Instrument Orchester


Klassische Musik gefällt nicht jedem. Das wäre zu teuer, zu schwierig, zu elitär, zu exklusiv, zu arrogant, zu alt oder einfach zu langweilig.

Doch eigentlich ist die klassische Musik eine der wenigen großartigen Leistungen unserer Zivilisation. Die gehört uns allen und auf die können wir alle stolz sein.

Und das Instrument der klassischen Musik ist das Orchester. Das schauen wir uns heute einmal an, um ein paar Vorurteile abzubauen.


Download der Episode hier.
Musikschnipsel der Sendung von: „Introduction to the instruments of the orchestra“ von Portland Youth Philharmonic
Musik: Antonin Dvorak: Symphony no. 9 in e minor ‚from the new world‘, op. 95 / Public Domain Mark 1.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Es ist ja schon schwierig, auf unsere westliche Zivilisation stolz zu sein. Statt zum Beispiel zu Hause zu bleiben und sich nur gegenseitig die Köpfe einzuhauen, haben wir Schiffe gebaut und allen anderen auch noch die Köpfe eingehauen.

Egal, ob in Amerika – Nord und Süd – in Asien, Australien, Afrika: Überall haben wir Kultur und Zivilisationen unterdrückt und vernichtet. Allen unseren Lebensstil aufgezwungen, weil unsere Kultur angeblich überlegen war.

Aber eigentlich wollte ich über eine Sache berichten, auf die ich wirklich stolz bin als Europäer. Und das ist die Musik, die wir als Kultur in Jahrhunderten geschaffen haben. Und deren wichtigstes Instrument, nämlich das Orchester.

Viele Leute können ja mit klassischer Musik wenig anfangen. Zu alt und zu langweilig heißt es dann. Das sind oft die Menschen, die dann gerne „The Best of the Eighties“ hören. Mit Songs von Frank Farian oder gar – Herr, bewahre uns – Modern Talking.

Es ist schade, denn denen entgeht viel. Eine ganze Welt voller toller Musik. Eine Welt von wunderbaren Höreindrücken, Emotionen, Gefühlen – klassische Musik kann der schönste Eskapismus sein, den es gibt!

Weil die Sprache der Musik der Phantasie keine Grenzen setzt. Im Gegenteil zu Songtexten, die gerne sehr genau erklären, was denn bitte zu empfinden ist. I’m so lonely.

Vielleicht sind wir Anhänger der klassischen Musik aber auch einfach zu schüchtern. Klar, wir stellen für die Musik-Industrie eine Minderheit dar, machen nur knapp 5% des Jahresumsatzes.

Aber unbemerkt von der Öffentlichkeit schleichen wir uns heimlich in Konzerte. Wir tragen keine Beethoven-Trikots oder Dvorak-Schals oder Mussorgsky-Fahnen. Wir singen auch nicht besoffen „Freude, schöner Götterfunken“ in der U-Bahn.

Darum entgeht allen, dass jede Woche mehr Menschen in klassische Konzerte gehen als in Fußball-Stadien. Heimlich machen wir das, aber wir sind viele.

Wer einmal den Klang eines Orchesters live erlebt hat, weiß, dass Platten, CDs oder MP3s das nicht wiedergeben können. Und ich habe wirklich kein besonders gutes Gehör.

Heute möchte ich also einfach einmal dieses Instrument namens Orchester vorstellen. Millionen von Menschen üben täglich dafür, einmal in einem Orchester zu sitzen und Musik machen zu dürfen. Und Abertausende der besten Musiker schaffen das auch.

Orchester gibt es natürlich viele. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester oder Jazzorchester meine ich aber nicht. Sondern das Orchester, wie es typisch ist für klassische Musik. Das fängt so ungefähr bei 40 Musikern an und endet bei bis zu 200.

Die meisten davon spielen Streichinstrumente. Oft sind die mehrfach besetzt. Das sind die, die um das Dirigentenpult herum Stühle haben und lauter Geigen von klein bis zu mannsgroß spielen.

Dazu gibt es natürlich die sogennanten Holzbläser und die Blechbläser. Die blasen in ihre Instrumente, wie der Name schon vermuten lässt.

Dann folgt die Perkussion. Percussion sagt man in Englisch. Die Schlagwerker, die den Rhythmus setzen.

Und dann noch das Vermischte. Also Instrumente, die nicht in jedem Stück gebraucht werden. Harfen sind meistens mit dabei, das Piano auch manchmal, das Cembalo noch seltener, aber auch Gitarren gibt es – eigentlich kann man sich alles vorstellen. Es gibt auch Partituren für Duduk, Dolak oder Erho. Wißt ihr nicht, was das ist? Ich habe auch keinen blassen Schimmer.

Und zuletzt natürlich den Dirigenten. Oder hätte ich den zuerst erwähnen müssen?

Wir hören da einmal rein. Und das ungefähr in der Reihenfolge, in der das auch in einer Partitur geschrieben ist.

Fangen wir mit den Holzbläsern an. Die sitzen in der Mitte hinter den ganzen Streichern. Fangen wir mit den Flöten an. Und ja – Querflöten sind eigentlich aus Metall, sind aber Blechbläser, weil der Ton von einem kleinen Holzplättchen erzeugt wird.

Dann gibt es noch die Flöten mit so einem kleinen Strohalm vorne dran. Die sogenannten Oboen. Die haben einen wärmeren Klang.

Hinter den Flöten sitzen die Klarinetten. Die sind noch ein bisschen größer wie die Oboen und manche haben sogar einen Schwanenhals, so wie Saxofone auch.

Neben den Klarinetten sitzen die Fagott-Spieler. Die halten sich ein Rohr quer vor das Gesicht und blasen auch in ein kleines Röhrchen.

Genug Holz geblasen. Fangen wir also an Blech zu spielen. Die Blechbläser sitzen meist hinter den Holzbläsern. Da hätten wir also die Posaunen. Das sind diese großen Trompeten, die man auf und zu ziehen muss. Und die Tuba ist da auch dabei, die ist so groß, dass man sie auf den Schoß nehmen muss.

Trompeten, an denen man nicht ziehen muss und die man nicht auf den Schoß nehmen muss, die nennt man… Na ja, Trompeten halt.

Und dann gibt es noch diese Trompeten, die so verbogen sind, dass sie rund sind. Bläst man also von Norden rein, dann kommt der Ton Nordwest wieder raus. Diese Instrumente heißt man Hörner

Endlich sind wir mit den Bläsern durch. Und können uns der Perkussion widmen. Dem Schlagwerk, wie es so schön auf deutsch heißt. Da gibt es natürlich die Pauken, das sind vier so Riesentrommeln, dass man da auch gut die Leiche des Dirigenten verstecken könnte. Und dazu kommen noch normale Trommeln, Becken, Triangel oder Glockenspiel.

So. Jetzt fangen wir an, die ganzen Streicher aufzudröseln. Da gibt es welche, die haben Geigen, die sind manchmal so groß, dass der Musiker daneben kleiner ist. Die muss man hinstellen und die heißen Kontrabass

Ein bisschen leichter in der U-Bahn zu transportieren ist das Cello oder Violincello. Das ist so groß, da kann sich der Musiker zum Spielen hinsetzen und das Instrument zwischen den Beinen halten.

Dann kommen die Bratschen. Das sind Geigen, bloß ein bisschen anders von den Proportionen. Eher so etwas wie bodenständige, stämmige Version der Violine. Und weil Bratsch’n so bayerisch klingt, werden die auch manchmal „Viola“ gerufen.

Und dann kommen wir zu den Diven im Orchester. Denn Geigen. Oder Violinen. Da gibt’s am meisten davon, 16 Stück können das schon einmal sein. Die stellen in der Regel auch den Konzertmeister. Dafür müssen die sich immer einen Notenhalter teilen.

Bleibt also der Dirigent. Für den haben wir kein Hörbeispiel, weil er – als Boss der Musiker – lieber im Lautlosen arbeitet.

Viele denken ja, der ist nicht vonnöten, weil das ja schließlich alles Profimusiker sind und das schon so oft geübt haben. Das stimmt natürlich nicht.

Der Dirigent liest erst einmal in Ruhe zu Hause die Partitur. Ohne die ganzen störenden Musiker. Der kann das lesen, wie Du und ich einen Artikel in der Zeitung. Und auch die komischen Anweisungen, die der Komponist gibt. Der beschreibt in italienischen Wörtern Stimmungen, wie Andante oder Allegro oder Largo.

Und manchmal auch lautstärken von Pianissimo, kurz ppp – also kaum hörbar – bis Fortissimo, kurz ppp – unüberhörbar.

Der kennt die Zeit, aus der das Stück stammt und versucht, beim Lesen, die Absicht des Komponisten zu erkennen. Und das dann für sich und das Orchester und das Publikum individuell neu zu interpretieren.

Dem ganzen eine Richtung zu geben, eine Stimmung, eine gemeinsame Emotion.

Und das übt er dann mit dem Orchester so lange, wie aus einhundert, individuellen Spitzenmusikern und deren Gefühlen und Emotionen ein gemeinsames Instrument geworden ist. Eben das Orchester.

Übrigens ein Prozeß, der demokratischer abläuft, als man denken mag, aber halt doch nicht demokratisch.

Bei der Aufführung gibt er mit der rechten Hand den gemeinsamen Takt vor und macht gleichzeitig mit der linken Hand etwas völlig anderes. Das ist alleine schon einmal nicht supereinfach.

Die linke Hand bestimmt wieder die Stimmung, den Ausdruck, die Emotion – jetzt, bei der Live-Version nur für diesen Moment, nur für dieses Publikum.

Das alles kann man erleben, wenn man in ein Konzert geht. Das ist bei weitem nicht so teuer, wie alle denken. Hier in Augsburg fangen die Preise bei Konzerten bei 10 Euro an – wenn man gutes Stehvermögen hat. Aber mit zwanzig Euro hat man schon gute Plätze.

Sonst gibt es nichts zu beachten. Es gibt keinen Dresscode – man kann auch in Jeans und T-Shirt da hingehen. Und im Gegensatz zu den Vorurteilen, dass wir Fans von klassicher Musik ein elitärer Haufen sind und arrogant, ist das für keinen von Interesse.

Das sollte man mal von Fans mancher Fußballvereine behaupten können. Die viel mehr Geld ausgeben, um 22 Millionären auf dem Rasen zuzukucken.

Aber das ist ja nur meine Meinung.

5 antworten auf “Instrument Orchester”

  1. Sehr schöne Sendung mit tollen Musikstücken.
    Und 10 Punkte an Ellen fürs Erkennen von Happy!

    Liebe morgendliche Grüße
    Tanja

    1. Hallo Tanja!
      Ja, beim Schneiden der Sendung habe ich’s dann auch gehört! Trotzdem komisch, wieviele Ohrwürmer dabei waren, die man kennt, aber nicht erkennt!
      Liebe Grüße!

  2. Schöne Sendung. 🙂

    Jedenfalls, das wo Oliver meinte, es könnte 20th Century Fox sein – die Melodie kommt definitiv am Anfang von Disney’s Robin Hood vor. Das könnte also einfach die damalige Disney-Melodie sein.

    Die Hörner – das ist „Let it go“ aus Frozen (das erste Frozen-Lied war „Do you wanna build a snowman?“).

    Und 10 Punkte an Oliver für die korrekte Aussprache von „Dvořak“. 😉

Kommentarfunktion geschlossen.