Helena und Priamos


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Wir haben beide – Frau Anders und Herr Wunderlich – in unserer Jugend Gustav Schwab verschlungen! (Das sagt man so! Wir sind keine Kannibalen, wir haben nur „Sagen des klassischen Altertums“ gelesen.)

Und dort wird der Krieg um Troja so überliefert, wie uns Homer – oder die Schreiber der Illias – uns das vor vielen Jahrhunderten erzählten. Und diese Version hat auch heute noch ihre Gültigkeit.

Besonders schlecht dabei weg kommt Helena. Die darf zwar wunderhübsch sein und deswegen der Auslöser für den Konflikt, ist aber sonst nur Zierwerk, wenn sich echte Männer kloppen.

Heute hören wir Helena und König Priamos zu, bevor die Sieger über die Geschichtsschreibung bestimmen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „ Helena’s song“ von Alberto Trobia / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Halt! Wer ist da? Wer da auch im Dunklen stehen mag, soll herauskommen! Zeige Dich! Es gibt nichts mehr zu befürchten! Komm‘ raus!
FA: (off) Ich bin’s, Vater.
HW: Ah! Du bist es, Helena! Das ist gut! Du bist mir als Einzige willkommen! Setz‘ Dich zu mir! Willst Du einen Schluck Wein?

FA: Nein, jetzt doch nicht! Du musst fliehen! Wir müssen fliehen! Priamos, es wird höchste Zeit!
HW: Ich muss fliehen? Nein, ich habe keinen Ort, zu dem ich fliehen könnte!
FA: Wenn die Barbaren kommen, dann werden sie Dich töten!
HW: Ja, daran gibt es wohl nicht den geringsten Zweifel!

FA: Und Deine Leiche schänden, wie bei Hektor!
HW: Möglich. Aber, weißt Du was: Das ist mir dann wahrscheinlich scheißegal!
FA: Priamos, das muss nicht sein! Wir können uns in den Bergen verstecken! Bei den Schäfern! Paris hat da noch viele Freunde! Die werden uns verbergen, bis die Barbaren wieder fort sind!

HW: Helena, Du und ich, wir sind die einzigen Menschen hier in Troja, die nicht fliehen müssen!
FA: Aber natürlich! Wir müssen fliehen, wenn wir überleben wollen!

HW: Unsinn! Ich bin ein alter Mann, der alles verloren hat. Der die Räuber selber in sein Haus gelassen hat. Der alle seine Kinder verloren hat an einen Krieg, den er niemals wollte. Der gehasst wird von seiner Frau. Ich werde nicht weglaufen. Ich bleibe als Letzter in Troja. Ich werde diesen Thron nicht lebendig verlassen. Ich bin nicht bereit, mich dieser blinden Gewalt zu beugen.
FA: Das ist kindischer Stolz, Vater! Nichts als dummer Trotz! Sei nicht genauso kindisch wie die Griechen!

HW: Hm. Du hast wahrscheinlich recht. Ich bin wirklich kindisch…
FA: Na also! Dann komm‘ jetzt! Ich brauche Dich!
HW: Helena, die Wahrheit ist, das ich zu müde bin. Ich bin zu müde, um weiterzuleben. Und diesen Wunsch habe ich im Kopf als Heldentat verkleiden wollen. Schade, dass diese Illusion nun auch noch kaputt ist.

FA: Priamos, Du und Hektor… und Paris natürlich, ihr wart die einzigen in Troja, die mich liebevoll behandelt haben! Ich kann nicht Dich auch noch verlieren! Du bist mir mehr ans Herz gewachsen wie mein leiblicher Vater! Du hast mit mir geredet wie mit einem ebenbürtigen Menschen!
HW: Wieso auch nicht? Bist Du etwa weniger wert?

FA: Für die Griechen bin ich weniger wert! Natürlich! Ich bin ja nur eine Frau!
HW: Stimmt, ich hatte vergessen, dass diese Sklavenhalter ja auch ihre eigenen Frauen wie Sklaven halten.
FA: Menelaos ist ein brutaler, stinkender, saufender, jähzorniger Affe!
HW: (lacht) Aber immer gut eingeölt! Immer gut eingeölt!

FA: Keine Scherze mehr! Wenn wir nicht fliehen, dann werden sie mich wieder versklaven, Priamos!
HW: Helena, wenn Du fliehst, dann wirst Du die meistgesuchte Frau der Welt. Dein Kopf wird sein Gewicht in Gold wert sein! Früher oder später werden auch Deine Hirtenfreunde schwach werden. Du und ich, wir sind die Einzigen in Troja, die nicht fliehen müssen, glaube mir!
FA: Aber wenn ich nicht fliehe, dann töten mich die Griechen!
HW: Niemals! Dazu ist Menelaos viel zu eitel. Du kehrst einfach zu ihm zurück, reumütig. Und dann kann sich der eitle Geck wieder mit seiner jungen Frau schmücken. Und, hab‘ keine Angst: Viele Jahre wird er nicht mehr leben, so wie er trinkt!

FA: Um mich dann wieder von ihm vergewaltigen zu lassen, wann immer er nüchtern ist und Lust verspürt? Nein, vielen Dank, dann bin ich lieber tot!
HW: Helena, Du bist noch jung. Deine Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Und sie endet nicht mit Menelaos. Wirf‘ Dein Leben nicht weg – ergib‘ Dich einfach! Willst Du jetzt einen Schluck Wein?

FA: Nein. Danke. Das ist alles so ekelhaft. Diese Griechen sind so ungeheuer primitiv und dumm und hinterhältig und bösartig!
HW: Ich gebe Dir recht. Diesen letzten Verrat hatte selbst ich ihnen nicht zugetraut!
FA: Haben Dir nicht alle ihrer Heerführer den Frieden erklärt?

HW: Alle waren da. Jeder hat mir versichert, dass sie nur noch in Frieden abziehen wollen. Sie haben mir ihr Wort gegeben!
FA: Und warum sind sie dann nicht in Frieden abgezogen?
HW: Weil das nur gelogen war. Sie wollten mit uns den Frieden feiern, haben sie gesagt.
FA: Darum hast Du sie nach Troja gelassen?

HW: Sie kamen ohne Rüstungen. Mit einem Wagen voller Geschenke. Du hast es gesehen!
FA: Und sobald alle Mann in der Stadt waren, entpuppten sich die Geschenke als Waffen. Und jetzt brennt Troja. Das ist keine Kriegslist, Vater. Das ist billiger Verrat.
HW: Ja, natürlich. Auch davor schrecken die Griechen nicht zurück. Und irgendwie haben sie ja recht.
FA: Wie bitte?

HW: Es sind die Sieger, die dann die Geschichten erzählen, liebe Helena. Es wird keine trojanische Sicht auf die Dinge geben. Es wird nur die griechische Sicht übrig bleiben.
FA: Das ist grundfalsch! Das darf nicht passieren!
HW: Das passiert immer. Willst Du jetzt doch einen Schluck Wein?

FA: Ja, bitte. Füll‘ den Becher ganz auf! Auf mich warten wohl die sauren Weine in Griechenland.
HW: Auch das geht vorbei. Ja, die Gewinner erzählen die Geschichten. Das ist der Lauf der Dinge. Eigentlich ist es sogar ein bisschen schade, dass ich nicht erleben werde, wie sich die Griechen aus dieser Sache herausdichten. Die Tatsachen rechtfertigen ja kaum Heldengeschichten, oder?
FA: Du meinst, dass sie eine Stadt neun Jahre belagern und leben müssen wie die Schweine, während für uns das Leben fast normal weitergeht? Einfach, weil sie zu dumm waren, unsere Handelsrouten zu stören?

HW: Das ist schon die erste Dummheit, die ich niemals verstehen werde. Plündern und verbrennen alles um sich herum und bemerken dann, dass man Asche nicht essen kann. Das hätte ich gerne gesehen, als ihnen dieser Fehler dämmerte. Wie viele Mahlzeiten wohl ausfallen mussten, bevor sie das bemerkten?
FA: Ich glaube, die Griechen dachten, sie können die Stadt einfach stürmen, bloß weil sie mehr Krieger hatten. Und dann waren sie erstaunt über unsere Festungsmauern. Ich habe in Mykene gelebt. Die ganze Stadt ist nicht so groß wie dieser Palast. Und die Mauern sind aufgeschichtete Steine.

HW: Wie werden sie sich wohl die militärischen Erfolge erdichten? In neun Jahren haben sie keine einzige Schlacht gewonnen. Weil sie einfach ungeordnet und planlos immer wieder in unsere Formationen gelaufen sind. Wie münzt man das in einen Sieg um?
FA: Das ist ganz einfach. In Griechenland erzählt man sich nicht, wie eine Zivilisation entsteht, man erzählt sich, wie einzelne Männer besonders große Krieger sind. Sie werden aus ihren Reihen einfach einzelne herauspicken und zu Übermenschen machen. Wahrscheinlich ganz simpel die Heerführer selber. Ajax, Achill, Agamemnon, Odysseus und wie die anderen auch immer heißen.

HW: Nein, ich glaube, das wird noch viel komplizierter. Die haben doch den ganzen Himmel voller Götter. Für jeden Fluss und jeden Wald gibt es eine eigene Gottheit. Und sie werden erzählen, dass unsere Mauern von ihren Göttern gebaut wurden. Und dass eine andere Gottheit ihre Armada in einem Sturm untergehen ließ. Und das wieder andere Götter sich in Kämpfe eingemischt haben, die nicht ihre Helden gewonnen haben. So werden sie das machen.
FA: Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Herkules, diesen Piraten, haben sie mittlerweile in ihren Götterhimmel erhoben. Kannst Du Dir das vorstellen?

HW: Es ist überhaupt ein Seeräubervolk. Ich verstehe die Griechen wirklich nicht. Sag‘, Helena, ist es so schrecklich in Griechenland, dass so viele Männer lieber hier an der Küste zelten und hungern?
FA: Nein. Schrecklich ist es da nicht. Es gibt nicht wirklich viel Land zu bewirtschaften, weite Regionen sind einfach Wald oder Berge oder Staub. Aber man kann dort ganz gut leben. Es ist nicht die Armut oder die Kargheit oder eine primitive Zivilisation, die die Männer forttreibt. Das glaube ich nicht?

HW: Dann ist es der Neid auf Troja? Auf eine friedliche Welt? Auf eine gerechte Welt?
FA: Neid vielleicht schon. Aber am ehesten auf die Reichtümer. Frieden ist kein erstrebenswertes Ziel für die Griechen. Und Gerechtigkeit ist kein Ideal. Du musst wissen, dass die Griechen, wie sie hier vor Troja liegen, schon ihre Heimat selber erobern mussten. Die Ionier und die Danaer sind Seeräuber gewesen, die die griechischen Städte eroberten und versklavten.
HW: Ionier siedeln schon seit Jahrhunderten friedlich auf unserem Gebiet. Woher also auf einmal diese Wut?

FA: Du weißt schon, was die Griechen als Kriegsgrund angeben?
HW: Alles mögliche und nichts geben sie an! Wieso, was meinst Du?
FA: Sie sagen, Paris hätte mich entführt. Oder noch besser, ich hätte Paris verführt!
HW: Das sagen sie? Im Ernst? Aber Paris war doch noch ein Kind, als Du nach Troja geflüchtet bist!

FA: Das spielt keine Rolle. Das ist der Grund. Die Horden, die jetzt gerade durch Troja ziehen und töten und brandschatzen und vergewaltigen – eben das, was sie für Kriegsführung halten… Diese Räuber, Lügner und Barbaren machen das nur, damit Menelaos seine Helena wieder kriegt!
HW: Das ist ja unglaublich! Das glauben sie ja selber nicht! Das wird ihnen niemand abkaufen!

FA: Doch. Denn ich bin, lieber Vater, die schönste Frau der Welt!
HW: Äh. Also, ich möchte Dir ja nicht zu nahe treten, liebe Schwiegertochter, aber das klingt trotzdem unglaublich. Du bist schon sehr schön, das schon, aber wie soll jemand denn der schönste Mensch der Welt sein? Haben diese Griechen sich alle Frauen der Welt angeschaut und dann verglichen? Und Noten verteilt? Das ist doch wie aus einem Märchenbuch!

FA: Nein, das liegt daran, weil mich die Göttin der Liebe zur schönsten Frau der Welt gemacht hat! Die Griechen geben mir nicht einmal die Schuld, sondern der Göttin Aphrodite. Und ich bin nicht vor dem furzenden Menelaos geflohen, sondern wurde von Hektor und Paris entführt.
HW: Pah! Das Gegenteil ist doch wahr! Diese Griechen haben doch meine Schwester gestohlen!
FA: Also. Dann lass‘ uns die Geschichte weiterspinnen, die sich die Griechen ausdenken werden. Wenn die wirklich den Achill zu einem Helden machen werden, wie dichten sie sich dann um die Tatsache herum, dass der praktisch nie gekämpft hat, weil er die ganze Zeit nur mit Patroklos im Zelt Liebe gemacht hat?
HW: Ist Patroklos nicht gefallen?
FA: Doch. Soweit ich weiß, schon.
HW: Na, das reicht doch. Dann rächt Achill den Patroklos halt.

FA: Nein, das glaubt doch keiner, der dabei war. Nicht Achill, der ist doch dick wie eine Tonne und komplett unbeweglich.
HW: Diese Lügengeschichten schreiben sich von selber, Helena, da müssen wir uns keine Gedanken darüber machen. Lassen wir den Krieg. Der erreicht uns sowieso in ein paar Minuten. Genießen wir also die letzten Minuten Trojas. Ich hätte da noch eine Frage! Noch etwas Wein?

FA: Ja, gerne! Füll‘ den Becher ganz voll! War das schon Deine Frage?
HW: Du hast da etwas gesagt, was mich an eine Prophezeiung von Kassandra erinnert hat. Du hast gesagt, für die Griechen ist Aphrodite schuld, die Dich zur schönsten Frau der Welt gemacht hat?
FA: Ja, sicher. Eigene Motive oder einen eigenen Intellekt trauen die Griechen Frauen nicht zu. Auch einer der Gründe, warum ich geflohen bin.

HW: Es gibt keine griechischen Heldinnen?
FA: Nein. Keine einzige, die ich kenne. Die Griechen haben Angst vor Frauen. Und Frauen mit Waffen sind für sie undenkbar. Da unten, in den Zelten, hat keiner der Griechen seine Frau dabei! Das sind alles Gefangene und Sklavinnen, die von jedem jederzeit vergewaltigt werden können.

HW: Keine Heldinnen also. Und keine Frauen mit Waffen…
FA: Doch, warte! Mir fällt ein, es gibt da die Amazonen!
HW: Aber das sind ja nicht griechische Frauen, oder?

FA: Das sind vor allem in den Augen der Griechen Monster. Perverse. Völlig durchgeknallt. Die würden sich, so sagt man in Griechenland, eine Brust abschneiden, um besser mit dem Bogen schießen zu können!
HW: Ist nicht wahr?
FA: Ich schwöre es! Die volle Wahrheit!

HW: Aber die haben doch auch Göttinnen?
FA: Ja, für die Liebe. Oder für die Jagd. Und dann gibt es Hera, die die ganze Zeit machtlos zusieht, wie Zeus eine menschliche Frau nach der anderen schwängert!
HW: Und für die Göttinnen, die wir haben, für die weibliche Seite des Lebens, da haben die Griechen dann auch… Männer? Im Ernst?
FA: Ja. Für alle.
HW: Für die Weisheit?
FA: Ein Mann. Apoll.
HW: Und für den Schlaf?
FA: Ein Mann. Hypnos.
HW: Der Tod?
FA: Ein Mann. Thanatos.
HW: Der Traum?
FA: Ein Mann. Morpheus.
HW: Das Meer?
FA: Ein Mann. Poseidon.
HW: Der Reichtum?
FA: Ein Mann. Plutos.

HW: Ich gebe auf. Haben die wirklich nicht mehr Göttinnen, nur die drei?
FA: Doch, doch. Ich hätte noch Göttinnen auf Lager für Zauberkunst, Nekromantie, Wegeskreuzungen oder für den Herd, für die Fruchtbarkeit oder, auch eher eine anscheinend weibliche Aufgabe: Die Göttin des Regenbogens, die Iris.

HW: Das ist ja lächerlich. Unglaublich!

HW: Aber, das Du schön bist, das ist irgendwie doch wichtig, oder? Warum sollte das denn sonst ein Kriegsgrund sein?
FA: Das mit der Schönheit, das ist auch eine lustige Sache bei den Griechen. Gut, dass wir darauf auch noch kommen. Aber Priamos, unsere Gläser sind leer. Und die Karaffe auch…

HW: Kein Problem, warte. Hier, ich habe mir vier Karaffen mitgenommen. Damit ich stockbesoffen bin, wenn die Griechen mich erschlagen!
FA: Oh, dann sollte ich Dir das vielleicht nicht wegtrinken…
HW: Keine Sorge! Ich bin auch bei zwei Karaffen stockbesoffen! Ich mag Alkohol ja nicht, wie Du weißt! Aber zur Schönheit zurück!

FA: Schön kann eigentlich für die Griechen nur ein Mann sein. Wenn ein griechischer Künstler aus einem Stück Marmor eine Statue macht, dann stellt die einen schönen Mann dar. Wenn Menelaos in die Schlacht zieht, dann macht er sich schön. Und ölt sich ein, wie Du schon gesagt hast, damit er in der Sonne glänzt! So eitel sind die Griechen!
HW: Aber dann macht es doch noch weniger Sinn, dass die einen Krieg führen, weil Du zu uns geflohen bist!

FA: Weil ich entführt wurde! Weil ich Paris verführt habe! Denn natürlich gibt es in Griechenland auch schöne Frauen. Das funktioniert so: Ein gesunder Mann mit einem gesunden Geist, der muss auch schön sein. Wenn ein Mann nicht schön ist in Griechenland, dann gilt er als dumm. Verstehst Du?
HW: Nein, das verstehe ich nicht. Das ist komplett unlogisch.

FA: Doch, das ist so. Da gibt es sogar ein Wort dafür: Kalokagathia. Ein schöner Geist kann nur in einem schönen Körper wohnen.
HW: Also bist Du für die Griechen eine weise Frau?

FA: Nein. Denn ich bin ja eine Frau. Und eine schöne Frau, das ist in Griechenland immer etwas Schlechtes. Die erste Frau der Welt war wunderschön. Sie hieß Pandora. Und gleichzeitig die Verkörperung des Bösen. Kalon Kakon heißt das Prinzip.

HW: Aber das widerspricht doch jedem natürlichen Empfinden? Kennen die Griechen denn kein Begehren nach Frauen? Keine Lust am Sex? Keinen Spaß am anderen Körper?
FA: Doch, doch. Aber das empfinden sie als Schwäche! Eine schöne Frau macht in Griechenland die Männer schwach und willenlos. Sie verführt die Männer zum Sex. Eine schöne Frau anzuschauen, reicht schon, um verflucht zu sein. Als Actäon die Diana beim Baden beobachtet, verwandelt sie ihn in einen Hirsch, der dann von seinen eigenen Jagdhunden getötet wird. Wenn jemand die Medusa anschaut, dann wird er zu Stein. Wenn die Sirenen singen, wird ein Mann willenlos. Wenn die Circe zaubert, verwandeln sich Männer in Schweine. Soll ich noch mehr Beispiele aufzählen?

HW: Nein. Es reicht. Ich gebe auf zu zweifeln. Das ist eine sehr widernatürliche Sicht der Dinge. Und ich befürchte, meine Kassandra hat doch recht.

FA: Was hat sie denn gesagt?
HW: Sie sagte, der Kampf um Troja ist der Kampf zwischen Natur und Gewalt. Zwischen Wachsen und Diebstahl. Zwischen Ruhe und Zorn. Und vor allem zwischen Ost und West. Über Tausende von Jahren wird dieser Krieg immer wieder geführt werden und immer wird der Osten verlieren. Und immer werden die Räuber gewinnen.

FA: Das ist mit Abstand die schlimmste ihrer Prophezeiungen…
HW: Und Du, liebste Helena, wirst über Jahrtausende immer wieder besungen werden, hat sie gesagt. Von jeder Generation neu.

FA: Oh. Ich komme auch vor in der Prophezeiung?
HW: Du wirst das Symbol für das Flittchen, die Hure, die Verführerin, eine willenlose Nebenfigur. Und ich hatte das einfach nicht glauben wollen. Bis Du mich gerade aufgeklärt hast. Jetzt glaube ich ihr wahrscheinlich doch.

FA: Oh. Kann ich noch einmal… von dem Wein…
HW: Aber sicher.
FA: Danke, Vater.
HW: Nenn‘ mich besser nicht mehr Vater ab jetzt. Wir wollen doch unsere Schlächter nicht verwirren.
FA: Gut. Wie Du meinst.

HW: Jetzt wird es nicht mehr lange dauern.

FA: Weißt Du, bei aller Phantasie der griechischen Dichter. Wie wollen die das hinkriegen mit der Eroberung? Jeder wird wissen, dass sie aufgegeben hatten. Dass wir sie zu einem großen Friedensfest eingeladen haben, hinein in unsere Stadt und sie das nur benutzt haben, um Troja zu zerstören! Wie kann aus diesem größten Verrat der Menschheitsgeschichte eine Heldengeschichte werden?

HW: Pfft? Was weiß ich denn? Jetzt, nach unserer Unterhaltung traue ich denen alles zu! Wird halt eine Kriegslist von diesem Odysseus werden! Denk‘ Dir einfach das Unglaublichste aus, was Du Dir vorstellen kannst?
FA: Hmm. Wir haben aufgegeben und Troja freiwillig geräumt? Weil uns neun Jahre Krieg zu doof war?
HW: Das wäre zu nahe an der Wahrheit. Und nicht heldenhaft.

FA: Wir haben die Soldaten selber nach Troja gelassen…
HW: …aber das stimmt ja!
FA: Halt! Aber wir haben es nicht gemerkt! Weil die…
HW: …weil die von einem Gott unsichtbar gemacht wurden!

FA: Nein! Das ist zuviel des Guten. Weil die versteckt waren! In irgend etwas Großem, dass wir dann selber in die Stadt geholt haben!
HW: In einer großen Holzfigur!
FA: Von irgendetwas Tollem!

HW: Hm. Etwas, das den Griechen gefällt…

HW: Eine Holzfigur von einem Penis! Das wird es sein!
FA: Genau! Die Krieger haben sich in einem Holzpenis versteckt, wir haben den nach Troja gezogen und nachts sind sie dann rausgekommen. Und da waren genug Krieger in dem Penis, dass sie ganz alleine alle Trojaner geschlagen haben.
HW: War sicher ein mächtig großer Penis!
FA: Riesengroß!

HW: Riesengroß schon , aber…
FA: Aber was?
HW: Eingeölt! Verdammt gut eingeölt!

FA: So wird es kommen!
HW: Ach, Schwiegertochter, danke für das letzte Lachen! Noch ein Schluck?
FA: Gerne, Vat… Gerne, König Priamos, König von Troja!
HW: Prost, dann! Helena, Du schönste Frau der Welt!


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