Hell-Go-Land


Wenn es in Deutschland eine Landschaft gibt, die das genaue Gegenteil von der Nordseeküste ist, dann kann das nur Bayern sein.

Aber oft sehnt man sich nach dem, was man nicht kennt und so geht es auch dem Herrn Wunderlich.

Der durchaus Zeit auf einigen Inseln der Nordsee verbracht hat, aber immer noch nicht in Helgoland. Dieser einen speziellen Insel, die wie keine andere eine sehr bunte und sehr deutsche Geschichte hat…


Musik: „Island Lullaby“ von Fuzzi Logic / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Helgoland ist eine Insel in der Nordsee. Und ich finde, sie hat eine wirklich faszinierende, bunte, grausame, traurige, hoffnungsvolle und doch recht unbekannte Geschichte. Und die Geschichte von Helgoland ist auch irgendwie die Geschichte Deutschlands. Und auch wieder nicht. Es ist schwierig. Darum muss ich das erklären…

Wir in Bayern haben ja auch Inseln. Jawoll! Haben wir! Nicht lachen, da oben an der Nordsee! Die Herreninsel, die Fraueninsel, die Krautinsel, die Roseninsel – man erkennt schon an der Namensgebung, dass das kleine Fleckchen Land sind. In einem Süßwassersee.

Keine Ebbe, keine Flut, eigentlich nicht einmal eine Brandung. Und, damit man auch keine Fehler macht, haben wir immer hinten das Wort „Insel“ drangehängt. Weil es halt kein kleineres Wort gibt. Aber das ist geschummelt. Eigentlich sind es Inselchen.

Helgoland ist auch eine Insel. Und hat aber das Wort „Land“ hinten dran. So wie Russland oder England oder eben Deutschland. Ist natürlich in die andere Richtung übertrieben. Aber eine Insel ist Helgoland schon.

Wie jeden Bayern fasziniert mich das Meer natürlich. Ich war schon auf vielen Nordsee-Inseln. Das ist eine tolle Erfahrung. So ein Stück Land, das man ablaufen kann. Eine begrenzte kleine Welt. Eine überschaubare Welt. Man kann sich auf unseren Nordseeinseln eigentlich nicht wirklich verlaufen.

Und dann die Nordsee. Im Unterschied zu den bayerischen Seen ist das Wasser so weit das Auge reicht. Alleine so einen weiten Blick zu haben, ist eine sehr neue Erfahrung für einen Oberbayern. Endlos könnte das Meer sein. Das das irgendwann wieder Land kommt hinter dem Horizont, das könnte auch Fake News sein.

Wenn’s Bielefeld schon nicht gibt, wer weiß dann sicher, dass es Schottland gibt? Oder?

Und das Meer ist nicht einfach nur Wasser. Es ist eher wie ein Lebewesen. Es scheint zu atmen. Irgendwie auch einen eigenen Willen zu haben. Wie ein Tier ist es manchmal hellwach und manchmal schläft es.

Und der Geruch des Meeres ist auf so einer Insel überall. Der Geschmack von Salz auf den Lippen ist überall. Und irgendwie kann man immer die Brandung hören. So eine Insel ist eine kleine Welt für sich.

Aber, zugegeben, nach spätestens zwei Wochen ist mir das dann auch zuviel. Die Insel wird mir mit jedem Tag zu eng. Und die Tatsache, dass der Blick ins Unendliche geht, wird irgendwann eher bedrohlich. Ich bekomme dann Insel-Klaustrophobie.

Wäre einmal interessant zu wissen, wie das für einen Helgoländer ist, nach zwei Wochen im Oberland. Oder in München. Ob der sich dann zurücksehnt auf diese kleine Insel?

Es gibt Helgoländer. Das weiß ich aus sicheren Quellen. Es mögen 1400 oder 1500 Menschen sein, da ist man sich nicht so sicher, hat keiner ganz genau durchgezählt.

Und die leben auf einem Felsen, mitten im Meer. Es heißt, Helgoland sei die einzige deutsche Hochsee-Insel. Aber das ist natürlich Quatsch. Es sind nicht einmal 48 Kilometer bis zum Festland und auch geologisch sitzt sie auf der Festlandplatte. Das erkennt man auch gut daran, dass es erst seit 3500 Jahren überhaupt eine Insel ist.

Dieser kleine Fleck auf der Landkarte hat eigentlich nicht viel zu bieten. Da kann man wenig anbauen, es gibt kaum Bäume, keine Industrie außer des Tourismus vielleicht und Helgoland hat auch nie vielen Menschen Platz geboten. Es ist eine kleine Gemeinde, halb so groß wie Durchschnittsgemeinden hier im Süden. Wie in Bayern, Baden-Würtemmberg oder Hessen zum Beispiel.

Und das war wahrscheinlich auch früher nicht anders. Man geht davon aus, das schon in der Steinzeit hier Menschen wohnten und mit Feuerstein und Bernstein handelten, aber die Beweislage ist sehr dünn. Und das, obwohl die Insel damals noch bedeutend größer war.

Es gibt einige wenige bronzezeitliche Funde, aber wer hier wie lange siedelte, das weiß man wieder nicht. Wahrscheinlich war die Insel immer mal wieder bewohnt und immer mal wieder auch verlassen. Denn das ist typisch für Helgoland.

Erst im Mittelalter taucht die Insel in einigen Schriften auf. Noch unter ihrem alten Namen, nämlich „Heiligland“. Da ist sie noch viermal so groß wie heute.

Der Bischof von Willbrord von Utrecht versucht die Friesen, die auf der Insel die Gottheit Fosite anbeten vergeblich vom Christentum zu überzeugen. Das gelang erst hundert Jahre später, als man die Heiigtümer der Fosite zerstört und den Häuptlingssohn zum Priester weiht.

Dann erscheint das Heiligland aber erst wieder in Schriften, wenn es um Piraten geht, die sich da festgesetzt haben. Oder um Dänen. Aber das war für die Friesen damals auch ungefähr dasselbe.

Wir haben da eine Urkunde aus Hamburg, wo sich sozusagen die Anwohner über das Gebaren ihres dänischen Nachbarn – ein Raubritter – beschweren, der von Helgoland aus, immer ihre Schiffe kaperte. Das war in der Nord- und Ostsee damals ein populäter Beruf.

Was natürlich der Hanse nicht so gut in den Kram passte. Die Versicherungsprämien für Handels-Schiffe wurden bald höher als die Profite, weswegen man einen Feldzug gegen die Piraten begann.

Im Jahre 1400 kommt es vor Helgoland zu einer Seeschlacht und Robin Hood wird gefangen genommen. Also nicht DER Robin Hood. Sondern die norddeutsche Version halt. Klaus Störtebeker. Der angeblich seine Beute auch mit den Armen teilte.

Und natürlich gibt es eine Wirtschaft auf Helgoland, die Störtebeker heißt. Ronny und Wencke betreiben die seit 2015. Aber ich hab‘ keine Ahnung, wie das Essen da ist – war ja noch nie auf Helgoland!

1714 wird Helgoland dann endgültig dänisch. Deutschland, wie wir es kennen, gab es ja nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr so richtig, also konnte sich jeder etwas vom Braten abschneiden.

Damals war die Insel immer noch doppelt so groß wie heute. Obwohl die Bewohner Muschelkalk und Gips in rauen Mengen auf’s Festland verkauften.

Sechs Jahre später, im Jahre 1720, kommt eine große Sturmflut und teilt die Insel. In einen hohen Teil, die Hauptinsel. Und in einen tiefen Teil, der heißt Düne. Helgoland ist zweigeteilt und eine Wiedervereinigung wird es nicht geben. Wer in Helgoland baden geht, der geht auf die Düne.

Anfang des neunzehnten Jahrhunderts herrscht in Europa Krieg. Eigentlich herrscht in Europa bis 1945 immer irgendwo Krieg, aber die Napoleonischen Kriege waren schon große Konflikte. Warum die zum Beispiel nicht „Weltkrieg“ heißen, habe ich nicht verstanden.

Weil Napoleon versucht, den britischen Handel zu erwürgen, erobern die Briten Helgoland, um eine Basis zu haben, sich die Nordsee zurück zu holen. Von 1807 an beginnt der Rubel dank der Briten so richtig zu rollen. Die Insulaner und zahllose Schmuggler machen dicken Reibach mit den Engländern.

Bis 1814 der Spuk wieder vorbei ist. Der Krieg ist zu Ende. Der wirtschaftliche Abstieg Helgolands erfolgt von einem Tag auf den anderen.

Bis 1826 ein einzelner Insulaner eine völlig neue Idee hat. Er gründet ein Seebad. Also ein Platz, zu dem deutsche Touristen kommen können. Und ihre Großstadt-Lungenflügel mit Seeluft verwöhnen können. Und ihre Schreibtisch-Alabasterhaut in der Sonne bräunen können. Und die herbe Schönheit der Insel genießen können, um zu entspannen.

Die anderen Insulaner werden im den Vogel gezeigt haben, aber die Idee kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Helgoland wird in der Romantik zu einem Sehnsuchtsort. Heinrich Heine zum Beispiel ist ein berühmter Verehrer, der über die Nordsee schreibt: „Die Luft schmeckt wie Kuchen.“

In Deutschland wird gerade ein neuer Nationalismus geboren. Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichter hier das „Deutschlandlied.“ Offiziell befindet er sich dabei also in Großbritannien.

Doch das muss geändert werden. An die kleine Insel heftet sich dann ein besonderer, deutscher Stolz.

Bald ist Deutschland wieder Deutschland. Das zweite Reich wird 1871 gegründet. Und der Kaiser richtet sofort einen wachen Blick auf Helgoland, dass unbedingt wieder heimgeholt werden muss.

Ansonsten richten sich die Anstrengungen des zweiten Reichs eher danach aus, überall auf der Welt schnell Kolonien zu bekommen. Aber Helgoland ist immerhin so wichtig, dass man 1890 mit den Briten darum schachert. Helgoland darf zurück ins Reich, dafür kriegen die Briten das Sultanat Sansibar.

1914 war es mit dem Verhandeln vorbei und Europa machte da weiter, wo es 1815 aufgehört hatte. Nämlich sich selber zu verwüsten. Die Insulaner müssen die Insel verlassen. Helgoland wird zum Flottenstützpunkt umgebaut. Seefestung Helgoland hieß das dann.

Vor der Insel kommt es zu zahlreichen Seeschlachten, am Ende liegen alle deutschen Schiffe am Meeresgrund und die britischen nicht. Es wird 1918 heimgekehrt, aber es steht da kein Stein mehr auf dem anderen. Helgoland kaputt. Die Insel muss neu aufgebaut werden.

Als man Ende der Zwanziger wieder ganz gut am Tourismus verdiente, war aber die Weimarer Republik schon am Wackeln. Ab 1933 wurde Helgoland auf den nächsten, geplanten Krieg vorbereitet und wieder auf die Seefeste umgerüstet.

Doch die großen Seeschlachten bleiben aus. Dieser Krieg wird woanders ausgetragen. Oder wurde ausgetragen. Ab und zu bombadierten amerikanische Flugzeuge die Insel, aber es entstand kein großer Schaden.

Im April 1945 haben Widerständler versucht, die Insel kampflos aufzugeben an die Alliierten. Doch ein Spitzel hat alle Vierzehn verraten und ausgeliefert. Fünf wurden sofort hingerichtet.

Am 18. April nehmen dann über 1000 amerikanische Flugzeuge sich die Insel vor. Am Morgen des 19. steht wieder einmal kein Stein mehr auf dem anderen.

Doch dieses Mal dürfen die Helgoländer nicht zurück kehren, um mal wieder alles aufzubauen. Die Royal Air Force macht aus der Insel einen Übungsplatz. Bomberpiloten lernen anhand von Helgoland das bomben. Man kann sich das so vorstellen, dass sie auf Helgoland eine große Zielscheibe gemalt haben. Das kann man sich so vorstellen, weil es so war.

1947 gibt es auf Helgoland dann den „Big Bang“. Also nicht den Urknall, sondern den großen Knall. Der wurde damals tatsächlich so getauft.

Die größte Bombe aller Zeiten, die nicht atomar ist, wird auf Helgoland getestet. Man stopft in das Stollensystem der Nazis 6,7 Kilotonnen Sprengstoff. Eine halbe Hiroshima-Bombe.

Was genau passieren würde, das wußte man nicht. Aber es wurde in Kauf genommen, dass man dabei die ganze Insel in die Luft jagen könnte.

Daher die britische Spottbezeichnung Hell. Go. Land. The land that goes to hell.

Was aber nicht der Fall war. Der poröse Sandstein fängt den Explosionsdruck auf. Die Stollen stürzen ein, aber nur die Südspitze wurde halb weg gesprengt. Die Nordspitze blieb, trotz erheblicher Schäden, erhalten.

Aber dieser Akt grub sich tief ins kollektive Unbewusste der Nachkriegsdeutschen. Hatten doch die Romantiker den Steinhaufen in der Nordsee fest mit dem deutschen Nationalgefühl verklebt.

Und nun war es nur eine große, leere Ruine im Meer. Kaputtgebombt von den Siegern.

1950 schaffen es eine Handvoll Studenten aus Heidelberg, die Insel zu besetzen. An Weihnachten hissen sie mitten auf der Insel die Europaflagge und verbringen den Heiligen Abend in den Trümmern. Bald fassen die ersten Helgoländer Mut und folgen den Studenten.

Die Briten unterbinden diese Instand-Besetzung so gut es geht. Aber irgendetwas musste passieren.

Dank geschickter Verhandlungen von Konrad Adenauer himself kann auf Deutschland 1952 wieder die deutsche Flagge gehisst werden. Und alle Helgoländer, die sieben Jahren auf ihren Koffern saßen, kamen zurück.

Um die Insel wieder vollständig aufzubauen. Nur der Leuchtturm hatte den zweiten Weltkrieg überstanden, von allen anderen Gebäuden gab es praktisch keine Spur mehr, so gründlich war die Vernichtung.

Adenauer erklärt den Aufbau Helgoland wörtlich zur „Herzensangelegenheit des deutschen Volkes“. Und so packt Wirtschaftwunderland den Aufbau auch an. Bereits im Sommer 1952 können schon wieder die ersten Bade-Dampfer die Insel ansteuern.

Und der Tourismus wurde die Haupteinnahmequelle der kleinen Insel. 1500 Einwohner haben auf Helgoland ihr Bett. Und für Gäste gibt es noch einmal 2200 Betten dazu.

Denn man ist jetzt wieder wer. Ein amtlich beglaubigtes Nordseeheilbad.

Und um es den Touris bequemer zu machen von der Hauptinsel auf die Düne zu kommen, plante man schon eine große Brücke. Darüber gab es in der kleinen Gemeinde 2011 große Aufruhr. Man ließ abstimmen. Und siehe da: Die große Mehrheit entschied sich dagegen.

Mittlerweile sieht man kaum noch Spuren dieser sehr bewegten, sehr deutschen Vergangenheit auf der Insel. Es gibt in einem kleinen Stückchen Stollen noch ein Rudiment der ehemaligen Nazibunker zu begehen, aber das ist auch alles.

Bis auf letztes Jahr vielleicht. Es war Oktober, die Saison war eigentlich schon durch, da mussten die Helgoländer wieder einmal ihre Insel verlassen, als ein Blindgänger der Royal Air Force gefunden wurde.

Da sitzen also die Helgoländer wieder einmal in Booten und müssen wieder einmal ihre Insel verlassen.

Übrig blieben nur die Robben. Die schauen uns Menschen schon seit Jahrhunderten zu, wie wir die Heilige Insel dauernd aufbauen und kaputt machen. Verlassen und wieder heimkehren.

Denen ist es wurst, ob sie Heiden sind oder Christen. Likedeeler oder Hanseaten. Freibeuter oder brave Bürger. Dänen, Friesen, Briten oder Bundesdeutsche.

Die schauen uns friedlich zu und grasen in aller Ruhe vor sich hin.

Ach nee, die grasen ja nicht. Die fressen den Touris ja die Krabben weg!
Sorry, mein Fehler. Bin ja nur ein Oberbayer!

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