Goldene Jahre


Keiner versteht die Dynamik in Beziehungen. Was hält dieses Paar gegen alle Widerstände so eisern zusammen? Und warum läßt sich dieses Paar mit einem Rosen-Guerilla-Krieg scheiden? Wo sie doch so gut zueinander gepasst haben?

Das sind so Gedanken, die einem alten Ehepaar schon einmal durch den Kopf gehen können. Wenn sie an einem warmen Sommerabend gemeinsam auf der Terrasse sitzen. Bei Limo und bei Keksen.

Aber vielleicht wird es auch Zeit, einmal über etwas völlig anderes zu reden. Oder? 47 Jahre Ehe hin oder her. Na ja, unser heutiges Hörspiel wird das schon klären…


Download der Episode hier.
Musik: „Love And Romance Game“ von MICHAEL COHEN / CC BY-SA 3.0


Skript zur Sendung

(Zirpen grillen. Schaukelstühle quietschen.)
HW: Ach ja…
FA: Ach ja…

(Pause)

FA: Warm heute, Schatz.
HW: Sehr warm sogar, Liebling.

FA: Hat auch schon lange nicht mehr geregnet.
HW: Sehr lange schon.

FA: Wird Zeit, dass es einmal wieder regnet.
HW: Wird höchste Zeit.

FA: Das wäre gut für die armen Blumen.
HW: Das wäre sehr gut für die Blumen.

(Pause)

HW: Ach ja…
FA: Ach ja…

(Pause)

HW: War eine lange Zeit, mein Liebling.
FA: Eine sehr lange Zeit, mein Schatz.

HW: Siebzig Jahre, 45 Jahre verheiratet.
FA: Fast 46 Jahre!
HW: Fast 46, Du hast recht.
FA: Klar. Ich hab‘ recht.

(Pause)

HW: Hätte man nicht gedacht, mein Liebling.
FA: Keiner hätte das gedacht, mein Schatz.

HW: Aber wir haben’s geschafft.
FA: Ja, wir haben es geschafft.

(Pause)

FA: Ach ja…
HW: Ach ja…

(Pause)

HW: Hatte seine Höhen und seine Tiefen.
FA: Oh ja, das hatte es. Solche Höhen. Und solche Tiefen…

HW: Aber wir haben das alles durchgehalten.
FA: Das haben wir.

HW: Und jetzt sitzen wir auf der Terrasse und genießen unseren Lebensabend.
FA: Ja. Das tun wir.

HW: Du trinkst Deine Limo und ich esse Kekse.
FA: Genau. Wie immer. Ich trinke Limo und Du isst Kekse.

HW: Ich mag die Kekse, die Du mit backst.
FA: Und ich mag die Limo, die Du mir immer mischst.

(Pause)

HW: Ach ja…
FA: Ach ja…

(Pause)

FA: Wir konnten immer miteinander reden, mein Schatz.
HW: Ja, das konnten wir. Immer miteinander reden, mein Liebling.

FA: Über dies und das.
HW: Oder über diesen und jene.

FA: Über Gott und die Welt.
HW: Über das Universum und den ganzen Rest.

FA: (kichert) Genau.
HW: (kichert) Ganz genau.

(Pause)

HW: Das ist das Geheimnis.
FA: Was für ein Geheimnis?

HW: Das Geheimnis einer guten Beziehung, mein Liebling.
FA: Was ist das Geheimnis einer guten Beziehung?

HW: Na, das man miteinander reden kann.
FA: Ach so. Ja, das ist schon wichtig, mein Schatz.

HW: Stell‘ Dir vor, man könnte nicht über alles reden!
FA: Wenn man nicht reden kann, dann hat man keine Beziehung.
HW: Genau. So ist das.

(Pause)

FA: Ach ja…
HW: Ach ja…

(Pause)

FA: All die Jahre und keinerlei Geheimnisse voreinander.
HW: Genau. Viele Jahre. Und keine Geheimnisse.

FA: Das ist das eigentlich Rezept.
HW: Was für ein Rezept?

FA: Na, das Rezept für eine gute Beziehung, mein Schatz.
HW: Ach so! Ja, das ist schon wichtig!

FA: Stell‘ Dir vor, man lebt so lange miteinander und hat lauter Geheimnisse!
HW: Ja, da kann man gar nicht mehr entspannt leben!

FA: Genau. So ist das.

(Pause)

HW: Ach ja…
FA: Ach ja…

(Pause)

HW: Wir hatten es, trotz aller Höhen und Tiefen, wirklich gut.
FA: Ja, wirklich gut. Trotz der Höhen und Tiefen.

HW: Kann man nicht klagen!
FA: Nein, kann man nicht klagen!

HW: Also, ich würde mich sicher nicht beschweren nach 40 Jahren.
FA: Nein, das würdest Du nicht, mein Schatz.

HW: Und Du, mein Liebling?
FA: Ach so, nein, ich auch nicht.
HW: Gut.

(Pause)

FA: Ach ja…
HW: Ach ja…

(Pause)

HW: Na… dann gehe ich jetzt dann ‚mal, o.k., mein Liebling?
FA: Wohin gehst Du denn, mein Schatz?

HW: Na, ich gehe fort. Wird Zeit, Schluss zu machen, oder?
FA: Du meinst, unsere Beziehung zu beenden?

HW: Genau. Unsere Beziehung zu beenden.
FA: Ach so. Na dann.

HW: Ja, dann gehe ich.
FA: Ja, geh‘ Du nur. Wo gehst Du denn hin?

HW: Das habe ich mir noch nicht überlegt. Wird sich schon ‚was finden.
FA: Ja, wird sich schon ‚was finden.

(Pause)

FA: Du gehst zur Sabine, stimmt’s?
HW: Was? Wieso? Ich meine… Also, nein, Wie kommst Du denn darauf?

FA: Ich weiß das mit Dir und Sabine.
HW: Du weißt das? Woher weißt Du das?

FA: Na, das hat man an Deiner Art gemerkt, wie Du durch’s Haus geschlichen bist.
HW: Ich bin überhaupt nicht durch’s Haus geschlichen.

FA: Kannst Du auch nicht besonders gut, mein Schatz.
HW: Na klar! Das kann ich also auch nicht! Wie alles andere!

FA: Da ist ein Körnchen Wahrheit in Deinem Wutausbruch…
HW: Na ja, Sabine ist nicht der Meinung, dass ich nichts kann! Die glaubt, ich kann so einiges.

FA: Na klar. Sabine hat ja auch keine Ansprüche.
HW: Was? Das stimmt nicht! Sabine ist eine besondere Frau. Und eine unternehmenslustige auch.

FA: Das mag stimmen. Trotzdem hat sie halt niedrige Ansprüche.
HW: Pah! Das sagst Du nur, um mich zu verletzen!

FA: Wie Du meinst, mein Schatz.
HW: Du hast Dich noch nie für die Dinge interessiert, die mir wichtig sind!

FA: Hab‘ ich nicht?
HW: Noch nie! Kannst Du Dich noch an Harpo erinnern? Meinen Hund?

FA: Allerdings kann ich mich an den erinnern.
HW: Den hast Du nie gemocht! Nie!

FA: Nein, den hab‘ ich nie gemocht. Ich habe ihn gehasst.
HW: Genau. Wahrscheinlich hast Du Dich tierisch gefreut, als er gestorben ist!

FA: Nein, das habe ich nicht. Ganz sicher nicht. Das war sehr ärgerlich.
HW: Ach? Na, wenigstens das.

FA: Wenn er nicht das halbe Abendessen Deiner Mutter verdrückt hätte, dann hätte die auch nicht so lange leiden müssen.
HW: Äh. Was? Wie bitte?

FA: Na ja, wenn Deine Mutter das Abendessen alleine gegessen hätte, statt die Hälfte dem Hund zu verfüttern, dann hätte sie nicht so lange leiden müssen. Und Dein Hund auch nicht.
HW: Du… Du hast meinen Hund vergiftet?

FA: Das stimmt nicht. Eigentlich habe ich ja Deine Mutter vergiftet.
HW: Ja, schon. Aber Du hast wirklich meinen Hund vergiftet? Hast Du den keine Spur Mitleid in Deinem Herzen?

FA: Aber ich wollte doch den Hund gar nicht vergiften!
HW: Ich glaube es nicht. Meinen Hund hast Du vergiftet!

FA: Und Deine Mutter!
HW: Klar, schon, aber was hat Dir denn das arme Tier getan?

FA: Nichts, darum war das ja auch so ärgerlich!
HW: Ach? Na, wenigstens das…
FA: Wenigstens das.

(Pause)

HW: Ach ja…
FA: Ach ja…

(Pause)

HW: Dann packe ich ‚mal meine Sachen, mein Liebling.
FA: Schau‘ einfach ‚mal in die Abstellkammer.

HW: Wir haben eine Abstellkammer?
FA: Ja, wir haben eine Abstellkammer. Die schmale Tür neben der Küche. Wo der Staubsauger drinnen ist, mein Schatz.

HW: Und was ist in der Abstellkammer?
FA: Dein Koffer. Habe ich schon gepackt. Vor Jahren. Als das mit Sabine angefangen hat.

HW: Du hast meinen Koffer schon gepackt?
FA: Ja, klar. Wenn Du packst, ist hinterher alles verknittert.

HW: Ja, stimmt. Wenn ich packe, ist hinterher alles verknittert.
FA: Hol‘ ihn ruhig. Ich warte hier…

(Pause. Tür. Ein Schaukelstuhl)

FA: Ach ja…

(Pause. Tür.)

HW: Weißt Du was? Ich bin richtig froh, dass ich jetzt gehe!
FA: Bist Du das?

HW: Ja. Bin ich. Der arme Hund! Ach, und das Geld nehme ich mit! Brauchst nicht erwarten, einen Pfenning von mir zu bekommen! Sonst sage ich der Polizei das mit dem Hund!
FA: Oh, das Geld? Mach Dir keine Sorgen. Ich habe mir schon jahrelang monatlich genug auf mein eigenes Konto überwiesen – ich komme mit den Ersparten schon gut klar!

HW: Du hast was? Mein Geld?
FA: Du hattest übrigens recht. Es ist wirklich wieder sehr warm.

HW: Jetzt fang‘ nicht mit dem Wetter an! Ich halte das hier nicht mehr aus! Ich gehe! Lebe wohl!
FA: Du kommst gleich zurück.

HW: (geht) Ha! Einen Dreck werde ich gleich zurück kommen. Das werden wir ja sehen…
(Pause)
HW: (kommt wieder) Ha ha, sehr witzig. Du brauchst nicht denken, dass ich wieder zu Dir zurück gekrochen komme. Ich hab‘ nur den Koffer vergessen!

FA: Ich weiß, mein Schatz.
HW: Hoffentlich ist da auch mein braun karierter Anzug drinnen. Denn ich und Sabine, wir werden einen Tanzkurs machen! Wolltest Du ja nie!

FA: Oh, den? Also, den habe ich verbrannt!
HW: Du hast meinen Anzug verbrannt?

FA: Der war furchtbar, da schlabberte alles an Dir. Vor allem im Schritt war viel zu viel Platz!
HW: Wie bitte? Was soll das… Pah! Du willst mich ja nur ärgern! Sabine findet nicht, dass ich im Schritt genug Platz in meinen Hosen habe.

FA: Findet sie nicht?
HW: Nein, findet sie nicht, mein Liebling.

FA: Dann ist ja alles gut.
HW: Ja, dann ist alles gut. Ach, was ich Dir noch sagen wollte: Du verabscheust ja Alkohol, stimmt’s? Dabei mische ich Dir schon seit über zehn Jahren immer ein Gläschen Gin in Deine Limonade. Jeden Abend! Dann bist Du nämlich erst erträglich!

FA: So so. Aber das wußte ich schon, mein Schatz.
HW: Es hat sich ausgeschatzt, mein Liebling. Ich gehe jetzt! Das wirst Du bereuen, wenn Du dann ganz alleine in dem großen Haus bist!

FA: Oh, ich plane eigentlich nicht, lange alleine zu bleiben. Wenn Du weg bist, dann muss sich der Frank ja nicht mehr verstecken, wenn er vorbeikommt.
HW: Der Frank? Mein Tennislehrer?

FA: Ja, genau, der Frank. Jedes Mal, wenn Du zu Sabine geschlichen bist, ist der Frank mit mir in unser Bett geschlichen.
HW: Das reicht! Ich gehe! (geht) Lebe wohl! Bin ich froh, hier endlich wegzukommen!

FA: (ruft) Schatz, warte kurz! Komm‘ bitte wieder!
HW: (kommt wieder) Hah! Das wußte ich doch, das Du es nicht ohne mich aushältst! Dabei war ich noch gar nicht richtig gegangen! Was gibt es, meine Liebling?

FA: Ich wollte Dir nur sagen…. Du bist ja so gegen Drogen, stimmt’s? Also, in den Keksen, die ich Dir immer backe, da ist schon seit Jahren Gras.

HW: In meinen Keksen? Gras?
FA: Seit über zehn Jahren ist Gras in Deinen Keksen. Jeden Abend. Dann bist Du nämlich erst erträglich!

HW: Wo hast Du den Gras her?
FA: Von meinem Dealer, natürlich.
HW: Mir reicht’s! Ich gehe! Lebe wohl!

(Pause)

HW: Und meinen Koffer nehme ich diese Mal mit! Ein tolles Leben, Dir und Frank!
FA: Eine kleine Sache noch, mein Liebling! Ein Tipp.

HW: Du hast einen Tipp für mich?
FA: Ja, sei nicht zu vorsichtig mit Sabine!

HW: Wie meinst Du das?
FA: Na, wenn sie will, dass Du ihr auf den Hintern haust, dann sei nicht immer so lasch. Verstehst Du?

HW: Was? Wie? Woher…
FA: Na, sie mag das halt ein bisschen fester. Sie hat einfache Ansprüche, verstehst Du?

HW: Wie meinst Du das? Woher weißt Du…
FA: Na ja, wenn Du beim Tennis warst, dann hat mich ab und zu die Sabine besucht…

HW: Wie bitte?
FA: Na ja, ihr gings ja nur um Sex. Aber wenn man jahrelang miteinander Sex hat, dann lernt man diese Person halt irgendwie auch kennen…

HW: Wie, was, warum…
FA: Weil halt…

(Pause)

HW: Tja. So so so…
FA: Tja.

HW: Dann gehe ich ‚mal.
FA: Ja, dann geh‘ mal.

HW: Das werden mir die Kumpels bei den Hells Angels nie glauben!
FA: Nein, das werden die nie glauben!

HW: (geht) Leb‘ wohl, Schatz!
FA: Mach’s gut, Liebling!

(Pause. Ein Schaukelstuhl)

FA: Wirklich. Viel zu warm. Es sollte bald wieder regnen.

(Pause)

FA: Da hatte er recht. (hickst)

(Pause)

FA: Die armen Blumen…

(Hintergrund: Motorrad startet und fährt ab…)