Der Gott der Saurier



Einst war es nicht ungewöhnlich, auch in der Arbeit heimlich ein Nickerchen einzulegen, wenn man es konnte. Heute heißt das Powernapping und klingt schon alles andere als entspannend.

Auch ein Gott braucht ja seine Pausen und auch der Gott der Dinosaurier sein Powernapping. Das aber mit 65 Millionen Jahren etwas zu lang ausfällt.

Zusammen mit der Göttin der Säugetiere gilt es jetzt, sich den modernen Zeiten anzupassen und vielleicht noch einmal von vorne anzufangen.


Download der Sendung hier.
Musik: „Chicken“ von Crazy Quilt Bouquet / CC BY-SA 3.0


Skript zur Sendung

Als ich wach wurde, gähnte ich tief und streckte meine kurzen Ärmchen. Das war genau das Nickerchen, das ich gebraucht hatte. Ich fühlte mich ausgeschlafen und ausgeruht. Klappt ja nicht immer…

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich weg war, also orientierte ich mich an den Sternen. Die Milchstraße hatte sich prächtig entwickelt während meines Schläfchens und Polaris Australis war fast nicht mehr zu erkennen, so wenig lichtintensiv war er.

Wenn man das alles so in Betracht zieht, dann dürften das einige Jährchen gewesen sein. Wahrscheinlich so an die 65 Millionen Jahre. Das nächste Mal sollte ich mir unbedingt einen Wecker stellen. Das war ja jetzt schon ein bisschen sehr lange…

Ich sollte vielleicht einmal kucken, was meine Geschöpfe so getrieben haben. Auf die bin ich schon sehr stolz, zugegeben. Die habe ich nach mir gestaltet und sie hatten auf der Erde eine richtige Erfolgs-Geschichte hingelegt.

Einige waren auf stattliche 30 Meter gewachsen und brachten über 70 Tonnen auf die Waage. Das konnte man schon einen Erfolg nennen, wie ich finde.

Also ließ ich meinen Blick über die kleine Erde schweifen, aber auf den ersten Blick konnte ich keines meiner Geschöpfe wieder finden. Die sind eigentlich ja auch nicht so leicht zu übersehen, aber wohin ich auch schaute: Nichts. Einfach Nichts.

Sicherheitshalber durchsuchte ich auch noch die Oberfläche auf der anderen Seite der Erdkugel, aber keines meiner Wesen war zu finden.

Vielleicht hatten sie sich ja wieder zurückentwickelt ins Wasser, aus dem ich sie hatte krabbeln lassen. Und bevölkerten jetzt wieder die Ozeane. War noch so eine verzweifelte Möglichkeit. Eine letzte Hoffnung.

Aber auch in allen Ozeanen war irgendetwas zu finden. Meine stolzen Kreaturen, die so majestätisch und erfolgreich die Erde beherrscht hatten, waren völlig verschwunden. Wie konnte das geschehen?

Ich war sehr verzweifelt und suchte nach Rat. Oder nach Informationen wenigstens. Das muss doch einen Grund haben. Also ging ich rüber ins Büro des Kollegen. Als Mammalia, die Göttin der Säugetiere, mich sah, da freute sie sich richtig!

FA: „Ach Mensch, Sauropodex, ewig schon nicht mehr gesehen! Wo hast Du Dich denn rumgetrieben?“

HW: „Ich war nicht wirklich weg, ich bin bloß beim Arbeiten eingenickt!“

FA: „Was? Ich könnte schwören, ich habe Dich seit mindestens 60 Millionen Jahren nicht mehr gesehen!“

HW: „Ja, das ist auch ungefähr mein Schätzung. War ein bisschen lang, zugegeben. Aber ich hatte mir keinen Wecker gestellt. Das geht so schlecht mit meinen kurzen Armen.“

FA: „Ja, kann ich nachvollziehen. Du, sag‘ mal, hast Du schon meine Geschöpfe gesehen?“

HW: „Nein. Zeig‘ mal. Wo sind die denn?“

FA: „Ach, die sind eigentlich überall. Sind in letzter Zeit vielleicht echt zu viele geworden. Ich überlege mir schon, ob ich da was tun soll.“

HW: „Was stellst Du Dir da so vor?“

FA: „Ich habe mal bei den fünf Reitern der Apokalypse angefragt…“

HW: „Wie? Die sind jetzt schon zu fünft?“

FA: „Ja. Tod, Hunger, Krieg, Pest und Horst.“

HW: „Horst?“

FA: „Ja, ich weiß auch nicht, was der macht. Aber wenn er gut ist gegen die Überbevölkerung, dann soll’s mir recht sein.“

HW: „Und das da sind also Deine Geschöpfe?“

FA: „Ja. Gefallen Sie Dir?“

HW: „Ähm. Also, wenn ich ehrlich sein soll…Bisschen klein, oder?“

FA: „Na ja, die wiegen jetzt keine Tonne oder so…“

HW: „Und die haben auch überhaupt keine bunten Federn.“

FA: „Nein, ich habe es ganz schlicht gehalten.“

HW: „Ein Horn auf der Stirn hätte aber schon sein können, finde ich.“

FA: „Meinst Du? Aber wozu?“

HW: „Keine Ahnung. Vielleicht für’s Balzverhalten?“

FA: „Ach, schade, dass Du nicht früher hergekommen bist. Denn das mit dem Balzverhalten, das habe ich irgendwie echt verpfuscht, glaube ich. Ich dachte, das brauche ich eigentlich nicht, aber es war den Männchen einfach nicht abzugewöhnen…“

HW: „Du, sag‘ einmal: Was habt ihr eigentlich mit meinen Geschöpfen so gemacht, während meines Nickerchens? Wo ich auch kucke, nirgends finde ich eines…“

FA: „Wir? Wir haben gar nichts gemacht! Ich hatte gerade meine ersten Experimente mit so winzigen Säugetieren gemacht, da kam ein Komet angeflogen, und dann war die Kacke aber am Dampfen kann ich Dir sagen!“

HW: „Ein Komet hat alle meine Geschöpfe erschlagen? Und ihr habt nichts gemacht?“

FA: „Wir hatten selber alle Hände voll zu tun, das kann ich Dir sagen. 50% aller Schöpfungen sind da innerhalb von ein paar Jahren ausgestorben. Da wurde es erst sehr heiß auf der Erde und dann wieder sehr kühl. Die Photosynthese hat auch nicht mehr richtig funktioniert und es gab dann nicht mehr genug Pflanzen, um Deine Riesen-Brummer zu ernähren. Du weißt ja, wieviel die so fressen!“

HW: „Aber das ist ja schrecklich! Da macht man einmal ein Schläfchen und schon sind die eigenen Geschöpfe ausgestorben! Das ist ja sowas von ungerecht! Stattdessen hüpfen jetzt Milliarden Deiner komischen Ratten ohne Federn rum!“

FA: „Mein Gott, das ist halt der Lauf der Dinge! Ich habe die Regeln ja nicht gemacht!“

HW: „Das sind echt blöde Regeln, egal wer die gemacht hat! Dauernd diese Massenartensterben! Das war jetzt schon das Fünfte! Und immer muss man völlig neu anfangen!“

FA: „Wem sagst Du das? Meine Schöpfungen wiederholen das mit dem Meteoriten von damals praktisch wieder. Ganz freiwillig. Die nehmen das ganze CO2, dass wir eingelagert haben und setzen es wieder frei. Und dann wundern sie sich, wenn es dann auch so warm wird wie im Devon!“

HW: „Das war eine Hitze, ich erinnere mich noch gut. Da hatte der Pescis sein goldenes Zeitalter. Wo man auch hingekuckt hat: Alles voller Fische.“

FA: „Na ja. Mal schauen, wie das wird… Willst Du wieder anfangen?“

HW: „Pfft. Keine Ahnung. Ich habe ja eigentlich keine andere Wahl, oder? Ich meine, wenn man der Gott der Dinosaurier ist, aber es keine Dinosaurier mehr gibt, dann ist man ja irgendwie auch kein richtiger Gott mehr, oder?“

FA: „Ja, tut mir echt leid für Deine Geschöpfe. Da waren schon ein paar richtig gute Designerstücke dabei. Muss Dir der Neid lassen…“

HW: „Ach, danke. Nett, dass Du das sagst. Welche haben Dir denn besonders gut gefallen? Ich fand ja immer den Tyrannosaurus Rex toll.“

FA: „Nein, das finde ich nicht. Ich meine, so ein Riesenviech und dann viel zu kurze Arme… Äh. Also, sorry. So meinte ich das nicht. Das war wirklich nicht verletzend gemeint von mir. Manchmal weiß ich echt nicht, warum ich etwas sage…“

HW: „Passt schon. Ist schon gut. Habe ich ja bei Yutyrannus selber anders gemacht…“

FA: „Ich bin halt selber so der Typ für die kleinen Schöpfungen. Da passen dann halt auch mehr auf so einen Planeten, verstehst Du?“

HW: „Wieviele von den Nacktratten…

FA: „Technisch gesehen sind die nicht mit den Nagetieren verwandt…“

HW: „Legen die eigentlich Eier?“

FA: „Nein, wir haben bei allen Säugetieren die Schwangerschaft im Körper eingeführt.“

HW: „Ih! Das ist ja ekelhaft! Und wie kommen die Nacktratten dann aus dem Körper raus?“

FA: „Kuck! Da!“

HW: „Oh mein Gott, das ist ja noch ekelhafter! Was sollte das für einen Vorteil bieten?“

FA: „Ich fand das mit den Eiern irgendwie überholt. Darum habe ich mir ja die Säugetiere ausgedacht. Und wegen Deiner Frage: Sieben Milliarden!“

HW: „Sieben Milliarden Nacktratten auf der Erde?“

FA: „Ja. Cool gell?“

HW: „Wie soll ich denn da bitte meine schönen Saurier unterbekommen? Da ist ja überhaupt kein Platz mehr!“

FA: „Na ja, 30 Meter müssen die ja auch nicht werden, oder? Das war ja auch für die Saurier selber kein Spaß mehr!“

HW: „Ja, irgendwann ist es dann mit mir durchgegangen, zugegeben…“

FA: „Aber kreativ waren Deine Designs schon, dass muss ich Dir noch einmal attestieren, mein Lieber!“

HW: „Danke, sehr nett. Ach, ich bin schon ziemlich traurig, dass die alle weg sind…“

FA: „Aber das stimmt ja so auch nicht. Sind schon noch einige übrig, bloß nicht mehr so groß…“

HW: „Echt? Wo denn? Ich kann nichts sehen!“

FA: „Na ja, wenn Du wirklich wieder anfangen willst, dann kannst Du Dich ja an Deinem erfolgreichsten Modell orientieren!“

HW: „Ach, und was ist mein erfolgreichstes Modell?“

FA: „Das hier!“

HW: „Aber das ist ja winzig klein! Ist ja noch kleiner als Deine Nacktratten!“

FA: „20 Milliarden Exemplare auf der ganzen Erde!“

HW: „Und das soll ein Entwurf von mir sein?“

FA: „Das Weibchen kann jeden Tag ein Ei legen! Sehr cooles Feature!“

HW: „Wie? Jeden Tag? Wozu soll das denn gut sein?“

FA: „Die Menschen halten sich die…“

HW: „Menschen?“

FA: „Ja, meine Geschöpfe. Die essen die Eier. Und die Tiere.“

HW: „20 Milliarden, sagst Du?“

FA: „So ist es. Von keinem Vogel gibt es so viele!“

HW: „Vogel?“

FA: „Ja, sind praktisch die Urenkel Deiner Dinosaurier.“

HW: „Wie heißen die?“

FA: „Hühner.“

HW: „Hühner sind die Urenkel meiner Dinosaurier. Und 20 Milliarden gibt’s. Na ja, das ist schon ein sehr, sehr kleiner Anfang, das muss ich schon sagen. Aber mein Gott: Man muss sich halt den modernen Zeiten anpassen, oder?“

FA: „Das ist die richtige Einstellung!“

HW: „Wie wäre es denn zum Beispiel, wenn man die intelligenter macht? Ich habe noch ganz viel Intelligenz rumliegen in der Werkstatt, die hatte ich ja bei den Sauriern nicht gebraucht…“

FA: „Ich hätte auch noch viel Intelligenz übrig. Habe ich auch kaum gebraucht.“

HW: „Und ich könnte mir auch gut Arme vorstellen statt dieser komischen Flügel. Die brauchen die Hühner ja sowieso nicht. Einfach stattdessen zwei Ärmchen!“

FA: „Aber nicht zu kurz!“

HW: „Nein, nicht zu kurz. Sonst können die Hühner sich ja den Wecker nicht richtig stellen und was dabei rauskommt, haben wir ja gesehen!“