Holbox



„Kein Kriegsplan überlebt den ersten Zusammenstoß mit dem Feind!“ Hat angeblich Rommel gesagt. Oder Clausewitz, je nach Quelle. Wahr ist es natürlich auch im Zivilleben: „Denn erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.“

Eine Erfahrung, die auch die Erzählerin unserer heutigen Geschichte machen muss, die akribisch jedes Detail ihres kleinen Fluchtplans durchdacht und organisiert hat.

Nur, um dem verhassten Ritus mit Namen „Weihnachten“ zu entkommen und stattdessen auf einer kleinen Insel in der Karibik in der Sonne zu bräunen. Doch nun hat sie uns, 13 Jahre später, ein Geständnis zu machen…


Download der Sendung hier.
Background-Musik im Werbeclip: „Ukulele“ von Bensound / CC BY-SA 3.0
Musiktitel: „Meanwhile“ von Roller Genoa / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Viel Spaß mit eurem Weihnachten! Viel Spaß dabei, im Schneematsch ‘rum zu stapfen! Viel Spaß auch mit zu viel Essen, mit zu viel Klebkuchen, staubigen Spekulatius, eklig süßen Dominosteinen und – am schlimmsten – mit den misslungenen eigenen Plätzchen-Kreationen!

Viel Spaß auch bei der jährlichen Schauspiel-Show: Die, wo man so tut, als würden auch noch die dämlichsten Geschenke einem einen Herzenswunsch erfüllen, den man bloß noch nie gestanden hat.

Und viel Spaß auch mit der Verwandtschaft, die einmal im Jahr einfällt wie die Heuschrecken, bloß um sich dann an Heilig Abend halb betrunken zu streiten. Und die dann die Wohnung drei Tage später verwüstet verlässt, als wäre das eine Tradition. Haben nicht schon die Heiligen Drei König Handgranaten, Abrissbirnen und Müllsäcke mit an die Krippe gebracht?

Ich, meine Lieben, ich wünsche euch auf jeden Fall jetzt schon: Viel Spaß! Fröhliche Weihnachten euch allen! Feiert schön ohne mich, denn ich bin dann mal weg! Weit weg! Auf einer Insel vor der Küste von Mexiko!

Da werde ich dann vor meiner kleinen Hütte sitzen und genussvoll aus einer Kokosnusshälfte meinen Longdrink schlürfen. Während ihr also in irgendeiner Kirche, euch die Beine in den Bauch steht und euch fragt, wie die das machen, dass es in der Kirche immer fünf Grad kälter ist als draußen – zum genau gleichen Zeitpunkt werde ich in der Sonne bräunen und noch einmal ein Mittagsschläfchen halten! Lebt wohl! Bis nächstes Jahr!

So. Das war ungefähr mein Auftritt, als ich meinen Freundinnen verkündete, dass ich mich absetzen würde. Dass ich eine Weihnachts-Aussteigerin bin! Dass ich die Nase endgültig voll habe von diesem heuchlerischen Fest, das mit einem seltsamen Kult zu tun hat, von dem ich auch die Nase endgültig voll hatte.

Starke Worte, doch auch tief empfunden. 2005 war wirklich nicht mein Jahr gewesen. Ein lausiges Jahr. Ich hatte mein Studium fertig und sofort einen Job gefunden. Aber schon nach drei Monaten wurde mir klar: Wenn ich das mein Leben lang mache, dann drehe ich einfach durch!

Human Resources hieß damals noch Personalverwaltung, aber es machte mich sofort wahnsinnig. Ich hatte einfach nicht den dazu nötigen siebten Sinn für himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Dann hatte ich mich von meinem Freund getrennt, nachdem er um meine Hand angehalten hatte und ich, ganz spontan, mit „Nein, auf keinen Fall!“ geantwortet hatte. Wir waren sieben Jahre zusammen und er hatte noch immer nicht gelernt, dass ich alle Sentimentalitäten verabscheue.

Wie zum Beispiel bei der Hochzeit meiner Schwester um meine Hand anzuhalten. Mit auf die Knie gehen und mit Ring. Die ganze Ami-Schnulzenshow. Für mich war das schlicht, emotionale Erpressung.

Es war wirklich kein tolles Jahr gewesen und ich hatte einen Psychotherapeuten gesucht, der mithilft. Aber die ersten beiden Versuche waren entmutigend. Der Erste war ein Esoteriker par excellence, der mir irgendwelche schamanischen Rituale aufschwatzen wollte und die Zweite heulte jedes Mal, wenn mir die Tränen kamen, mit. Nur heftiger. Am Ende musste ich sie trösten.

Alle anderen Schrecklichkeiten lasse ich hier einmal weg, aber das gibt einen Eindruck davon, was für ein beschissenes Jahr 2005 für mich war, oder?

Und das wollte ich nicht auch noch mit dem Fest beenden, vor dem ich mich eh schon das halbe Jahr fürchtete. Mit Scheiß-Weihnachten!

Also. Jetzt, wo ihr meine Motive versteht, hier also die Geschichte, die dazu führte, dass ich hier und heute zum ersten Mal ein großes Geständnis machen muss.

Aber zuerst zu meinem persönlichen Weihnachts-Gegenentwurf, laut Prospekt:

„Türkises Meer, weißer Sand unter den Füßen und eine Geräuschkulisse die lediglich auf Vogelschnattern beruht? Auf der karibischen Insel Isla Holbox findest du genau dieses paradiesische Gefühl. Holbox ist der perfekte Ort, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen und die Augen zu schließen.

Eine karibische Insel vor der mexikanischen Halbinsel Yucatán, knappe 45 km lang, nur 2 km breit. Ein kleines Inselparadies sozusagen. Keine nervigen Autogeräusche, denn auf der Insel gelten als Fortbewegungsmittel Fahrräder oder kleine Golfcarts. Autos siehst du hier nicht. Dafür aber einen ellenlangen Strand aus weißer Farbe, nahezu kristallklares, türkisfarbenes Wasser soweit das Auge reicht und zig Palmen die das Bild vor deinen Augen komplett machen. Ein paar Möwen und Pelikane, die vereinzelt auf Holzpfählen in die Weite des Meeres starren, auf der Suche nach einem kleinen Snack zwischendurch… und du mittendrin. Augen zu und Relax-Modus an.“

Das war mein Gegenentwurf! Holbox! Ein Paradies zum Mieten!

Und ich hatte tatsächlich eine kleine Hütte gemietet. Am 22.12. sollte mein Flieger gehen und ich hatte generalstabsmäßig alles organisiert. Ich hatte eine Checkliste, auf der ich die verschiedenen Checklisten auflistete, durch die ich mich durcharbeitete – in Wirklichkeit war das sogar ein kleines Büchlein, mit dem ich ständig rumlief.

Den Freunden von meinem Plan vorschwärmen? Check!

Na gut, war mehr eine Hasstirade auf Weihnachten geworden.

In der Yoga-Gruppe allen von dem Plan vorschwärmen? Check!

Obwohl ich es eigentlich hauptsächlich Martin erzählt habe. Dem Trainer, auf den ich ein Auge geworfen hatte.

Die Familie enttäuschen und ein halbes Jahr nicht mehr mit meiner Mutter sprechen? Check!

War weniger schlimm als gedacht und die Funkstille genoss ich schon fast.

In der Arbeit alle grün machen vor Neid? Check.

Hat sehr gut geklappt. Hier konnten alle sofort meinen Plan verstehen.

Die Katze bei meiner Schwester weiter versorgen lassen und sie bemitleiden, weil unsere Eltern dieses Jahr bei ihr die Wohnungstüren durch Zuknallen ruinieren würden? Check.

Das einzige Wesen auf der Welt, das mir mehr leidtat als ich mir selber. Also, ich meine die Katze, nicht die Schwester.

Alles, alles, alles war gecheckt. Morgen um 7:45 Uhr sollte der Flieger gehen und auf der letzten Checkliste waren kaum noch Punkte abzuhaken. Einer der Punkte war: Reisepass einstecken.

Also ging ich zur Kommode, holte die Kiste mit den Dokumenten raus und… na, da war er komischerweise nicht. Ich schaute im Kleiderschrank, in den Klamotten, die ich das letzte Mal anhatte, als ich aus Marokko zurückgekommen bin. Kein Pass.

Dann ging ich meine Aktenordner durch, wo die Verträge und Policen abgeheftet waren, irgendwann hatte ich ihn auch in einer Klarsichthülle abgeheftet. Wieder nichts.

Ich erweiterte den Such-Durchmesser und öffnete jedes Fach, jede Schublade, jeden Schrank.

In dem sehr verzweifelten Moment, als ich das Gefrierfach vom Kühlschrank öffnete, um nach meinem Reisepass zu suchen, wusste ich, dass ich ein sehr, sehr ernstes Problem hatte.

Also begann ich alles, wirklich alles aus den Schränken einzeln in die Hand zu nehmen und danach auf den Boden zu legen. Jedes Stück Kleidung, jeden Ordner, ich blätterte durch jedes Buch, das ich besaß und ich hatte wirklich viele Bücher.

Vier Stunden später sitze ich in einer komplett verwüsteten Wohnung und denke mir beim Anblick von dem ganzen, unnützen Krempel: Viel schlimmer hätte der Besuch meiner Familie auch nicht ausfallen können!

Eine eindringliche Stimme in mir schreit verzweifelt: „Du musst nach Holbox! Du musst unbedingt da hin! Holbox oder Tod! Du musst diesen Pass finden!“

Doch ich höre die Stimme nicht mehr, die schrie mich nämlich schon seit vier Stunden an. Stattdessen nehme ich vom Küchenboden die Flasche Whiskey und hole unter dem Stuhl ein Glas. Dann nehme ich von den Eiswürfeln, die in der Spüle schmolzen und setze mich in den ganzen Verhau.

Und ich sage zu mir selber, nicht im Kopf, sondern laut: „Du wirst nicht nach Holbox fliegen!“ Dann fange ich hysterisch an zu weinen und schlafe mitten in dem Chaos ein.

Ich hatte sehr hoch gepokert mit meinem Fluchtplan und nun den ganzen Einsatz verloren. Ich würde an Weihnachten alleine sein. Meine Freunde vermuteten mich in Holbox, zu meiner Schwester kann ich natürlich auch nicht gehen – siehe Verwandtschaft – und auch sonst war nicht mehr schnell ein anderes Versteck zu buchen am Morgen von Heilig Abend.

Ich müsste mich hier in der Wohnung verschanzen und keinem sagen, dass ich nicht verreist bin!

Niemals an Telefon gehen, am besten das Handy ausschalten – social media war ja 2005 noch kein Problem – und eine Woche lang fernsehen und sich vom Pizzadienst beliefern lassen.

Denn das Haus konnte ich nicht verlassen. Frankfurt war zwar eine Großstadt, aber hier in meiner Ecke vom Westend kannte ich schon einen Haufen Leute nach sechs Jahren.

Trotzdem würde ich das Haus in dieser Woche noch verlassen. Am 27.12. zog ich eine große Sonnenbrille an und einen alten Trainingsanzug mit einem Hoodie, den ich mir tief ins Gesicht zog und schlich mich zum U-Bahnhof. Und fuhr so ins Bräunungs-Studio.

Heilig Abend und die beiden Feiertage hatte ich immerhin schon durchgehalten in meinem Versteck. Obwohl alle Filme im Fernsehen unerträglich gewesen waren und Netflix oder Amazon gab es ja noch nicht.

Also: Warum jetzt aufgeben? Warum allen erzählen, wie großartig ich gescheitert war?

Nein! Kommt nicht in Frage! Ich würde allen erzählen, ich wäre wirklich in Holbox gewesen! Knallebraun würde ich am ersten Arbeitstag wieder in der Arbeitsgruppe auftauchen und allen schamlos vorschwärmen. Und abends dann auch dem Martin und der Yoga-Truppe.

Postkarten gab’s keine, weil es auf Holbox kein Postamt gibt, sorry!

Und so schlich ich dann wirklich täglich ins Bräunungs-Studio, um eine karibische Bräune zu entwickeln. Und zuhause saß ich vor meinem iMac G4, das ist die weiße Halbkugel gewesen, kennt ihr den noch?

Egal, ich suchte also das Internet nach Informationen über Holbox ab. Und wie das Wetter an welchem Tag gewesen war. Und ich phantasierte mir eine komplette Lügengeschichte zusammen, die ich dann erzählen würde.

So viel Stolz musste mir das Jahr 2005 übriglassen!

Ein bisschen Selbstwertgefühl muss auch mir gestattet sein!

Ich kann nicht auch noch glorreich bei meiner Rebellion scheitern!

Da könnte ich mir selber nicht mehr ins Gesicht schauen.

Am 3. Januar also, als ich schon dunkelbraun geröstet war, verkündete ich erst einmal meiner Familie meine Wiederkehr von der wunderschönsten Insel der Welt. Und wie superangenehm das wahr, dass es da keine Autos gibt.

Dann beeindruckte ich meine Kolleginnen mit einem faszinierenden Bericht, wie ich diese neue, supercoole Sportart gelernt hatte, die „Kite-Surfen“ heißt. Hatten die alle noch nicht gehört. So wie ich ja zwei Tage vorher auch nicht.

Und abends quasselte ich Martin, den Yogalehrer, mit meinen tollen Naturerlebnissen voll. Wie das gewesen war mit dem Motorboot rauszufahren zu den Wal-Haien, den größten Fischen der Welt. Und wie mich dabei auf einmal so eine Verbundenheit mit dem Meer erfüllt hat, als ich deren Eleganz und Größe bewunderte.

Und diese Lügengeschichten habe ich jetzt 13 Jahre durchgehalten. Jede Person, die ich kenne, glaubt bis heute, daß ich Weihnachten 2005 auf Holbox verbracht habe.

Sogar mein Mann – nein, ich bin nicht verheiratet, keine Angst: Sentimentalitäten machen mir immer noch Pickel. Ich nenne ihn halt meinen Mann. Aber… der macht mir echt Probleme!

Ich hatte ihn bis jetzt ja auch immer angeschwindelt und ihm erzählt, wie befreiend das war und wie toll. Und das Holbox für mich immer der schönste Platz auf der Welt sein würde.

Tja, und jetzt hat er mir letzten Monat, zu meinem Geburtstag einen Kurzurlaub auf Holbox geschenkt. Über Weihnachten. Und er hat alles schon geklärt mit meinem neuen Job, mit der Familie und mit meinen Freundinnen.

Monatelang hat er das hinter meinem Rücken heimlich organisiert!

Ehrlich, ich frage euch, die ihr jetzt Mitverschwörer seid, die ihr jetzt mein dunkles Geheimnis kennt:

Wie schafft er das nur, mich, seine Lebens-Partnerin, sooo lange chronisch anzulügen?

Na ja, wenn ich Glück habe, dann kommt vielleicht der Reisepass nicht rechtzeitig, den ich vor drei Wochen beantragen musste…

…denn mein Alter war abgelaufen. Der war übrigens in dem Büchlein mit den Checklisten. Das einzige Ding, welches ich bei meiner Suche nicht gecheckt hatte.