Henne oder Ei?


Es gibt ja die populäre Redensart, es gäbe keine blöden Fragen. Was wiederum den Rückschluss erlaubt, es gibt Autoren von Redensarten, die den Kontakt zu ihren Mitmenschen streng meiden müssen.

Aber hallo gibt es blöde Fragen! Doch die Frage, was denn nun zuerst da gewesen sei, die Henne oder das Ei – die gehört da sicher nicht dazu.

Die ist sogar so wenig blöd, dass sich die bedeutendsten Köpfe der westlichen Kultur mit ihr auseinander gesetzt haben. Und nach diesen Philosophen auch noch Biologen obendrauf.

Hat das nun dazu geführt, dass wir eine eindeutige Antwort haben? Natürlich nicht. Doch dann kam der Explikator vom morgenradio. Und der hat sie endlich, diese lange gesuchte Antwort! Heute, in dieser Sendung!


Download der Sendung hier.
Musik: „Chicken or the Egg Song“ von Doug Nye


Skript zur Sendung

Man sagt ja gerne, es gäbe keine blöden Fragen, nur blöde Antworten. Das ist meiner Erfahrung nach nur halbwahr. Keine Frage, es gibt wirklich viele blöde Antworten. Aber blöde Fragen gibt es natürlich auch.

Eine meiner Lieblings-Blödfragen ist ja zum Beispiel „Kennen wir uns nicht?“

Die versetzt mich immer in einen regelrechten Stupor. Jegliche Muskel- oder Hirnaktivität setzt aus, wenn ich das gefragt werde. Denn wenn ich die Person, die die Frage stellt, nicht kenne und sage: „Ja“, dann antwortet die mit „Schon, oder? Aber woher?“ Wie bitte? „Woher kennen wir uns nicht?“ Was soll ich darauf sagen?

In Wirklichkeit sollte die Frage lauten: „Kennen wir uns?“ Da könnte man etwas länger darüber nachdenken.

Denn ist es wirklich so faszinierend, wenn man jemanden nicht kennt?
Ich kenne mindesten 7 Milliarden Menschen nicht.
Und trotzdem laufe ich nicht durch Augsburg, halte jeden an und frage: „Kennen wir uns NICHT?“

Na gut. Mittlerweile gibt es ja eine ganze Gattung von Fragen, die ziemlich deutlich beantwortet sind und die immer wieder gestellt werden. Wie zum Beispiel: „Ist die Erde flach?“

Darauf zu antworten ist eigentlich Zeitverschwendung. Das kann ich mir echt nicht mehr leisten. Meine Zeit wird knapper und knapper.

Und dann gibt es Fragen, die stehen stellvertretend für überflüssige Fragen. Da wäre zum Beispiel das sogenannten Henne-Ei-Problem.

Also die Frage: „Was kam zuerst? Die Henne oder das Ei?“

Clip: Cassette on

Das ist eine leicht zu beantwortende Frage, wenn man genau ein spezielles Ei meint und genau eine spezielle Henne und wenn man zusieht, wie diese eine Henne dieses eine Ei legt. Kinderleicht. Denn man sieht ja mit den eigenen Augen, dass die Henne vorher da war.

Wenn man nun sehr geduldig wartet, dann entwickelt sich aus dem Ei ein Küken und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Henne. Dann würde man sehen, dass das Ei vorher da war.

Und weil man diesen Prozeß umkehren kann in die Vergangenheit, könnte man jetzt über Abertausende von Hühnergenerationen diese Frage immer wieder stellen. Haushühner haben wir wahrscheinlich schon vor 10.000 Jahren domestiziert, das Spiel können wir also lange spielen.

Deswegen gilt diese Frage als doof. Weil man sich sehr lange im Kreis drehen kann, wenn man will. Dewegen gilt die Frage auch als Symbol für sehr komplexe Probleme. Zum Beispiel für die politische Situation im Nahen Osten. Wo man sich schon seit Anfang der Zivilisation haut.

Wissenschaftlich gibt es eine simple Antwort. Und zwar: Das Ei. Aaaaber. Großes Aaaaber…

Irgendwann vor ein bisschen mehr als 10.000 Jahren gab es ein Vogeltier, dass unserem Huhn schon verdammt ähnlich war. Hatte nichts mehr von einem Tyrannosaurus Rex an sich. Für den, würde er heute auftauen, wären von allen lebenden Tieren ausgerechnet Haushühner am ehesten Verwandschaft.

Also, dieses hyptothetische Vogeltier von vor 10.000 Jahren war noch kein Haushuhn. Sagen wir, es war dem Haushuhn zu 99.9% gleich. Aber halt noch nicht so ein richtiges Haushuhn.

Und bei dieser Henne passierte es, dass es im Bauplan der DNA zu einem winzigen Fehler kam. Eine genetische Mutation. Und diese landete dann in dem Ei. Und aus dem Ei schlüpfte dann das erste richtige Huhn, das wir auch heute noch als Huhn anerkennen würden.

Also war das Ei zuerst.

Wenn es da nicht auch eine andere wissenschaftliche Meinung gäbe. Die das Gegenteil behauptet.

Denn eigentlich ist die Bildung von so einem Hühnerei ja nur in einem echten Huhn möglich. Das erste Huhn entstammt aber nur einem 99,9%-Huhn-Ei. Oder, anders ausgedrückt, war erst das erste Ei, dass ein 100%-Huhn gelegt hat, ein richtiges Hühnerei.

Also war das Huhn zuerst.

Wenn wir aber das 99,9%-Huhn-Ei schon als das Ei akzeptieren, das in der Frage gemeint ist, dann führt uns das die ganze Evolution zurück. Denn vor dem 99,9%-Huhn gab es ein 99,8%-Huhn und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten: Diese präzise genetische Trennschärfe gibt es gar nicht. Es gab nie wirklich das eine Huhn mit 99,9% genetischer Ähnlichkeit zu unserem Huhn, das aber selber keines war. Die Annahme ist zu hypothetisch.

Wenn man das stimmt, dann sind wir rucki-zucki bei der Frage, was denn das erste Ei überhaupt war. Und da landen wir beim momentanen Kenntnis-Stand zum Beispiel irgendwann bei Versteinerungen, die 600 Millionen Jahre alt sind.

Diese ersten Eier haben natürlich keine Ähnlichkeit mit Hühnereiern. Sie hatten eine harte Schale aus Phosphoriten, waren mikroskopisch klein und sahen aus wie winzige Fußbälle. In diesen Gesteinsküglechen wuchsen winzige Lebewesen heran. Die Versteinerungen zeigen diese Embryos im Acht-Zellen-Stadium bis dann kleine Mini-Korallen ihren Stein-Panzer brechen. Sozusagen schlüpfen.

Nun kann man natürlich auf die Frage: „Was war zuerst? Henne oder Ei?“ schlecht antworten: Mini-Korallen-Dingsis.

Rein biologisch gesehen haben wir also ein Unentschieden.
Weil die Begriffsklärung so uneindeutig ist. Das ist schon ziemlich lustig, finde ich. Und damit ist die Frage alles andere als blöd. Verglichen mit „Kennen wir uns nicht?“

Wir müssen uns also eine andere Disziplin für die Entscheidung suchen. Etwas, wo es halt schnell mal praktische, lebensnahe Antworten gibt. Nehmen wir also Religion!

In unsere Bibel zum Beispiel müssen wir gar nicht weit hineinlesen, um darauf eine Antwort zu bekommen. Schon in Genesis, Kapitel eins, Vers 20 steht:

„Und Gott sprach: Das Wasser soll wimmeln von einer Fülle lebender Wesen, und es sollen Vögel dahinfliegen über die Erde an der Himmelsausdehnung!“

Keine Rede von Eiern. Null. Die finden wir erst im Buch Tobit, das wahrscheinlich 200 v.u.Z. geschrieben wurde. Und eigentlich apokryph ist. Also nicht zum Kanon gehört.

„Da nahm Tobias von der Galle des Fisches und salbte dem Vater seine Augen. Und er litt das fast eine halbe Stunde. Und der Star ging ihm von den Augen wie ein Häutlein von einem Ei. Und Tobias nahm es und zog es von seinen Augen, und alsbald ward er wieder sehend.“

Also für streng gläubige Christen und Juden ist der Fall wohl klar. Für streng gläubige Muslime wahrscheinlich auch.

Aber natürlich gibt es auch andere Religionen. Im chinesischen Schöpfungsmythos zum Beispiel herrschte erst einmal Chaos, bis sich daraus ein Ei bildete. Das Ur-Ei. Mit diesem Ur-Ei waren auch die Grundprinzipien des Lebens entstanden. Yin und Yang. Aus dem Ur-Ei schlüpfte dann Pangu.

Das erste Lebewesen. Das wird zwar oft mit Federn dargestellt, aber keiner würde denken, Pangu sei ein Huhn gewesen.

Wobei das Ur-Ei aber ziemlich genau als Hühner-Ei bezeichnet ist. Mit exakt dem gleichen Wort und Schriftzeichen.

Für den Pangu-Mythos gilt also: Am Anfang war das Hühnerei. Weit und breit kein Huhn.

Auch die Religion hilft uns nicht weiter. Wie zu erwarten gewesen war.

Dann versuchen wir es doch einfach mal mit Philosophen. Da werden wir einigen alten Bekannten wieder begegnen.

Zum Beispiel Mr. Allwissend, Aristoteles. Der hat sich scheinbar sein Leben lang vor der Frage gedrückt. Weil er der Ansicht war, dass die Antwort darauf ewig in der Vergangenheit liegt und nicht mehr beantwortet werden kann.

„Es kann kein erstes Ei geben, dass am Beginn aller Vögel steht, denn dann würde es auch einen Vogel geben, der am Beginn aller Eier stehr; denn ein Vogel entsteht aus einem Ei.“

Durch die Jahrtausende kann man dieser Antwort anhören, wie genervt der Gute war. Wahrscheinlich war das schon im antiken Griechenland eine bekannte Scherzfrage.

Plutarch meint dann, 400 Jahre später, über diese kleine Frage, wie er sie nennt: „Die Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst war, führt letzten Endes zu der Frage, ob die Welt einen Anfang hatte oder schon immer existierte.“

Das ist das Problem schön zu Ende gedacht. Und gleichzeitig genauso eine Themaverfehlung. Bloß, indem man das Schlacht philosophisch ausbreitet, kann man die Frage auch nicht beantworten. Das ist ein sophistischer Trick und heißt „Argumentem ad absurdum“.

Macrobius, noch einmal 300 Jahre später, schreibt: „Menschen scherzen über die Trivialität der Frage, was zuerst käme – das Huhn vom Ei oder das Ei vom Huhn – aber diese Frage sollte als eine äußerst wichtige angesehen werden.“

Leider verschwurbelt er sich dann in der Diskussion über den Unterschied zwischen Trivialem und philosophisch Wichtigem und geht nicht näher auf eine Antwort ein.

Dann folgen statt Philosophen erst einmal Theologen. Augustinus oder auch Thomas von Aquin beschäftigen sich nur in Nebensätzen mit der Beantwortung. Weil sie einfach auch Genesis eins, Vers 10 als Antwort für völlig genügend halten.

Der Naturforscher Ulisse Aldrovandi arbeitete sein Leben an der „Historia animalium“. Wobei er selber nur die Kapitel über die Vögel und die Insekten fertigstellte.

In der Schrift „Ornithologiae“, Band XII aber nimmt er auf diese Frage noch einmal explizit Bezug und ereifert sich einen Absatz lang darüber, dass das doch endgültig in der Bibel geregelt sei.

Was aber bedeutet, dass es auch um 1600 n.Chr. noch immer diskutiert wurde. Sichtlich war den meisten Menschen der einfache Verweis auf die Schöpfungsgeschichte zu plump.

Und sichtlich waren sich die normalen Herren Philosophen zu schade, die Frage zu beantworten.

Dann folgt die Aufklärung. Und mit ihr auch Denis Diderot. Den hatten wir ja letzte Woche schon beim Borametz. Der schreibt Ende des 18ten Jahrhunderts:

„Wenn Dich die Frage aufregt, ob zuerst das Huhn da war oder erst das Ei, dann wahrscheinlich deswegen, weil Du annimmst, das die Tiere früher genauso aussahen wie heute. Und diese Annahme ist wirklich dumm.“

Da denkt Diderot deutlich in die richtige Richtung. Obwohl er wahrscheinlich von der Antwort „Mini-Korallen-Dingsis“ auch nicht begeistert wäre.

Wir haben jetzt also die Biologie, die Paläontologie, die Theologie, die Philosophie und zahlreiche Zwischenformen befragt und haben immer noch keine Antwort.

Weil wir weder „Huhn“ noch „Ei“ präzise definieren können, landen wir tatsächlich in einer Spirale von Ja und Nein. Was also tun, wenn wir ein Problem haben mit der Definition von einem Wort?

Da bleibt nur ein anderer Weg. Die Ethymologie. Also die Wissenschaft, die sich mit der Herkunft von Wörtern beschäftigt.

Und da können wir bald erkennen, dass „Ei“ ein sehr altes indoeuropäisches Wort ist. „oi-om“ gibt es als Wortwurzel wahrscheinlich schon länger als Hühner selber.

Das Wort „Huhn“ aber ist erst im Althochdeutschen nachzuweisen. „huon“ nannten diese Altdeutschen das Tier, das wir nun Huhn nennen.

Na, das wäre doch ein Antwortvorschlag: Bevor wir im Deutschen das „Huhn“ kannten, kannten wir sehr wohl das „Ei“.

Das macht in meinen Augen einen glatten Punktsieg für das Ei. Aber nur, wenn man die Frage unbedingt, auf’s Verderben beantworten MUSS.

Aber vielleicht sollte man die Frage auch nicht beantworten. Sondern, sollte sie in einem Gespräch auftauchen, darauf hinweisen, dass das überhaupt keine blöde Frage ist.

Sondern eine, die die Menschheit nun wirklich schon lange beschäftigt. Und dann kann man Aristoteles, Plutarch, Macrobius, Augustinus, Thomas von Aquin, Aldrovandi, Diderot und den Explikator als große Denker aufführen, die sich ausgiebig mit diesem Thema auseinander gesetzt haben.

Wenn das nicht exzellentes Wissen ist, um auf einer Party zu punkten, dann weiß ich aber auch nicht!