Ich & Ich


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Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie das so wäre, wenn ihr eurem jugendlichen Ich begegnen würdet? Wäre sie oder er angetan von euch und dem, was ihr so mit seinem oder ihren Leben gemacht habt?

Das ist, so behauptet er, auf jeden Fall Herrn Wunderlich neulich wiederfahren. Und geistesgegenwärtig hat er das Gespräch aufgezeichnet!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „I’m So Glad“ von Robert Avellanet / CC BY-NC-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Keiner sagt einem vorher, was wirklich das Schlimmste am Programmieren ist. Für mich persönlich ist das Schlimmste an eigentlich jeder Programmiersprache, außer vielleicht zwei, dass ich keine Ahnung davon habe!

Trotzdem muss ich mit SQL und PHP und CSS und Javascript rumpfuschen, nur um das Morgenradio am Laufen zu halten. Das funktioniert im Try-and-Error-Verfahren. Ich ändere etwas, dann probiere ich das auf Windows in drei Browsern, auf dem Mac in zwei Browsern, auf dem Tablet in Android, auf meinem Smartphone und auf dem iPad in iOS.

Kein Spaß! So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich 1983 mein erstes Computerspiel programmiert habe. In BASIC! Auf dem C64!

Ich sitze also an meinem Schreibtisch und fummele völlig ahnungslos in fremder Arbeit herum, als es an der Tür klopft. Was wirklich seltsam ist. Frau Anders reißt die Tür normalerweise schwungvoll auf, die Hunde und die Katzen kratzen sanft. Aber das Geräusch, als ob ein Ast an die Türe schlägt, das ist mir neu.

Ich sage „Herein“ und ein alter Bekannter steckt seinen Kopf durch die Tür. „Wenn’s nichts ausmacht…“, meint er höflich und ich antworte:
„Was? Jetzt? Im Ernst? Wieso das denn? Herzinfarkt, oder was? Schlaganfall? Oder doch ein Unfall? Mann, so früh hatte ich aber nicht mit meinem Tod gerechnet!“

Der Schädel an der Tür meint zu mir: „Kein Streß! Ich bin nicht wegen Dir da. Ich habe Besuch mitgebracht!“

Und er schiebt einen jungen Mann mit langen Haaren, einer schlechten Körperhaltung, zerrissenen Jeans und ausgelatschten Turnschuhen ins Büro!

„Hah! Genau solche Schuhe hatte ich auch einmal!“ rufe ich, aber der Tod hält einen Finger an seine Zähne und macht: „Pscht!“

Ich schaue mir den jungen Mann genauer an. Er kommt mir sehr bekannt vor. Tatsächlich hatte ich auch so ein T-Shirt. Aber es dauert noch zwei Sekunden, bis ich erkenne, dass ich das selber bin. Vor mir steht mein jüngeres Ich.

Ich setze an, mich selber zu begrüßen, aber sofort macht der Tod wieder „Pscht!“ Also sage ich stattdessen: „Äh. Überraschender Besuch. Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Setzt euch doch. Mein Name ist…“ – „Pscht“ – „…nicht so wichtig. Was… Also, warum seid ihr hier?“

„Keinen Schimmer! Musst Du das Knochengerüst fragen!“ meint mein jüngeres Ich. Und dann noch: „Boah! Zwei Monitore. Und wie groß die sind und wie flach! Geil!“

Ich starre mich an und in meinem Kopf jagen die Gedanken. Alle Dummheiten und Weisheiten aus 54 Jahren Konsum von Science Fiction und Fantasy spult sich in meinem Hirn ab. Speziell alles, was es zu Zeitreisen zu sagen gibt. Aber da war nichts Wertvolles oder Brauchbares.

„Ja, äh, also, ich hätte da noch das eine oder andere… Ihr seid mir nicht böse, aber ich komm’ gleich wieder! Unterhaltet euch schön!“ Sagte der Tod noch und dann war er weg. Das war mir nicht unrecht. War kein schlechter Typ, der Tod, ich hatte ja schon einmal länger mit ihm geplaudert, aber angenehm war mir seine Gesellschaft irgendwie auch nicht.

„Ich hab’ gesehen, dass ihr zwei Hunde und zwei Katzen habt! Das finde ich super! Ich hätte auch gerne ‘mal viel Tiere! Ich mag’ Tiere. Ich durfte nur Vögel haben, als ich noch jünger war, aber die sind mir ausgebüxt. Aber lieber hätte ich einen Hund gehabt.“ Meinte mein jüngeres Ich.

Ich nickte wissend. Er fuhr fort:
„Was ist das denn hier eigentlich für ein Kaff hier? Das kenne ich gar nicht.“
„Bobingen. Das ist bei Augsburg.“
„Aha. Und? Wieviele Einwohner?“
„Äh, weiß ich nicht so genau. 17.000, glaube ich.“
„Ah ja. Und, habt ihr ein Kino?“
„Nein, nicht wirklich… Da muss man…“
„Und ein Theater?“
„Nein, auch nicht wirklich. Aber manchmal…“
„Und coole Kneipen oder Cafés?“
„Na ja. Also, da gäbe es ein Eiscafé und dann das Cannapee. Und sonst, na ja…“
„Das wäre nichts für mich. Aber in Ihrem Alter ist das mit dem Fortgehen nicht so wichtig, oder?“

Oh! Mein Gott! Mein 21-jähriges Ich siezte mich!
Ich antwortete:
„Du kannst mich duzen. Und: Nein, ehrlich gesagt, nicht besonders. Ist nur selten ein Film im Kino, wo ich das Gefühl habe: Da MUSS ich hin…“
„Verstehe schon. Meine Eltern sind 10 Jahre jünger als Du. Und die gehen NIE ins Kino! Die kucken immer nur fern!“
„Tja, fernsehen tu’ ich auch nicht mehr so viel. Obwohl es jetzt wohl wirklich viel bessere Serien gibt als zu Deiner Zeit…“
„Wie meinst Du das? Zu meiner Zeit? Ich kuck’ eigentlich nur noch Filme im Fernsehen, um ehrlich zu sein. Oder vielleicht mal McGyver…“
„Ach, komm! Du kuckst auch „Ein Colt für alle Fälle!“
„Ja, o.k. Manchmal. Aber eigentlich ist die Serie eher doof. Aber immer noch besser als „Diese Drombuschs“ oder „Ich heirate eine Familie!“
„Da hast Du recht. Aber, lass’ uns nicht über das Fernsehen reden! Das ist heute auch nicht besser…“
„Wie? Heute? Über ‘was willst Du denn reden?“
„Äh. Gute Frage….“

Und wieder war ich völlig ratlos. Natürlich hätte ich mir einen Haufen guter Tipps und Ratschläge zu geben. Ich kannte ja alles Fehler und Schlappen und Pleiten, die dieser junge Kerl auf meinem Sofa noch vor sich hatte. Aber das „Pscht“ von Tod vorhin bedeutet wohl, dass ich mich besser zurück halten sollte. Ich antwortete:
„Ich könnte Dir zeigen, was ich so mache. Vielleicht findest Du das ja gut. Eigentlich: Deine Meinung dazu würde mich sogar wirklich interessieren!“
„Ich sehe schon, dass Du meditierst. Machst Du das jeden Tag?“
„Jeden Morgen. Seit vielen Jahren. Und Du?“
„Ich habe schon zweimal so ein Sesshin probiert. Einmal für ein Wochenende und das andere Mal für 10 Tage!“
„Und?“
„Das war die Hölle! Das erste Mal ging ja noch, aber beim zweiten Mal war es unerträglich! Nicht nur, dass wir nicht reden durften, sondern ich hatte auch solche Rückenschmerzen, können Sie sich nicht ausmalen!“
„Hey, wir duzen und doch!“
„Pardon! Also, ich hatte Rückenschmerzen. Weil ich Morbus Scheuermann habe.“
„So so. Und es hat nichts damit zu tun, dass die Frau, der Du imponieren wolltest, nicht so richtig beeindruckt war, oder?“
„Was? Wie bitte? Nein! Wie kommen Sie… Wie kommst Du denn darauf?“
„Weil es bei mir so war. Mir ging’s genauso, aber dann hatte ich einen schweren Unfall und alles war auf einmal durcheinander und dann habe ich von selber wieder angefangen zu sitzen.“
„Und seitdem machst Du das jeden Tag?“
„Ja. Und nein. Es gab immer wieder Monate und sogar Jahre, wo ich das nicht gemacht habe.“
„O.k. Ja, irgendwie ist das schon eine tolle Sache. Glaube ich. Aber mir schwirrt dabei immer so viel durch den Kopf, das ich nachher noch konfuser bin als vorher, verstehst Du?“
„Klar. Versteh’ ich voll. Mir schwirrt immer noch alles Mögliche durch den Kopf! Nach über dreißig Jahren!“
„Und Du machst das trotzdem?“
„Ja. Ich höre mir selber einfach nicht mehr so aufmerksam beim Denken zu. Ist nämlich nicht alles so richtig Gold, was ich so denke. Das Allermeiste ist belangloser Mist!“
„Ach so. Na ja, für mich ist das auf jeden Fall nichts mit dem Meditieren. Das ist irgendwie zu solipsistisch.“
„Aha. Na gut. Beeindruckendes Fremdwort! Kuck ‘mal. Ich zeige Dir, was ich so mache meistens, ok?“
„Okay. Gehen wir irgendwo hin? In eine Werkstatt oder so?“
„Nein, Du kannst einfach sitzen bleiben. Ich kann Dir das auf dem Monitor zeigen!“
„Wahnsinns-Monitor übrigens! Hängen die beiden irgendwie zusammen?“
„Klar. Das ist ein großer Desktop. Siehst Du? Jetzt ist die Maus hier und jetzt ist sie dort!“
„Geile Maus! Das ist ein Mac, oder?“
„Wegen der Maus? Nein, das ist Windows.“
„Windows? Im Ernst? Habe ich drüber gelesen. Ist aber nur eine billige Kopie, stimmt’s?“
„Na ja, sagen wir so: Für mich taugt das zum Arbeiten auf jeden Fall. So, kuck mal, das ist unsere Homepage!“
„Homepage? Und wer ist die blonde Frau auf dem Foto da oben? Ist das Deine Frau?“
„Schon. Das ist die Frau Anders. Mit der mache ich das hier. Das nennt sich Morgenradio. Siehst Du ja an der Sprechkabine.“
„Morgenradio? Du bist ein Radiomoderator? So wie Thomas Gottschalk oder Günther Jauch?“
„Genau. Bloß, dass wir nicht über UKW senden, sondern über das Internet.“
„Internet?“
„Ja. Ach so. Warte ‘mal. Du kennst doch Compuserve, oder?“
„Ja, da bin ich in einer SIG. Da schreiben Rollenspieler. Und ich auch manchmal. Aber meistens lese ich nur mit.“
„Internet ist wie Compuserve, bloß mit Grafik und Video und Audio. Und jeder ist angeschlossen.“
„Wie geil!“
„Genau. Und da mach’ ich mit der Frau Anders eine Sendung. Wir erzählen da jeden Tag eine Geschichte.“
„Nett. Was für eine Geschichte?“
„Die denken wir uns aus. Hier haben wir zum Beispiel über IKEA geschrieben…“
„IKEA?“
„Ist so ein Möbelgeschäft. Und da über Supermario…“
„Supermario?“
„Ein Computerspiel. So wie „Forbidden Forest“, dass Du auf dem C64 gezockt hast…“
„Das war geil. Aber woher weißt Du das denn?“
„Äh, das? Hat mir der Werner erzählt!“
„Ach, Du kennst den Werner?“
„Ja, flüchtig. Und, und, und… Schau’ mal, da haben wir eine Sendung über Heimat gemacht. Und über die Frage, ob ein Künstler kreativ sein kann, wenn er sich niederläßt.“
„Ach. Interessant. Bist Du denn ein Künstler?“
„Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich mehr ein Handwerker.“
„Bist Du Schriftsteller?“
„Vielleicht. Wir schreiben schon viel…“
„Ich wollte auch Schriftsteller werden!“
„Im Ernst? Und warum bist Du das nicht geworden?“
„Na ja, ich hab’ dann Deutsch-Leistungskurs gemacht. Und der hat’s mir gründlich ausgetrieben!“
„Oh! Schade! Wieso das denn?“
„Da ging mir irgendwie die Leidenschaft für Texte flöten. Alle diese Analysen von fremden Texten. Und die ganzen Klausuren waren alle so trocken und langweilig! Es ging immer nur darum, irgendwelche Texte zu zerpflücken oder zu vergleichen. Wir haben nicht ein einziges Mal irgend etwas Kreatives geschrieben. Alles Emotionale in den Texten wurde mir mit Rot rausgestrichen!“
„Verstehe. Das ist ja blöd. Nein, wir schreiben eigentlich nur emotionale Texte.“
„Gut. Schön für euch. Ist das Deine Arbeit?“
„Na ja. Eigentlich nicht. Wir verdienen unser Geld mit Radio-Sendungen, die andere bei uns in Auftrag geben.“
„Aber ihr macht das hauptsächlich?“
„Schon. Zehn oder elf Arbeitsstunden sind so eine Sendung vom Morgenradio.“
„Und Geld verdient ihr aber anders?“
„Ja. Schon. Kommt noch obendrauf. Aber wir wollen das ändern.“
„Geht mir genau so. Ich jobbe, um Geld zu verdienen und bin an der Kunstschule. Und ich arbeite an meiner ersten Ausstellung“
„Cool. Was machst Du denn?“
„Bilder. Große Bilder. Na ja. Eigentlich große Zeichnungen. Eigentlich bin ich Zeichner.“
„Was ist der Unterschied?“
„Mich interessiert die Form eigentlich viel mehr als die Farbe. Die Bildkomposition ist mein heiliger Gral. Zeichnen kann ich ohne nachzudenken, aber Farbe muss ich ganz bewusst einsetzen.“
„Verstehe ich gut. Und was ist so zu sehen auf Deinen Bildern?“
„Die beschreiben ganz detailliert, wie es auf dem Schlachthof so zugeht. In Lebensgröße. Man sieht jedes Kettenglied von den Handschuhen von den Metzgern und die Motorsäge und jeden Knochen im Inneren des Schweins und die Blutpfützen, in denen die stehen.“
„Wow! Klingt ja eklig!“
„Das ist auch voll eklig, Mann! Das kannst Du Dir nicht vorstellen! Und dann das Geflügel! Die werden da wie am Fließband geköpft, die Hühner!“
„Ich weiß. Ich war auch schon am Schlachthof. Warum machst Du das? Das wird doch nie jemand kaufen! Hängt sich doch kein Rechtanwalt in die Kanzlei…“
„Das ist doch nicht wichtig! Du machst ja auch Deine Radiosendung, obwohl es sich nicht lohnt, oder? Es ist wichtig, dass die Leute das sehen. Und nichts ist realistischer….
„Nichts ist realistischer als eine Zeichnung! Und schon gar kein Photo! Stimmt’s?“
„Genau! So ist es!“
„Ich zeichne auch. Soll ich Dir meine Zeichnungen ‘mal zeigen?“
„Klar. Immer her damit. Hast Du die hier?“
„Nein. Auch im Internet. Hier.“
SFX: Klicken
„Und? Wie findest Du meine Sachen?“
„Ganz gut. Du hast auf jeden Fall einen Stil. Die Portraits finde ich gut, die Cartoons echt witzig, aber die Münchenserie geht irgendwie wild durcheinander. Aber die Mischung von Realismus und Comic-Stil finde ich ziemlich geil!“
„Danke! Ist ja nur ein Hobby. Ich hatte das einmal so eingerichtet, dass man da Drucke bestellen konnte. Weil ich dachte, jemand kauft sich vielleicht einen Druck…“
„Und?“
„Keine Sau! Nicht eine einzige Bestellung!“
„Schade. Ich hoffe ja schon, dass ich bei der Ausstellung wenigstens Presse kriege…“
„Wieviele Bilder hast Du denn schon fertig?“
„Äh. Na ja. Also, ich habe die Skizzen für die ganze Serie fertig. Und eines der Motive ist schon recht weit…“
„Also keine sind fertig?“
„Nein, noch nicht wirklich. Aber der größte Teil der Arbeit ist schon gemacht. Weißt Du? Das Planen und die Ideen und die Motivwahl, das ist ja eigentlich die größte Arbeit!“
„Verstehe. Na prima. Was ist los? Warum kuckst Du so komisch?“
„Hast Du gerade meinen Namen gerufen?“
„Ich? Nein! Natürlich nicht. Hat jemand Deinen Namen gerufen?“
„Ja, ich glaub, ich muss gehen…“

Und dann war er weg. Ich weiß genau, wie alt mein jüngeres Ich war. Auf den Tag. Er hat mich besucht am 8. Januar 2018, aber für ihn war der 17. April 1986. Er lag während unseres Gesprächs in Allach neben den Bahngleisen und war gerade klinisch tot.

Tja. Und jetzt lebt er wohl weiter. So wie ich auch vor 32 Jahren. Ob ihm meine Bilder wohl wirklich gefallen haben? Begeistert war er ja nicht. Aber das mit dem Morgenradio und der Frau Anders fand er gut. Immerhin!