Der Gott ohne Namen


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Eine weit verbreitete These besagt, dass erst der Monotheismus es gestattete, Kriege aus religiösen Motiven zu führen. Wenn der Pantheon mit vielen Göttern gefüllt ist, kann man leicht auch neue integrieren.

Doch man fragt sich, wenn man zum Beispiel von den Göttern Mesopotamiens liest: Spielten die Menschen und ihre Bedürfnisse für diese mächtigen Wesen überhaupt eine Rolle?

Sahen die Götter die Menschen überhaupt? Das fragt sich auch Inanna, die Heldin unserer heutigen, uralten Geschichte, während sie ihren Tempel baut.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „God Who Sees Me“ von The Hedgerow Folk / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Heute erzählen wir eine Geschichte voller Metaphysik und Naivität. Voller Magie und von einem Gott, der keinen Namen hat. Eine Geschichte ohne Verstand und ohne logische Erklärung. Eine Geschichte, die sich abergläubische Menschen schon seit viertausend Jahren erzählen. Damals, so sagen diese Narren, damals hätten die Götter noch unter uns geweilt.  

 Es ist die berühmte Geschichte von Inanna. 

 Inanna kam hungrig auf die Welt. Hunger, nicht nur nach Nahrung, sondern nach Nähe, aber vor allem nach Wissen. Niemand konnte so viele Fragen stellen wie sie. 

Ihre Kindertage brachte sie damit zu, die Alten im Dorf so lange mit ihren Fragen zu quälen, bis diese keine Geduld mehr zu geben hatten. Es gab so Vieles, das Inanna unbedingt wissen musste! So groß war die Schöpfung und so voller Fragen, die keiner fragt! 

 

Warum bleiben Kaulquappen nicht einfach Kaulquappen, sondern werden Frösche?  

Wer sagt den Wolken, wohin sie den Regen tragen sollen?  

Können Fische rückwärts schwimmen?  

Wenn nicht wir den Honig aus den Stöcken holen, essen ihn die Bienen dann selber?  

Warum wachsen wir nicht alle immer weiter?  

 

Das waren gute Fragen und die Alten hatten ihre liebe Mühe, ihr befriedigende Antworten zu geben. Bald nannte man die kleine Inanna nur noch „Savalla“ im Dorf. Das bedeutet „Frage“. 

 Als Inanna eine junge Frau war, wurden ihre Fragen noch schwieriger.  

Wenn die Sumerer einen Gott des Sturms haben und wir auch, wer macht den Sturm in der Wüste zwischen uns?  

Wenn die Annunaki die ältesten Götter sind, warum haben wir denn neue? Wenn Menschen und Tiere sterben und sogar die Götter: Stirbt das Wasser, der Wind, der Sternenhimmel auch?  

Hört mir jemand zu, wenn ich heimlich frage? 

Ist es Beten, wenn ich keine Wörter denke? 

 

So viele Fragen und bald hatte niemand mehr eine Antwort und keiner mehr den Geist, die hungrige junge Frau zu ertragen. 

 

Ihre Eltern verheirateten Inanna ins Nachbardorf. Sie gebar vier Kinder und wurde die bekannteste Sähfrau in der Gegend und damit wohlhabend. Selbst aus weit entfernten Gegenden kamen Bauern und baten sie, ihre Saat auszubringen. Denn, wenn Inanna säte, wuchsen die Pflanzen üppig und stark. 

 

Eines Tages kamen wieder Bauern zu ihr und in deren Tross war auch ein Blinder. Ein weiser Mann, so sagten die Bauern. Seine Haut war von der Sonne verbrannt, doch er trug nichts auf dem Kopf. 

 

Als Lohn für ihre Feldarbeit verlangte sie dieses Mal nur, dem Blinden ihre Fragen stellen zu dürfen. 

 

Am Ende eines langen Gesprächs meinte der blinde Bauer: „Wenn man einen Tempel baut, dann zieht manchmal ein Gott ein. Rede dann mit Deinem Gott, Deine Fragen sind zu groß für kleine Menschen.“ 

 Und so begann Inanna auf einem kleinen Hügel inmitten ihrer Felder große Steine aufeinander zu schichten. Und als die Mauern mannshoch waren, deckte sie das Dach mit Ästen und Stroh. In ihrem Tempel baute sie einen Altar, aber ließ diesen leer. 

 

Jeden Tag, bevor die Arbeit begann, verbrachte sie eine halbe Stunde in ihrem Tempel und betete, ohne Worte und ganz im Stillen. Selbst nachdem ihr Mann verstarb und sie nun die doppelte Arbeit hatte, ließ sie niemals von diesem Ritus ab.  

 

Sie formte eine kleine Figur, die aussah wie ihr Mann und stellte sie neben den Altar auf den Boden. 

 

Viele Jahre später betrat sie morgens den Tempel und spürte einen Gott auf sie warten. Sie neigte ihren Kopf, verließ den Tempel und kehrte mit zwei Handvoll Ähren zurück. Die legte sie auf den Altar um ihrem Gott zu opfern. 

 

„Sei willkommen in meinem Tempel, unbekannter Gott.“ 

 

Und sie wartete, aber hörte keine Antwort. Überall um sie herum konnte sie eine Anwesenheit spüren, aber der Tempel war unverändert. 

 

„Hoffentlich bist Du ein Fruchtbarkeitsgott. Oder ein Erntegott. Das könnten wir hier wirklich gebrauchen!“ 

 

Der Gott lächelte, meinte sie zu spüren. Aber er sprach nicht. 

 

Sie blickte sich in ihrem Tempel um.  

„Ich weiß, das ist wirklich kein wunderschöner Tempel. Wahrscheinlich ist es der kleinste, erbärmlichste Tempel auf der Welt. Aber es ist meiner. Tut mir leid, aber ich bin wirklich keine Baumeisterin, sondern eine Sähfrau. Doch ich werde mein Bestes tun.“ 

 Und als sie am nächsten Tag zum Beten kam, brachte sie zwei Feigen mit. Wieder sprach der Gott kein Wort zu ihr. Am übernächsten Tag kehrte sie mit einem Krug Bier wieder. Jeden Tag brachte sie ihrem stummen Gott ein anderes Opfer. Jeden Tag lächelte er und schwieg. 

 

Dann, eines Tages kam sie zum Tempel und der Gott war aus den Steinen gekommen und lag in der Sonne und döste vor sich hin. Er sah dem Spiel der Wolken zu und kaute auf einem Halm herum.  

 Und er sprach. Seine Worte klangen wie der Wind, der durch die Ähren streichelt und wie das Gefühl, wenn bald der ersten Tropfen Regen auf einen heißen Boden trifft. 

 

„Du solltest in die Stadt gehen, Inanna. Du solltest in einen Tempel gehen. In einen richtigen Tempel. Und dort solltest Du zu den richtigen Göttern beten. Und denen Deine Opfer bringen. Ich kann nichts für Dich tun. Ich kann Dein Getreide nicht wachsen lassen und Dich nicht vor den Stürmen bewahren oder vor dem Krieg. Verschwende Deine Zeit nicht mit mir, Inanna, denn Du bist nur ein Staubkorn im Universum und eine weise Frau, die das erkennt.“ 

 

Mit offenem Mund hörte Inanna ihrem Gott zu. Nach all den Wochen und Monaten war sie überrascht, dass er überhaupt redete. Und er fuhr fort. 

 

„Dein Tempel ist für mich genau der richtige, aber natürlich sind die Tempel anderer Götter schöner und größer. Und ich schätze Dein stummes Gebet, das ist für mich genau das richtige, aber natürlich gibt es magische Gebete und Gebete, die wie wunderschöne Gedichte klingen. Verschwende Deine Zeit nicht mit mir. Ich kann Dir nichts bieten.“ 

 

Und Inanna antwortete: „Das hier ist schon weit mehr, als ich erwartete. Mehr Antworten, als ich suchte.“ 

 Sie änderte nichts an ihrem Ritus. Jeden Tag brachte sie ein anderes, kleines Opfer und jeden Tag betete sie eine halbe Stunde im Stillen und im Stummen. Und die Jahre gingen ins Land und brachten goldene Zeiten und blutige Zeiten. 

 

Eines Tages kam Inanna ohne Opfer in den Tempel, aber mit einer neuen Figur, die sie neben die Figur ihres Mannes stellte. Und in ihrer halben Stunde Gebet weinte sie bittere Tränen, denn ihre älteste Tochter war im Kindbett gestorben. 

 

Und der Gott kam aus den Steinen des Tempels und sagte zu ihr: „Es tut mir leid, aber ich kann Dir keinen Trost bieten. Ich hätte Deine Tochter nicht retten können. Und auch nicht Dein ungeborenes Enkelkind. Du solltest Dir einen anderen Gott suchen.“ 

 

Und aus Inanna brach die Wut auf das Leben heraus und der Zorn auf die Götter und die Angst, niemals Antworten auf ihre Fragen zu erhalten und sie schlug ihren Gott ins Gesicht und schrie ihn an mit zornesrotem Kopf: „Du schwacher, kleiner Gott! Was für ein Gott bist Du überhaupt?“ 

 

Und er antwortete mit seiner Stimme wie Wind und Regen, als hätte sie ihn nicht geschlagen: 

 „Ich bin der kleinste Gott, der schwächste Gott, der vergessene Gott.  

Ich bin der Gott, der keinen Namen hat und keine Kraft und keine Macht.  

Nicht im Himmel, nicht auf den Wassern, nicht auf Erden. 

 Ich bin der Gott der Blätter, die vom Baume taumeln. Und der Maden, die das tote Fleisch verzehren. Ich bin der Schaum, wenn Bäche in die Flüsse strömen und die Stille zwischen großen Worten. Ich bin die Grenze zwischen Wald und Wiese und der Gott des zweiten, des blassen Regenbogens.  

 

Ich bin der Gott der abertausend winzig kleinen Funken Leben und der abertausend winzig kleinen Tode. Das erste Licht am ersten Tag, die Dunkelheit am letzten.“ 

 Inanna hörte und verstand. Sie änderte nichts an ihren Gepflogenheiten und betete weiter jeden Tag und brachte weiter ihre Opfer.  

 

Bald standen neben der Figur von ihrem Mann und ihrer Tochter noch die Figuren ihrer Eltern und der Eltern ihres Mannes. Und damit nicht genug. Es folgten noch Figuren für ihre zwei Söhne, die in einem fernen Krieg in einem unbekannten Land für fremde Menschen gestorben waren. 

 

Doch jeden Tag kehrte sie zurück in ihren Tempel und betete im Stillen und unterhielt sich manchmal mit dem Gott ohne Namen und Macht und Kraft. 

 

Als ein Sturm die Felder verwüstete und alle Häuser im Dorf und in allen Nachbardörfern zerstörte, wurde auch der kleine Tempel hinfort geblasen und der Altar gestürzt und die Figuren in Scherben zerschlagen. 

 Und so baute Inanna ihr Haus wieder auf und säte ihre Saat wieder aus und baute den Tempel wieder auf, größer und schöner als zuvor. Und sie setzte die Scherben ihrer Ahnen zusammen und bemalte jede Figur in bunten Farben. 

 Und jeden Tag kehrte sie zurück in den Tempel und betete und sprach zu dem Gott ohne Namen und Macht und Kraft. Und manchmal verließ er die Steine des Tempels, erschien ihr in menschlicher Gestalt und antwortete.  

 

„Ich kann Dir keinen Schutz bieten vor dem Sturm. Und auch nicht vor dem Wasser, wenn der mächtige Fluss wieder über seine Ufer tritt. Wenn Blitze in eure Häuser schlagen, kann ich das nicht verhindern und auch nicht, wenn die Sonne eure Pflanzen verbrennen lässt.  

 

Verschwende Deine Zeit nicht mit mir, Inanna, denn Du erlebst nur ein schnelles Zwinkern im Auge der Schöpfung und bist eine weise Frau, die das erkennt.“ 

 

Inanna antwortete: „Ich danke Dir für Deinen weisen Rat, wie immer. Und, wie immer, werde ich ihn nicht befolgen. Mir gefällt es, dass Du mein Gott bist. Und ich bete weiter. Ob Du nun hörst oder nicht.“ 

 Und als der Hunger kam und die Menschen in ihrem Dorf starben wie Fliegen, versäumte Inanna trotzdem keinen Tag und brachte einen Teil ihres kargen Mahls als Opfer dar für den Gott, der keine Opfer wollte. Und sie betete.  

 Ihr letztes Kind fiel nun dem Hunger zum Opfer, so wie vier ihrer Enkel. In ihrem Dorf lebte bald niemand mehr, den sie kannte. Sie war so dürr, dass man ihre Rippen zählen konnte und den Schädel unter der Haut erkannte. Ihre Finger waren dürr wie Stroh und trotzdem vergaß sie niemals einen Tag im Tempel. 

 

Und als der Frühling kam und die Sonne und der Regen den Hunger beendeten, da kam ihr Gott wieder zu ihr und sprach:  

 „Arme Inanna, nun bist Du alleine auf der Welt. Und ich konnte nicht verhindern, dass ihr hungert und konnte auch euren Durst nicht stillen. Ich bin der schwächste aller Götter und bin Dir nicht von Nutzen. 

 Nutze Deine Zeit, um unter Menschen zu weilen, statt in diesem Tempel zu beten! Denn alle werden sterben und auch Du. Und Du bist eine weise Frau, die das erkennt.“ 

 Und müde nickte Inanna und gab ihrem Gott recht. „Ich erkenne die Weisheit in allem, was Du sagst und danke Dir für Deinen Rat. Doch mir genügt es, so wie es ist zwischen mir und Dir und ich werde nicht aufgeben im Stillen zu beten, so lange ich lebe!“ 

 

Und nach dem Hunger kam die größte Plage, die die Götter sich erdacht haben, um die Menschen zu quälen. Denn der Krieg verschonte niemand im Dorf. Auch nicht Inanna. Und während ihre Felder lichterloh brannten und während die Leichen im Feuer zu Asche verbrannten, kroch sie mit letzter Kraft den Hügel hoch. 

 

Ein Pfeil hatte sie durchbohrt und sie hinterließ eine Spur von Blut. Und ihr Gott verließ den Stein und er verließ den Tempel und er lief zu ihr hin. Er nahm sie in seine Arme und sagte:  

 „Ich konnte niemand retten, Inanna, keinen einzigen Menschen! Es tut mir sehr leid, so sehr leid. Ich habe Dich gewarnt, all die Jahre, aber Du wolltest es nicht hören! Alle diese Jahre kamst Du jeden Tag in den Tempel und ich habe nichts für Dich getan. Gar nichts! Du bist die größte Närrin gewesen, die jemals einen Tempel gebaut hat!“ 

 

Und Inanna flüsterte: „Sag‘ mir noch einmal, was für ein Gott Du bist! So wie damals, als Du mich erwählt hast!“ 

 

Und die Stimme von Inannas Gott klang wie damals. Seine Worte klangen wie der Wind, der durch die Ähren streichelt und wie das Gefühl, dass bald der ersten Tropfen Regen auf einen heißen Boden trifft. 

 

„Ich bin der kleinste Gott, der schwächste Gott, der vergessene Gott.  

Ich bin der Gott, der keinen Namen hat und keine Kraft und keine Macht.  

Nicht im Himmel, nicht auf den Wassern, nicht auf Erden.“ 

 

Und die Stimme stockte ihm im Halse, denn Inanna verging wie eine Kerze im Sturm. Tränen liefen über die Wangen des Gottes ohne Namen und seine Arme, die die kleine Sähfrau hielten, zitterten vor Schwäche.  

 

„Ich bin der Wünscher und der Träumer und der Fühlende. Der Hüter von Gedanken, die zu keinem Ziele führen. Ich bin die Träne, die man schnell versteckt und der letzte Apfel, den keiner jemals ernten wird. Ich bin die Tat, die immer wartet, doch ungetan bleibt und das Geräusch beim allerletzten Atemzug.“ 

 

Und Inanna flüsterte: „Das bist Du. Du bist der schönste und weiseste aller Götter. Bevor es die Ananaki gab, gab es Dich. Ich habe Dich erkannt. Du bist der Wächter, der Zeuge und das sehende Auge. Du siehst mich. Und Du hast mich nie verlassen.“ 

 Es schien so, als ob das die letzten Worte Inannas gewesen wären, aber nach einer langen Pause fand sie noch einmal ein Quäntchen Kraft. Sie hauchte so leise, dass man es kaum hören konnte: „Es war wunderschön. Danke.“ 

 

Und als Inanna ging, ging sie zu ihrem Gott. Es heißt, man kann beide immer noch spüren in dem kleinsten aller Tempel, der jemals gebaut wurde. Der übrigens immer noch genau dort steht, wo Inanna ihn zweimal aufgebaut hat.  

 

Und schließlich heißt es auch: Solltest Du nach Inannas Gott suchen im Gebet ohne Worte, dann kann es Dir widerfahren, dass Du plötzlich einen zarten Windhauch fühlst und die Luft ganz sanft nach Regen riecht und dann – so sagen die einfachen Leute, die dort leben, wo vor fünftausend Jahren Inanna lebte – dann hörst Du die Stimme der alten, weisen Frau, die Dir ins Ohr haucht: „Ich sehe Dich.” und manchmal auch “Es ist wunderschön!“