Der Herbstzeitlose



Für die heutige Geschichte ist es praktisch, wenn man zwei Dinge im emotionalen Rüstzeug hat. Zum einen wäre es gut, wenn man keine Vorurteile hat, was den Beruf des Lehrers betrifft.

Und dann sollte man auch keine Scheu haben, anzuerkennen, dass Lösungen für bestimmte Probleme nicht durch hektisches Managen gefunden werden, sondern manchmal, klammheimlich, von selber zu uns kommen.

So ausgestattet ist die Geschichte über dieses eine ganz spezielle Erlebnis eben jenes Lehrers wahrscheinlich erleuchtend!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Maple Leaf Rag“ von Akashic Records / CC BY-NC-SA 3.0


Wegen der DSVGO ist uns eine eigene Kommentarfunktion zu zeitaufwändig.
Ihr könnt diesen Artikel unter diesem Facebook-Post oder diesem Tweet kommentieren.


Skript zur Sendung

Ich sag’s am besten gleich am Anfang, damit’s raus ist. Ich bin Lehrer.
So, damit ist es gesagt.

Ich bin einer der Menschen, die nur vormittags arbeiten, dauernd Ferien haben und den besorgten Eltern die Gören an der Schule kaputt-erziehen!

Ich bin Beamter und bekomme später eine Rente, kann mir die Privatversicherung leisten und habe tatsächlich mehr Urlaubstage als der normale Angestellte.

Und, dass muss ich auch noch erwähnen: Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich eine tiefe Leidenschaft habe für die Wissenschaft. Und weil ich nie verstanden habe, warum meinen Klassenkameraden die Neugier abhanden gekommen ist.

Oder, eigentlich: Weil ich es ganz genau verstanden habe. Denn aus irgendeinem Grund war das spannendste Fach, dass es überhaupt gibt, in der Schule immer das langweiligste. Ich meine Physik.

Ich bin Physiklehrer. Und Sportlehrer auch noch.

Ich muss das am Anfang sagen. Ich habe auf den Partnerbörsen gelernt, dass man das am besten ganz am Anfang sagt. Das man das groß ins Profil schreiben muss.

Denn sonst lernt man jemanden kennen, man ist sich sympathisch, lächelt sich an, man flirtet und dann stellt sie die unvermeidliche Frage: Was machst Du denn beruflich?
Und dann ist das Date in aller Regel vorbei. Kein Witz!

Unbeliebter auf Parship als Lehrer sind wahrscheinlich nur.. keine Ahnung… Totengräber? Gefängniswärter? Scharfrichter? Obwohl, die schreiben wahrscheinlich auch, wie die meisten Lehrer: Beamter.

Na gut. Hätten wir das mit dem Beruf geklärt. Der hat mit meiner Geschichte eigentlich gar nichts zu tun. Oder vielleicht doch. Meine Geschichte ist ja die von meinem Baum und dem Regen und den Tabletten. Aber wie bin ich da hin gekommen, das ist ja die spannende Frage, oder?

Und irgendwie hat es schon mit dem Beruf zu tun.
Klar. Und mit der Großstadt und dem Land auch. Und mit Einsamkeit. Und Rehen.

Angefangen hat das ja auch mit dem Anfang meiner Schulkarriere. Mit dem Referendariat. Wenn man also sozusagen Lehrer-auf-Probe ist.

Ist mehr eine Probe für einen selber als unbedingt für den Arbeitgeber. Den Staat.

Und die Probe besteht darin, vor einer neunten Klasse zu stehen, die einen morgens um Acht im Physiksaal herzhaft angähnt und denen Du jetzt erklären willst, warum Optik so wichtig ist. Und dass es eigentlich ziemlich einfach ist, genau auszurechnen, wo z.B. am Auto von Mami und Papi der tote Winkel entsteht.

So ging’s auf jeden Fall mir. Und wenn man sich dann noch dazu ausmalt, dass man am Abend vorher mit den alten Kumpels auf dem Volksfest war bis in die Puppen und mit aufsteigender Übelkeit kämpfen muss, dann wird das Bild komplett.

Es war wirklich zum ersten Mal an diesem Morgen, dass meine Selbstzweifel anfingen. Nicht einmal wegen der gelangweilten Schüler oder meinem Kater. Ich habe dann gefragt, wer so nett wäre, mir gegenüber beim Starbucks einen Kaffee zu holen.

Und weil ich meine Unterlagen zu Hause nicht eingesteckt hatte, habe ich die ganze Stunde nur mit den Schülern über ihr Wochenende geredet.

Das war wirklich toll. Aber irgendein Streber oder eine Streberin hat das zu Hause erzählt und es gab einen Riesenärger. Schüler dazu auffordern, das Gelände zu verlassen! Private Informationen abfragen! Das geht doch nicht! „Schauen Sie sich etwa zu Hause auch die Profile der Schüler im Internet an?“

Klar mach‘ ich das! Auf Instagram hat ein spezieller Schüler eigentlich nur Bilder, wie er Party macht. Mit viel Alkohol. Und mit Peniszeichnungen auf der Stirn. Da habe ich ein Bild aus Versehen doppelgeklickt und schon hatte ich das geliked. Der hat mich ein paar Wochen lang sehr seltsam angeschaut.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Zur Großstadt. Klar, Gymnasiallehrer ist nicht schlecht bezahlt. Mir blieben im Monat 2600 netto. Die Hälfte ging für die Wohnung drauf, bleiben noch 400 die Woche für den Rest, aber die gehen dann schon auch weg.

Der geringste Teil meines Berufs war der Unterricht. Sechs Klassen, dreißig Schüler, zwei Klausuren im Halbjahr macht 810 Stunden Korrektur. 4,5 Stunden am Tag korrigieren.

Dazu kommen die Nachmittagsveranstaltungen, in meinem Fall Fußball-, Hockey- und Kletter-Unterricht, die Lehrerkonferenzen – gerne am Samstag – und Elterngespräche.

So. Wenn ich jetzt noch erwähne, dass ich die meiste Zeit mit der Stundenvorbereitung verbringe, um den Physikunterricht so spannend wie möglich zu gestalten, dann kann man vielleicht erkennen, dass das Gehalt gar nicht so super ist.

Ich hab‘ das mal mitgetrackt mit einer App: Ich habe eine 60-Stunde-Woche, ob Du das glaubst oder nicht. Und die kleinen Ferien, die immer nur zwei Wochen dauern, die braucht man, um die Rückstände aufzuholen. Sagt einem aber keiner vorher.

Aber ich wollte ja nicht über den Beruf reden. Ich wollte davon reden, dass ich dann auch noch die Großstadt über bekommen habe. Ich dachte, genauer: Die Eltern der Schüler in der Großstadt. Weil man sich Hamburg nur mit einem guten Einkommen leisten kann, hat man in der Neunten, Zehnten dann eine Auswahl an Kindern von gutverdienenden Eltern.

Und die haben zwar in der Regel ihre Kinder das halbe Leben lang für ihre Karrieren vernachlässigt – denn mit viel Geld kann man auch viel vernachlässigen – aber, wenn es um Zensuren geht, kennen die keinen Spaß.

Ich wurde nicht nur einmal, sondern zweimal vor Gericht geschleppt wegen schlechter Zensuren. Und den Aufwand kann man sich kaum vorstellen. Jede meiner Arbeiten ging zum Fachbereichsleiter zu Nachkorrektur – der hat sich besonders gefreut – und dann noch ins Ministerium.

Schriftverkehr mit dem eigenen Anwalt, Schriftverkehr mit dem Anwalt der Eltern, Unruhe im Klassenzimmer und dann in zwei Fällen: Gedemütigte Eltern, ein Schüler, der zum Gerede wurde und sich nicht mehr integrieren kann und viel, viel verschwendete Lebenszeit.

Oh, Mann. Jetzt höre ich auf, über meinen Beruf zu sprechen! Versprochen! Tut mir leid!

Also, Du hast jetzt das Szenario so im Groben. Du kennst mein Leben zu dem Zeitpunkt, als ich dann dieses Erlebnis hatte. Ich lebte alleine in Hamburg, verlor den Kontakt zu meinen Freunden, weil ich nie Zeit hatte, konnte keine Partnerin finden und in mir begann alles hohl zu werden.

So langsam wurde ich innerlich leerer und leerer. Jeden Tag, jede Woche, jede Klausur hat mich ein Stück meines Innenlebens gekostet. Und, um das auzuhalten, füllte ich das auf mit Zynismus und der sogenannten Lehrerdroge: Rotwein.

Jetzt sollte ich eigentlich sagen: Das ist auch keine Lösung! Aber das wäre gelogen. Das hat eine Zeit lang ganz prima geklappt. Ich war funktionstüchtig.

Würde ich halt auch einer der Lehrer werden, die jedes Jahr die gleiche Stunde noch einmal halten und nur Verachtung für die Schüler und deren Eltern haben. Hauptsache, nach außen hin funktioniert alles.

Es war in dieser Phase, dass ich beim Surfen im Internet nach Immobilien gekuckt habe. Vielleicht konnte ich ja ein- zweihundert Euro Miete sparen. Und mir ‚was kaufen. Jeden Monat € 1400,- an den Vermieter ist ja irgendwie auch der Wahnsinn, oder?

Und da stieß ich auf dieses kleine Hexenhäuschen, in dem wir gerade sitzen. Klar, ist beinahe baufällig, stimmt. Und am Garten muss ich noch viel tun. Würde ich auch gerne, aber – ehrlich gesagt – ich habe keinen Schimmer, wie das geht.

Auf jeden Fall hatte ich mir das schnell geklickt und am Wochenende drauf hatte ich schon zugesagt und unterschrieben.

Ein Wahnsinn! Ein völliger Wahnsinn! Drei Stunden Fahrzeit am Tag! Die Entscheidung war völlig ungeplant und spontan.

Ich hatte das Riesenglück, dass die Kreisstadt sich ein neues Gymnasium hingestellt hatte und ich quasi mit dem nächsten Schuljahr da einen Job hatte. Das war nicht einfach, von einem Bundesstaat in den nächsten, aber es ließ sich alles regeln.

Neue Schule, neue Schüler, neue Eltern und ein neues Kollegium.
Und ein nicht ganz so neues Häuschen. Dieses Häuschen.

Ich hatte ein Problem gehabt und wußte irgendwie nicht welches genau.
Aber in mir hat es einfach von selber zu handeln begonnen.

Das Haus habe ich mir im Februar angelacht und im August war ich komplett umgezogen. Aus der zweitgrößten Stadt Deutschlands mitten in die Pampa.

Es dauerte nicht einmal drei Monate, bis mir klar wurde, dass das der größte Fehler meines Lebens war!. Drei Monate völlig auf mich gestellt! Drei Monate Einsamkeit!

Und da ist mir erst klar geworden, dass mein Problem in Hamburg auch schon die Isolation war.

Und meine Therapie war es nun gewesen, diese Isolation auch noch auf die Spitze zu treiben!

Ich kannte im Ort keine Sau und niemand kannte mich. Mein Häuschen ist so abgelegen, ich habe nicht einmal Nachbarn.

Und Partnersuche, hier in der Pampa? Kannst Du komplett vergessen! Hier zieht man verheiratet hin, kriegt Kinder, legt einen Garten an. Und dann läßt man sich scheiden und alle ziehen getrennt wieder zurück in die Stadt.

Na ja. So war das. Es war eben dieser Herbst, als ich dann dieses Erlebnis hatte.

Ich saß abends hier im Häuschen und habe versucht, eine Lampe anzuschließen. Die Elektrik ist hier sehr abenteuerlich, kann ich Dir sagen!

Und bald stellte sich heraus, dass ich die Wahl hatte zwischen einer guten Arbeitsplatzbeleuchtung oder einem funktionierenden Kühlschrank. Frag‘ nicht!

Und das hat mich plötzlich fuchsteufelswild gemacht! Ich war auf einmal wie Rumpelstilzchen! Ich habe getobt und geschrien und habe die Möbel durch die Wohnung geworfen und die Bilder von den Wänden gerissen.

Dann habe ich alle Lebensmittel aus dem Kühlschrank in ein Bettlaken und alles auf den Kompott geworfen! Und den Kühlschrank in den Garten gezerrt und dann so lange mit der Axt auf ihn eingeschlagen, bis er Elektroschrott war!

Dann bin ich ins Haus zurück und habe meine Mantel geschnappt, eine Flasche Wasser und die Gummistiefel und bin einfach losgelaufen! Einfach so. In den Wald. Am Waldrand habe ich mich noch einmal umgedreht. Da stand mein Häuschen. Alle Lampen an. Alle Türen und Fenster offen.

Ich kuckte noch einmal auf mein Haus. Wenn ich die Augen zukneifte, dann sah es aus, als würde es brennen. Das wäre mit gerade recht gewesen. Das hätte ich tun sollen! Das Scheißding anzünden und dann abhauen!

Während ich da stand und mir das vorstellte, schloß sich meine Hand im Anorak um die Dose mit den Tabletten.

Und dann bin ich losgestapft. In den Wald. Mitten in der Nacht. Und aus dem Wald raus und über die Felder und in den nächsten Wald rein und wieder über die Felder. Sobald ich ein Häuschen oder ein Dorf gesehen habe, habe ich einen Haken geschlagen. Bloß keine Menschen! Menschen sind das Problem!

Und ich lief und lief und lief. Die ganze Nacht durch bin ich gelaufen. Ohne Handy, ohne Orientierung. Nur mit dem Anorak und den Gummistiefeln und einer Flasche Wasser. Und den Tabletten.

Als ich dann auf diese Lichtung kam, ging gerade so langsam die Sonne auf. Es war schweinekalt und es hatte schon vor einer Stunde begonnen zu nieseln. Aber jetzt wurde es immer nasser und nasser. Es regnete kurz richtig heftig.

Und da habe ich mich unter diesen großen Ahornbaum gesetzt. Der stand mitten auf der Lichtung. Um den Regen abzuwarten. Und da hatte ich dann dieses Erlebnis.

Unter dem Baum war es komplett trocken. Seine Blätter hatten den Regen vollständig von mir abgehalten. Und jetzt tropfte es von seinen Blättern auf die Wiese. Und auf die Blumen, die da blühten. Keine Ahnung, welche Blumen das waren, aber sie waren so blaßlila. Und es waren ganz viele.

Und wenn so eine Blüte einen Tropfen eingefangen hatte, dann war sie zu schwer, verbog sich, das Wasser ist dann auf die Wiese geflossen und die Blume richtete sich wieder auf.

Und die Wiese selber! Überhaupt diese Wiese! Die war so satt und voller verschiedener Pflanzen. Das war nicht einfach ein Rasen, wie in der Stadt. Da wuchsen Dutzende verschiedener Pflanzen nebeneinander. Und die hatten alle den Regen gebraucht.

Und ich saß da und wurde komplett ruhig. Alles in mir wurde komplett ruhig. Ich saß unter dem Baum und kuckte nur. Und hörte nur, die Vögel hatten auch wieder angefangen.

Viele verschiedene Vögel gab es da zu hören. Ich kenne keine einzige der Vogelstimmen. Ich bin nur mit Tauben und Krähen groß geworden in der Stadt und in den Parks.

Und alles um mich herum hatte sich überhaupt nicht am Regen gestört. Die hatten den Regen alle hingenommen. Ohne Widerstand. Im Gegenteil. Ich saß da und ich dachte, mein Baum würde sich über den Regen freuen. Der hatte auf den Regen gewartet.

Ich weiß nicht, wie lange ich da saß und nichts machte außer hören und kucken. Und riechen! Weißt Du, wie so ein Herbstregen riecht? Der riecht noch ein bisschen nach dem Sommer, aber kieseliger und irgendwie, mit einer Note von Pilz. Ja, ich weiß, das ist Weintrinkersprache. Aber es war so.

Und dann haben sich aus den Büschen gegenüber Hirsche rausgetraut. Oder Rehe. Oder Damwild. Ich habe keine Ahnung. Es waren zwei oder drei große Tiere und genausoviel kleine ohne Geweih. Und ein Tier mit Geweih. Das war wohl der Hirsch. So viel weiß sogar ich.

Und die standen mir gegenüber und haben sich überhaupt nicht gestört. Für die war es in Ordnung, dass ich da war. Wie es auch für meinen Baum in Ordnung war, dass ich da war.

Ich meine, wenn ich mich schnell bewegt hätte, wären die abgehauen. Aber so hatten wir eine Abmachung: Ich verharre einfach und die können äsen. Oder grasen. Oder wie das bei Hirschen heißt.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich da saß. Aber es war wahrscheinlich der halbe Vormittag. Ich wollte nicht aus dem Schutz meines Baums raus. Am liebsten nie mehr!

Es kamen dann noch ein paar Tiere, vor allem Eichhörnchen. Und ein großer brauner Vogel mit bunten Federn, der konnte ganz laut pfeifen. Oder krähen. Oder wie man das nennt.

Die kamen und die gingen. Und ich war da. Und ich war in Verbindung mit dem Baum. Und mit den Tieren. Und der Wiese. Und den komischen Blumen. Und mit dem ganzen Wald. Ich habe dazugehört.

Und ich musste nicht einmal fragen. Die haben mich einfach so aufgenommen. Ohne Bedingungen.

Und als ich dann aufgestanden bin, waren meine Beine komplett eingeschlafen. Und ich habe mich nicht geärgert, sondern ich musste lachen, weil meine Beine eingeschlafen waren.

Als dann das Britzeln in den Beinen vorbei war, bin ich wieder nach Hause gegangen. Und am Rand der Lichtung habe ich mich noch einmal umgedreht. Und habe auf die Lichtung gekuckt.

An der war alles heil und ganz und richtig und schön. Das musste der schönste Platz auf der Welt sein. Und ich durfte da sein. Das ist mein Lieblingsplatz auf der ganzen Welt. Und in mir war ein Gefühl, das war ganz laut und hat überhaupt nicht wehtgetan.

Ein Gefühl, dass für mich völlig neu war. Es war… Dankbarkeit. Ich war so dankbar, dass ich da war. Dass der Baum da war. Und der Regen. Und die Tiere. Und der Wald.

Und dann bin ich zurück gegangen zu meinem Häuschen. Das war ein Abenteuer, kann ich Dir sagen! Ich hatte ja nicht den blassesten Schimmer, wo ich war! Und kein Handy dabei. Ich bin dann in die Richtung gelaufen, wo ich dachte, das mein Häuschen steht. Und irgendwann habe ich einen Bauern angequatscht, der gerade mit seinem Traktor irgendetwas auf seinem Feld machte.

Es stellte sich ‚raus, dass das mein Nachbar war. Und dass seine Großeltern noch in dem Häuschen gewohnt hatten, bis es in seiner Kindheit an irgendeinen reichen Hamburger verkauft wurde. Von dessen Tochter ich es dann gekauft hatte.

Und wie wir dann auf dem Traktor auf mein Haus zufahren, da musste ich wirklich so lachen über mich, das Haus, die Stadt, meinen Beruf und die Situation, in die ich mich gebracht hatte – ich war so ein Hanswurst! So ein Tragöde! Was für eine Aufführung! Eigentlich nur zum Lachen!

Das war also dieses Erlebnis, dass ich Dir erzählen wollte. Seitdem sind nicht alle Probleme auf einmal verschwunden. Und es ist nicht so, dass ich ein erleuchteter Mensch wäre.

Aber manchmal kann ich diese Ruhe wiederfinden. Und manchmal sogar die Dankbarkeit. Nur ein wenig. Nicht so überwältigend wie beim ersten Mal. Aber ein wenig.

Und das macht einen großen Unterschied. Das Rotwein-Trinken hab‘ ich aufgehört. Weil, mit Rotwein komme ich an das Gefühl nicht mehr ran. Und die Tabletten, die habe ich weg geworfen. Ohne Rotwein habe ich eh‘ keine Probleme mehr mit dem Schlafen.

So war das. Ein Physiklehrer unter dem Ahorn. Ein Wissenschaftler und die Natur. Ein Zyniker und die Rehe. Ein Einsamer und die Dankbarkeit.

Total verrückt, eigentlich, oder?

Ich würde übrigens wirklich gerne wissen, wie diese kleinen blass-lila Blumen heißen, die da überall geblüht haben, mitten im Oktober.