gehofft hatten, dass der Zugang zum menschlichen Wissen das Ende von Vorurteilen und Ressentiments bedeutete.

Aber diese Versprechungen sind sichtlich nicht wahr geworden und wir kucken heute voller Unverständnis darauf, was aus diesen optimistischen Wünschen geworden ist.

Am Beispiel von Twitter, Facebook und Google lassen sich da drei Grundprobleme plastisch darstellen. Und das machen wir dann auch!


Download der Episode hier.
Musik: „Internet Love“ von MICHIGAN LYRICIST / CC BY-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Die Geschichte zum Lesen


Wir sind ja ein Radio-Podcast. Ein Angebot, das es nur im Internet gibt. Ein Angebot ohne Werbung, weder auf der Website, noch in der Sendung. Und wir tun uns wirklich ziemlich schwer Sichtbarkeit zu erlangen. Obwohl wir Werbung ablehnen und keine Werbung machen wollten, müssen wir das jetzt tun, bevor unserem Experiment völlig das Geld ausgeht. Es ist ärgerlich und schade. Das alleine vergällt mir schon den Spaß am Internet etwas. Weil es ein Gewissenskonflikt ist. Das nur vorab, damit ihr nicht denkt, ich male gleich Schwarz-Weiss.

Denn natürlich gibt es ganz andere Probleme, die wichtiger sind. Twitter, Facebook, Google zum Beispiel. Aber eines nach dem anderen. Erläutern wir drei Grundproblem exemplarisch an diesen drei großen Firmen. Fangen wir mit Twitter an.

Clip /swoosh

Das habe ich ja erst durch das Morgenradio kennengelernt. Und es hat lange gedauert, bis ich nur ansatzweise begriffen habe, was das eigentlich ist, dieses Twitter. Ich bin sehr froh über die Menschen, die dem Morgenradio-Account folgen und könnte nicht einen nennen, der mich irgendwie stört.

Trotzdem spülen mir einige der Menschen, denen ich folge, in Retweets regelmäßig Müll in meine Timeline, über den ich mich dann doch aufregen muss. Ich habe manchmal den Eindruck, die Nachdenkphase ist bei einigen zu kurz, wenn sie dann Artikel teilen, die sich als ziemlich rechter Scheiß entpuppen. Wahrscheinlich nur, weil die Überschrift provokant war. Vielleicht ist das so.

Doch das ist nur mein persönliches Problem. Und es ist ein kleines. Für mich persönlich finde ich Twitter cool.

Klar reizt auch Twitter dazu, eigene Thesen und Behauptungen steiler zu formulieren, als man sie eigentlich meint. Denn das Dopamin-Geschenk gibt es für Herzchen und für Retweets. Aber auch das ist ein kleineres Problem.

Das große Problem aber sind die Hater. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das 2014. Zum Tod von Robin Williams. Klar war Twitter überflutet mit Bildern von Mrs. Doubtfire oder dem Dschinni aus Alladin oder dem Lehrer aus dem Club der toten Dichter.

Aber ein paar Hater machten sich ein Sport daraus, der Tochter von Williams Bilder mit grotesk entstellten toten Selbstmördern zu schicken. Die Arme hat Twitter informiert, aber nichts wurde unternommen. Keiner wurde gesperrt.

2016 war dann Leslie Jones dran, eine der Darstellerinnen aus der neuen Ghostbusters-Verfilmung. Die hat zwei Problem: Erstens ist sie Afro-Amerikanerin und zweitens eine Frau. Wieder keinerlei Reaktion von Twitter, als sie meldete, wie sie von Trollen mit ekligem Hass überschüttet wurde. Sie verließ Twitter dann. Verjagt.

Und auch heute läßt sich ziemlich leicht nachweisen, wie die Rechte in Amerika sich gezielt jüdische Menschen aussucht, um sie kollektiv von Twitter zu vertreiben. Warum auch nicht, wenn selbst der Präsident antisemitische Inhalte postet? Wie zum Beispiel Hillary auf einem Haufen Geld mit einem Davidstern und dem Text: Bestechlichste Kandidatin aller Zeiten!

Twitter zeigt keinerlei Anzeichen einer Änderung ihrer Politik und entschuldigt alles mit der Meinungsfreiheit. Als Frau ist Twitter schon ein bisschen gefährlich. Als Schwarze gefährlicher, als amerikanische Jüdin mittlerweile nur mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen.

Das ist keine Übertreibung. Es gibt ein Browser-PlugIn für Nazis, den „Coincidence Detector“. Das macht jüdische Mitmenschen mit dreifachen Klammern um den Namen auf jeeeeder Website kenntlich. Auch auf Twitter.

Twitter’s Problem ist also der Hass, kommen wir zu Facebook. Dessen Problem ist auch der Hass, aber auch noch, dass es unsere Daten mißbraucht, um Geld zu verdienen.

Clip /swoosh

Das morgenradio als Werbetreibender kann auf Facebook eine Zielgruppe basteln für morgenradio-Anzeigen. Nur mit den Daten, die User freiwillig von sich hergeben. Wir können gezielt Freunde unserer Follower ansprechen, die einen Hochschulabschluss haben, zwei Kinder, ein gutes Einkommen und die SPD mögen.

Bis September 2017 hätten wir aber auch noch so Interessen wie „Judenhasser“ mit einschalten können. Seit September geht das nicht mehr.

Aber nehmen wir lieber den amerikanische Wahlkampf als Beispiel. Den gewann entgegen aller Erwartungen Donald Trump.

Und viele Journalisten wurden darauf aufmerksam, wie er dieses Rennen anscheinend in Facebook gewonnen hatte. Zum Beispiel zahlte Trumps Team für ihre Posts deutlich weniger, als Hillary zahlen musste.

Das ist die Folge eines Algorithmus, der Posts belohnt, die schnell viel Aufmerksamkeit erzeugen. Da geht der Preis dann runter, ganz automatisch. Hoppala, meinte Facebook, das ist schade, aber wir können ja auch nichts dafür, dass Hillarys Posts nicht so interessant waren.

Weil sie halt nicht a) dümmlich populistisch, b) rassistisch und fremdenfeindlich und c) komplett frei erfunden waren. Ist halt der Algorithmus. Sorry, tut mer jetzt echt leid!

Doch der Wahlkampf wurde anders gewonnen, wie wir seit gestern wissen. Von Christopher Wylie wissen das. Der der Architekt dieses Coups war. Kurz gesagt war hinter dem Verfahren eine Firma namens Campbrigde Analytics.

Die haben siche eine Facebook-App gekauft, in der User kostenlos ein Psychogramm von sich erstellen konnten. Ein Art Quiz mit dem Namen „myPersonality“. Die User haben der App dafür Zugang zu ihrem Facebook-Profil gegeben. Und damit auch zu den Facebook-Profilen ihrer Freunde.

2016 waren detaillierte Psychogramme von 50 Millionen Amerikanern gespeichert. Und die waren mit den Facebook-Profilen verknüpft. Da waren z.B. vermeintliche Psycho-Fragen dabei wie: „Wen haben Sie gewählt? Wen werden Sie wählen?“

Wylie hatte also Big Data zur Verfügung, um gezielt Personen mit Posts anzusprechen, die Wechselwähler waren. Und dank Facebook-Profil und Psychogramm wußten die Leute von Cambridge Analytics haargenau, welche Botschaften funktionieren würden und welche nicht.

Facebook stritt alle Vorwürfe bisher ab. Nur unter Zögern gestand man eine gewisse Mitverantwortung am Wahlergebnis, aber eben keine entscheidenden. Höchstens ein bis zwei Prozent, so die Schätzung. Tja, ein halbes Prozent hat aber in Wirklichkeit die Wahl entschieden.

In Sachen Cambridge Analytics ist der Standpunkt von Facebook, man hätte die Firma schon 2016 schriftlich aufgefordert, die Userdaten, die man ihnen hat zukommen lassen, doch bitte zu löschen.
Wer hätte jeee gedacht, dass die das nicht tun?

Es ist ziemlich klar erkennbar, dass die Ware von Facebook die User sind. Also unsere Daten. Dieses Grundproblem hat Mr. Zuckerberg auch erkannt und uns Anfang des Jahres versprochen, Facebook wieder zu reparieren. Das heißt, neue Algorithmen zu finden.

Da ist es, das Modewort des 21sten Jahrhunderts. Der „Algorithmus“. Und damit kommen wir zu Google.

Clip /swoosh

Google ist auch ein Unternehmen, das sich durch Werbung finanziert. Was natürlich ähnliche Probleme mit sich bringt wie bei Facebook. Die Kunden von Google sind die Werbetreibenden. Wir sind die Ware, die verkauft wird.

GoogleAds haben wir auch geschaltet, es ist eeeein Alptraum, so komplex ist das.

Doch das eigentliche Problem von Google ist für mich die Filterbubble. Google erzeugt die größte Filterbubble von allen. Und meint das nicht einmal böse, schafft aber doch ein Problem.

Eine Filterbubble bezeichnet das Problem, das wir im Internet nur noch auf Dinge stoßen, die uns gefallen. Wir finden lauter Gleichgesinnte. Lauter Inhalte, die zu den Inhalten passen, die wir schon einmal gemocht haben. Und lauter Suchergebnisse, die zu uns passen auch noch.

Die meisten Menschen wissen nicht einmal, wie sehr die Suchergebnisse, die sie bekommen, ganz individuell auf sie zugeschnitten sind. Wie oft haben wir Kunden erklärt, dass es nur in ihrem persönlichen Browser der Fall ist, dass der Name ihrer Firma bereits auf Platz eins der Suchergebnisse ist. Unzählige Male.

Nehmen wir den Herrn Wunderlich als Beispiel, denn Oliver Wunderlichs gibt’s ein Dutzend, Ellen Anders nur zwei. Und nehmen wir Herrn Wunderlichs Rechner und Browser und googeln Oliver Wunderlich.

Bei Google sind auf der ersten Seite neun Ergebnisse, die angezeigt werden. Und brav ist das morgenradio zweimal in den Top Drei. Einmal haben wir dafür gezahlt, einmal ist es organisch. Nur zwei der neun Ergebnisse führen zu falschen Oliver Wunderlichs.

So. Jetzt machen wir das statt mit Chrome mit Firefox und statt mit Google mit DuckDuckGo. Das sind sozusagen die Suchergebnisse ohne Google-Algorithmus.

Da sind von den ersten neun Ergebnissen nur drei richtig. Sechs Stück sind andere Oliver Wunderlichs. Und Treffer Nummer eins ist ein falscher Oliver. Und das Morgenradio kommt frühestens auf Platz 57 wenn man Oliver Wunderlich googlet.

Und genau das passiert jedem Google-User mit jeder seiner Suchanfragen auch. Wenn man zum Beispiel googeln würde „richtige Flüchtlingspolitik“, dann seviert die Suchmaschine den Linken Ergebnisse mit linken Meinungen ganz oben und den Rechten Ergebnisse mit rechten Meinungen.

So können sich AfDler im Internet bewegen und tatsächlich den Eindruck gewinnen, sie würden Mehrheitsmeinungen vertreten. Weil sie sich die ganze Zeit in ihrer braunen Ecke des Internet bewegen.

Das ist für freie Information und für die Diskussionen in unserer Gesellschaft in Wirklichkeit ein größeres Problem als Fake News. Auf Dauer können wir dann gar nicht mehr miteinander reden, weil wir gar nicht mehr die gleiche Basis haben. Und schon gar nicht die gleichen Informationen. Bald sprechen wir nicht mehr die gleiche Sprache, weil wir komplett verschiedene Dinge meinen, wenn wir zum Beispiel von Grundrechten sprechen.

So sieht´s wohl aus… Das wären die drei grundsätzlichen Probleme, die wir momentan im Internet haben. Aufgezeigt an drei Beispielen. Wir haben den anonymen Hass, wir haben das Geschäft mit unseren Daten und die Filterbubble als soziales Problem, das wir aber nicht als solches erkennen können!

Alle drei Firmen kennen diese Kritik. Das ist nicht neu. Alle versuchen etwas zu ändern. Das bedeutet, sie wollen neue Algorithmen programmieren, die besser funktionieren.

Aber jeder neue Algorithmus wird versagen. Denn das Problem ist in seiner Wurzel ein ganz anderes. Es besteht darin, dass wir geistig und mental das Internet für ein Abbild der Realität halten. Deswegen reagiert unser Gehirn ja auch auf Herzchen und Likes mit einer kleinen Portion Dopamin.

Und wir halten unsere Kontakte im Internet für echte Menschen. Wir empfinden freundschaftliche oder ablehnende Gefühle für Menschen anhand von ein paar Sätzen, die wir lesen. Als ob diese uns das ins Gesicht gesagt hätten. Und wir glauben immer noch, die Informationen, die wir im Internet finden, wären objektiv, bloß weil sie sich gebärden wie Lexikon-Einträge.

Doch in tieferen Schichten des Bewusstseins ist uns klar, dass wir die Zeit damit verbringen, auf einen Monitor zu schauen. Ein Herzchen und ein Like, ein Retweet oder ein Teilen hat außerhalb des Monitors überhaupt keine Bedeutung.

Und die Hater haten vor sich hin, weil sie natürlich niemanden wirklich erreichen sondern ja nur einen Account, und sehen eben nicht das vor ihnen jemand sitzt, der da dann tatsächlich heult oder wütend wird… In ihrer Account-Anonymität können sie niemals jemanden persönlich erreichen… und wenn dann werden sie es nie erfahren!
Denn das sind eben keine echten Menschen, die neben ihm sitzen und das enttäuscht den Hater natürlich immer wieder. Und wegen dieser Enttäuschung hasst man noch schneller als im nicht-virtuellen Leben. Accounts kann man leichter hassen.

Das Internet hat seine Versprechen nicht eingelöst, aber wir sollten trotzdem noch nicht aufgeben. Wir sollten uns zum Ausruhen Schutzzonen einrichten. Ohne Werbung und ohne Hass. Und das passiert ja auch genau gerade überall. Denn das Internet ist voller Menschen, die genau so sind wie wir, aber die Algortithmen machen sie manchmal schwer auffindbar. Normal ist eben nicht laut genug. Das können wir aber ändern.

Und wir sollten auch nicht vergessen, dass die Zeit am Monitor niemals ein Ersatz sein kann für das nicht-virtuelle Leben. Denn es hinterlässt uns immer auch mit einem Stück Enttäuschung. Einem faden Nachgeschmack, weil es halt virtuell ist. Nicht greifbar, nicht kuschlig irgendwie.

Permanente Nachrichtenhäppchen sind kein Ersatz für ein Buch. Streit in Kommentaren ist kein Ersatz für eine echte Diskussion unter vier Augen. Mit Gestik, Intonation, Geruch und Mimik… bei einem gemeinsamen Bier.

Internet-Kontakte sind kein Ersatz für echte Freundschaft und echte Beziehungen.

Das brauchen wir alles zum Leben und Funktionieren. Das klingt banal, aber ich persönlich muss mir das nach jedem Arbeitstag erst wieder bewusst machen.

Für mich ist es wichtig, mich immer wieder zu erden, zurück zu bringen hierher, wo ich gerade bin. Selbst wenn wir auf unser Facebook-Video zwanzig begeisterte Kommentare bekommen haben, hat mich diese eine Haterin trotzdem verletzt. Obwohl es die in meinem Leben eigentlich nicht gibt, nur den einen verletzenden, abwertenden Satz.

Ich persönlich muss lernen, das Internet auch einmal das Internet sein zu lassen. Das tut mir gut. Und ansonsten versuchen wir das halt zu reparieren, so gut wir zwei das können.

Mit Gewissenskonflikten, aber immer noch mit den Idealen von 2010 vor Augen. Denn das Internet hat auch viele Versprechungen gehalten. Die Bilanz ist für mich immer noch eine deutlich positive.

Ohne Internet keine Beziehung, keine gemütliche morgenradio-Ecke für euch und für uns! Und – ohne Internet keine Verbindung, weder zu euch noch zu dieser unglaublich wunderbar durchgeknallten Welt dort draußen…