Ich. Du. Aschenbecher.


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Wer wirklich wissen will, um was es in dieser Sendung geht, kann eigentlich gleich zum Musiktitel vorspulen, denn eigentlich geht es nur darum. Aber, Achtung! Ohrwurm-der-Woche-Garantie!

Die ganze Geschichte um Gollum und Pandora ist eigentlich nur ein Vorspiel für „Stinky Stinky Ashtray“. (Das ist nur ein Marketing-Gag. Natürlich ist das eine coole Geschichte! Lasst euch nicht reinlegen!)


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Stinky, Stinky Ashtray“ von Damn


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Mitten in der Nacht reiße ich die Augen auf. Die Decke eines Zimmers. Ein Bett. Alleine. Wo bin ich? Hier. Die Decke des Zimmers. Das Bett. Immer noch allein. Wer bin ich?

Ich halte die Luft an und weiß nicht, wer ich bin. Bis, mit jedem Pulsen meiner Venen mein Gehirn sich an sich selbst erinnert. Die Decke meines Schlafzimmers. Mein Bett. Du bist nicht hier. Wer bist Du?

Wo bist Du?

Ich werde die Augen nicht schließen, bis ich mich wieder an alles erinnere. Ich schließe die Augen und schlafe ein. Ich schlafe tief.

Ich schlage mit den Armen um mich. Ich trete mit meinen Füßen. Ich schreie und ich wecke mich selber. Dieselbe Decke, dasselbe Bett. Immer noch allein. Ich bin schweißgebadet.

Ganz klar sehe ich die Personen meines Traums vor mir, als ich mich aufsetze und langsam aufrichte. Ich stütze mich lieber an die Wand. Ich werde einfach im Dunkeln die Wand entlang kriechen. Wenn ich das Licht anschalte, sind die Bilder weg.

Einmal um das Bett herum, vorsichtig im Dunkeln die Tür geöffnet. Im Flur ist es kalt, ein Schauer läuft über meine schweißnasse Haut. Gänsehaut. Die Bilder verblassen, die Personen werden unscharf. Lieber die Augen schließen.

Die raue Wand, das Poster, Achtung, Katzendecke, Wandlampe, noch ein Poster, raue Wand, Türrahmen. Ich öffne die Badezimmertür. Warme Luft. Hier müsste es komplett dunkel sein, ich öffne vorsichtig die Augen. Kein Licht. Die Bilder. Die Personen. Nur noch Umrisse.

Ich ziehe die Rollos ein Stück hoch, bis der Lärm, der Geruch, das Licht in das Bad fällt. Die Dusche läuft. Heiß. Dampf erfüllt den Raum. Alles beschlägt. Im Spiegel sind nur Phantome zu sehen. Nur Geister. Nur Dinge ohne Namen.

In Träumen wachsen den Schatten Flügel. Bei Licht verwelken sie.

Heiß läuft das Wasser über mich. Ich habe keine Erinnerungen mehr an meinen Traum. Doch um mich sind immer noch Phantome und Schatten. Etwas Schwarzes sitzt in meiner Brust. Da, wo kein Wasser hinkommen kann. Ich fühle mich schwach.

Nackt humpelt mein Körper aus dem Bad. Ich kralle mich an der Wand durch den Flur. Ich krabbele im Stehen in die Küche. Ich öffne das Fenster und lasse die Nachtluft über mich fließen. Angst pocht in den Schläfen. Es riecht nach den Zigaretten. Der Aschenbecher steht noch irgendwo.

Hinter mir spüre ich die Phantome und die Schatten. Sie warten auf mich. Sie sind ein Teil des Schwarzen in meiner Brust. Ich drehe mich um, aber sie sind weit weg. So weit weg. Wenn man die Augen fast schließt, wachsen ihnen Flügel.

Phantome. Erinnerungen. Wie alte Freunde, die man vergessen hat. Ich rufe mir die Bilder aller Freunde und Freundinnen in meinem Leben vor Augen. Ich spreche leise jeden Namen aus wie eine Zauberformel und sie gesellen sich zu den Schatten, die am Ende auf mich warten.

In Träumen wachsen den Schatten Flügel. Bei Licht verwelken sie.

Als das Schwarze plötzlich nach meinem Herzen greift, schlage ich auf den Lichtschalter. Die Küche wird erleuchtet, meine Augen brennen. Da steht vor mir die gestrige Nacht.

Die Pizza, die wir bestellt haben. Nicht angerührt. Das Weinglas. Beide Weingläser. Die Taschentücher. Als ich weinen wollte. Nicht angerührt. Der Aschenbecher. Der Geruch der gestrigen Nacht.

Pernod. Steht auf dem Aschenbecher. Die toten Körper einer Schachtel Gauloises Blond. Ich nehme ihn und stelle ihn auf den Balkon. Ich nehme ihn und werfe ihn, so wie er ist, voll mit Zigarettenleichen, auf die Straße. Ich rauche nie mehr. Und ich setze mich auf den Stuhl.

Im Licht sieht man die Schatten nicht. Im Licht spürt man nicht, dass die Phantome einen mit einer Fingerspitze berühren. Immer. Im Licht wachsen keine Flügel.

Du bist nicht hier. Du bist gegangen. Ich sehe Dich vor mir und warte, bis Dein Bild unscharf wird. Ich warte, bis Du verblasst. Und Du gehst zu den anderen Schatten, die am anderen Ende des Raums auf mich warten.

Der Esstisch ist das Schlachtfeld eines verlorenen Feldzugs. Das Schwarze in meiner Brust pocht im Rhythmus meines Herzens. Es ist ein Teil von mir. So wie Du kein Teil von mir mehr bist.

Ich schreibe Dir dieses Gedicht.

Es trägt den Namen, den Deine Seele trägt. Es heißt Pandora.

Hörst Du mich, Pandora?

Ach, eins noch: Hast Du meinen Schlüssel eigentlich hiergelassen, als Du gestern gegangen bist. Ich frag‘ ja nur…

FA: Ich habe in meinem Schlafzimmer die Fenster immer offen. Die frische, kalte Luft strömt in meine Lungen und ich fühle mich so hellblau. Ich fühle mich frei. Wenn ich ganz tief einatmen würde, würde ich alle Blumen aus meinem kleinen Garten in mich aufsaugen!

Ich schlüpfe in meinen Bademantel, den Du so hasst. Den ich so liebe. Ich fühle mich weich in meinem weichen Mantel. Ich bin ein Wesen aus Frottee und Fleece und ich lache, während ich in die Küche schlurfe.

Alles ist vorbereitet und ich muss nur einen Schalter umlegen. Und warten. Vielleicht zwanzig Sekunden. Ich hole tief Luft. Ich halte die Luft an, bis das Geräusch kommt.

Die Kaffeemaschine brummt leise und zieht mit einem tiefen, feuchten Atemzug Wasser in sich hinein. Ich atme aus. Alles funktioniert!

Ich bin so erleichtert, dass ich Dich verlassen habe. Ich kann Dir nicht in Worten beschreiben, wie ich neben Deinem Ego versauert bin. Wie ein Apfel neben einer Kartoffel.

Wusstest Du, dass man Äpfel und Kartoffeln nicht gemeinsam lagern darf? So wie Dich und mich. Der Apfel verströmt Ethylen. Die Kartoffel startet dann ihr Programm. Sie nimmt die Feuchtigkeit des Apfels und beginnt zu sprießen.

Darum sollte man Kartoffeln und Äpfel nicht gemeinsam lagern! Weil die Kartoffel dann auszutreiben beginnt. Sie beginnt, eine neue frische Pflanze zu werden. Und der Apfel daneben verfault und verschimmelt.

Genau so waren wir, weißt Du das? Ich war der Apfel und Du bist die Kartoffel!

Weißt Du überhaupt, was ich für einen Beruf habe, Kartoffel?

Denn das Du ein „Dichter“ bist und ein „Schriftsteller“, das weiß jeder!

Während Du Deine Tage voller Pein vor einem leeren Word-Dokument verbringst und stöhnst, stehe ich in der Klinik und putze Erbrochenes auf und lege Venenzugänge und tröste Angehörige und verabschiede mich von toten Patienten.

Menschen, die nichts dafürkönnen, dass sie tot sind.

Die gehofft haben, dass sie der Ausnahmefall sind.

Ich dachte, Du bist ein Ausnahmefall. Aber Du bist die Regel. Dichter, die sich quälen und nichts zu Datei bringen, sind die Regel. Die Welt ist voller Schriftsteller, wusstest Du das? Voller Menschen, die sich sagen: Ich sollte ein Buch schreiben!

Und keiner macht es! Und die, die es machen, machen es meistens schlecht. Kartoffeln können keine Bücher schreiben. Kartoffeln können erst austreiben, wenn sie irgendwelche doofen, naiven Apfelfrauen finden, die sie leersaugen können!

Oops. War das zu persönlich? Werfe ich Dich gerade vielleicht schöpferisch in eine Krise?

Oh! Das tut mir aber leid!

Dagegen ist der Tod vom kleinen Sven, dem ich versprochen hatte, er würde überleben, nur eine Kleinigkeit. Ich weiß.

Ich erinnere mich genau, wie ich gestern zu Dir gekommen bin. Schon im Aufzug wusste ich am Gestank Deiner Zigaretten, dass ich im richtigen Stockwerk bin. Man kann Dich von der Straße riechen, Dichter.

Ich sperre die Tür auf. Nebel. Ich gehe vorbei an Deinen Postern. „Atemlos“ mit Pierre Belmondo. Du Weichspüler-Existentialist. Und dann noch „Birdie“ von Alan Parker. Weißt Du, wie alt das ist? Wie alt Du bist?

Ich finde Dich nicht vor dem Rechner. Weil Du wahrscheinlich eine Krise hast.

HW: „Man kann eine gute Geschichte daran erkennen, dass das Wichtige zwischen den Worten versteckt ist“.

FA: Sagst Du. Und wenn man so vieles so wirklich so Wichtiges zu sagen hat wie Du, dann rutschen die Wörter vom Blatt und man hat ein weißes Blatt.

Du sitzt in der Küche. Und rauchst. Erstaunlich, wie jemand nur von Tiefkühlpizza und Rauch leben kann, aber Du lebst. Knapp. Aber doch. Das rieche ich daran, dass Du immer noch den Schlafanzug anhast.

Du begrüßt mich! Du bietest mir Wein an. Ich sage nicht Nein. Und Du bestellst uns Pizza. Und wir setzen uns an den Tisch und dann redest Du.

Du redest von Deinen Existenzängsten, von Deinem Kontostand, von Deinem unfertigen Buch und von Deinem anderen unfertigen Buch und Du redest von Deiner Lyrik und dem Buchmarkt, der keine Lyrik mag und Du redest davon, wie sehr Du Kurzgeschichten magst aber keine schreiben kannst und dass der Markt keine Kurzgeschichten verkaufen kann und Du redest darüber, wie schlecht Du immer schläfst und wie müde Du bist, wenn Du wach bist und Du redest und redest und redest!

Ich schalte ab. Ich schaue Dir beim Heulen und beim Sabbern zu. Ich verstehe kein Wort. Kein einziges Wort! Ich kann Dir nur sagen, was Du gesabbert hast, weil es immer das Gleiche ist.

Es klingelt an der Tür und während ich dem Pizzaboten aufmache, sabberst Du weiter. Bloß lauter.

Als ich in die Küche zurückkomme, sehe ich Dich auf einmal wie Du bist.

Du bist ein altes, weinerliches Baby. Deine Depression ist das kindliche Klagen, dass Du nicht die richtigen Spielsachen hast! Dein Leid ist das Leid, dass nicht mehr Mama und Papa Deinen Arsch abwischen, wenn Du auf dem Klo warst. Das kränkt Dich irgendwie.

Weißt Du, was gestern passiert ist? Weißt Du das, Kartoffel? Gollum? Pest? Vampir? Plage?

Gestern ist der kleine Sven gestorben. Gestern habe ich mein Versprechen gebrochen. Gestern war mir das Herz so schwer und ich hoffte, Du könntest vielleicht kurz ein Teil der Last mit mir tragen. Damit ich zwischendurch kurz aufatmen kann.

Aber dann habe ich erkannt, dass nicht Sven oder mein Versprechen diese Last ausgemacht hat. Sondern Du! Du warst die Last auf meinem Herzen.

Zwischen den Worten, die Du nie schreibst und nie schreiben wirst, ist kein Platz für mich. Oder Sven. Oder für echte Gefühle.

Lieber Gollum – ich glaube, ich bleibe bei diesem Namen, passt physisch am besten – auf einmal saß ich neben Dir und fühlte mich befreit. Weil ich mit einem Schlag wusste, dass Du mein Hauptproblem bist.

Jage Du weiter Phantome und Schatten!.

Mach‘ die Augen bloß nicht auf, damit Du sie besser sehen kannst!

Ich bin aufgestanden und habe gesagt: Ich gehe! Und ich komme nie mehr wieder!

Und ich habe den Schlüssel genommen, den Du mir gegeben hast und ihn in Deinen Aschenbecher gelegt.

So etwas Cooles und Befreiendes habe ich noch nie getan! Danke dafür, Gollum!

Und in warne Dich, wehe … Du schreibst mir ein Gedicht!

Dann,… dann komme ich noch einmal wieder und erwürge Dich doch noch!