Hogwarton



Ein junger Mann und sein Mentor lassen noch einmal die letzten Jahre Revue passieren. Die letzten Jahre seiner Behandlung in der Nervenheilanstalt Hogwarton. (Ähnlichkeit zu bekannten Figuren aus millionenfach verkauften Bestsellern ist natürlich beabsichtigt.)


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Potter Puppet Pals: The Mysterious Ticking Noise


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Die Geschichte zum Lesen

Als der junge Mann den Haselnusszweig auf den Grabstein gelegt hat, hört die Lerche auf zu singen. Er und sein Begleiter stehen vor dem Grab und schweigen. Die Inschrift lautet: „Hier ruht Albus Dumbledore, Hausmeister in Hogwarton von 1959-2001“

Das unauffällige Grab liegt am Rande des kleinen Friedhofs der Nervenheilanstalt von Hogwarton. Von allen Gräbern ist es das gepflegteste in der Reihe. Die beiden Besucher blicken nachdenklich auf den Zweig, als der junge Mann sagt:

„Er war der gütigste Mensch, den ich kannte. Er hatte immer für mich Zeit und hat nie versucht, mir meine Ideen auszureden. Er hat mir den Zweig gegeben und gesagt: Damit wirst Du noch große Dinge leisten, Harry! Du wirst schon sehen!“

„Und Du hast gedacht, es wäre ein Zauberstab, stimmt’s?“ Der Mann an seiner Seite streicht sich mit dem Taschentuch über seine Glatze.

„Ja, Mr. Riddle, natürlich. Es war ja auch ein Zauberstab, oder etwa nicht?“

„Ach, Harry, natürlich war es für Dich ein Zauberstab. Aber Albus war nicht aktiver Teil Deiner Projektionen, er hat Dir bloß nicht wiedersprochen.“

„Er war die Seele dieses Orts, Herr Riddle. Seit er tot ist, ist der Ort nicht mehr der Gleiche.“

„Ich bin mir sicher, er wäre sehr erleichtert zu sehen, wie Du außerhalb der Mauern von Hogwarton ein neues Leben aufbaust. Wenn er sehen könnte, dass Du komplett geheilt bist und jetzt eine glücklicher Teil der Gesellschaft werden kannst.“

„Glücklich war in Hogwarts durchaus! Das war wahrscheinlich die glücklichste Zeit meines Lebens! Ich hatte alles, was man als Junge nur braucht! Ich hatte gute Freunde, Abenteuer, Rätsel, Magie und ich hatte Sie als meinen bösen Gegenspieler. Sie können mir glauben, dass ist viel einfacher, um sich zu orientieren wie die kalte Welt von Hogwarton.“

„Aber die Realität ist doch nicht nur schlecht! Deine Phantasien waren für Dich zum Teil so realistisch, dass wir und Sorgen um Deine körperlich Gesundheit machten! Mehr als einmal mussten wir Dich in eine Art künstliches Koma versetzen, damit Du Dich nicht selber verletzt!“

„Nein, Hogwarts hatte auch schreckliche Seiten. Aber immerhin hatte meine Geschichte da Sinn.“

„Oder, kannst Du Dich erinnern, wie Du, ganz am Anfang, am Bahnhof so lange gegen eine Wand gerannt bist, bis Du ohnmächtig warst?“

„Aber das habe ich doch jedes Jahr gemacht, das habe ich bloß nicht mehr erzählt.“

„Und dann dürfen wir nicht die Depressionen vergessen, die Dich in Deiner Zauberwelt ja genauso verfolgt haben, wie in der echten Welt auch.“

„Sie meinen die Dementoren.“

„Ja. Ein perfektes Bild für Depression, wie sie einem die Lebensfreude aussaugen. Deine Phantasiei ist erstaunlich.“

„Ja, aber mein Hauptgegner waren Sie, Herr Riddle.“

„Weißt Du eigentlich, von wem die Idee stammte, Dich nicht davon abzuhalten, mich als Deinen Gegenspieler zu benutzen?“

„Nein. Von wem?“

„Von Pfleger Snape. Der dachte, wenn Du eine Mission hättest, dann würdest Du nicht aufgeben. Wenn Du gebraucht wurdest, um gegen das verkörperte Böse zu kämpfen, dann bestünde keine Gefahr, dass Du Dir etwas antust. Und er hatte ja recht.“

„Ja, vielleicht. Es tut mir trotzdem sehr leid. Pfleger Snape habe ich ja auch lange Jahre für eine Macht des Bösen gehalten.“

„Du brauchst Dich für Nichts schämen, Harry. Als Du hier angekommen bist, nach all den Traumata, die Dir Deine Eltern angetan haben, indem sie Dich Deine Kindheit über unter der Treppe gehalten haben wie ein Tier, dachte keiner …

Also keiner hatte so etwas Widerliches gesehen. Du hättest Deinen geschundenen, unterernährten Körper sehen sollen. Keiner von uns hatte so etwas schon einmal erlebt. Wir dachten alle nicht, dass für so eine gequälte Seele überhaupt Heilung möglich ist!“

„Trotzdem. Was ich gemacht habe, war nicht …“

„Was Du gemacht hast, musstest Du machen. Das war der kreative Weg Deiner Psyche heraus aus diesem Horror. Du kannst uns glauben, weder ich noch Dolores sind Dir böse, dass Du uns für Deine Heilung zweckentfremdet hast.“

„Manchmal, Herr Riddle …“

„Du kannst mich Thomas nennen, Harry.“

„Manchmal sehne ich mich nach der Zeit meiner schizophrenen Episoden zurück, Thomas. Ist das vielleicht gefährlich für mich?“

„Das kann ich pauschal nicht beantworten. Was fehlt Dir denn am meisten?“

„Och, viele Dinge eigentlich. Die magischen Kreaturen zum Beispiel. Eine Welt mit Basilisken, Drachen oder mehrköpfigen Hunden ist schon bunter als mit Pudeln oder Hauskatzen, oder?“

„Habe ich Dir die Maschine gezeigt, die Du für den Basilisken gehalten hast?“

„War das die komische Hirnstrommaschine mit den vielen Kabeln? Wo ich immer festgeschnallt wurde zur Behandlung?“

„Ja, genau. Schon sehr kreativ, dass für einen Basilisken zu halten, oder?“

„Na ja, für mich war es eher eine Kammer des Schreckens, um ehrlich zu sein.“

„Und? Gibt es noch andere Dinge, die Dir fehlen? Die Du gerne wieder hättest?“

„Doch, einige. Am meisten vermisse ich, glaube ich, Ron und Hermine.“

„Ah, die Verkörperungen von Loyalität und Intelligenz! Zwei Dinge, die Du in den ersten zehn Jahren Deiner Kindheit bei Deinen sadistischen Eltern nie erfahren hast. Kein Wunder, dass Du Dir das in Deine magische Welt integrierst.“

„Für mich hat sich das aber alles sehr, sehr echt angefühlt. Ohne Ron und Hermine leben zu müssen, das ist schon eine starke Einschränkung. Das macht mich manchmal besonders einsam.“

„Das kann ich gut verstehen, lieber Harry. Aber Du musst wissen, außerhalb der Mauern dieser Nervenheilanstalt liegt eine ganze, große, bunte Welt. Da wohnen sieben Milliarden Menschen. Echte Menschen. Mit einem eigenen Willen und eigenen Phantasien. Einige davon wirst Du kennenlernen und deren Vorstellungen und deren Ideen. Das ist um so vieles bereichernder, als immer nur in der eigenen, inneren Welt gefesselt zu sein. Du kannst mir vertrauen!“

„Das klingt toll und beeindruckend und ich kann auch verstehen, was Du damit meint, Thomas. Wirklich, ist total einleuchtend. Aber für mich fühlt sich das nicht so an. Von innen fühlt sich das nicht so an, wenn Du verstehst, was ich meine.“

„Nein, eigentlich nicht, Harry.“

„Na ja, wenn man meinen Verlust zusammenfassen wollen würde, dann bin ich einfach enttäuscht, nicht mehr zaubern zu können. Ich kann den Verlust der Magie nicht verkraften. Ich kann mir nicht vorstellen, in einer Welt ohne Magie zu leben. Was soll ich denn jetzt machen? Soll ich in einer Versicherung arbeiten? Oder Friseur werden?“

„Ach, Harry! Das siehst Du genau falsch herum! Es ist genau anders herum! Du bist hier angekommen, da warst Du zehn Jahre alt und warst eigentlich kaum seelisch alleine lebensfähig. Deine Eltern haben Dich unter der Treppe gehalten wie ein Tier. Du hattest keinerlei Kontakt zu anderen menschlichen Lebewesen, konntest Dir nicht einmal selber die Schuhe zubinden! Eigentlich bist Du ein moderner Kaspar Hauser, bloß mit gewalltätigen Eltern. Wenn Dich Dein Onkel Vernon nicht da rausgeholt hätte …“

„Mein Onkel war das?“

„Ja, hat Dir das noch niemand erzählt?“

„Nein.“

„Egal. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass es nur Deiner Phantasie zu verdanken ist, dass Du jetzt ein normales Leben führen kannst. Deine Seele hat einen Weg gefunden, die Traumata zu bearbeiten, verstehst Du? Sie hat sich mithilfe Deiner Einbildung selber geheilt!

Sie hat die Archetypen geschaffen, die nötig waren, so wie Ron, Hermione, Hagrid, Dumbledore oder eben mich. Sie hat Symbole gefunden für die Depression, wie die Dementoren oder für die Abnabelung von der elterlichen Liebe, wie im Tod von Dumbledore.

Mit all diesen Geschichten hast Du etwas geschafft, was hier das Team aus Psychiatern und Therapeuten für unmöglich gehalten hätte! Du hast Dich selber geheilt. Das, lieber Harry, das ist die wahre Magie. Dagegen ist Expecto Patronum ein Taschenspielertrick!“

„Ich bin mir da nicht so sicher.“

„Es ist so, wie Du es im Schlaf manchmal vor Dich hin gemurmelt hast, Harry. Du bist ein Zauberer! Du hasst Dich selber gesund gezaubert. Für uns hier in Hogwarton wirst Du immer der Junge bleiben, der überlebte.“

Warum habe ich das Gefühl, als wäre mir etwas genommen worden?“

„Weil Du noch nicht erkennen kannst, dass Dir vieles Neues gegeben wird. Das wirst Du erkennen, wenn Du diese Mauern erst einmal verlassen hast.“

„Tja. Das wäre dann jetzt ja auch der Fall, oder?“

„Schau, Harry, für eine kindliche Seele mag es ja so erscheinen, als wäre es entscheidend wichtig, Magie zu beherrschen oder zu zaubern. Aber, das Leben ist ein so viel größeres Wunder als so ein lächerlicher Zaubertrick, der Kontrast ist beinahe lächerlich. Die Tatsache, dass es einem so feindlichen Universum überhaupt Leben gibt, ist so viel magischer als irgendetwas, was Du in Deiner erfundenen Zauberschule gelernt haben könntest. Was sollte das schon sein, im Vergleich zu dem Wunder des menschlichen Geistes? Nein, die Zaubertricks in Deiner Phantasie sind lächerlich im Vergleich zum echten Leben, Harry. Glaube mir einfach!“

„Na gut. Das werde ich tun. Ich würde dann gehen, o.k.? Die warten schon auf mich in der WG vom betreuten Wohnen.“

„Lebe wohl, Harry, Du kannst jederzeit vorbeikommen, das weißt Du ja?“

„Ja. Aber, wenn ich einmal diesen Schritt gemacht habe …“

„Verstehe ich auch gut. Es waren acht faszinierende Jahre mit Dir, Harry!“

„Mit Dir auch, Voldemort!“

„Moment, wie hast Du mich gerade genannt?“