Hypnose


Nicht erst die Forschung am Placebo-Effekt macht deutlich, wie machtvoll das Unbewusste wirklich ist. Die Hypnose ist ein schon seit Jahrhunderten bekannter spezieller psychischer Zustand.

Tatsächlich dürfte es sich sogar um eine sehr alte Kulturtechnik handeln, die sich dessen bedient, was wir als „Trance“ bezeichnen.

Wir schauen ‚mal, wie sich die Naturwissenschaft das so erklärt und ob man Angst haben muss, gegen seinen Willen hypnotisiert zu werden.


Download der Episode hier.
Musik „I Wanna Be“ von Quentin Hannappe / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Wir haben alle irgendeine Vorstellung von Hypnose, oder? Und die ist mittlerweile eher von Variete-Künstlern geprägt als von Medizinmännern oder Psychotherapeuten.

Da ist also ein Mensch – interssanterweise habe ich ausschließlich Videos mit Männern gesehen – das ist also ein Mann und der kann andere Menschen hypnotisieren. Wie genau, das bleibt uns ein Rätsel.

Manchmal verwendet er tatsächlich eine Uhr an einer Kette. Das ist im Zeitalter der Armbanduhr natürlich extrem oldstyle. Manchmal lässt er einen aber auch nur seinem Finger folgen. Oft wird man dazu aufgefordert, ihm in ein Auge zu kucken.

Und dann gibt es auch noch den überraschenden Ruck am Arm oder an der Hand oder den kleinen Schubser, das kleine Rucken am Kopf.

Und schon ist das Gegenüber hypnotisiert. In einem tiefenentspannten Zustand, sagt der Hypnotiseur. In einer Trance, sagen wiederum andere. Im Traum, im Schlaf – nicht umsonst ist hypnos griechisch für Schlaf. Auf jeden Fall ist das nicht ein Alltagszustand.

Und schon ist der Hypnotisierte den Befehlen des Hypnotiseurs machtlos ausgeliefert. Wenn er den Befehl erhält, ein eingebildetes Schokoeis zu essen, dann tut er das. Wenn sie den Befehl erhält, wie ein Huhn über die Bühne zu laufen, dann tut sie das.

Aber auch: Wenn der Hypnotiseur sagt, dass man nie wieder Lust verspürt, eine zu rauchen, dann klappt auch das. Einmal hypnotisiert, hat man unbewusst verankert, dass man keine Glimmstängel mehr braucht.

Oder, aber auch: Der Bösewicht hat in jemandem einen hypnotischen Befehl vergraben, der durch einen bestimmten Code nach Jahren wieder ausgelöst wird und den sogenannten „Schläfer“ dann wieder zum Killer macht.

Gerade kürzlich vorgemacht in „Captain America: Civil War.“ Der Bösewicht ist Daniel Brühl und er macht aus dem Kumpel von Captain America durch einen Code in Russisch wieder eine Kampfmaschine auf Seiten der Nicht-so-richtig-Guten.

Dazu spricht er einfach ein paar zusammenhanglose russische Wörter, eine Art Zauberformel und schon passiert die Verwandlung. Nicht umsonst haben sowohl die Sowjets als auch die Amis in die Hypnose-Forschung viel Zeit und Aufwand gesteckt.

Die Hypnose gibt also dem Hypnotiseur Macht über den Hypnotisierten. Das ist die Kernthese.

Na ja, dann sollten wir die einmal prüfen… Ist da etwas Wahres dran, oder ist das ein moderner Mythos? Nur ein billiger Schaustellertrick oder eine echte Chance in der Therapie?

Die Antwort ist natürlich nicht einfach Ja, Nein, Nein, Ja. Sonst würde es sich auch nicht lohnen da ne Sendung draus zu machen. Das Spannende an der Hypnose ist, dass wir so ganz genau nicht wissen, was da passiert. Obwohl es durchaus eine Reihe von interessanten Studien gibt. Auch mit bildgebenden Verfahren. Hirnscans, sozusagen.

Wenn wir von Hypnose sprechen wollen, dann müssen wir erst einmal ein paar Begriffe klären. Darüber reden, wie wir uns und unser Bewusstsein so wahrnehmen.

Wir haben da in unserer Kultur ein Bild entwickelt, dass wir alle auch in uns tragen. Es ist diese Vorstellung, die speziell bei der Hypnose für das Staunen sorgt.

Mit Beginn der Renaissance haben wir begonnen naturwissenschaftliche Studien im heutigen Sinn zu betreiben. Das erste Augenmerk galt dem Menschen selber. Eine der Wurzel der Wissenschaft ist die Pathologie.

Da Vinci, Michelangelo, Galileo – alle haben sie Leichen seziert, um zu erfahren, wie denn der Mensch eigentlich so funktioniert. Aus was für Komponenten er besteht. Welches Organ welche Funktion hat. Im Mittelalter gab es immer noch Menschen, die wie die alten Griechen, die Leber für den Träger der Seele hielten.

Nun, das glauben wir nicht mehr. Aber wir glauben, dass wir mit unserem Körper eine Einheit von Komponenten mit verschiedenen Aufgaben sind. Die Leber trägt nicht mehr die Seele, sie ist unsere größte Verdauungsdrüse. Die entscheidet, welche Nährstoffe verwendet werden und welche nicht.

Und wie die Leber haben auch andere Organe ihre Funktion. Die Niere, die weißen Blutkörperchen, die Lymphe oder meinetwegen die Darmzotten. Wir sind, das haben Jahrhunderte von Forschung dargelegt, gut funktionierende Bio-Maschinen.

Das ist im Prinzip auch die Basis der Medizin. Der Patient fühlt sich unwohl, das betroffene Organ wird ermittelt und dann mit den richtigen Medikamenten behandelt. Funktioniert ja auch soweit bisher supergut.

Doch Ende des 19ten Jahrhunderts wurde die Lücke in dieser Vorstellung offenbar. Und das verdanken wir, wie schon einmal erwähnt, eigentlich den Hysterikerinnen. Die Erforschung dieser Erkrankung war der erste Ziegel im Haus der Psychoanalyse. Und Freud hat übrigens selber mindestens 10 Jahre lang Hypnose als Behandlungstechnik entwickelt und angewendet.

Jetzt entstand ein Bild von unserem Bewusstsein. Eigentlich sogar viele Bilder von unserem Bewusstsein. Das Vulgärmodell funktioniert ungefähr so: In uns wohnt eine Instanz, die wir Bewusstsein nennen. Das wird auch gerne mit dem Verstand oder sogar der Ratio gleichgesetzt.

Auch jetzt, nach 150 Jahren Psychotherapie und Psychoanalyse glauben die meisten Menschen, dieser Verstand würde ihr Handeln bestimmen.

Man muss sich nur seine Probleme genau anschauen, das Gesehene analysieren, die geeigneten Maßnahmen erkennen und danach handeln – schon hat man sein Leben im Griff.

Psychisch Kranke, Drogenabhängige, Raucher, Säufer – alles Menschen und Personen, die das halt nicht richtig machen… Looser eben!

Ich aber, ich schaffe das. Ich und mein Körper. So sagen wir das. Mein Körper. Da ist also ein „Ich“ das einen Körper hat. Der Verstand ist also der Besitzer der Bio-Maschine.

Wir sind also zwei. Der Verstand und der Körper. Diese Vorstellung haben wir verinnerlicht. Und diese Vorstellung haben wir auch gebraucht, um aus Zeiten heraus zu kommen, in denen die Magie herrschte. In der man verfluchen konnte und verhexen. In der in der Kirche beim Abendmahl Wunder geschahen.

Weil magisches Denken unfrei macht, haben wir mit der Ratio zugeschlagen und uns befreit. Und dabei übrigens die Hypnose, die Trance, die Verinnerlichung und die lange Tradition der Mystik gleich mit… schade! Und, nebenbei, ohne die Möglichkeit religiöse Erfahrungen zu machen, die christliche Religion ungeheuer geschwächt. Kann man dazu stehen, wie man will.

Und dann kommen so Menschen wie Jean-Marie Charcot oder Sigmund Freud oder meinetwegen auch Franz-Anton Mesmer und entdecken die Hypnose neu.

Der Mensch, der auf Befehl seinen Willen aufgibt, ist das Spottbild des Rationalisten. Natürlich verdrängen wir das in die Kasperl-Theater-Ecke unserer Gesellschaft. Natürlich ist das eine Zirkusnummer und keiner nimmt das Ernst.

Denn das, was in der Hypnose passiert, ist tatsächlich ein Trance-Zustand. Und als brave Rationalisten mögen wir keine Trance. Das ist den Hippies vorbehalten oder schamanischen Indigenen, die um ein Feuer tanzen. Oder Peyotl kauen. Pilze und so ihr wisst schon… Alles Humbug.

Doch unser Bild von Trance ist einfach ein Falsches. Das ist kein drogeninduzierter Rauschzustand.

Denn auch in unserem aufgeklärten Bild vom Menschen gibt es ja noch dieses Unbewusste. Oder Unterbewusste. Bei „Unterbewusstsein“ wird die Wertung schön deutlich.

Und das, so glauben wir, nimmt viel mehr Eindrücke auf. Dahin verdrängen wir Unangenehmes, dort lauern dunkle Triebe, das produziert Emotionen, die wir nicht wollen. Das Unterbewusste hat so einen schlechten Ruf, dass es in einer amerikanischen Studie die Mehrzahl der Befragten irgendwo im Bauch vermuten.

Die Forschung zeichnet ein anderes Bild.

Eines, das nicht so toll aussieht für den großen Entscheider im Kopf, der seinen Körper als Besitz bezeichnet. Wenn wir vor Entscheidungen stehen, dann hat unser Unbewusstes schon alles durchexerziert und präsentiert dann der Stimme im Kopf, die immer „Ich“ sagt, eine längst gefundene Lösung. Oder vielleicht zwei.

Unser Unbewusstes trägt den Löwenanteil der Arbeit, während unser „Ich“ sich mit Hypothesen und Konjunktiven und Assoziationen beschäftigt…

Ein Trance-Zustand ist in diesem Modell einfach ein Zustand, in der das „Ich“ also der Verstand einfach ‚mal die Klappe hält. Das bedeutet nicht, dass man Erleuchtung erfährt oder zum geistlosen Zombie wird.

Trancezustände sind alltäglich und jeder hat sie mehrmals am Tag. Das kann bei der Vertiefung in eine spannende Lektüre stattfinden oder beim Autofahren – keine Angst, dass Unbewusste fährt eh‘ besser Auto – oder einfach beim Tagträumen… gut geeignet ist übrigens auch die gewöhnliche Hausarbeit!

Trance ist somit auch kein Schlafzustand, sondern, im Gegenteil, ein Zustand von konzentrierter Aufmerksamkeit.

Und Trance ist natürlich so alt wie die Menschheit selber. Tänze, Gesänge oder Gebete in beinahe allen Kulturen sollen uns helfen, so einen Zustand zu erreichen. Die Meditation oder das Autogene Training sollen eben genau dieses laute „Ich“ im Kopf ein bischen leiser drehen.

Und genau das passiert in der Hypnose. Das kann man auf Hirnscans recht deutlich sehen. Die Trance ist im Kern ein Zustand, in dem wir uns selber genau beobachten. Das können manche Menschen besser als andere, aber das kann man eben auch üben.

Bei der Hypnose passiert es, dass der Hypnotisierte sich freiwillig in so einen Zustand versetzen lässt. Der Hypnotiseur löst das nicht aus. Und kann das auch nicht auslösen gegen den Willen des Gegenübers.

Wenn diese Fähigkeit da ist und der Wille bei der Hypnose mitzumachen, dann ist der Hypnotiseur nichts anderes als ein Fremdenführer ins eigene Unbewusste. In die eigene Trance. Die, entgegen der Wortbedeutung von „hypnos“ ein sehr wacher Zustand ist.

Es klingt befremdlich, aber wenn wir hypnotisiert sind und dann scheinbar auf Anweisung wie ein Hühnchen auf der Bühne herumhüpfen, dann machen wir das im Prinzip, weil wir das in diesem Augenblick selber für eine echt tolle Idee halten!

Das wäre Erkenntnis Nummer eins: Man kann nicht gegen seinen Willen hypnotisiert werden. Wir müssen schon ein ordentliches Maß an Vertrauen in den Hypnotiseur mitbringen. Und vor allem aber auch den Wunsch mitzumachen.

Das ist die eigentliche Leistung von Bühnen-Hypnotiseuren: Die Kandidaten im Publikum ausfindig zu machen, die hypnotisiert werden können und wollen. Das sind oft auch die mit der besseren Vorstellungskraft, wie man das gemeinhin so nennt.

Das führt zu Erkenntnis Nummer zwei: Es gibt keine posthypnotischen Befehle. Es Funktioniert einfach nicht einen Menschen entgegen seinem Willen oder Wissen zu hypnotisieren, also praktisch soo fernzusteuern! Tatsächlich haben sich umfangreiche Programme im Kalten Krieg mit dieser Theorie beschäftigt. Ein Spion, der nicht einmal selber weiß, dass er ein Spion ist, das wäre schon eine feine Sache.

Im Real Life hätte Bucky, der Kumpel von Captain America, einfach zu Daniel Brühl gesagt: Ääh, Wie bitte?

Verlassen wir also die Welt der Mythen, jetzt ohne Angst davor, jemals gegen unseren Willen hypnotisiert zu werden. Bleibt noch eine dritte Frage offen. Was bewirkt denn die Hypnose in der Therapie?

Und darauf gibt es zwei Antworten: Vieles und nichts.

Der direkte Weg, die Hypnose einzusetzen, wäre ja, jemandem in der Hypnose zu erklären, dass er keine Zigaretten braucht. Das er nie wieder den Wunsch hat, eine zu rauchen.

Und nachdem, was wir oben gesagt haben, wenn der Hypnotisierte das will, sich sozusagen unter Anleitung des Fremdenführers selber in Trance zu begeben, dann könnte das klappen, oder?

Klappt auch am Anfang hervorragend. Aber, nicht durch einen posthypnotischen Befehl, sondern durch eine suggestive Konditionierung während der Hynose. Deshalb klappt es dann auch nicht zuverlässig, denn autosuggestive Befehle nach der Hynose funktionieren eben auch nicht unbedingt, obwohl der Betreffende meint den Willen dazu zu haben. Es gibt dazu sogar mehrere Studien, aber das Fazit ist das Gleiche: Die Rückfallquote bei Menschen, die mit Hypnose das Rauchen aufgegeben haben, ist identisch mit der von Menschen, die andere Methoden verwenden.

Noch ein Grund mehr, keine Angst zu haben.

Aber: Nachdem die Hypnose nach dem Weltkrieg in psychotherapeutischen Praxen praktisch keinen Platz mehr hatte, ist sie jetzt wieder da.

In den Fünfzigern und Sechzigern wollte man die Psychotherapie vom Zigarrenqualm eines Sigmund Freud befreien und schmunzelte über seine Theorien. Penisneid, hihihi…!

Doch mittlerweile gibt es durchaus einige ernsthafte, gut ausgebildete Psychotherapeuten, die hypnotische Zustände in der Therapie einsetzen.

Um einen Zugang zu finden zu Bereichen des Unbewussten, die vielleicht durch Traumata oder Ängste oder Scham nicht so leicht zugänglich sind.

Aber das findet eben in Zusammenarbeit mit den Patienten statt und nicht gegen deren Willen. Die sind dann von dem Gefundenen auch nicht völlig überrascht. Die wisssen schon, dass das Fundstücke aus ihrem Innenleben sind und nichts von Außen Aufgezwungenes.

Die Hypnose hat, wenn wir unsere mögliche Angst davor ein bisschen abbauen, vielleicht eine große Zukunft in der Therapie. Wenn wir nur verstehen, dass wir selber es sind, die diesen wachen Bewusstseinszustand erreichen wollen, in der das „Ich“ brav leise ist. Wenn wir verstehen das diese konzentrierte Ruhe in uns nur möglich ist, wenn nicht pausenlos und ohne Unterlass, Unmengen von Gedanken uns in die Parade fahren.

Am meisten fasziniert haben mich ja in den Videos, die ich bei der Recherche angekuckt habe, die Menschen, die etwas Imaginiertes gegessen haben. Eben das schon erwähnte Schokoeis.

Nach allen Erkenntnissen, die wir haben, haben die das wirklich genossen. Im Hirn hat das Gleiche stattgefunden, als würden sie wirklich ein Eis essen.

Sie haben die Süße im Mund, die Lippen spüren die Kälte, im Mundraum zergeht das ganz Eis dann in etwas Weiches, Sahniges und dann spürt man beim Schlucken noch so eine Kühle im Hals.

Ist das nicht fantastisch, wenn man das jederzeit und jederorts machen könnte? Ohne ein Eis kaufen zu müssen? Und ohne Kalorien zählen zu müssen?

Wie gesagt, ich glaube, die Hypnose hat noch eine große Zukunft!