Gib nicht nicht auf!


Im Prinzip ist die Handlung der erfolgreichsten Filme Hollywoods in einem Punkt immer gleich: Heldin oder Held verfolgt seine individuellen Träume. Und scheint am Ende beinahe zu scheitern, aber dann halt doch nicht.

Das basiert auf einem Mantra unserer Gesellschaft: Gib niemals auf! Dur darfst nicht aufgeben! Verfolge Deine Träume trotz aller Widerstände!

Simple Durchhalteparolen eines Systems, das die Menschen krankmacht. Meint heute Frau Anders. Und sie kann das begründen.


Musik: „Be Cool“ von BIG INFINITE / CC BY 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


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Skript zur Sendung


„Gib niemals auf, steh das durch! Sag „ich kann“, fang einfach an! Trau’s dir zu, geh voran! Glaub an dich selbst! Und dann wirst du schon sehn, das Leben wird immer weitergehn!“

So dichtet die bedeutende deutsche Lyrikerin Juliane Werding in ihrem Schlager „Gib niemals auf!“

Ich gebe zu, ich habe ein kleines Autoritätsproblem. Wenn mir irgendwo so viele Imperative um die Ohren gehauen werden, dann bin ich innerlich generell schon mal trotzig. Wer ist denn bitte diese Frau Werding, dass sie mir gleich sieben Befehle in zwei Liedzeilen erteilen darf?

Aber natürlich ist sie nicht die Einzige, die „Gib niemals auf!“ von mir fordert. Da wäre auch noch der Udo Jürgens, der wiederum dichtet:

„Gib niemals auf, bewahr‘ den Traum, nichts hält uns auf, kein Berg, kein Zaun! Das, was du willst, ist wesentlich, gib niemals auf und glaub‘ an dich!“

Oder ein wichtiger amerikanischer Autor, dessen Werk heißt: „Gib niemals auf! Wie ich meine größten Herausforderungen in meine größten Triumphe verwandelte!“ Dieser Autor ist übrigens, nebenbei erwähnt, mittlerweile Präsident der USA und heißt Donald Trump.

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Im Prinzip handeln 80% aller Hollywoodfilme von dieser Botschaft. Wie Du bei der Vornamenssendung es von der Indiana Jones Story berichtet hast, Indiana Wunderlich.

Das ist der uralte Mythos. Held oder Heldin mit Träumen, Zielen, Überzeugungen. Bei ca. 90% des Films deutet alles darauf hin, dass er oder sie scheitern wird. Aber aufgegeben wird nicht! Die Hoffnung stirbt zuletzt! Glaube an Deine Träume, halte Durch – und zack, plötzlich kommt alles anders und das Böse und das Schlechte haben das Nachsehen.

Das finden wir so toll, dass wir im Prinzip alle unsere Geschichten so erzählen. Märchen.

Wenn jemand ein Star in Hollywood wird, dann wird auch gleich eine Geschichte dazu erfunden, wie er oder sie es trotz widrigster Umstände geschafft hat. Sylvester Stallone hatte keine Wohnung und keinen Cent mehr, als er Rocky gedreht hat. Chris Pratt musste in seinem Auto schlafen, bevor er seinen Job bekam und so weiter und so fort. Drollig, männliche Aschenputtel, es bricht mir das Herz!

(heroisch) Aber weil unsere modernen Helden und Heldinnen einfach nie aufgegeben haben, weil sie immer an ihre Träume geglaubt haben und ihre Arschbacken zusammen gekniffen haben, darum nur darum haben sie es dann doch geschafft!

(begeistert) Und jetzt, jetzt sind sie wer! They made it! Englisch sowohl für: „Sie haben es geschafft“, als auch für „Sie haben es gemacht!“

Und so sollen auch wir Lieschen Normalottos einfach nur durchhalten. Immer an unsere Träume glauben, nie den Mut verlieren, die Hoffnung zuletzt sterben lassen und niemals, niemals, niemals aufgeben! Ich gebe zuuu, lange Zeit hatte sich das in mein sowieso schon etwas angefressenes Hirn auch eingebrannt!

Das ist die Botschaft in den Blockbuster-Filmen, in den Zeitschriften, im Fernsehen, in Lebenshilfe-Büchern, esoterischen Ratgebern oder einfach in jedem Sprüche-Kalender, den es gibt.

Was auch immer Du tust, gib niemals auf!

Und, ganz ehrlich, nur für uns hier in der morgenradio-Ecke des Internets: Es kotzt mich so was von dermaßen an! Lasst mich doch alle in Ruhe mit euren dämlichen Binsenweisheiten! Das ist so eine verbreitete Propaganda, das ist menschenfeindlich!

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Ich habe in meinem Leben mehrmals an schweren Depressionen gelitten. Trotz Kindern und Tieren und anderen Verpflichtungen hatte ich für Wochen nicht einmal die Kraft, das Bett zu verlassen.

Nicht, weil ich das nicht gewollt hätte, eine Depression hat nix mit Trotz zu tun. Nicht, weil alles so abscheulich war, eine Depression ist nicht der normale Hass auf die Welt.

Nicht, weil ich persönlich aufgegeben habe. Nicht, weil ich persönlich nicht mehr an meine Träume geglaubt hätte und nicht weil ich persönlich nicht hätte aufstehen können.

Sondern, weil die Depression größer war und stärker war als das Nicht-Aufgeben.

Und wenn man da liegt, was bekommt man von Bekannten und Verwandten so an Ratschlägen? „Gib nicht auf, reiß Dich zusammen, Du mußt an Dich glauben, schöpfe Mut, sei tapfer! Hör dir doch einfach den Song an: Here comes the sun! Und schon, wirst sehen, geht’s dir wieder besser!!!“

Oder: “Waaas du kannst nicht gassi gehen? Wie kann man denn nicht gehen?“
tjaa, da wußt´ ich dann auch nix mehr drauf zu antworten… außer:
„ ähhh, läßt sich leider nicht so ganz einfach erklären…“

Mein Gott, sind denn wirklich alle Gehirn-gewaschen durch diese ganzen Durchhalte-Parolen, die uns die ganze Zeit um die Ohren gehauen werden?

(sarkastisch) Klar, man muss sich nur anstrengen, dann ist man plötzlich nicht mehr krank! Klappt auch hervorragend bei Darmkrebs, Schnupfen und Fußpilz! Warum also nicht bei Depression?

Die Depression ist heute der Mephisto der Leistungsgesellschaft. Gründlicher kann man nicht scheitern und versagen, als mit einer Depression. Du kannst Deine Firma verzocken und wieder eine neue gründen, Du kannst Dir beim Sport die Knochen brechen – fängst Du nachher umso härter an zu trainieren: Yes, weil du ein Gewinner bist!

Denn trotz aller widrigen Umstände hast Du den Kampf wieder aufgenommen! Das ist Nicht-Aufgeben!

Vom Makel einer Depression kannst Du Dich aber nicht mehr erholen. Das bleibt Dir als Bindi auf der Stirn, von da an bist Du ein Pariah. (Ihr wisst schon, die Kaste dieser indischen Ausgestoßenen.) Mit einer Depression hast Du auf die denkbar drastischste Weise die Leistungsgesellschaft verlassen.

Und alle Menschen, die Du kennst, denken, Du müsstest Dich nur anstrengen. Dann wird das schon. Alle Menschen, die Du kennst, wollen Dich zurück haben auf dem Fließband. Weil sie da ja auch laufen müssen!

Und das Beschissenste: In Dir selber ist, auch in der tiefsten Hoffnungslosigkeit der Depression, auch diese quälende Stimme, die das nachplappert, was Dir da zur Aufmunterung vorgelabert wird!

Weil auch Du selber mittlerweile gehirn-gewaschen bist! Weil auch Du selber glaubst, das sei das maximale Versagen. Weil auch Du glaubst, dass Aufgeben ein Fehler ist.

Soweit haben wir diese Leistungsgesellschaft allesamt verinnerlicht! Wir haben es geschafft, das wir alle isoliert unsere Leben vor uns hin leben. Und heimlich Träume haben. Von denen wir aber niemandem erzählen. Und dann kaufen wir uns die ganzen Ratgeber und Sprüchebücher und hängen Poster auf, die uns immer wieder erzählen, dass wir alles erreichen können, was wir wollen…

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Wir müssen es nur wollen! Niemals aufgeben! Niemals aufgeben! Niemals aufgeben!

Von allen Seiten wird es auf uns eingebrüllt, dieses Scheiß-Niemals-aufgeben!

Warum sollte man nicht aufgeben? Warum wollen das alle?

Was soll der Unsinn?

Wenn mein Traum nun wäre, Papst zu werden, ich Ellen Anders, soll ich dann den Traum nie aufgeben? Im Ernst? Unrealistisch, sagt ihr?

Wenn mein Traum nun wäre, ein Hollywood-Star zu werden wie Jennifer Lawrence? Sollte ich das versuchen? Immer noch zu unrealistisch?

Wenn nun mein Traum wäre, mit dem morgenradio unseren Lebensunterhalt zu verdienen? Sollte ich diesen Traum niemals aufgeben? Aha, da kommen wir also so langsam ins Geschäft!

Trotzdem Quatsch!

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Alle diese Träume, die wir so krampfhaft jagen sollen, das sind komischerweise immer nur Wünsche, die das einzelne Individuum betreffen. Die Einzel-Aschenputtel Sylvester Stallone und Chris Pratt, they made it, die haben ihren Traum verwirklicht.

Und wir sollen jeder unsere Träume verwirklichen. Aber bitteschön jeder für sich. Jeder bitte sein eigener Superheld und seine eigene Superheldin. Die alleine kämpfen und niemals scheitern dürfen.

Und sich zum Trost, wenn’s nicht klappt, Rat holen dürfen. Bei Lebenshilfebüchern und bei Online-Seminaren, bei Wahrsagerinnen und Hellsehern, bei Sprüche-kalendern und sanft gesäuselten Hörbüchern… oder bei einem persönlichen Coach.

Und wie Hypnotiseure haben sie alle immer die eine Botschaft: Mach weiter! Gib niemals auf! Verwirkliche Deine Träume! Mit aller Kraft! Niemals aufgeben! Niemals aufgeben!

Alles eine große, gut geölte Maschine, die uns zu vereinzelten Individuen macht, die alleine ihren Weg gehen müssen. Und dabei bitteschön konsumieren. Ganz wichtig!

Und jeder läuft dann mit der eigenen inneren Stimme herum, die jeden Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung der Träume bewertet. Einem eigenen inneren Zensor. Einem eigenen inneren Träume-Schiedsrichter. Und das Zwischenergebnis ist leider immer enttäuschend. Aber macht nichts. Weitermachen! Niemals aufgeben!

Auf diese Art sind wir alle gut kontrollierbar. Immer unter Druck, immer einzeln. Immer zu dick oder zu dünn, zu erfolglos, zu bedeutungslos, zu klein, zu schwach, zu alt, zu jung, zu dumm, zu ungebildet, zu forsch, zu zurückhaltend, zu gestresst, zu faul, zu krank.

Aber es gibt ja noch die Träume, die man hat. Und die darf man nie aufgeben! Niemals! Ist o.k., Du taugst nicht, aber Du kannst vielleicht einmal etwas taugen! Habe Träume, habe Ziele, je ferner, desto besser! Und halte an denen fest! Ganz fest!

So wie die Helden von heute, die erfolgreichen Schauspieler und Sportler und manchmal auch meinetwegen Manager und Politiker. Du kannst das auch schaffen! Du darfst bloß nie aufgeben!

Und so laufen wir wie Esel alle der Karotte hinterher, die für immer unerreichbar vor unserer Nase baumelt. Und bemerken gar nicht, dass wir mit diesem Laufen ein Fließband betreiben. Wir rennen weiter, immer weiter… aber am besten noch schneller…
Und mit dieser Energie wird unsere Leistungs-Gesellschaft angetrieben! Dieser Energie macht uns ganz langsam und leise immer ein kleines bisschen kränker.
„Komisch ich fühl mich noch gar nicht krank, hmm… wahrscheinlich arbeite ich nicht hart genug!“

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Für mich persönlich war die Depression erstmal auch ein großes Scheitern. Ich gebe es offen zu. Ich war eine durchaus erfolgreiche Unternehmerin mit mehr als genug Kohle, dreimal Urlaub im Jahr, fettem Auto, viel Sport und wenig bis gar keine Zeit für meine Kinder.

Dann kam die Depression und ich habe alles das verloren. Alle Dinge, meine Beziehung, mein Unternehmen, mein Geld, Urlaub, Sport, Auto und die Chance, diese Träume weiter zu verfolgen. Ich musste aufgeben.

Ich habe die Depression auch nicht „überwunden“ oder „besiegt“. Die ist in mir drinnen, ist ein Teil von mir. Manchmal kann ich sie spüren. Vielleicht wird sie eines Tages wieder dazu führen, dass ich nicht mehr aufstehen kann.

Aber wißt ihr was? Ich hätte einfach schon viel früher aufgeben sollen! Ich hätte mich viel früher von meinen Träumen verabschieden sollen! Ich hätte schon viel, viel früher nicht mehr kämpfen sollen! Nicht um die Beziehung, nicht um die Dinge, nicht um die Urlaube!

Auf eine gewisse Weise hat mir die Depression erst zu meinem Leben verholfen. Erst als ich nicht mehr die ganzen Ansprüche erfüllen konnte, von denen ich glaubte, sie wären meine eigenen – erst dann habe ich mich und meine Bedürfnisse entdeckt!

Es war erstaunlich. Ich brauche gar kein Luxusauto! Ich brauche gar nicht dreimal Urlaub im Jahr! Ich muss nicht die Obercheckerin und die Chefin und die Macherin sein! Das wollte ich in Wirklichkeit nie! Das waren ja gar noch nicht einmal meine eigenen Träume! Verdammter Mist!

Mein Scheitern auf allen Ebenen dessen, was gesellschaftlicher Erfolg ist, hat mich geheilt. Von einer Krankheit, die da hieß: Gib niemals auf! Gib niemals auf!

Dieses System, in dem wir leben, und das wir alle miteinander geschaffen haben, dieses System WILL, dass wir alle Träumen hinterherrennen, die wir nicht erreichen können. Der Karotte eben. Damit die Fließbänder laufen. Und damit wir nicht zuviel nachdenken. Niemals satt werden.

Und dieses „Gib niemals auf“, das ist die Durchhalteparole, damit alles so bleibt, wie es ist. Damit das System funktioniert.

Aber das ist zutiefst menschenfeindlich. Das bedeutet niemals eine Pause und vor allem, niemals satt werden. Denn die Karotte erreicht man niemals. Selbst die Helden, die es „geschafft“ haben, nach Maßstäben des Systems, selbst die suchen sich sofort die nächste Karotte. Oder nehmen Drogen oder bringen sich um.

Wir sollten alle das Nicht-Aufgeben aufgeben. Zum Leben gehört Scheitern. Gehört Nicht-Funktionieren. Gehört Pause. Ruhe. Muße. Gehört das Gefühl, angekommen zu sein.

Das haben wir uns durch unsere bloße Existenz verdient! Darauf haben wir ein Recht, nur weil wir Menschen sind und es uns gibt. Das sollte wirklich ein Grundrecht sein.

Wenn wir bei uns sind – in der Pause, der Ruhe, der Muße – dann wird uns erst deutlich, was wir wirklich brauchen. Dann merken wir zum Beispiel plötzlich, dass wir Hunger haben oder Durst oder müde sind. Oder andere kleine Dinge. Es braucht nicht viel, um da angekommen zu sein, wo man ist. Das ist oft nur ein kleiner Schritt.

Wenn wir alle nur kurz das Nicht-Aufgeben aufgeben und uns dann in Ruhe unterhalten, dann finden wir vielleicht einen gemeinsamen Traum, den wir verfolgen können. Das wäre doch eine Sache! Und wenn wir das gemeinsam angehen und uns die Anstrengung teilen, dann können wir etwas ändern.

Ganz in Ruhe und in Muße, aber gemeinsam. Das wäre eine ungeahnte Macht.
Und davor hat das System, das uns kaputt macht, so richtig Angst!

Aber die Sendung ist lang genug, ich höre jetzt besser auf!

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