Gestengeschichte


Und als die Menschen echt gut wurden im Turm bauen, da verwirrte Gott die Sprachen. Damit sie nicht mehr so gut Türme bauen können.

Und so ist das auf Baustellen auch heute. Architekten sprechen eine andere Sprache als der Bauherr. Der kann sich nicht mit den Dachdeckern absprechen und am Ende ist alles doppelt so teuer wie gedacht.

Dann ‚mal Danke, lieber Gott! Dann verwenden wir halt Gesten. Die überbrücken die Zeiten und die Kulturen. Oder hat Gott die gleich mit verwirrt? Kriegt er vielleicht Prozente?

Heute also die Geschichte hinter einigen der scheinbar weltweit bekanntesten Gesten. Erzählt mit der Hilfe eines Yankees aus Connecticut am Hofe König Artus‘.


Download der Episode hier.
Musik: „Rap Do Arthur Pendragon“ von Team Tauz


Skript zur Sendung

Zugegeben. Diese Einführung lenkt ein bisschen vom Thema ab. Aber hat damit zu tun, wie ich auf das Thema kam.

Und das fängt eigentlich mit „Ein Yankee am Hofe König Artus’“ an. Das ist ein Buch für Jugendliche, dass der großartige Mark Twain geschrieben hat. Und das ich als Jugendlicher gelesen habe.

Es handelt von einem US-Amerikaner, der in die Vergangenheit reist. Und der da die Dinge umkrempelt, einfach durch sein Wissen um moderne Technologie.

Das Buch ist auch schon 120 Jahre alt, aber für mich war es noch sehr unterhaltsam. Hank Morgan, so heißt der Yankee, räumt dabei nicht nur mit Feudalismus und Aberglauben auf, sondern – eine meiner Lieblingsstellen – er setzt die Ritter der Tafelrunde auf Fahrräder statt auf Pferde. Braucht kein Futter, ist schneller, kackt nicht Camelot voll – bei Twain kommt einem ein Fahrrad noch wie eine technologische Meisterleistung vor!

Das Ganze ist eine wunderschöne Satire auf die Ritter-Romane vom Schlage eines Sir Walter Scott, dessen Schmonzetten, wie z.B. „Ivanhoe“ das Rittertum romantisch verherrlichten.

Aber schon damals habe ich mich gefragt, wie denn dieser Yankee mit den Menschen damals spricht! Er kommt aus dem Jahre 1889 und landet im Jahre 528. 1300 Jahre? Da entwickelt sich Sprache enorm!

Das im Intro war nur Mittelhochdeutsch. Das kann man irgendwie halb verstehen. Ist so fremd wie vielleicht Platt oder Jiddisch. Aber irgendwie doch vertraut.

Aber für 1300 Jahre wäre der Sprung noch größer. Selbst Althochdeutsch würde da nicht mehr reichen. Und das klingt immerhin schon so:

Clip /althochdeutsch

Aber beim Yankee müssten wir ja noch weiter in die Vergangenheit. Wir hätten da zum gleichen Text von gerade eben, eine Version des Deutschen, die ungefähr passen würde.

Clip /langobardisch

Das wäre ungefähr so wie die Sprache, die am Hofe König Artus gesprochen worden wäre. Denn nachdem das ja alles Angeln und Sachsen waren, sprachen sie am ehesten ein weiterentwickeltes Germanisch. So wie das Langobardische gerade.

Hätte also nicht funktioniert mit Herrn Morgan und dem König Artus. Oder sie hätten viel Zeit gebraucht, bis sie miteinander reden hätten können.

Sie hätten sich also erst einmal mit Händen und Füßen unterhalten müssen. Wie wir das im Urlaub tun, wenn wir die Landessprache nicht beherrschen.

Und, wenn man sich das überlegt, dann stellt sich die Frage: Hätte das geklappt? Oder haben Gesten auch eine Geschichte? Versuchen wir das doch einmal.

Angenommen, Du kommst jetzt, aus Bobingen, 2018, an den Hof von König Artus.
Und er steht vor Dir und sagt zu Dir:

Clip /hallo

Dann stehste blöd da. Du würdest wahrscheinlich betreten lächeln. Und schwitzen. Das sind beides Dinge, die wahrscheinlich auch König Artus kennt.

Denn Lächeln ist uns als Menschen tatsächlich angeboren. Das erkennt man in jeder Kultur. Und ist auch kein schlechter Anfang, finde ich. Könnte schlechter laufen. Noch lebst Du.

Für uns, zweites Jahrtausend, für uns ist es normal, einer Person beim Kennenlernen die Hand zu schütteln.

„Hallo, ich bin’s, die Frau Anders vom morgenradio“ – „Servus, ich bin der König von Brittanien“

Und tatsächlich könnte das klappen. Denn das Händeschütteln ist eine sehr alte Geste.

Im Pergamon-Museum in Berlin ist ein Grabstein ausgestellt, der 2500 Jahre alt ist. Und darauf schütteln sich zwei Soldaten die Hand.

Zwei Soldaten. Zwei gleichgestellte Personen reichen sich die Hand. Die Hand, die sonst den Dolch oder das Schwert führen würde. Es ist also eine Art Friedensgeste – passt ja auch jetzt für Dich. Kann auf jeden Fall nicht schaden.

Sie wird verwendet, wenn sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen. Man akzeptiert sich damit als gleichwertig. Wie eben die beiden Soldaten.

Erst im 17ten Jahrhundert wird diese Geste universeller. Bartholomeus Van Der Helst zeigt in seinem berühmten Gemälde „Feier von dem Frieden von Münster“, wie Hauptmann Witsen dort seinen untergebenen Feldwebel die Hand schüttelt.

Das Händeschütteln wird auch zum Symbol für die Eheschließung. Hochzeits-Portraits zeigen seit dem 17ten Jahrhundert, wie sie Gatte und Gattin die Hände reichen. Ob das jetzt „auf Augenhöhe“ ist…

Aber das ist ja schon Neuzeit. Damals, alm Hofe König Artus war das aber wahrscheinlich ein Faux-Pas. Also, angenommen: Du stehst da und lächelst verlegen. Dann würdest Du versuchen, Herrn Artus, seines Zeichens König, die Hand zu reichen.

Der Artus im Buch von Mark Twain ist ein für frühmittelalterliche Verhältnisse recht aufgeschlossener Kerl. Gehen wir einmal davon aus, dass er Dich nicht ins Verließ wirft – denn gleichgestellt seid ihr auf keinen Fall. Man reicht seinem König nicht die Hand.

Welche Geste könnte er kennen? Blitzlichthaft rauschen Bilder durch Deinen Kopf.
Vorzugsweise aus Filmen über die Antike. Denn über das sechste Jahrhundert selber wissen wir ja wenig. Aber was die Römer zweihundert Jahre früher kannten, das kannte Artus vielleicht auch.

Und Dein Lieblingsfilm aus der Antike, den kenne ich auch. Das ist nämlich „Gladiator“. Und wie machen da die Zuschauer, wenn Russell Crowe bei „Rom sucht den Supermörder“ wieder eine Runde weiter gekommen ist?

Richtig! Sie recken den Daumen hoch! Wie einst bei Facebook. Würden sie den Daumen senken, wäre es aus mit Russell Crowe.

Doch ich kann Dir leider nur berichten, dass Dich Artus mit einem sehr verwirrten Ausdruck ankuckt. Auch Merlin wirkt befremdet. Die anderen Ritter der Tafelrunde kichern derweil.

Denn diese Geste ist zwar heutzutage universell, aber damals kannte sie… keine Sau.

In der Arena gab es tatsächlich eine Geste des Publikums, die über das Wohl und Wehe von Gladiatoren entschied. Und es ist auch so, dass der Daumen dabei wichtig war. Der „Pollico Verso“, wie ihn auch Juvenal beschreibt.

Aber es ist unwahrscheinlich, dass das Daumen rauf und runter waren. Schließlich musste der Kaiser in der Arena schnell erkennen, was der Plebs da meint.
Und Daumen rauf, Daumen runter, das ist einfach auf größere Distanz nicht zu erkennen.

Also hat man, wenn man wollte, dass der Gladiator lebt, den Daumen verborgen. Die Hand gar nicht ausgestreckt. Und wer wollte, dass noch mehr Blut fließ, hat den Arm und die Hand gestreckt und den Daumen gezeigt. Wohin der Daumen dann zeigte, war völlig wurst.

Es gibt eine Theorie, die diese Facebook-Geste mittelalterlichen Bogenschützen zuschreibt. Heißt dann angeblich „Ich bin soweit!“ Das ist möglich und plausibel. Aber darüber haben wir überhaupt keine Belege.

Der erste Beleg auf einem Bild ist bei Velasquez zu finden. Auf „Bauern beim Mahl“ streckt einer der Bauern den Daumen nach oben. Da ist aber weit und breit kein Bogen. Und schon gar kein Russell Crowe. Vielleicht zählt er einfach, der Bauer.

Die erste Stelle, wo wir schriftliches Zeugnis haben, stammt aus einem amerikanischen Roman aus dem Jahre 1917. Arthur Guy Empey, ein Amerikaner, schreibt über britische Soldaten: „Thumbs up is Tommy’s expression which means ‘everything is fine with me‘.“

Man kann erkennen, dass Herr Empey seinen Lesern die Geste erklären muss. Unwahrscheinlich also, dass die überall verbreitet war und allen verständlich.

Eben auch nicht König Artus. Hast Du sonst noch Vorschläge? Ich würde zum Beispiel gleich vom High Five abraten. Erstens ist das unköniglich und zweitens wird diese Geste dieses Jahr gerade einmal fünfzig Jahre alt! Wenn man Louisville Cardinals glaubt. Einem amerikanischen Basketballteam. Die Los Angeles Dodgers behaupten ja, sie hätten das schon ein Jahr vorher so gemacht…

Aber kein Ritter der Tafelrunde macht das. Und wenn man diese Geste macht, dann muss das Gegenüber schon Bescheid wissen. Sonst steht man da und hat die Hand in der Luft. Sehr peinlich!

Du könntest die Gelegenheit ergreifen – Arm schon einmal in der Luft – und winken. Da hätten wir eine Geste, die wirklich universell ist. Und alt. Alle Menschen verstehen winken. Und die Primaten auch gleich. Beidhändiges Winken macht man, um auf sich aufmerksam zu machen. Das können Gibbons, Schimpansen, Bonobos, Orang Utans und Gorillas.

Aber es schaut schon seltsam aus, wenn man jemandem gegenüber steht und dann mit einer Hand winkt. Bescheuert, oder? Generell ist eine Situation, wo man dem Gegenüber mit seinem Körper die Weitsicht nimmt, ungeeignet, um auch noch durch Winken auf sich aufmerksam zu machen.

Gut. Bis jetzt haben wir ja noch keine gute Figur gemacht. Wie wäre es mit dem Victory-Zeichen? Laut Wikipedia „… eine Handgeste, bei der der Zeige- und Mittelfinger zu einem „V“ ausgestreckt werden, während der Ringfinger und der kleine Finger eingezogen bleiben. Der Daumen wird über die beiden Finger gelegt und die Handinnenseite zeigt vom Ausführenden weg.“

So in der Art. Für Hippies ist das ja auch als „Peace“-Zeichen bekannt. Dreht man die Hand um, dann ist das für Briten oder Neuseeländer oder Australier übrigens eine sehr unanständige Geste. So wie der „Fuck you“-Finger ungefähr. Über den wir als Begrüßung gar nicht weiter nachdenken.

Zu dieser V-Geste gibt es auch eine gruselige Geschichte. Angeblich haben die Franzosen vor der Schlacht von Agincourt, die englischen Bogenschützen überfallen und allen den Mittelfinger und den Daumen abgeschnitten. Damit die ihre Bögen nicht mehr abschießen können. Diese Franzosen! Hund san’s scho!

Doch am nächsten Tag erschienen die Langbogenschützen gut gelaunt auf dem Schlachtfeld, zeigten den Franzosen das V-Zeichen und schossen deren Armee dann, gerade so zum Trotz, zu Klump.

Diese Geschichte ist natürlich eine Legende. Tatsächlich braucht es für einen angelsächsischen Langbogen eine kräftigen, durchtrainierten Mann und der braucht dann Daumen, Zeige- und Mittelfinger, um ihn überhaupt spannen zu können.

Und dann ist die Vorstellung, dass mittelalterliche Söldner bei einem Überfall so eine chirrurgische Präzision an den Tag legen: Eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlich hätten die vorzugsweise den Kopf vom Rumpf getrennt, wenn sie schon gerade einen Engländer und ein Schwert griffbereit gehabt hätten…

Und es ist auch nicht Winston Churchill gewesen, der die Geste erfunden hat. Wir haben zum Beispiel Fotos von deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941, die das auch benutzen.

Man sieht die Geste auch oft auf Fotos von jugendlichen Japanern und Japanerinnen. Da bedeutet das einfach „glücklich“ oder „gute Laune“.

Wahrscheinlicher aber ist im mittelalterlichen England, bei Artus also, dass die Bedeutung eher gefährlich ist. Denn die Verwendung zur Beschimpfung ist nachweislich älter als die Bedeutung „Victory“.

Tja. Was also tun? Während Du da so peinlich vor König Artus rumgehüpft bist – erst keine Hand geschüttelt, dann ein Facebook-Like signalisiert hast und dann ein einsames High-Five in eine Winken abgewandelt hast, um dann kein Victory-Zeichen aus den Fingern zu formen – währenddessen habe ich zwei Gesten gefunden, die anscheinend wirklich universell sind.

Es sind dies die Siegerfaust oder bei uns auch Beckerfaust genannt. Ursprünglich eine Drohgebärde und keine Triumphgeste. Lassen wir also lieber ganz schnell stecken.

Dann wäre noch die ausgestreckte Handfläche. Unser Stopp-Zeichen auf manchen Warnschilder. Das ist tatsächlich auf der ganzen Welt verständlich. Und wahrscheinlich auch bei unseren Freunden, den Primaten.

Aber sonst wird es sehr, sehr dünn…

Ich hätte hier noch den Kuss. Aber das ist vielleicht ein bisschen direkt, oder? Könnte auch sein, dass Herr Artus sich da überrumpelt fühlt. Und was die Guinevra dann wohl dazu sagt…

Nein, es bleibt nur eines. Die wahrscheinlich älteste Geste der Menschheit. Die auch die Gorillas und die Schimpansen kennen. Es bleibt Dir nichts anderes: Du musst Dich verbeugen.

Aber: Keinen Knicks machen! Der Hofknicks wurde erst erfunden, als die Röcke der Damen am Hof eine richtige Verbeugung nicht mehr überstanden hätten, ohne zu zerbrechen.

Eine richtige Verbeugung. Ohne Schnörkel wie bei D’Artagnan und den drei Musketieren.

Und auch nicht gleich einen Kotau wie in asiatischen Ländern bis vor hundert Jahren noch ab und an üblich – das würden die Ritter wieder nicht verstehen. Das wäre wahrscheinlich für die nur ein jammerndes Kauern.

Tja. Wieder ‚was gelernt. Selbst Gesten sind keine universelle Sprache. Und meistens richtig neumodisch. Keine Brücke zwischen den Kulturen und schon gar nicht über den großen Graben der Zeit. Der Yankee und Du und ich wären erst einmal ganz schön aufgeschmissen, wenn wir ins Frühmittelalter zurück geschickt würden.

Mit viel Glück könnten wir überleben.
Aber dann? Ich meine, könntest Du zum Beispiel ein Fahrrad bauen?