Hardcore-Musik-Sammeln


Alles begann mit einem kleinen orangefarbenen Plattenspieler. Und der ersten Larifari-Platte. Jahre später hatte ich eine umfangreiche Plattensammlung.

Die ich dann aber in den Achtzigern für wenig Geld verscherbelte – hatte ja eh‘ keine Zukunft mehr, das Medium! Tja, denkste!

Heute verkaufen sich wieder mehr Vinyl-Tonträger als Audio-CDs. Und die Hardcore-Sammler sind wieder auf der Jagd nach den seltensten Stücken.

Und da gibt es einige sehr außergewöhnliche Beuteobjekte. Von denen wir heute die fünf Ungewöhnlichsten präsentieren!


Links:
Platz 5: The Flaming Lips – She Don’t Use Jelly
Platz 4: „Sweet Insanity“ von Brian Wilson
Platz 3: The Residents: „Freak Show – CD-ROM (1994)
Platz 2: Spazz „Charles Bronson – Split 7
Platz 1: Shout Out Louds – Blue Ice – Instructions


Download der Episode hier.
Musik: „Collection“ von Dario / CC BY-NC-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung

Ich plane Geschenke gerne weit im voraus. Auf meiner Liste ist mein Sohn der nächste Geburtstgaskandidat. Der ist Musiker. Und sammelt jetzt nicht gerade manisch Musik, aber irgendwie sammeln alle Musiker ja auch Aufnahmen, die sie toll finden.

Zum Beispiel in Form von guten, alten Vinyl-Schallplatten. Wie in unseren Tagen. Das die ein Comeback haben werden, hätte ich ja vor 10 Jahren noch nicht geglaubt.

In den Achtzigern habe ich mich von Hi-Fi-Freaks überzeugen lassen, dass CDs irgendwie eine tolle Sache sind. So toll rauschfrei. Zerkratzen nie. Gehen niemals kaputt.

Also habe ich meine Plattensammlung verscherbelt. Ich war jung und brauchte das Geld. Stimmt in diesem Fall wirklich. Aber viel hab‘ ich nicht mehr bekommen. Im Durchschnitt 50 Pfenning pro Platte. Und da war die Version von „Sticky Fingers“ von den Stones dabei mit dem echten Reißverschluss im Cover!

CDs waren dann glatt zehn Mark teurer. Obwohl sie in der Produktion für die Plattenfirmen viel, viel billiger waren. Wegen diesem Beschiss weine ich dem Musik-Business auch keine Träne nach. Kleine, blöde Jewelcases, die beim Benutzen immer kaputt gehen. Billig gedruckte Booklets mit Schrift in 4-Punkt-Größe. Lieblose Massenware, aber für 30 Mark.

Dann war Vinyl lange vergessen. Jetzt ist es wieder da. „Hands in Gloves“ von den Smiths kostet auf Ebay knapp € 7000,- Und meine „Sticky Fingers“ immerhin € 95,- Tja. Bled glaffe.

Aber ich war nie ein exzessiver Sammler. Ich besitze heute offline eine Sammlung von vielleicht 16 Gigabyte. Scheiß auf CDs. Einen Plattenspieler hab‘ ich gar nicht mehr.

Aber mein Sohn. Und da entstand also der Gedanke: Ich könnte ihm eine Platte kaufen. Aber ‚was Besonderes sollte es sein! Also tauchte ich in die Welt der Sammler ein. Und dann in die Welt der Hardcore-Sammler. Und ich brachte Erstaunliches zu Tage.

Hier also die 5 seltensten Hardcore-Musik-Sammelobjekte, die ich gefunden habe! In aufsteigender Bizarrheit. Bizarrität? Bizarrung? Bizzarro? Wie sagt man?

Platz 5 für die Flaming Lips

Das Sammelstück auf Platz fünf ist von einer Band mit dem Namen „The Flaming Lips“. Die habe ich erst so um 1993 entdeckt, als sie so etwas wie einen kleinen Hit hatten. Der hieß „She Don’t Use Jelly“ und das ist auch das Video, das wir auf der Website verlinkt haben.

Eigentlich kein besonderer Song, aber ist halt doch in all dem Krach, den MTV zu jenen Tagen so gesendet hat, aufgefallen. Ein eingängiger Song mit unsinnigen Texten. Und dem üblichen Grunge-Krach, aber halt völlig ohne die ganze deppressive Erdenschwere von Nirvana.

Die Musik der Flaming Lips ist am ehesten so etwas wie Indie-Rock. Und sie sind immer aufgefallen mit ausgeflippten Ideen und Konzepten.
1999 sollten die Lips dann ihren kommerziellen Durchbruch haben. Ihre Platte „Soft Bulletin“ wurde mit den „Pet Sounds“ von den Beach Boys verglichen. Das finde ich dann schon ein bisschen viel.

Auf ihren Konzert-Tour zu diesem Album gaben sie ihrem Publikum Kopfhörer und kleine Funk-Empfänger. So dass man die Musik auf der Bühne in bester Qualität hören kann und doch ein Live-Erlebnis hat. Hm…

Ihr achtes Album heißt „Zaireeka“. Das ist eine Mischung aus „Zaire“ und „Eureka“, sagt Songschreiber Wayne Coyne. Warum auch immer. Das besondere an dieser CD ist, dass es vier CDs sind. Als es auf den Markt gekommen ist. Jetzt gibt es auch vier Vinyls.

Die spielt man aber nicht nacheinander ab, sondern gleichzeitig. In den vollen Genuß der LP kommt nur der, der sie exakt zeitgleich auf vier Plattenspielern startet.

Das ist also eine Harcore-Sammler-Bizarro, nicht weil sie so selten wäre. Ich habe auf Flohmärkten schon akzeptable Versionen für 20 Euro gesehen. Sondern, weil sie nur ein Hardcore-Fan wirklich hören kann.

Platz 4 für Brian Wilson

Von den Beach Boys hatten wir es ja gerade. Wenn man mit Amerikanern spricht, die sich für ate Musik interessieren – also mit Menschen, die so alt sind wie wir… Wenn man also mit amerikanischen Altersgenossen über alte Musik spricht, dann taucht oft die Frage auf: „Was ist besser: Sergeant Pepper oder Pet Sounds?“

Das ist für mich als Beatles-Fan natürlich keine Frage und keine Diskussion wert. Aber natürlich ist „Pet Sounds“ auch toll. Bei beiden Werken würde ich übrigens nicht sagen, dass sie genial sind. Ich mag Pepper wirklich sehr, aber es ist in Wirklichkeit gar kein Konzept-Album. Eher ein gescheitertes Konzept-Album, Revoler war viel revolutionärer.

Und so ähnlich wirkt viel von dem Psychedelischen bei „Pet Sounds“ aufgesetzt. Machte man halt so. War irgendwie ein Wettkampf, wer Titel freakiger instrumentieren kann. Bevor Wilson dann komplett in die Fänge eines wirren Psychotherapeuten geriet und für die Welt verloren war.

1988 erschien trotzdem ein Album, das er dann „Brian Wilson“ taufte. Die erste in elf Jahren Behandlung mit allen möglichen und unmöglichen Psychopharmaka. Fans und die Presse drehten durch. Die Platte wurde „Pet Sounds 88“ genannt. Ich fand sie sehr unspektakulär, irgendwie seltsam aus der Zeit gefallen.

Sein nächstes Werk sollte dann also „Sweet Insanity“ werden. Und 1991 erscheinen. Aber, so geht die Legende, jemand klaute die Bänder aus dem Studio! Und so erschien also „Sweet Insanitiy“ eben nicht.

Aber es gab das Album doch. Und zwar als Bootleg. Als unautorisierte Musik-Kassette. Illegal. Verboten. In einer kleinen Auflage – nur für Insider. Für eine Schweinekohle.

Diese erste Auflage von „Sweet Insanity“ auf Musik-Kassette aus dem Jahr 1981 ist eines der gesuchtesten Bootlegs überhaupt.

Auch wenn Brian Wilson die Legende dementierte und meinte, das Album sei einfach nicht gut genug gewesen, darum hätte er es nicht veröffentlicht. Es geht das Gerücht, das es da einen Song gibt, wo Weird Al Jankovic Wilson auf dem Akkordeon begleitet, während der Ober-Beach-Boy rapt. Bin mir nicht sicher, ob ich das hören will…

Auch wenn es das Album jetzt auf YouTube gibt, haben wir verlinkt.

Platz drei für die Residents!

Die Residents waren in Europa immer ziemlich unbekannt. Dabei gibt es die Gruppe seit 1974 und sie veröffentlichen ununterbrochen neues Material. Vielleicht habt ihr sie ja auch schon einmal gesehen. Das sind mehrere humanoide Wesen, die einen Smoking tragen und eine Kugel auf dem Kopf, die ein menschliches Auge darstellen soll.

Nicht? Macht auch nichts. The Residents ist das, was man in den USA „Avant-Garde-Music“ nennt. Wir in Europa können da natürlich nur angeberisch eine Augenbraue in die Höhe ziehen und alteuropäisch arrogant lächeln.

Doch auch bei uns wurden die Residents bekannt, aber nicht für eine Audio-CD, sondern für eine Multimedia CD-ROM. Und die hieß, genau wie das Musikalbum dazu „Freak Show“.

In der Sendung über Erich von Däniken habe ich ja schon kurz referiert, wie das so war, als es überall schon Computer gab, aber kein Internet. Da war die Zukunft noch die CD-ROM. Eine interaktive Zukunft. Wo jede neue Software mit einem neuen Interface kam.

So dass man eigentlich die meiste Zeit orientierungslos rumklickte. So wie auch bei der „Freak Show“. Die aber trotzdem eine tolle, abgespacete Grafik bot. Für die damalige Zeit. Jim Ludke hieß der Künstler und Grafiker, der hier das Maximum aus einer bescheidenen Acht-Bit-Palette mit 254 rausholte. Denn Schwarz und Weiß waren reserviert…

Der stärkste Eindruck, den das Werk bei mir hinterließ, war die überwältigende Sympathie für diese Zirkus-Freaks, die da ausgestellt waren. Die beinahe zärtlich Zuneigung für Menschen, die wir früher als lebendige Kuriositäten begafft haben.

Wenn ich meinem Sohn also ein ganz besonderes Geschenk machen will, könnte ich ihm ja die komplette Sammlung von Werken der Residents schenken, oder?

Wie praktisch, dass die auch gerade im Angebot sind. Das „Ultimate Box Set“ der Residents als Sammelstück. Über 560 Songs. Vierzig LPs, fünfzig CDs und Dutzende über Dutzende an Eps, DVDs und alle drei interaktiven CD-ROMs. Und einen Original Augapfel-Helm der Residents gibt es obendrauf!

Und damit das auch schön verpackt ist, kommt das Ganze in einem eigenen Residents-Retro-Kühlschrank. Das ist wirklich etwas für echte Hardcore-Fans, denn der Spaß kostet schlappe $ 100.000!

Das ist ein bisschen so wie bei dem Karl-Valentin-Sketch mit den Schnürsenkeln. „Wos! Eine Million Mark wollen sie für die Schuhbandl! Ja, bei dem Preis verkaufen sie ja nie welche!“ – „Ja, das schon. Aber wenn…“

Tatsächlich haben die Residents die „Ultimate Box“ erst zweimal verkauft. Das eine Exemplar ging ans MomA in New York und das andere hat sich ein Hardcore-Fan in Indiana gekauft.

Das ist Hardcore-Musik-Sammling, oder?

Wir haben als Link für die Residents sozusagen ein Playthrough der CD-ROM „Freak Show“. War ein eigentümliches Gefühl, das zu entdecken! Bestimmte Loops, die da im Hintergrund liefen, waren sehr tief in mein Unbeswusstes gegraben!

Platz zwei für Spazz! Mit zwei Z.

Die ihr wahrscheinlich nicht kennt. Denke ich einfach einmal. Punk war in Wirklichkeit bis auf eine Handvoll Ausnahmen kein Massenphänomen und hat sich spätesten in den Neunzigern auch zurück entwickelt zu einer Nischenkultur.

Das ist völlig in Ordnung, da gehört es auch hin. Und da fühlen sich auch die heutigen Punks wohl. Man kann ja schlecht die Konsumgesellschaft ablehnen und Platten-Millionär werden.

Im Kern war Punk nur eine Wiederentdeckung des Rock’n Roll. In seiner puren Form. Und einen Ticken härter gespielt. Dann kamen die Sex Pistols und The Clash und schon brauchte es eine Wiederentdeckung des ursprünglichen Punk. Das war dann Hardcore. Einen Ticken härter gespielt. Und dann wurde Hardcore zur bestimmenden Stilrichtung innerhalb des Punk. Also brauchte es die dritte Meta-Ebene. Das war dann Grindcore. Oder aber eben Powerviolence.

Nie gehört den Ausdruck? Ist auch nur ‚was für Kenner. Wir Punk-Laien können das nicht von Trash-Metal unterscheiden. Und dabei ist das natürlich etwas völlig aaaaanderes!

Gut, die wichtigste Band der Powerviolence war Spazz. Aus Kalifornien. Was wiederum bei britischen Punk-Fans… Aber lassen wir das. Ich habe übrigens „Charles Bronson“ von Spazz verlinkt. Das ist eine eher softe EP der Band.

Und die haben ein Sammlerstück produziert, das auch ziemlich Harcore ist. Denn ihr Song „Funky Ass Li’l Platter“ erschien nur 14 Mal als Single. Auf Vinyl. Aber nicht auf einem beliebigen Vinyl-Format.

Vorab zur Info: LPs, also Langspielplatten kennen wir in hauptsächlich in der Größe 12 Inch. Das sind ziemlich genau 30 cm. Im Durchmesser. Und dann kennt jeder noch die sogenannten Singles. Wo nur ein Song drauf ist. Den man dann bei 45 Umdrehungen statt bei 33 abspielen muss.

Singles haben sieben Inch. Das sind dann ungefähr 17,8 cm. Und für die brauchte man dann noch so einen Lückenbüßer. Weil das Loch in der Mitte größer war als bei der LP. Das war dann so ein Puck oder aber so ein kleiner Plastik-Shuriken. Den hat man als Musik-Benutzer dann auch in der Platte gelassen.

„Funky Ass Li’l Platter“ erschien aber auf einem eigenen Format. Als Ein-Inch-Vinyl. Richtig, die Platte ist nur ganze 2,5 cm groß. Und Seite A spielt man bei 78 Umdrehungen, was die modernen Plattenspieler gar nicht mehr können. Ergibt dann nicht einmal eine Minute Powerviolence-Punkrock. Der letzte Verkauf, den ich gefunden habe, ist von 2013. Da bekam man 350 Dollar dafür. Seitdem ist es ruhig um die 14 Originale, dafür sind einige Fälschungen aufgetaucht

Aber das ist nur die Silbermedaille für die Band, die es übrigens auch seit 18 Jahren nicht mehr gibt.

Und das Hardcore-Bizarro-Sammlerstück Nummer eins ist: The Shout Out Louds!

Die Shout Out Louds sind eigentlich eine eher unauffällige Indie-Band aus Schweden. Und ihr Song ist auch eher harmlos und eigentlich für meinen Geschmack zu gefällig. Doch mit einigem Marketing haben die Schweden es 2012 doch in die Fachpresse gebracht. Und dieses Marketing ist Sammlerstück Nummer eins.

Ihr Song „Blue Ice“ kam ursrprünglich in einer sehr – sagen wir einmal eigenwilligen und auch selstam rücksichtslosen – Art auf den Markt.

Denn „Blue Ice“ erschien als Eisplatte. Als Eis-LP. Als eine Platte aus Eis. Na ja, nicht direkt aus Eis. Sagen wir einmal so. Man konnte das Werk kaufen, aber musste dann noch einmal basteln.

Was man da erwarb, war ein Krug mit Wasser. Und eine Gußform. Das Wasser musste man in die Gußform gießen und dann in die Tiefkühltruhe tun. Die Anleitung dazu gab es auf Vimeo, haben wir verlinkt

Die Eisplatte konnte man dann auf seinen Plattenspieler legen und abspielen. Während sie vor sich hinschmilzt.

Das ist sicher ein tolles und auch irgendwie poetisches, romantisches Erlebnis. Wenn man dazu ein, zwei Flaschen Rosé trinkt. Oder besser vorher.

Bis halt die ersten Tropfen in den Plattenspieler laufen und ihn ruinieren. Dann hört der Spaß auf. Aber: Wenn man eine der zehn Kopien dieses Marketing-Gags besitzt, kann man die ja verkaufen und sich einen neuen Plattenspieler besorgen.