Hexenhaus

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Eigentlich ist unsere Bühne heute eine ganz normale kleine Stadt, mit beiden Füßen fest in unserer Gegenwart verankert. Doch es gibt da dieses eine Haus, ganz am Rande der Stadt, am Ende der Straße, von dem immer noch gemunkelt wird, das es ein Hexenhaus ist!

Und unser Erzähler findet sich eines Nachts auf einmal direkt vor dem Tor wieder und blickt ängstlich um die Ecke, als …


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „You’ve got a friend in me“ von Scott Bradley und Casey Abrams.

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

In unserer kleinen Stadt gibt es ein echtes Hexenhäuschen. Was bedeutet, dass es eine echte Hexe gibt. Das wäre sicher die aufregendere Behauptung, doch das würde niemand hier sagen – zumindest nicht laut und ohne Holz zum Darauf-Klopfen!

Das Hexenhäuschen liegt so weit entfernt von den anderen Häusern, ganz am Ende seiner Straße, dass manche behaupten, es gehöre gar nicht zur Stadt, es sei mehr ein Anhängsel.

Doch schon die mittelalterliche Stadtmauer machte einen Extraschlenker, um das Hexenhaus mit zu umfassen. Historisch gibt es keinen Zweifel: Es gehört zu uns, auch wenn sich niemand freiwillig in diese Ecke der Stadt verirrt.

Da war dann eben jene Nacht, als ich bei einer Klassenkameradin eingeladen war, die im Nachbardorf Geburtstag feierte. Zu Fuß ist das eine halbe Stunde entfernt. Das sollte eine Übernachtungsparty werden.

Ich war in diesem speziellen Freundeskreis neu. Die waren mir, ehrlich gesagt, eine Spur zu cool und zu lässig. Sich einen Rausch anzutrinken war noch gewohnt, aber als jemand Tabletten verteilte, die man nehmen musste, war meine Grenze überschritten.

Also beendete mein neuer Freundeskreis seine Bekanntschaft mit mir und ich fühlte mich plötzlich ausgeladen. Um drei Uhr in der Nacht packte ich wütend und enttäuscht meinen Schlafsack und lief in die Dunkelheit.

Natürlich hatte mein Handy keinen Empfang, aber damit hatte ich gerechnet. Eine halbe Stunde zu Fuß wäre kein Problem und ich wusste den Weg. Dazu musste man kein Pfadfinder sein, unser Kirchturm war in der Ferne deutlich zu sehen.

Ärgerlich war allerdings, dass es zu regnen anfing. Das war zwar eine passende Illustration meiner Stimmung.

Ich trottete übelgelaunt vor mich hin, bis ich bemerkte, dass ich mich der Stadt von einer ungewohnten Seite aus näherte. Hier war ich noch nie in meinem Leben gewesen.

Mir wurde immer erzählt, genau hier stünde das Hexenhäuschen, am Ufer des kleinen Flusses, der unsere Stadt in der Mitte teilt. Doch das hier war kein Häuschen, das war ein ausgewachsenes Hexenhaus!

SFX: Regen. Zunehmend.

Da sah ich sie zum allerersten Mal! Sollte das die Hexe sein? Dieses Wesen war nicht bucklig, voller Warzen und uralt, es war so alt wie ich. Und es hatte mich nicht bemerkt, weil es lachend durch die Pfützen tanzte und dabei ein Lied sang, dessen Sprache mir unbekannt war.

Ich erinnerte mich, dass gemunkelt wurde, die Hexe habe eine Tochter. Könnte es sein, dass sie sogar eine Enkeltochter hatte?

Sie sah kein bisschen übernatürlich aus. Ihre schwarzen Haare wirbelten hin und her, waren aber genauso patschnass, wie man das erwarten würde. Weder ihre blasse Haut noch ihr durchweichtes Kleid zeigten Anzeichen von Übernatürlichkeit.

Das Verblüffende an diesem Anblick war, dass sich jemand so über den Regen freute.

Ich versuchte mich unbemerkt an der Mauer entlang zu drücken, ohne den Regentanz der jungen Frau zu stören, die im Garten des hochherrschaftlichen Hexenhauses mitten in der Nacht laut sang und noch lauter dabei lachte.

Das schien mir einigermaßen zu gelingen, freute ich mich, bis der Gesang aufhörte. Ich blieb angewurzelt stehen und ging in die Knie, damit die Mauer meine Gestalt besser verbarg.

Doch die Schritte des Hexenmädchens näherten sich.

Dann verstummten die Geräusche und ich schlich nach einiger Zeit weiter. Ich war so durchnässt und unterkühlt, dass meine Zähne leise klapperten – ich musste einfach schnell nach Hause!

Die Mauer machte einen Knick und ich musste am Seitentor vorbei. Vorsichtig spähte ich um die Ecke – und starrte in ihre riesigen braunen Augen! Wir waren beide erschrocken. Keiner fasste den Mut, ein Geräusch zu machen. Wir glotzten uns an, als hätten wir beide noch niemals einen Menschen gesehen.

HW: „Äh. Hi!“ (Schüchtern)
FA: „Hallo!“
„Ich bin gerade … auf dem Weg nach Hause.“
„Wo wohnst Du?“
„Im Städtchen. Gleich neben dem Bäcker, falls Du den kennst.“
„Hier geht niemals jemand lang.“
„Ich normal auch nicht, aber ich wusste auch nicht, dass der Weg hier vorbeiführt.“

„So. Na ja. Da bist Du also.“
„Macht ja nichts, oder?“
„Nein, nein. Macht ja nichts.“
„Gut. Dann kann ich ja weiter…“
„Warum geht hier eigentlich niemand entlang?“
„Das liegt wohl an den Hexengerüchten im Dorf.“ (Lacht unsicher)
„Hm.“
„Das muss Dich nicht verunsichern. Das ist nur alles Quatsch! Aberglauben! Die Leute reden gerne!“
„Ich soll eine Hexe sein?“
„Nein, nein! Nicht Du! Du … Du bist ja viel zu jung!“
„Meine Mutter?“
„Nein. Ja. Das … weiß ich nicht. Nein, ich denke nein. Oder?“
„Dann meine Großmutter?“

„Ähm. Das weiß ich auch nicht. Aber wohl am ehesten. Hexen sind ja alt. Meine Großeltern sagen, die Hexe wäre schon alt gewesen, als sie selber noch Kinder waren.“
„Meine Oma ist also eine böse Hexe?“
„Das, das … Ich weiß doch nicht! Bitte! Nicht böse sein! Ich habe das selber ja nie behauptet!“
„Meine Oma ist keine Hexe und sie ist auch kein bisschen böse! Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein! Sie sorgt sich um jedes Tier auf der Welt und um jeden Löwenzahn auf dieser Wiese!“

„Das kann ja alles so sein! Schön, dass Du nicht böse bist! Ich persönlich habe auch keine Vorurteile. Niemandem gegenüber. Vor allem nicht gegenüber Hexen! Auch, wenn das nicht heißen soll, dass Du eine bist. Nein. Ich kann überhaupt keine Vorurteile haben, denn ich habe ja noch nie eine kennengelernt! Wirklich! Keine Vorurteile!“
„Hm!“ (Prüfend, dann gut gelaunt) „Na gut! Ich glaube Dir!“
„Das ist ja … Das freut mich! Ich gehe dann einmal weiter, okay?“
„Okay!“

„Nach Hause, weil es ist furchtbar regnerisch …“
„Ja! Fantastisch, oder? Ist das nicht toll?“
„Na ja, also …“
„Spürst Du, wie die Pflanzen aufatmen? Es ist, als würden sie sich recken und strecken, um keinen Tropfen zu verpassen! Die haben sich so nach Regen gesehnt, das hat heute tagsüber fast weh getan!“
„So so. Wenn Du das sagst. Ich spüre eigentlich eher, dass mir sehr kalt ist, um ganz ehrlich zu sein.“
„Ich heiße übrigens Maven!“
„Maven?“
„Ja. Und Du?“
„Lach aber nicht!“
„Ich lache nicht.“

„Noah.“
„Noah?“
„Ja, wie in der Bibel.“
„Na, dann müsstest Du Dich doch besonders über den Regen freuen!“
„Sehr witzig! Ich müsste anfangen, ein Boot zu …“
„Willst Du nicht schnell reinkommen? Der Regen wird immer schlimmer und Du bist ja komplett durchnässt!“
„Du auch.“
„Ich mache im Kamin ein Feuerchen an, dann wird uns schnell wieder warm.“
„Nein, danke. Ich will lieber nicht …“
„Meine Oma und meine Mutter sind nicht da, die sind in Schottland. Wegen dieses Basilisken.“

„Echt? Ich weiß nicht.“
„Wenn es Dich beruhigt: Wir haben nur einen normalen elektrischen Backofen.“
„Wieso sollte mich das beruhigen?“
„Na, ich werde Dich nicht da reinschieben, wie die Hexe im Märchen den Hänsel.“
„Sehr witzig!“
„Na, komm schon!“
„Gut!“

SFX: Schritte im Nassen, Türe, Regen leiser

„Warte mal kurz!“
„Aber – hey, was soll das? Wir kennen uns doch gar nicht!“
„Pst! Ich umarme Dich nicht, weil Du so sexy bist!“
„Aber …“

„So! Jetzt bist Du wieder trocken!“
„Stimmt! Wie hast Du das gemacht?“
„Deine Großeltern würden sagen: Hexerei!“
„Und Deine Großmutter?“

„Die würde sagen: Eine natürliche Verbindung mit Mutter Natur. Und dann würde sie eine halbe Stunde einen Vortrag halten über den Wunsch von Wasser, sich gleichmäßig in der Atmosphäre zu verteilen und den Willen von Wollfett, Wasser abzustoßen. Und warum es einfach ist, den Elementen die Wünsche zu erfüllen, aber schwierig, sie zum Gegenteil zu überreden! Das würde ungefähr eine Stunde dauern, vorsichtig geschätzt.“
„Vorträge halten meine Großeltern auch sehr gerne!“

„Es nervt so sehr! Aber, sag‘ mal, wo kommst Du eigentlich her?“
„Aus dem Städtchen, neben dem Bäcker, wie schon gesagt.“
„Nein, ich meine heute. Jetzt.“
„Da war ich auf einer Party eingeladen. Im Nachbardorf. Aber die waren so heftig drauf …“
„Eine Party? So mit Tanzen und Lachen und lauter Musik, wie in den Büchern?“
„Äh. Ja. Klar. Warst Du noch nie auf einer Party?“
„Niemals!“

„Na ja. Ich fand’s da eher doof. Es war nicht so sehr das Tanzen, sondern die Drogen, die mich gestört haben.“
„Drogen? So wie Marie Huanna?“
„Nein. DAS Wort habe ich aber schon lange nicht mehr gehört. Eher MDMA.“
„Was ist das denn?“
„Das weiß ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Aber ich will das auch nicht genauer wissen.“
„Das ist gut.“
„Was? Das ich das nicht wissen will?“
„Nein, Dein Ehrlich-Sein. Das ist sehr gut.“
„NA ja, auf jeden Fall musste ich da schnell weg. Aber natürlich ging mein Telefon nicht, mitten in der Pampa …“
„Du hattest Dein Telefon dabei?“

„Ja, klar. Habe ich jetzt auch. Hier. Das ist mein Telefon.“
„DAS ist aber klein. Und hat gar kein Kabel. Und wo spricht man da rein?“
„Um ehrlich zu sein, eigentlich spreche ich da nicht rein. Ich schreibe eher Nachrichten.“
„Ach? Und was noch?“
„Na ja. Und ich kann nachkucken, wo genau ich auf dem Globus bin.“
„Im Ernst? Das weiß Dein Telefon?“
„Klar. Und es kann mir den Weg zu jedem anderen Ort auf der Welt erklären. Schritt für Schritt.“
„Du machst Scherze!“

„Nein! Das weiß überhaupt alles. Das ist immer mit dem Wissen der ganzen Menschheit verbunden.“
„Hör‘ auf! Du verarscht mich doch!“
„Nein! Im Ernst!“
„Aber dann würden die Menschen ja nie mehr von diesen Telefonen wegkommen!“
„Ehrlich gesagt, sie kommen auch ziemlich schlecht weg von ihren Telefonen. Aber nicht wegen des Wissens, mehr wegen der Katzen.“
„Ach! Die Katzen wieder! Das war ja klar, dass die sich für diese Technologie interessieren! Typisch!“
„Warum?“
„Na, weil die eigentlich ja nicht einmal von der Erde kommen und nur darauf warten, dass sie wieder wegkönnen.“
„Echt? Jetzt machst Du Witze!“
„Nein!“
„Na ja, das würde so einiges erklären.“

„Was kann Dein Telefon noch?“
„Äh. Musik abspielen, zum Beispiel.“
„Du lügst doch! Da sind ja gar keine Boxen angebracht!“
„Was sind denn Boxen?“
„Na, so Lautsprecherdinger. Haben wir an unserem Plattenspieler!“
„Ihr habt einen Plattenspieler? Ihr seid ja hip!“
„Was ist denn hip?“
„Warte, soll ich Dir meinen momentanen Lieblingssong vorspielen? Aber der ist mega-kitschig, da musst Du starke Nerven haben!“
„Kann man auf den tanzen?“
„Tanzen? Nein. Eher heulen, auf den kann man sehr gut heulen!“
„(lacht) Spiel trotzdem vor!“

So war das damals, als ich Maven kennengelernt habe. Mittlerweile wohne ich auch im Hexenhaus. Mit der Oma und der Mama, auch wenn die nie meistens nicht hier sind. Alle meine Freunde haben beim Umzug geholfen und meine D&D-Spielerunde findet jede Woche auch hier statt. Die Dinge haben sich normalisiert.

Es stellte sich heraus, dass Maven oder ihre Mama oder ihre Oma nicht die Einzigen waren, die über Kräfte verfügten, die das menschliche Verständnis übersteigen. Sondern wir auch, mit unserer Technologie.

Und so bauten sich die Vorurteile gegenseitig ab. Die meisten hier in unserer kleinen Stadt waren froh, von Maven wieder etwas von dem lange verloren gegangenen Wissen zu erfahren. Dem Wissen, das man nicht auf der Wikipedia findet, sondern nur in sich selber.

Sie ist sehr populär hier. Manchmal würde ich mir wünschen, ich könnte sie öfter vom Laptop loseisen, aber die Arme hat ja so Vieles nachzuholen.

Die ist ja gerade erst bei Staffel Drei von „Charmed“. Für sie die übrigens die reine Comedy.

Und das ist gut, denn Lachen ist immer noch ihre Lieblingstätigkeit!


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