Hektors Flucht

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Die Geschichten des trojanischen Kriegs ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil einer guten europäischen Allgemeinbildung. Sie sind altbekannt und vielzitiert, aber haben alle einen Haken: Erdichtet wurden sie von den Gewinnern.

Wir nähern uns der Geschichte – übrigens schon zum zweiten Mal – heute von der Seite der Trojaner und werden Zeuge, wie Hektor sich für seinen letzten Kampf rüstet.


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Musiktitel: „Epic Rap Battles of Homer: Agamemnon vs Hector“ von Umbrella Life

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Die Geschichte zum Lesen

Wenn er die Faust schließt, umfassen seine Finger die Klinge des Schwerts komplett. So klein ist das Spielzeug, so klein ist sein Sohn Astyanax. Gerade vier Jahre, geboren als Zeichen der Hoffnung mitten in der Zeit der Belagerung. 

Priamos, sein Vater, hatte dem Enkelchen Schwert und Schild und Helm geschenkt. Klein zwar und nur aus Holz, aber detailverliebt seiner Ausrüstung nachgestaltet. Denn Astyanax würde ohne Zweifel ein strahlender Held werden. So wie sein Vater, so wie Hektor. 

 Er reicht seinem Sohn das kleine Mordwerkzeug zurück. Ohne zu zögern, setzte dieser damit seinen Kampf gegen eine Übermacht imaginärer Gegner fort. Primitiv und blutrünstig waren sie, die Griechen! Sie mordeten Kinder, vergewaltigten Frauen, sie logen und betrogen und wäre da nicht Astyanax und sein Schwert, dann wäre Troja wohl gefallen! 

 Hektor musste schmunzeln: So ähnlich wären die Geschichten, die sein kleiner Sohn einmal über seinen Vater hören würde. Legenden über den Helden von Troja, den Verteidiger des Ostens, der Wall gegen die Barbarei. 

Ohne ihn, Hektor, würden die Sagen behaupten, wäre die Stadt schon beim ersten Ansturm gefallen. War es etwa nicht Hektor, der den Ajax besiegte, den größten Helden der Achäer? 

War es nicht Hektor, der die Achäer und Danäer zurück an den Strand drängte und das Tor zu ihren Befestigungen mit einem einzigen Steinwurf einschlug? Gab es einen wichtigeren Helden oder Heerführer auf Seiten der Trojaner? 

 Das würde man dem Kleinen erzählen, wenn er fragen würde, wo denn sein Vater ist. Wenn er wissen wollte, warum er ohne Vater groß werden musste und warum er ihn verlassen hatte. Liebte Hektor denn seinen Sohn nicht? Und seine Frau Andromache? 

 Denn in den Legenden wird kein Platz sein für den Vater Hektor, den Gatten Hektor, den Bruder Hektor oder den Sohn Hektor. Man würde nicht erzählen, wie er seine Kinder liebkoste und seine Frau zärtlich streichelte. Und sicher nicht, dass er nachts, wenn alle schliefen, sich im Flur versteckte und weinte. 

Kein Barde würde davon singen, wie der große Hektor jede Nacht schreiend wach wurde. Weil er immer wieder durchleben musste, wie seine besten Freunde abgeschlachtet wurden, grausamer als Schweine am Schlachttag. 

 Es war kein Gedicht wert, davon zu erzählen, dass ein Krieg, der zehn Jahre dauert, keine Sieger kennt und keine Verlierer. Oder davon, wie er wieder und immer wieder am Rat der alten Männer scheiterte, die selber zu dick waren, um ein Schild zu ergreifen oder ein Schwert zu führen. 

Die alten dicken Männer, die ihre Söhne und Enkel an den Mauern opferten, aber selber ihre Schäfchen schon im Trockenen hatten und nach der unvermeidlichen Niederlage zu ihren Landgütern fliehen würden. 

 Hektor musste immer jüngeren und unerfahreneren Männern die Waffen in die Hand drücken. Die Wahrheit war, dass jetzt, im zehnten Jahr des Kriegs, Kinder Troja verteidigten. Kinder, die davon träumten, Helden zu werden, und die den ersten Schwertstreich eines erfahrenen Gegners nicht überleben würden. 

 Die Legenden, die sein Sohn Astyanax erzählt bekommen würde, hätten grausame Mykener als Bösewichte und tapfere Hethiter als tragische Helden. Das große Reich der Hethiter würde trotz des Verlusts einer Stadt weiter bestehen, doch die mykenische Kultur vergehen. 

In seiner Generation würde der Hass auf den barbarischen Westen gepflanzt werden und die Kinder der Griechen würden den dekadenten Osten zu verabscheuen lernen. Immer wieder würde sich dieser Krieg wiederholen, so wie sich jede Schlacht in diesen zehn Jahren ähnelt. 

Er wusste, dass dies die Wahrheit ist. Denn das hatte seine Schwester gesagt, Kassandra. Alles, was sie sagt, wird wahr und ist wahr, das ist ihr Segen. Aber keiner der dicken, alten Männer, einschließlich seines Vaters, hat ihr jemals zugehört, das ist ihr Fluch. 

 Astyanax, die Wahrheit ist: Hektor ist müde!“, wollte er zu seinem Sohn sagen. „Die Wahrheit ist: Die Helden kehren nicht zurück am Ende – sie sterben alle in der Fremde. Keine Schlacht wird gewonnen, kein Krieg führt zu dem Ergebnis, das gewollt war.“ 

Beinahe hätte er seinem Vierjährigen die Wahrheit ins Gesicht gesagt: „Wir Trojaner sind müde, die Achäer und Danäer an unseren Küsten sind müde, wir sind innerlich ausgebrannt und verbraucht! Jedes Gefühl ist in uns gestorben. Wer auch immer die Schlacht um Troja gewinnt, hat bereits seine Menschlichkeit verloren.“ 

Ich blicke Dich an, Astyanax, und sehe durch Dich und um Dich und in Dir nur den Krieg. Du bist im Krieg gezeugt und geboren und schon dem Tod geweiht. Denn die Liebe, die Eltern ihren Kindern geben sollten, hast Du nie bekommen. Die Liebe ist das erste Opfer des Kriegs.“ 

Deine Mutter, Andromache, ist die weiseste und stärkste und liebevollste Frau, doch ich kann ihren Anblick nicht mehr ertragen. Ich will nicht mehr sehen müssen, wie abgrundtief müde ihr Lächeln ist, wenn ich in die nächste überflüssige Schlacht ziehe.“ 

Ich kann die Last nicht mehr tragen, die diese Stadt mir aufgebürdet hat. Und weil Deine Mutter sie zu gleichen Teilen mit mir trägt, ist sie genauso zu Tode erschöpft, wie ich es bin.“ 

Das ist die wahre Geschichte des tapferen Hektor und die wahre Geschichte von jedem Soldaten, der den Krieg überlebt, mein Sohn! Lass‘ Dir nicht ein Märchen erzählen von Heldentum und von Gerechtigkeit und von einer Katharsis durch Gewalt.“ 

„Seit hunderten von Generationen erzählt man uns die Lüge, dass der nächste Krieg derjenige sei, der endlich den Frieden sichert. Wie schamlos gelogen! Die Wahrheit ist: Jeder Speer, jeder Pfeil und jedes Schwert, die gefertigt werden, beenden den Frieden unaufhaltsam!“ 

 Astyanax, die Wahrheit ist: Hektor ist müde!“, wollte er zu seinem Sohn sagen. Aber diese Worte sprach er nicht aus. Stattdessen stand er auf vom Bett, auf dem er Platz genommen hatte, um sich die Schienbeinschoner umzubinden. 

Sein Sohn bewunderte ihn, als er sich den Brustpanzer anlegte und Andromache ihn festschnürte. Seine kleinen Augen leuchteten, als Hektor die Unterarmschienen anlegte und den Helm aufsetzte. 

Aber sie begannen zu fiebern, als der Held Trojas sich den Gurt umband, an dem die Scheide eines Schwerts und eines Dolchs befestigt waren und er die beiden Klingen einsteckte. 

 Hektor und Andromache lächelten sich an, wie so viele hundert Male schon vorher. Immer wissend, dass es dieses Mal das allerletzte Mal sein könnte. Dass es bei dieser Schlacht Hektor sein könnte, den die Männer nach Hause tragen müssten. 

 Sie wollte ihn festhalten und verstecken, mit ihm und den Kinder fliehen und den Krieg hinter sich lassen! Nichts war wichtiger, als gemeinsam wieder so zu leben, dass man lieben konnte und lachen und weinen! Keine Familie, keine Stadt, kein Staat konnte von ihr verlangen, ihr Frau-Sein zu opfern, ihr Mensch-Sein zu verlieren. 

Doch Andromache lächelte müde. Nur am Zittern ihrer Hände war es für Hektor zu erkennen, dass seine Frau in ihrem Inneren ihren Krieg führen musste. 

 Und er, Hektor, wollte das auch! Er war es, der festgehalten werden wollte. Er bedürfte ihrer Angst und ihres Trosts! Er war es, der fliehen wollte und sich verstecken! Seine Waffen und seine Rüstung vergraben und mit seiner Familie so weit flüchten, dass niemand mehr ihr Lurisch verstand. In eine Gegend, so fern von Troja, dass keiner von Paris oder Helena gehört hatte. 

Dort würden sie sich einen kleinen Hof kaufen und ihre Kinder zu bescheidenen Bauern erziehen. Es war wichtiger, eine Sense schwingen zu können als ein Schwert. Wichtiger einen Schafbock scheren zu können als einen Gegner zu erdolchen! 

 Doch Hektor lächelte müde. Das Zittern seiner Hände verbarg er, indem er Schild und Schwert fest packte. Nur an der Blässe seiner Knöchel konnte Andromache seine Angst sehen. 

 Hektor und Andromache lächelten sich an, wie viele hundert Male schon vorher. Sie wussten von Kassandra, dass dies ihr Abschied war. Gestern war Patroklos gefallen, weil Hektor annahm, er wäre Achill gewesen 

Heute würde Hektor vor das Tor treten und sich dem Gegner stellen und dabei sterben.  

 Und wie Hektor sterben würde, so würde auch Troja fallen, nach zehn Jahren Widerstand ohne innere Verteidigung, wenn ihr Heerführer verblutet war. 

Und so wie Hektors Leichnam zwölf Tage um das Grab des Patroklos geschleift werden würde, so würde Troja brennen und vergehen, bis es nur das Gerippe einer Stadt war. 

 Er hört das Horn, das Achilles bläst, als er am Stadttor angekommen ist. Es ist Zeit. Und so verlässt Hektor seine Frau, seine Kinder, seinen Vater, seine Stadt und sein Leben. 

 Vom Balkon aus verfolgt Astyanax seinen Vater mit Blicken und bewundert die große Gestalt mit den breiten Schultern, die immer kleiner wird, während sie auf die Stadtmauer zuschreitet. Und er sieht, wie sich die großen Tore aufschwingen und den Blick auf die Ebene auftun. 

Einsam steht dort ein Streitwagen und auf ihm Achill, der größte Held seiner Zeit. Sein Vater ergreift zwei Speere, die ihm gereicht werden und geht auf den Barbaren zu. 

Die Tore schließen sich und versperren die Sicht.  

 Niemals wird Astyanax vergessen, wie sein Vater diesen letzten Gang angetreten war. Wie ein junger Gott, wie die Legende, die Hektor war: Der größte Held der Trojaner! 

 Andromache stand neben ihrem Sohn und weinte. Sie war erleichtert, dass sie wieder weinen konnte! Denn sie hatte mehr gesehen als ihr kleiner Sohn. Sie hat den federnden, jugendlichen Schritt ihres Gatten bemerkt.  

 Auf seinem letzten Gang war Hektor nicht gebrochen, war nicht mehr eine Hülle seiner selbst. Der Tod brachte ihrem Geliebten ein letztes Geschenk:  

Hektor war wieder frei. Endlich frei. 


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