Gott, Universum, Ketchup


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Man spricht heute selten von Ständen oder von Klassen. Es wirkt, als wäre die soziale Prägung nicht mehr so von Bedeutung; als würden wir heute gesellschaftliche Konflikte an anderen Fronten ausfechten.

Unsere Erzählerin hat das in ihrer Kindheit aber in Hamburg deutlich anders erlebt. Sie schildert, wie es Fragen nach Gott, dem Universum und vielleicht sogar nach Ketchup es geschafft haben, ihr Leben zu ändern. Eine Erzählung über das Reden und das Zuhören.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Kanon in D-Dur“ von Johann Pachelbel / Public Domain Mark 1.0


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Die Geschichte zum Lesen

Meine Vorfahren kommen aus Schweden. Erkennt man an dem Namen „Anderson“. Ich bin groß, habe blaue Augen und blonde Haare. Wenn ich jemanden kennenlerne, höre ich meistens: „Kommst Du aus Schweden?“

Sage ich dann „Ja“, folgt in der Regel ein Witz über IKEA oder Köttbullar.

Tatsache ist aber, dass die Ankunft meiner Vorfahren hier in Hamburg gut fünfhundert Jahre her ist. Ich stelle mir vor, dass sie damals mit ihrem König Carl-Gustav aufgebrochen sind, im Dreißigjährigen Krieg. Um die Deutschen von den Vorteilen des Luthertums zu überzeugen. Unter Einsatz der Mittel, die in der Mission halt damals so im Einsatz (Schwange) waren: Gewalt, Plünderung und noch mehr Gewalt.

Mein Urahn, der erste Hamburger Anderson, kam also in Deutschland an, eben in Hamburg, und hat sich das dann alles angesehen und gesagt: „O.k. So ist das also. Wisst ihr was, Jungs, geht doch schon mal vor. Ich warte hier!“

Und darum gibt es unsere Familie hier schon seit dem siebzehnten Jahrhundert. Wir hatten es alle nicht so mit der Mobilität. Diese Unternehmung des ersten Andersons, das war es dann für unseren Familiengenpool. Keine Entdecker oder Abenteurer hier bei uns!

Alles immer einfache Menschen: Arbeiter, Handwerker, Verkäuferinnen, Droschkenfahrer und ein Uhrmacher – die Cinderellageschichte bei uns Andersons. Uhrmacher! Der hat’s zu etwas gebracht! So ein Draufgänger! Macht der doch eine Lehre als Uhrmacher! Und hat dann einen Laden! Ein Unternehmer! So war er, mein Ururgroßvater.

Darum haben meine Vorfahren immer in den Vierteln gewohnt, die man gerade Arbeiterviertel nannte. In den letzten drei Generationen in Barmbek Süd. Das ist heute dabei, sich zu gentrifizieren, vor einhundert Jahren war das noch Ackerland.

Woher diese mangelnde Unternehmungslust stammt, darüber kann man nur spekulieren. Aber wenn das Geld chronisch knapp ist, dann nimmt man halt in jungen Jahren den erstbesten Job und hängt sich an den wie eine Klette.

Meine Mutter galt in der Generation meiner Großeltern schon als Exotin. Die kam nämlich aus Borgfelde. Die war reiselustig. Die hatte sogar ihre Lehre im Ausland gemacht. Gemeint war damit Kiel.

So lernt diese Exotin also meinen Anderson-Vater kennen und die beiden bekommen ein Kind, das wäre ich, und trennen sich wieder, da bin ich zwei Jahre alt. Trennung und Scheidung, das waren auch so Konzepte, die im Anderson-Klan als moderner Unfug galten.

Meine Mutter wurde ex-andersoniert, weil sie nicht einen Alkoholiker als Vater ihres Kindes wollte. Alkoholismus war, im Gegensatz zur Scheidung, eine anerkannte Methode, sein Leben nicht zu meistern.

Das Leben als alleinstehende junge Mutter zu meistern, ist keine Kleinigkeit. Meine Mutter arbeitete unter der Woche als Verkäuferin und am Wochenende als Putzfrau. Da kam sie jeden Samstag und Sonntag in eine fremde Welt. Nämlich nach Rotherbaum. Für Nicht-Hamburger: ein altes Villenviertel.

Montag bis Freitag verkauft sie also Damenwäsche im Karstadt in der Mönckebergstraße, am Wochenende macht sie sich dann fein für ihren Job als Putzfrau. Klingt lächerlich, war aber so.

In der Villa, in der sie arbeitet, lebt auch ein Mann. Der beginnt mit ihr zu reden. Und er findet Gefallen an dem, was meine Mutter zu sagen hat und sie wird seine Privatsekretärin.

Und nach zwei Jahren zur Geliebten dieses Mannes. Eines Millionärs, dessen Namen ich lieber nicht sagen möchte. Aber hat mit Zeitschriften zu tun.

Beide hatten schon ihre Erfahrungen gemacht mit Partnerschaften und beide waren schon geschieden. Meine Mutter beschloss also nicht ihre Wohnung aufzugeben und mit fliegenden Fahnen in die Villa zu ziehen, die sie jahrelang geputzt hatte.

Wir blieben in Barmbek wohnen. Ich wuchs auf, wie man dort halt so aufwächst. Ich kam nicht in eine teure Privatschule oder hatte auf einmal Designerklamotten und zuviel Taschengeld. An jedem zweiten Wochenende war ich bei meinem Anderson-Papa und damit im Anderson-Klan.

An den ungeraden Wochenenden war ich aber bei meiner Mutter. Und die war an den Wochenenden in Rotherbaum. Bei ihrem Freund, nennen wir ihn einfach Hans. Ich war also in der Villa, hatte da ein Zimmer und lebte mit Hans.

Das war ein hochgewachsener Mann mit grauen Schläfen, der Bilder von Expressionisten sammelte. Im Wohnzimmer hing das Gemälde einer nackten Frau. Grob hingemalt mit breitem Pinsel und mit blauer Farbe. Das war ein kultureller Kontrast zu dem Bay-City-Rollers-Poster, das in Barmbek in meinem Zimmer hing.

Hans war auch Musikliebhaber und hörte beim Kochen am liebsten Barockmusik. Das sei nicht so aufwühlend wie die Klassiker. Wieder ein starker Kontrast zu den, ich hab’s ja schon gestanden, Bay City Rollers.

Am Samstag waren wir oft im Theater, in einem Konzert oder manchmal auf Vernissagen. Dort gab es Bilder zu sehen, die das Gemälde der blauen Frau zu einem Meisterwerk des Photorealismus machten.

Sonntags war immer ein gemütlicher Tag. Wenn das Wetter erträglich war, dann gingen wir spazieren. Nachmittags verschwand Hans in der Küche und am Abend gab es ein mehrgängiges Menü. Von den meisten Dingen wusste ich nicht einmal, dass man sie essen kann.

Ich kann mich genau an meinen Ekel erinnern, als mir Hans erklärte, dass der Käse, den ich so mag – der mit der blauen Farbe – so delikat ist, weil er komplett verschimmelt ist.

Aber noch viel exotischer war für mich eine ganz andere Erfahrung. Nach dem Essen lehnte Hans sich zurück und wir redeten. Das war aber kein Geschwätz darüber, wer im Büro welche Klamotten anhatte. Oder diese Medienkunde-Gespräche: „Wow, habt ihr die neue Folge von 21 Jump Street gesehen? Dieser Officer Tom Hanson ist ja so süüüß!“ Altersgenossinnen wissen, von wem ich rede..

Und es war auch kein belangloses Geplauder über das Wohlbefinden, das Wetter oder die Weltpolitik. Wenn ich „Reden“ sage, dann meine ich „Reden“. Hans lehnte sich zurück, rauchte seine schreckliche Zigarre und sagte: „Nina, wenn ich Dir erzählen würde, dass das Universum, in dem wir leben, eventuell unendlich groß ist, ohne Anfang oder Ende, was würdest Du dabei fühlen?“

Wow! Nur wow! So etwas hatte mich noch niemand gefragt. Ich begann also im Gespräch meine Gefühle zu erforschen bei diesem Gedanken, den ich noch nie gedacht hatte! Was ja auch kein Wunder war, denn ich war damals sieben Jahre alt.

Und Hans schulmeisterte mich nicht im Geringsten. Er war wirklich daran interessiert, wie sich das für mich anfühlt und was ich mir denke. Ich kam mir ernstgenommen vor.

Wir redeten und redeten. Es wurde manchmal so spät, dass meine Mutter ins Bett ging. Und manchmal redeten wir noch, wenn sie aufwachte und die Treppe herunterkam: „Mein Gott, sind eure Gott-und-das-Universum-Gespräche immer noch nicht vorbei?“

Während der folgenden zwei Wochen ertappte ich mich dabei, mir zu den Themen aus dem letzten Gott-und-das-Universum-Gespräch immer wieder Gedanken zu machen. Und neue Blickwinkel zu entdecken oder neue Argumente. Mir wurde das sehr wichtig und ich fieberte schon dem Nachtisch am Sonntag entgegen.

So lebten meine Mutter und ich ein Leben zwischen Barmbek und Rotherbaum. Zwischen Millionären und Arbeiterkindern, Pachelbel und den Bay-City-Rollers, einem unendlichen Universum und den Sonderangeboten im Supermarkt.

Als ich ein Teenie war, war ich immer noch wie alle anderen Teenies in Barmbek auch. Ich konnte es im Prinzip nicht aushalten, wenn ich von meiner Cliqué mehr als fünf Minuten getrennt war.

So kam es, dass ich, im reifen Alter von 16 Jahren, Hans zum ersten Mal fragte, ob ich meine Freunde wohl mal mitnehmen durfte. Ich rief ihn also an: „Hans, wäre es in Ordnung, wenn ich am Sonntag drei meiner Freunde zum Essen einladen würde?“ – „Das wäre prima.“ Klick. Er war nicht der Typ für einen kleinen Smalltalk zwischendurch.

Er war nicht das Problem. Das Problem waren eher meine Freunde. Die hatten das mit den zwei Welten, in denen ich lebte, nie so richtig verstanden. Es war nicht so, dass ich da ein Geheimnis draus machen würde, aber die Welten mischten sich nicht richtig.

„Hey, Nina, hast Du Bock? Wir treffen uns um sechs schon vorher am Rewe vor der Anskarkirche und trinken ein, zwei Bier?“ – „Im Prinzip gerne, Sascha, aber ich wollte vorher noch das Buch über die Gemälde von Schmidt-Rotluff, die in der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ gezeigt wurden, zu Ende lesen.“ Es mischt sich halt so etwas von überhaupt nicht!

Ich treffe mich also am Sonntag mit meinen Freunden in Barmbek. Da war meine beste Freundin Vanessa, der ich schon vergeblich zu erklären versuchte, warum Menschen sich lieber uralte Möbel kaufen und warum die teurer sind als neue von Ikea.

Und da ist Alex mit ihrem Freund Robbie. Tolle Menschen, meine Freunde, aber das, was man in den Eighties Funpunks nannte. Kein Anblick für konservative Gemüter.

Und während wir in der U-Bahn fahren, werde ich nervös und versuche auf die Schnelle zu erklären, wie die Reichen so leben. Und was man zu tun und zu lassen hat. Und dass es nicht okay ist, mit Straßenschuhen durch die Wohnung zu laufen. Und dass da eine nackte Frau hängt – ich meine das Bild. Und dass Hans ein Mann ist und trotzdem kocht. Und dass nichts davon tiefgefroren ist oder aus einer Dose.

Und dass es keinen Ketchup gibt – das war schon immer ein ziemlicher Aufreger. Der größte Aufreger war aber: Es gibt im ganzen Haus nicht einen einzigen Fernseher!

„Was? Wie bitte? Was sollen wir denn dann den ganzen Abend machen?“

Womit meine Lektion im „Leben-wie-ein-Reicher“ an einen kritischen Punkt geraten war. „Ja, wir reden halt miteinander!“ Robbie verdrehte schon die Augen und Alex meinte nur: „Hey, Nina, wenn Du glaubst, ich spiele bei Deinem reichen Stiefpapa auf einmal das brave Mäuschen, dann haste Dich aber geschnitten!“

Das löst eine gewisse Paranoia in mir aus. Statt meine Freunde zu beruhigen, hatte ich sie wahrscheinlich erst recht aufgehetzt. Ich sah vor mir schon, wie sie den Klassenkampf in der Villa beginnen würden: Mollies auf den Flügel werfen, in das Swimmingpool pinkeln, die Reifen vom Jaguar aufstechen oder, wenn sie ganz Bolschewiki werden, sogar nach Ketchup fragen.

Als wir an der Villa ankommen und ich die Tür aufmache, steht Hans da und begrüßt meine Freunde mit Handschlag. Ich hatte vergessen, wie beeindruckend es ist, wenn jemand zwei Meter groß ist und ich sah, dass mein Besuch erst einmal sehr beeindruckt war.

Der Abend verlief dann unerwartet harmonisch, ohne jedes Problem. Es war auch nicht verkrampft, sondern wir lachten viel vor und während des Essens. Als Nachspeise gab es einen Käsekuchen. Alex fand den lecker und gab der Meinung Ausdruck, dass der Wohlgeschmack Ausmaße erreicht hätte, dass sie innerlich damit ringen musste, sich nicht in den Käsekuchen zu setzen.

Gut. Jetzt wurde es also kritisch. Jetzt war das Essen vorbei. Jetzt lehnte sich Hans zurück und rauchte seine Zigarre. Alle, außer mir und meiner Mutter zündeten sich Zigaretten an.

„Ich habe mich neulich gefragt: Wenn wir auf einmal alle Mittel hätten, um die Probleme in unserer heutigen Gesellschaft zu lösen: Wo würdet ihr zuerst ansetzen?“

Oh, mein Gott! So eine Frage! So etwas hat damals einfach niemand uns Teenies gefragt! Niemand! Wir waren für die Erwachsenen einfach pubertierende Störelemente, die man meiden musste.

Uns Barmbekern war klar, dass die Verhältnisse ihre Ordnung haben: Man kam aus der Schule und dann suchte man einen Job, weil man Geld verdienen musste und an dem hielt man fest. Einmal arbeitslos, immer arbeitslos. Es waren die Achtziger.

Ich senkte meinen Blick, um nicht Zeuge zu werden, wie aus dem Rotwein und der feinen Serviette der erste Molotow-Cocktail gebastelt wurde, der dann den schönen Flügel ruinieren würde.

Alex antwortet: „Ich würde erst einmal versuchen, die Schulen zu modernisieren. Die sind nämlich echt scheiße.“

Und Vanessa widersprach ihr. Hans nickte, Robbie ergänzte und schon lief ein klassisches Gott-und-das-Universum-Gespräch. Viele Stunden lang und mit Begeisterung und Verständnis und Toleranz und Wärme.

Und es sollten noch viele weitere Veranstaltungen dieser Art folgen. Meine Freunde wurden genauso von Gott-und-das-Universum-Gesprächen abhängig wie ich.

Das ist eigentlich ein bisschen eine traurige Sache, wenn man darüber nachdenkt.

Würde man heute Alexandra, Vanessa oder Robert fragen, was diese Gespräche in ihnen ausgelöst haben, dann würden sie alle sagen, sie wurden dadurch in ihrer Weltsicht grundlegend verändert.

Weil sie zum ersten Mal ernst genommen wurden. Weil ein paar Fragen und ein bisschen Reden für sie neue Erfahrungen waren.

Es öffneten sich in unser aller Köpfen Welten! Wenn das Universum unendlich ist und wir die Probleme der Gesellschaft angehen können, vielleicht muss ich dann nicht Verkäuferin werden wie meine Mutter oder Fernfahrer wie mein Vater.

Diese Gespräche bedeuteten: Ich habe vielleicht eine Wahl. Meine Gedanken sind wichtig. Meine Stimme zählt.

Robert und Alex sind kein Paar mehr. Er wohnt in Köln, sie in Berlin. Vanessa lebt nicht einmal in Deutschland, sondern in Kalifornien. Nur ich bin in Hamburg geblieben. Aber, im Gegensatz zu fünfhundert Jahren von Andersons nur deswegen, weil ich mich dafür entschieden habe.

Viele Umstände haben dazu beigetragen, dass wir alle ein anderes Leben führen wie die Generationen vorher. Aber die Köpfe frei gemacht haben uns einfache Fragen!

Fragen wie: „Wenn das Universum unendlich ist, wie fühlst Du Dich bei dieser Vorstellung?“

Und? Wie fühlst Du Dich bei dieser Vorstellung?


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