Gott hat eine Idee


Am Anfang war das Christentum eine kleine jüdische Sekte. Doch bald entwickelten sich überall im Mittelmeerraum eigene Gemeinden und das, was wir Kirche nennen, formte sich.

Das war am Anfang noch sehr bunt und breit gefächert, so dass sich bald ein heftiger Diskurs entspann. Das wiederum war die Geburt der christlichen Theologie.

Ab diesem Zeitpunkt war es, dass man Glaubensfragen immer mit dem Satz: „Das ist nicht so einfach, aber…“ begann.

Im Gegensatz zur Dreifaltigkeit hat sich aber ein anderes theologisches Konzept ziemlich tief verbreitet. Und zwar das vom Sühnetod.

Vielleicht waren deshalb die Engel auch so verwirrt, als ihnen der Boss damals diese neue Idee vorstellte. Wie in unserer heutigen Hörspielfolge.


Download der Sendung hier.
Musik: „Rock’n Roll Hall of Fame“ von Pornophonique / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Himmel, vor ca. 2000 Jahren. Wir sehen eine gelangweilte Person mit Flügeln in löchrigen Jeans und einem schmutzigen weissen T-Shirt, unklar ob Mann oder Frau, aber mit türkisfarbener Haut.
Sie flezt auf einem Sofa und spielt auf einer Country-Harfe einen Blues.

Es klopft an der Tür…
klopf, klopf, klop, „Gabi“
G: „Mike, was gibt’s denn schon wieder?“
Vor der Tür steht ein ausgewachsener Bodybuilder mit Flügeln in einem Retro-Adidas-Trainingsanzug

M: „Komm mit, wir sollen alle in die Kantine kommen, der Boss hat eine neue Idee, sagt er!“
G: „Ach nööö, nicht schon wieder! Ich bleib‘ hier – in einer halben Stunde läuft ‚Drei Engel für Charlie‘ und eine Pizza habe ich auch bestellt… Müssen wahrscheinlich eh‘ wieder alle Lebewesen, die atmen draufgehen…“
M: „Ach Quatsch, das macht er doch nicht mehr, hat er ja versprochen…“
G: „Dann vielleicht alle Erstgeborenen töten? Frösche? Heuschrecken? Vielleicht ja auch ‚was Neues: Alle Menschen, die lispeln verwandeln sich in Schnabeltiere?“
M: „Nee, er hat gesagt, es sei ‚was noch nie Dagewesenes!“
G: „Du lässt Dich ja leicht begeistern!“
M: „Und Du bist ein Ketzer!“
Gabriel stöhnt und nimmt von der Garderobe einen Schirm mit…

Schnitt. Die Kantine im Himmel. Die Tische sind zusammengerückt, alle Engel warten ungeduldig. In einer Ecke der lichtdurchfluteten Halle sitzt ein dicker Engel vor einem Bier und grantelt vor sich hin. G + M bleiben vor ihnen stehen – mittleres Management eben.

Nach einiger Zeit knallt eine der riesengroßen Schwingtüren auf und ein älterer Mann mit strubbeligem weissen Haar und einem schlecht gepflegten Schnauzer stürzt aufgeregt herein. Er trägt einen Anzug von Hugo Boss, aber darunter ein Gratefull Dead-T-Shirt und weder Schuhe noch Socken.

Gott: „Leute, ich hab‘ mal wieder auf die Erde geschaut und ich muss sagen, dass läuft bei weitem noch nicht so, wie ich mir das vorstelle! Das müssen wir ändern!“

Das Getuschel verstummt. Alle Engel sind ganz leise. Ein Putti wird leichenblass und rutscht ohnmächtig vom Stuhl…

Gott: „Was denn?“
G: „Normalerweise, wenn Du das sagst, dann gibt es reihenweise Tote auf dem Planeten…“
Gott: „Ach was! So bin ich doch gar nicht, ich bin gerecht, wann hätte ich so‘ was gemacht?“

Die Engel beginnen alle durcheinander zu reden und Plagen, Krankheiten und Flüche aufzuzählen! Ein aufgeregter Engel ruft immer wieder laut: „Hiob! Hiob! Hiob!“

Gott: „Ruhe jetzt! Im damaligen kulturellen Kontext war das o.k.. Dieses Mal wird alles anders! Ich hab‘ eine neue, tolle Idee!“

Ruhe. Eine Nadel fällt zu Boden. Man kann das hören.

Gott: „Ich gehe selber runter!“

G: „Das ist eine gute Idee! Das solltest Du machen! Erklärst Du Ihnen, das sie sich vor der Entbindung die Hände waschen sollen – diese Kindsbettfieber finde ich so fies!

Gott stutzt. „Hmm…“

Die entstehende Pause nutzen alle Engel, um ihre Vorschläge in den Raum zu rufen:
„Wüsten zu fruchtbaren Gärten!“
„Mann und Frau haben gleiche Rechte!“
„Keine Steinigungen mehr!“
„Nieder mit der Pest! Keine Seuchen!“
„Keine Naturkatastrophen mehr!“

Gabriel und Michael schauen ungerührt auf die aufgeregten Engel.
Michael beginnt an einem Energieriegel zu knabbern.
Einige Engel strengen sich zu sehr an…

„Der Blinddarm muss weg – und die Weisheitszähne auch!“
„Wenn Pflanzen schwarz wären, könnten sie viel mehr Licht absorbieren!
„Ein Typ mit blauem Kostüm und roter Unterhose, der fliegen kann!“

Gott, der sich über die Begeisterung erst gefreut hatte, wird immer missgelaunter. Mitten in der Kantine bilden sich schwarze Gewitterwolken.

Gott: „Genug!“

Es blitzt und donnert wieder, aber jetzt nieselt es auch unangenehm.

Gott: „Jetzt hört mir ‚mal zu! Ich werde als armes, kleines Menschenbaby in einer Krippe geboren. Und: Klasseidee Nummer eins! Von einer Jungfrau!“

Einige Engel, die sich unter ihren Flügeln vor dem Regen schützen, verbeissen sich das Lachen. Gabriel spannt seinen Regenschirm auf. Michael hat den Regen nicht bemerkt.

Gott: „Gabi, warum kichern die!“
G: „Na ja, Amun-Ra, Zaratustra, Horus, Perseus – die Idee ist nicht wirklich neu…“

Gott, zu sich: „Mist, Mist, Mist…“ Zu allen: „O.k. – unwichtiges Detail! Nein – ich werde ein Opfer darbringen, um alle Opfer zu beenden!“

G: „Du bringst ein Opfer dar? Wem denn?“
Gott: „Na. Mir natürlich!“
G: „Ahaaa?“
Gott: „Und es wird ein besonderes Opfer sein – ein Menschenopfer!“
Ein junger Engel aus der Ferne: „Aber ist das nicht verboten?“
G: „Und wen willst Du opfern?“
Gott, strahlend: „Mich selbst!“

Michael hat sich an seinem Energieriegel verschluckt und hustet – Gabriel klopft ihm auf den Rücken…

G: „Und wozu, Boss?“
Gott: „Na zur Vergebung der Sünden!“
G: „Wie? Aber das mit den Sünden fandest Du damals doch so eine tolle Idee!“
Gott: „Das ist ja auch eine tolle Idee! Mir sei Dank!“
G: „Jetzt können die Menschen machen, was sie wollen? Ehebrechen, den Hof des Nachbarn begehren, Hummer essen? Und Michael und sein Ringkampf mit dem Teufel?“

Gott: „Nee, nee, keine Panik – das bleibt alles beim alten. Wenn sie ihre Sünden bereuen und an mich glauben, dann ist alles o.k. Aber sobald sie nur einer Frau auf den Hintern kucken…
Es donnert… – „Heulen und Zähneklappern!“

G: „Und warum dann das Ganze – das macht doch alles kein Sinn!“
Gott: „Damit die Menschen erkennen, dass ich ein liebender Gott bin!

G: „Ach, und die Menschheit von überflüssigen Krankheiten zu heilen, das wäre kein guter Beweis?“
Gott: „Ach, Du bist ja besessen von dem Heilen – gut, dann werde ich mit meiner magischen Spucke ein paar Blinde wieder sehend machen!“

G: „Aber dann bist Du ja kein normaler Mensch mehr, oder?“
Gott: „Doch, doch – aber halt mysteriös. Ein ganz normaler Mensch, der gerne ‚mal einen Becher Wein trinkt – aber – und jetzt halt Dich fest: Auf dem Wasser gehen kann!“

G: „Achhh…“
Michael, noch mit Tränen in den Augen vom Husten, kichert leise…

Gott: „Ja was? So viel Zeit habe ich da auch nicht! Ich muss da zimmermannen, Fische fischen, Jünger jüngern und ganz, ganz viel zu mir beten. Das ist alles getimed, da geht gerade mal Wasser zu Wein und Dämonen austreiben, mehr nicht! Und überhaupt – ich hab‘ die Nase voll! Schluss jetzt!“
Gabi, Du brichst jetzt sofort auf und erzählst dem minderjährigen jüdischen Mädchen, dass ich ausgesucht habe, was Sache ist und dass sie ein Date mit mir hat. Aber pronto!“

Donner. Regen.
Flappgeräusche.

Gabriel fliegt alleine durch einen regnerischen, dunklen Himmel…
G: „Wenn ich wiederkomme ist die Pizza wieder kalt, verdammter Mist…“