Haben oder Sein


Manchmal nimmt man nach vielen Jahren wieder ein Buch in die Hand und erinnert sich an das erste Mal, als man es gelesen hat.

So ging es Frau Anders bei „Haben oder Sein“ – ein populäres Werk von Erich Fromm aus dem Jahre 1976.

Das aber überhaupt nichts von seiner scharfen Analysekraft verloren hat und dessen Vision von einer neuen Gesellschaft brandaktueller ist als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung.


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I miss you“ von Olga Zhilkova / CC BY-SA 3.0
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Kapitel eins: Wer war Erich Fromm?

Erich Fromm wurde im Laufe seines Lebens vieles genannt. Geboren ist er im Jahre 1900 – kann man sich gut merken. Und weil er wohl immer lauter „Jude“ genannt wurde, emigrierte er 1934 in die USA. Er starb 1980 in der Schweiz, vier Jahre nach Veröffentlichung von „Haben oder Sein“.

Er war Humanist und Sozial-Analytiker, ausgebildet als Psychoanalytiker und Sozialpsychologe. Viele ordnen sein Werk als „humanistischen Sozialismus“ ein. Die sehen in Fromm eine Brücke zwischen Marx und Freud.

Andere nennen ihn „Kuschelphilosoph“. Denn im Gegensatz zu den anderen Denkern der Frankfurter Schule verliert er bei aller messerscharfer Analyse nicht seinen Optimismus… und distanziert sich auch später klar von ihr.

„Lieber Gott, mach mich zu Fromm, dass ich in den Himmel komm!“ So witzelten die Anhänger Adornos. Bei dem gab es in einer falschen Gesellschaft kein richtiges Leben. „Es gibt nichts Richtiges im Falschen“.

Natürlich wurde er auch viel geschimpft, weil seine Werke verständlich waren. Sozusagen populär-wissenschaftlich. Es hat da einfach nicht genug Fußnoten, um von Akademikern ernst genommen zu werden.

Doch im Gegensatz zu Adorno oder Horkheimer wurde Fromm halt gelesen… was natürlich einfach daran lag, das man ihn lesen konnte. „Haben oder Sein“ hat 25 Millionen Exemplare verkauft. Und ist immer noch aktuell. Man muss in seinen Texten nur „Maschine“ mit „Computer“ austauschen, und es bleibt eine gespenstisch topaktuelle Analyse.

Darum würde ich sagen: Erich Fromm war vor allem eines: Ein Visionär.

Kapitel zwei: Die Zeit

„Haben oder Sein“ war auch deshalb so ein großer Erfolg, weil es erschienen ist, als es gerade gebraucht wurde.

1976 war man der alten sozialistischen Propaganda schon recht müde geworden. Es war klar geworden, dass der Marxismus nicht als Antwort auf alle drängenden Fragen reichte.

1976 war das erste Jahr der Brokdorf-Demonstrationen. Brokdorf ist ein Kernkraftwerk in Schleswig-Holstein, dass aber von der Bevölkerung nicht gewollt war, kurz erklärt.

Die Demonstrationen wurden immer größer und das Polizeiaufgebot auch. Mit Panzern und Hubschraubern wurde immer wieder versucht, zu verhindern, dass da 100.000 Menschen demonstrieren. Ja, 100.000 Menschen. Wegen eines Atomkraftwerks.

1976 war auch das Jahr der Dioxin-Katastrophe in Seveso. Da setzte in Italien, bei Mailand, ein Chemiewerk riesige Mengen eines giftigen Gases ein. Und versuchte das kriminell zu vertuschen. Tagelang wurden die Tierkadaver eingesammelt. Der Bevölkerung riet man, ihr Gemüse und Obst zu verbrennen, aber sagte nicht warum. Eine Riesenschweinerei.

Zu diesen Problemen kann Marxismus keine Antwort finden. Auch nicht zu den Fragen der feministischen Bewegung. Oder die der aufkommenden Schwulenbewegung.

Denn der Marxismus ist eine materialistische Philosophie und tief im Industrialismus verwurzelt. Die alternative Bewegung – Öko-Fuzzis wie Du, Herr Wunderlich – die suchten andere Antworten.

Und da kam „Haben oder Sein“ genau richtig.

Drittes Kapitel: Haben oder Sein

Ein toller Titel schon einmal. Zwei substantivierte Verben. Zwei eingefrorene Tun-Wörter. Und eben für Fromm zwei diametrale Lebenskonzepte.

Auf der einen Seite sieht er den sogenannten nekrophilen Lebensstil. Der sich darüber definiert, was man hat. Es ist ein Kult um tote Objekte, um Dinge, die man erwerben kann.

Zitat: „Das Ziel der heutigen Gesellschaft ist nicht die Verwirklichung des Menschen. Das Ziel der heutigen Gesellschaft ist der Profit des investierten Kapitals.“

Oder noch besser:

„Die Identitätskrise unserer modernen Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass wir zu selbst-losen Werkzeugen geworden sind, deren Identität auf der Zugehörigkeit zu Global Player beruht.“

Das ist natürlich die Basis unserer Konsumgesellschaft. Die Politik, die Wirtschaft und die Werbung setzen den Menschen so lange einer Gehirnwäsche aus, dass er den Konsum als Lebenszweck vollkommen annimmt.

Und um die zu erwerbenden Gegenstände wird zum Teil ein richtiger Kult aufgebaut, eine Analyse, die heute verständlicher ist als früher. Braucht man nur schauen, wie die Menschen für das jeweils neueste iPhone tagelang in der Schlange stehen.

Das Problem an dieser Dauer-Gehirnwäsche ist halt, dass das Haben bald in alle Lebensbereiche einbricht. Brilliant die Analyse des sogenannten „Marketing-Charakters“. Und wir reden hier von 1976.

Alles ist austauschbar, der Mensch beginnt sein konstantes Selbst einzubüßen. Stattdessen wird er zur „Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt“: Ich bin, was ich habe, und was ich habe, das hat mich… In seinen Besitz genommen.

Als hätte er Facebook und Twitter und Instagram vorausgeahnt. Wieviele Follower hast Du? Wer macht die cooleren Selfies? Wie schminke ich mich noch Kamera gerechter? Welche tollen Urlaubserlebnisse habe ich mir gekauft?

Die erfolgreichsten YouTuber in Deutschland sind die, die in ihren Videos von ihren neuesten Einkäufen sprechen. Und dann von der Firmen, deren Artikel sie in die Linse halten, auch noch bezahlt werden. Das ist praktisch die Meta-Gehirnwäsche – wir werden aaalle zu Werbern.

Wieder ein Zitat: „Der moderne Mensch hat viele Dinge und gebraucht viele Gegenstände, aber er ist sehr wenig. Seine Gefühle, seine Denkvorgänge sind zurückgebildet wie untrainierte Muskeln.“

In der Welt des Habens wird der gesunde Mensch seelisch krank. Nur der seelisch kranke Mensch kann dann glücklich werden, nur der Psychopath.

Er sagt auch: „Für jene, die glauben, dass „haben“ eine höchst natürliche Kategorie innerhalb der menschlichen Existenz ist, mag es überraschend sein, wenn sie erfahren, dass es in vielen Sprachen kein Wort für „haben“ gibt.“

Aber die meisten Menschen merken nicht einmal, dass sie unglücklich sind. Und unbewusst setzen sie alle Verdrängungsenergie ein, um sich glücklich zu nennen. Denn man muss glücklich sein. Ein unglücklicher Mensch ist ein Looser! Ein unglücklicher Mensch ist in der Nekrophilie, in der Welt der toten Dinge, ein Misserfolg, ein Versager. Menschlicher Müll.

Könnte diese Analyse einer kalten, materialistischen Welt von 1976 erklären, warum die Zahl der Depressiven seit Jahren steigt? Warum wir mehr und mehr Psychopharmaka verkaufen müssen, damit der Laden läuft?

Herr Fromm sagt dazu: „Die zerstörerischen Tendenzen nehmen meines Erachtens heute deshalb so zu, weil die Langeweile wächst, weil die Sinnlosigkeit des Lebens wächst, weil die Menschen ängstlicher werden, weil sie keinen Glauben an die Zukunft und keine Hoffnung haben.“

Doch Herr Fromm wäre ja nicht von Marxisten und Sozialisten verlacht worden, wenn er bei dieser messerscharfen Analyse stehen geblieben wäre. Dann wäre er ja kein „Kuschelphilosoph“.

Denn das Gegenmodell zur Nekrophilie ist die Biophilie. Statt also eine Liebe zu toten Dingen muss man eine Liebe zum Leben entwickeln und pflegen. Zum eigenen inneren Leben und Erleben. Zum eigenen seelischen Wahrnehmen und zum Wandel.

Zitat: „Die Kinder lernen in der Schule, dass Ehrlichkeit, Lauterkeit und die Sorge um das Seelenheil die leitenden Prinzipien des Lebens sein sollten, während das „Leben“ lehrt, dass die Befolgung dieser Grundsätze uns bestenfalls zu weltfremden Träumern macht.“

Und im Prinzip braucht Fromm ja auch nicht weit suchen, um Fürsprecher für diese Theorie zu finden. Denn im Prinzip sagt das jede Weisheitslehre auf der Welt.

In diesem Buch bedient er sich deshalb reichhaltig bei Marx, Buddha, Jesus, Freud, Spinoza und dem deutschen mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart.

Er fordert ein neues, religiöses Denken. Eine neue Gesellschaft muss das alle Menschen innewohnende religiöse Bedürfnis erfüllen.

Doch das sieht er im staatstragenden Christentum nicht gegeben. Richtig analysiert er, dass wir Christus wohl nicht richtig verstanden haben, wenn wir seine Lehre mit der Konsumgesellschaft ohne Weiteres vereinbaren können.

In Wirklichkeit ist unser Vorbild nicht der demütige Versager Christus, der am Kreuz stirbt, sondern immer noch der barbarische Held, der seine Feinde niederschlägt. Das ist die kämpferische Leitfigur in einer gut funktionierenden Leistungsgesellschaft.

Mir persönlich war diese Analyse immer wichtig. Mein Lieblingszitat aus diesem Abschnitt des Buchs: „Natürlich ist die katholische Kirche nicht gegen die Geburtenkontrolle, weil ihr das Leben heilig ist, sondern damit sie die gesunde Sexualität in Verruf bringen kann.“

Kapitel vier: Zusammenfassung

Für Fromm gibt es in unserer Gesellschaft ein tiefgründiges Problem, dass es einer gesunden Seele nicht erlaubt zu wachsen, ohne dabei Schaden zu nehmen.

Aber es gibt für ihn auch Hoffnung, denn unsere Bedürfnisse und das Leben selber werden sich auf Dauer durchsetzen gegen die nekrophile Welt des Habens.

Aber das geschieht nicht, indem wir uns im Esoterikladen Räucherstäbchen kaufen oder fern der Welt ein Aussteigerleben führen.

Es braucht eine Revolution. Eine umfangreiche Veränderung der Konsumgesellschaft hin. Weg von der Zerstörung hin zur Erhaltung. Zur Nachhaltigkeit. Zu einem lebendigen, vitalen Dasein innerhalb eines gesunden Für.- und Miteinander!

Dazu sagt er auch:

„Wenn Wirtschaft und Politik der menschlichen Entwicklung untergeordnet werden sollen, dann muß das Modell der neuen Gesellschaft, auf die Bedürfnisse des nicht entfremdeten, des nicht missbrauchten Individuums ausgerichtet werden!“ Das heißt also, auf ein Individuum das sich am Sein orientiert.

Das bedeutet, daß Menschen weder gezwungen sein sollen, in entwürdigender Armut zu leben – übrigens immer noch das Problem des allergrößten Teils der Menschheit. Das bedeutet aber auch weiter, dass die Menschen nicht zu einer Existenz als Homo Consumens verurteilt werden dürfen, wie dies heute für die kaufkräftigen Schichten der Industriestaaten zutrifft. Und es müsste auch bedeuten, dass die Menschen, die bislang durch die Gesetze einer kapitalistischen Wirtschaft und der ständigen Zunahme von Produktion und Verbrauch zum Kauf gezwungen sind, nicht weiterhin gnadenlos instrumentalisiert werden dürfen.

Wenn die Menschen jemals frei werden, d. h. dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist, wie kann es anders sein, eine radikale Änderung des Wirtschaftssystems vonnöten: dann müssen wir der gegenwärtigen Situation ein Ende machen, in der eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich ist. Unsere Aufgabe ist es also, eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen zu schaffen!

Na ja, vielleicht war Erich Fromm nicht nur ein Visionär. Für mich ist er das, was man früher einen Weisen genannt hat.

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