Grill-Kill!


Grillen ist anscheinend etwas Archaisches. Etwas, das aus unserer Freizeitkultur nicht wegzudenken ist.

Auch, wenn es in dieser Form eben nicht älter ist als das Konzept „Freizeit“ überhaupt – also keine 150 Jahre.

Und es läuft auch ein bisschen aus dem Ruder. Findet Frau Anders. Und hat da in ihrem wöchentlichen Rant ein paar richtig gute Argumente. (Die man als Griller aber auch als Tipps missverstehen darf!)


Musik: „Grill With George“von STELLAR ART WARS / CC BY-NC-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Verschenke diese Sendung!


Wenn Du diese Sendung verschenken willst, dann schicken wir dem Beschenkten eine Email mit einem individuellen Download-Link und Deiner persönlichen Grußbotschaft. (Die Email-Adresse des Beschenkten wird nicht bei uns gespeichert.)


Skript zur Sendung


Ich gebe zu, dass ich kein Fan vom Grillen bin. Ich gebe sogar zu, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich mag Grillen nicht. Ich mag es nicht, wenn unsere Nachbarn grillen und es nach verkohltem Fleisch stinkt, ich mag es nicht, wenn wir selber nur traurige matschige Zuchini grillen, ich mag das Gegrille einfach nicht!

Das sind meine Gründe. Kurz und knapp. Aber auf der anderen Seite möchte ich niemandem das Grillen vermiesen. Einige Menschen, die ich sehr schätze, machen das verdammt gerne. Genau genommen geben 95% der Deutschen an, dass sie gerne grillen. 89% besitzen einen eigenen Grill. Ich stehe also etwas alleine hier rum…

Für ganz, ganz Viele gehört eben Sommer und Grillen und ein kaltes Bier irgendwie zusammen. Und, wenn ich mir viel Mühe gebe, dann kann ich das irgendwie auch zu verstehen erahnen… versuchen… fühlen… können… hätte… würde…

Es hat eben dieses Aarchaische, dieses Ursprüngliche, dieses Simple und Einfache. Sagen die Grillfans. So haben schon unsere allerersten Vorfahren ihr Essen zubereitet, sagen sie. Das ist eine uralte Tradition, uralte menschliche Kultur. Das haben schon die Steinzeitmenschen so getan. Sagen sie.

Aber es ist nicht so, dass sie sich dann das Designerhemd vom Oberleib reissen und dann mit den Fäusten auf ihren Brustkorb trommeln. Nein, sie nippen an ihrem Craft-Bier, greifen zu ihrem Tausend-Euro-Handy, machen ein 15-Megapixel-Foto von ihrem verkohlten Spanferkelchen und posten das dann auf Instagram. Warum grillen wir eigentlich keine Hundebaby’s? Statt immer nur Ferkelchen, Lämmchen oder Kälbchen?
Kann mir das jemand vielleicht mal einer von euch Grill-Profi’s erklären, so für Dummie’s…?!

Überhaupt: Die Steinzeit als Epoche bietet für mich sowieso keine Reize! Die Paläo-Diät zum Beispiel ist völliger Quatsch! Und man sollte nie vergessen, dass es bei allen Funden, die wir aus der Steinzeit haben, nicht ein Exemplar gab, das älter gewesen wäre als 30. Und weit, weit mehr als die Hälfte aller gefundenen Steinzeitmenschen starben einen gewaltvollen Tod.

Aber natürlich sind Griller nicht gleich Killer. Und natürlich war ich auch nicht mein ganzes Leben Vegetarier. Und natürlich habe ich auch Grillerfahrungen. Die sind halt alle nicht so toll. Sondern eher scheiße. Darum hier also Frau Anders Grilltipps. Oder Grill-Rant. Oder einfach die Punkte, die ich am Grillen nicht mag.

Die Kohle

So fängt es ja schon einmal an. Über die Kohle sollten wir einmal offen reden. Echte Steinzeitmenschen schwören natürlich auf das Aroma der echten Holzkohle. Das ist ja im Prinzip auch in Ordnung.

Was aber im Supermarkt in absurd großen Tüten verkauft wird, ist etwas anderes. Das ist die sogenannte Grillkohle. Oder gar Grillbriketts. Was da genau drinnen ist, das kann man gar nicht sagen. Es ist eine Melange aus billigen Kohlen, die da zusammengepresst wird. Meisten enthält diese Mischung auch einen ordentlichen Anteil an Braunkohle.

Das ist die Kohle, die wir beinahe oberirdisch gewinnen können. Und für die wir ganze Landschaften kaputtbaggern. Da kann man nachher, so wie in der Lausitz, im besten Fall Wasser einlassen und vergeblich hoffen, dass Touristen kommen.

Und dann gibt es auch noch die Holzkohle-Grillkohle. Die kommt in der Regel aus Südamerika und Afrika. Da werden gerne illegal ganze Waldstriche dafür abgeholzt. Denn es ist ein schneller und simpler Weg aus dem Holz einen Mehrwert zu holen.

Man sollte sich also heimische Holzkohle holen, wenn man grillt. Ein FSC-Siegel oder ein PEFC-Siegel ist schon das Mindeste. Wenn es um’s Aroma geht, ist vielleicht Buche oder Birke wünschenswerter als Mangrove oder Mahagoni, oder?

Wer sein Essen gerne mit wenigen krebserregenden Stoffe mag, sollte auf das DIN-Siegel achten, das garantiert wenigsten, dass der Qualm nur CO2 und Feinstaub produziert und nicht andere Schadstoffe enthält.

Das Fleisch

Kann mit mal jemand erklären, warum ganz normale Menschen, die sonst nur das beste Bio-Fleisch in die Pfanne tun, beim Grillen auf einmal der Meinung sind, nur das billigste Schweine-Halsgrat-Stück aus der Kühltheke beim Supermarkt ist richtig zum Grillen?

Es ist aber doch schon klar, dass nur durch das Grillen die Massentierhaltung nicht aus dem Fleischstück rausgeht, oder? Oder die Hormone? Oder die Antibiotika?

Aber komischerweise ist ein Stückchen Bio-Rinderfilet für das Grillen zu gut. Und zu fein. Muss schon das Grobe sein. Das Einfache, das Ursprüngliche. Also lieber das High-Tech-Massenfleisch in der praktischen Plastikschale!

Und dann das vor-marinierte Grillzeug aus der Supermarkt-Theke! Wer will das denn bitteschön? Schon einmal mit einem Metzger geredet?

Was macht ein Metzger mit seinem Fleisch, wenn es sich nicht richtig verkauft? Schritt zwei der Verwertung ist dann natürlich das Marinieren! Mit genug Gewürzen und genug Öl bekommt man auch ein leichtes Hautgout aus der Ware. Kann ich ihm nicht einmal übel nehmen.

Und wer möchte eigentlich das Würzen eigentlich jemand anders überlassen? Ist das nicht das eigentliche Gestalten beim Kochen jeglicher Art?

Da weiß ich schon nicht, wo das Fleisch genau herkommt und dann weiß ich nicht einmal, was genau an Gewürzen drauf ist? Das führt gleich zu Punkt drei:

Das Öl

Marinieren ist ja toll. In Olivenöl schwimmen lassen ist ja auch toll. So ursprünglich halt. Das hat auch den Vorteil, dass das Öl dann in die Kohle tropft, sich entzündet und das Grillgut so schön verbrennt.

Was besonders bei kaltgepressten Ölen einen ganzen Cocktail an schädlichen Stoffen produziert. Man nennt die PAK. Das heißt polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Die sind schon sehr krebserregend.

Olivenöl taugt nicht zum Grillen! Das hat einen Rauchpunkt von 120 Grad, ab dann verbrennt es und macht die bösen PAKs. Sonnenblumenöl hat einen Rauchpunkt von 210 Grad, Erdnussöl von 230 Grad. Das ist schon eher geeignet.

Aber am besten ist es, vor dem Grillen das Grillgut trockenzutupfen. Also die schöne Marinade aus dem Supermarkt abmachen.

Und beim Grillen auch nicht mit der Gabel reinzustechen, denn dann tropft wieder Fett in die Kohle und… siehe oben.

Am besten wäre eine Grillschale. Aber das ist dann nicht mehr ursprünglich und Steinzeit. Sondern dann wäre es vom Koch-Technischen viel schlauer, das gute Fleisch gleich in der Pfanne zu machen, wo man die Temperatur genau kontrollieren kann.

Noch einmal die Kohle

Und jetzt meine ich nicht die Kohle, die man verbrennt. Das hatten wir ja schon. Sondern die Kohle am Fleisch.

Denn alles, was am Grillgut schwarz ist, ist chemisch gesehen, einfach Kohle. Die Kohlenstoff-Verbindungen, die nun einmal Fleisch oder Wurst sind, sind dabei so lange durch die Hitze verändert worden, bis einfach Kohlenstoff übrig bleibt.

Das ist genau der Vorgang, mit dem aus der Mangrove oder der Mahagoni – von gerade eben – der Vorgang mit dem aus Holz Holzkohle gemacht wird.

Es gab früher einen ganzen Berufstand, der das auch bei uns gemacht hat. Der hieß Köhler. Der, der Kohle macht.

Da ist es eigentlich egal, ob man Holz verwendet als Rohstoff oder Grillwurst. Am Ende ist es amorpher, schwarzer Kohlenstoff.

Nur dass beim Grillen genau in dieser Kohle auch die PAKs von oben und die heterozyklischen aromatischen Amine (HAA) warten, um in unseren Darmzellen Mutationen herbeizuführen.

Man sollte beim Grillen also nicht nur darauf achten, dass kein Öl oder Fleischsaft in die Kohle fällt, sondern auch, dass da nur noch Glut über ist und der Abstand groß genug ist. Unter 130 Grad ist man auf der sicheren Seite. Und sobald Flüssigkeit an der Oberfläche auszutreten beginnt, unbedingt wenden. Das sorgt auch dafür, dass das Grillgut nicht trocken wird.

Wenn wir schon bei Chemie sind und bei PAKs und HAAs, dann wenden wir uns doch etwas zu, was ganz, ganz, ganz besonders „Steinzeit“ ist:

Grillanzünder

Mal ganz unter uns, ihr Jäger und Sammler der Steinzeit! Ihr braucht für euer kleines Feuerchen echt einen Grillanzünder? Diese kleinen stinkenden Würfel sind meistens aus Paraffin, Petroleum oder Kerosin. Alles High-End-Chemie aus fossilen Brennstoffen.

Ich brauche jetzt nicht mehr erwähnen, dass die Brennstoffprodukte dieser Grillanzünder wirklich richtig giftig sind? Wenn ihr das Zeug auf euer Essen bekommt, dann braucht ihr auch keine Angst mehr haben, wenn ihr am Tag eine Schachtel Zigaretten raucht. Oder in Tschernobyl als Putzhilfe arbeitet.

Na gut, das ist polemisch ich geb’s zu… Und ich kann das nicht einmal validieren.
Aber, steinzeitgemäß ausgedrückt: Grillanzünder? Pfui! Nix gut!

Wenn ihr so etwas verwendet, dann wartet am besten, bis der auch wirklich komplett verbrannt ist und weg und futsch. Bitte!

Und Spiritus ist übrigens nicht besser! Spiritus ist fast pures Ethanol. Also 100% Alkohol. Klar brennt das prima!

Aber, weil es für Alkoholiker viel billiger wäre, sich die Birne mit Spiritus zuzukippen, gibt es bei uns per Gesetz die Verpflichtung, den für Menschen ungenießbar zu machen.

Kuckt einfach bei der Wikipedia nach unter „Vergällung“, dann lernt ihr, dass da ein Haufen an Chemikalien reinkommt, die alle mit unserem Körper absichtlich unverträglich sind.

Und das spritzt ihr dann vorher auf die Kohle! Wohl bekomm’s!

Ach, noch ‚was. Wenn wir schon bei Spiritus sind: In Deutschland gibt es jedes Jahr 4000 Unfälle beim Grillen. Fünfhundert davon erleiden schwerste Verbrennungen und wirklich viele Menschen sterben. Jedes Jahr.

Und der Grund ist fast immer die Kombination Kohle und Brandbeschleuniger. Und davon allerallermeistens Spiritus.

So ein Feuerchen braucht halt ein bisschen Geduld. Die sollte man als echter Steinzeitmensch schon mitbringen. Und mit alten Eierkartons anfangen. Oder Reisig vom Spaziergang. Oder Holzspänen. Die kann man auch selber basteln. Mit einem Stück Holz und seinem Steinzeit-Taschenmesser.

Vegetarisch grillen

„Du musst ja kein Fleisch essen! Wir grillen extra für Dich etwas Vegetarisches! Das ist auch total lecker!“

Danke. Sehr lieb. Rein praktisch funktioniert das dann so: Wenn erst einmal das Billigfleisch und die Würste fertig sind, setzt sich der Steinzeitmensch zum Essen. Dankbarerweise hat er in seiner Toleranz dann noch ein paar Scheiben Aubergine oder Zucchini auf den Rost gelegt. „Musst nur kurz warten!“

Übrigens auf genau den Rost, an dem die Reste von totem Tier schön vor sich hin verkohlen. Und sich dann mit der geschmacklosen Zuchhini oder der rohen Aubergine zum schmackhaften Vergetariersnack verbinden.

Mal davon abgesehen, dass es immer zu wenig ist. Denn so eine halbe Zuchini macht den Rost alleine voll, sättigt aber dafür nicht so wirklich.

Sollten die Pflanzen übrigens vorher auch in öliger Marininade ertränkt worden sein, gilt natürlich das Gleiche wie oben beim marinierten Fleisch auch.

Klar könnte man vegetarisch grillen. Spießchen mit Tomaten und Feta, gefüllte Champignons, Folienkartoffeln, Halloumi, Kürbis, Camenbert oder sogar Avocados oder Fenchel. Selbst Bananen sind gegrillt richtig lecker. Oder grüner Spargel…

Macht aber niemand. Hab‘ ich auf jeden Fall bei einer Einladung noch nie erlebt. Das ist nämlich, im Vergleich zu Halsgrat aus dem Plastik nehmen, ein bisschen Arbeit und ein bisschen Vorbereitung.

Bleibt also, wenn man Glück hat, der Kartoffelsalat. Es sei denn, da ist Speck drinnen.
Deshalb gibt’s bei uns auch wenn wir grillen nur Kratoffelsalat! So. Ohne Speck allerdings.

Bleibt nur noch ein Punkt, der mich stört:

Einweg-Grills aus Alu

Alles, was ich bisher so genörgelt habe, das trifft besonders für diese Einweg-Grills zu. Das sind so Aluminium-Schalen mit einem fertigen Gemisch aus Kohle und Anzünder-Chemie.

In ca. 15 cm Höhe ist dann ein Grillrost festmontiert. Alles superpraktisch und rucki-zucki!

Anzünden, kurz warten, Grillgut drauflegen und verkohlen lassen. Dann am besten noch mit Wasser ablöschen und alles zusammenknüllen und in den Papierkorb schmeissen. Oder einfach an der Isar liegen lassen… nein Quatsch!

So findet das tausendfach in allen städtischen Grünanlagen statt, kaum dass die Temperaturen 12 Grad überschreiten.

Die Kohle ist aber nicht genug, um eine ordentliche Glut zu ergeben.
Der Rost ist zu nahe an der Kohle.
Das Abfackeln geht viel zu schnell.
Fett und Öl tropft völlig unkontrollierbar.
Und Aluminium ist zum Grillen nicht geeignet.
Gilt auch für die Grillschalen. Denn Salze und Säuren greifen das Aluminium an und das wird dann Teil des Grillguts.

Abgesehen davon ist Aluminium in der Herstellung sehr energie-intensiv und als Rohstoff im Papierkorb völlig falsch entsorgt.

Und ehrlich gesagt nerven mich auch die ganzen rechteckigen Löcher im Rasen. Denn unter so einer Grillschale überlebt kein Grashalm und auch kein Insekt. Das erholt sich erst in ein paar Jahren wieder.

Uuund: Schluss für heute

So, dann hoffe ich ‚mal, ich habe euch allen den den Spaß genommen. Nein, ich meine natürlich, ich habe hoffentlich niemandem die Leidenschaft geraubt… Ich halte Grillen einfach nicht für eine so tolle Art, etwas zum Essen zuzubereiten. Aber es ist natürlich jedem unbenommen, das zu halten, wie er oder sie das will.

Ein bisschen freue ich mich trotzdem immer, wenn unsere Nachbarn grillen. Denn das hat einen Nebeneffekt: Die haben dann meisten Gäste und man unterhält sich dann miteinander. Und ich finde, dass ist heutzutage durchaus ein paar Opfer wert.

Denn Miteinander-Reden machen wir einfach zu wenig! Muss man nicht Grillen dazu, finde ich, aber besser so als gar nicht!!

Ich wünsche euch also eine tolle Grill-Saison. Und wenn ihr meine Schimpferei als Tipps und Tricks nehmen könnt, dann macht mir das auch nichts aus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.