Hysterisch oder frigide?


Wenn die Gebärmutter nicht genug Sperma bekommt, beginnt sie wild durch den Körper der Frau zu geistern. Klingt lächerlich, aber das war über Jahrtausende die geltende Vorstellung im Abendland.

Darum wurden Frauen auch hysterisch und mussten medizinisch behandelt werden. Zum Beispiel mit den ersten elektrischen Vibratoren.

Doch, was geschah, nachdem wir diese Vorstellungen abgelegt hatten, bedeutete für die Frauen immer noch keine Befreiung. Denn jetzt, als sie nicht mehr Angst haben mussten, hysterisch zu werden, mussten sie sich sorgen, frigide zu sein.


Download der Episode hier.
Musik: „Lust“ von Sister Soleil / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Vor ein paar Jahren gab es eine Film im Kino, der hieß „In guten Händen“. Und im Original hieß er „Hysteria“. Der handelte im Kern von der Erfindung des Vibrators. Und der Film kam irgendwie drollig und komisch daher. Süß irgendwie, wie sich da die viktorianischen Ärzte bemühen, ihre Patientinnen zu masturbieren.

Und irgendwie auch cooles Partywissen, dass der Vibrator eines der allerersten elektrischen Haushaltsgeräte war. Zwar nach der Nähmaschine, aber doch deutlich vor Bügeleisen oder Staubsauger.

Der eigentliche Witz des Films basierte darauf, dass den Ärzten nicht klar war, dass der Vibrator und die Reizung der Klitoris für die behandelten Frauen zum Orgasmus führte. Wir sehen also in diesem Film einen Haufen weibliche Orgasmen. Und das ist ja immer noch ein Tabu irgendwie. In Pornos zum Beispiel immer noch ein absolutes Randphänomen, beinahe schon ein Fetisch.

Und dann können wir über den Film schmunzeln, wie doof die doch waren in diesen lange vergangenen viktorianischen Tagen.

Aber die Wahrheit hinter dem Film ist eigentlich eher tragisch. Auf Englisch heißt er „Hysteria“, weil die Ärzte da ihre weiblichen Patientinnen gegen die Hysterie behandeln. Und die Hysterie ist eine Krankheit, die ausnahmslos nuuur Frauen trifft. Und die sich natürlich Männer ausgedacht haben.

„Hystera“ ist das griechische Wort für die Gebärmutter. Man wußte also durchaus schon in der Antike, dass Frauen dieses Organ haben und Männer nicht. Rätsel über Rätsel. Was macht denn dieses Organ so, für was ist es denn gut?

Die Vorstellung war: Wenn so eine Gebärmutter nicht regelmäßig mit männlichem Samen versorgt wurde, dann begann sie quasi aus Langeweile, durch den weiblichen Körper zu wandern.

Dann ist die Gebärmutter, weil unterversorgt mit Spermien, krank. Und wenn sie sich dann so durch den Körper frißt, dann kann sie schon einmal das Herz anfallen, das nannte man suffocatio. Oder sogar das Gehirn… das erklärt auch warum Frauen sich in den Augen der Männer oft so unterentwickelt verhalten, also quasi a bissl dumm.

Und das führt dann zu den bekannten Symptomen, die man Hysterie nennt.

Wenn also eine Frau nicht regelmäßig von ihrem Mann penetriert und mit Sperma versorgt wurde, dann wurde sie koooomisch.

Darum war der verbreiteste Ratschlag noch vor hundert Jahren, die Spinnerinnen einfach zu verheiraten. Und wenn sie aber auch in der Ehe nicht richtig mit Sperma versorgt wurden, dann eben medizinisch zu behandeln.

Noch 1913 schreibt der britische Arzt Havelock Ellis in seiner Arbeit „The Sexual Impulse on Women“, dass schätzungsweise 75 Prozent aller Frauen unter „Hysterie“ litten.

Und es gab nur eine Behandlungsmethode. Die sogenannte Beckenmassage. Die führte man solange durch, bis sich die Gebärmutter entkrampfte. Das nannte man den hysterischen Paroxysmus.

Noch einmal klarer zusammengefasst. Frauen an sich haben kein sexuelles Verlangen. Aber sie brauchen Spermien, damit ihr Körper richtig funktioniert. Ein weiblicher Orgasmus kommt in dieser Vorstellung überhaupt noch nicht vor. Überhaupt noch nicht im Bereich des denkbaren.

Den Ärzten in viktorianischen Praxen hatten in keinster Weise die Vorstellung, sie würden die Frauen zum Orgasmus bringen. Die Behandlung mit dem Vibrator hatte keinerlei sexuelle Bedeutung, sondern nur eine medizinische.

Das muss man noch einmal deutlicher sagen: Von der Antike bis in die Moderne, bis vor fast 100 Jahren glaubten wir hier im Abendland, dass es weibliche Lust nicht gibt.

Die Frau war nur ein Mittel zur „Triebabfuhr“ (Freudscher Begriff) des Mannes. Und wurde ohne Sperma krank. Da kriegt man doch heute noch das heulende Elend, wenn man über die Millionen von Frauen nachdenkt, die sich diesen Scheiß anhören mussten, oder?

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Und so begann natürlich auch Sigmund Freud seine Laufbahn mit der Behandlung der Hysterie. Er konnte dabei von Arbeiten an der Salpêtrière in Frankreich profitieren, die sehr umfangreiche Studien zur Hysterie anstellten.

Die sind zum Teil sehr gut mit Fotos demonstriert. Da sitzen die Studenten im Vorlesungssaal und eine besonders hysterische Frau wird vorgeführt. Jean-Martin Charcot, so der Chef dieser Studien, konnte die arme Frau dann in einen Starrkrampf versetzen und dann wurden live die verschiedensten Techniken ausprobiert. Natürlich Hypnose oder aber starke Magneten oder auch Elektroschocks.

Besonders stolz aber war man auf die Entwicklung der sogenannten Ovarienpresse. Das ist im Prinzip ein Gürtel, an dem Vorrichtungen sind, um an gezielten Stellen des Unterbauchs Druck auf die Gebärmutter auszuüben.

Diese Vorführungen, jeden Mittwoch, waren in Paris ausgesprochen populär. Da kamen nicht nur Journalisten oder Schaulustige, da kuckte auch die Haute-Vollèe zu. (also die Schickimickys) Besonders, wenn Charcot mit seiner Lieblings-Hysterikerin, Blanche experimentierte.

Doch Sigmund Freud wendet sich bald von den Vorstellungen und Idee Charcots ab. Er glaubt nicht, dass tatsächlich organische Vorgänge zu den gezeigten Verhalten führen. Er kommt zu dem Schluß, dass hier sozusagen psychische Vorgänge zu körperlichen werden. Er schlägt also vor, den Begriff „Hysterie“ durch „Konversionsneurose“ auszutauschen.

Und es ist auch Freud, der schon postuliert, dass auch die Frau durchaus sexuelles Verlangen hat. Und Lust empfinden kann.

Das ist an sich ja ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auf der anderen Seite macht Herr Freud dann auch gleich einen Schritt zur Seite, denn er entdeckt im Verhalten der Hysterikerinnen ein anderes Problem schlummern… (Drama)

Hysterikerinnen sind in ihrer Lust quasi blockiert, sie leiden an ihrer Frigidität. An der Unfähigkeit, einen Orgasmus zu haben.

Es ist schon wirklich bitter und irgendwie tragisch: Erst wurde den Frauen jahrhundertelang eingeredet, sie könnten eigentlich keine Lust empfinden. Und dann kommt Herr Freud, erfindet die Frigidität und auf einmal sind die Frauen wieder stigmatisiert, weil sie keinen Orgasmus haben können.

Denn natürlich ist ein weiblicher Orgasmus nur dann ein richtiger Orgasmus, wenn er beim Rein-Raus-Spiel geschieht. Es muss schon der Mann sein und sein Organ, dass die Lust bringt, sonst ist die Frau irgendwie gestört… klar oder?!

Erst hatte die Frau also frigide zu sein, was nicht ihrem Körper und ihren Bedürfnissen entsprach und jetzt ist es auf einmal die vaginale Orgasmusfähigkeit, die verlangt wird, was auch nicht ihrem Körper und ihren Bedürfnissen entspricht.

Und im Prinzip hat sich an der Situation auch nicht viel geändert in all‘ den Jahren. Immer noch reden wir nicht offen über Sexualität. Immer noch ist es nur der vaginale Orgasmus der zählt. Auch dafür liefert jede Porno-Seite auf die Schnelle tausendfache Belege.

Immer noch wissen viele Frauen nicht, dass es völlig normal ist, keinen vaginalen Orgasmus zu haben – das geht den aller allermeisten so. Die Vagina kommt fast ohne Nerven aus – Gott sei Dank – so eine Entbindung ist auch so schon eine verdammt qualvolle Aktion…

Es ist also immer noch so, Anfang des 21sten Jahrhunderts, dass Frauen und ihre Sexualität von Mythen bestimmt werden.

Googelt man „Vaginaler Orgasmus“, dann findet man Hunderte von schlauen Tipps. In fast jeder Frauenzeitschrift und in fast allen Fitnesszeitschriften kommen in regelmäßigen Abständen die neuesten Anweisungen heraus…

Denn natürlich muss sich die Frau den sexuellen Vorstellungen des Mannes anpassen. Und darum muss sie halt beim Rein-Raus-Spiel kommen, wenn sie eine reife, sexuell aktive Frau sein will. Danke, Herr Freud! Vielen Dank!

Um das Ganze dann noch mehr zu komplizieren, hat man jetzt auch noch den mysteriösen G-Punkt-Orgasmus dazu erfunden. Noch eine Art, wie man kommen können muss. Noch eine komische Erfindung der Männer, die – wenn man nachforscht – in keinster Weise irgendwie bewiesen ist. Die Forschung ist sich da überhaupt nicht sicher. G-punkt, G-punkt, was soll der Scheiß hab ich mich mein Leben lang gefragt, verdammt wo ist denn der? Nur um resigniert irgendwann zu dem Schluß zu kommen, das ICH sowas einfach nicht hab!

Und dann kam in letzten Jahren zusätzlich noch der wie ich finde, dämlichste Mythos hinzu, dass Frauen auch beim Analsex kommen können müssen – das wird langsam aber schon sehr dämlich, oder? Mal ganz abgesehen davon das ich vorher natürlich ein Anal-Bleaching gemacht hab.

Es sind immer noch wir Frauen, die rum eiern müssen, um rauszufinden: Wieviel Sex ist gut, wieviel Lust ist denn erlaubt und was will ich eigentlich? Und was will ich nicht.

Immer noch fragen sich seit hundert Jahren Frauen immer wieder: Bin ich frigide?

Und wenn man dann sucht und nachforscht als junge Frau, dann ist der Ofen gleich ganz aus. Denn das Allermeiste, was in den letzten 2000 Jahren über die Sexualität der Frau geschrieben wurde, sind Legenden. Märchen und Mythen. Immer immer noch.

Warum müssen sich eigentlich immer noch die Frauen anpassen? Warum müssen junge Frauen heute noch so viel Unsinn über die weibliche Sexualität lesen und hören? Und sich irgendwie minderwertig fühlen, wenn ihnen die Penetration immer noch keine richtige Lust bereitet?

Wäre es eigentlich nicht langsam an der Zeit, dass der Mann sein Verhalten ändert und nicht die Frau? Würde das nicht beide weiterbringen?

„Frauen, wir sind alle frigide! Frauen, wir sind alle hysterisch! Frauen, wir sind alle neurotisch!“ So hat es die französische Frauenrechtlerin Antoinette Fouque 1968 auf Plakate gedichtet. Ich finde, damit könnten wir jetzt 2018, 50 Jahre später, immer noch auf die Straße gehen!